Samstag, 12. April 2014

Ver-körperungen des anderen Geschlechts - Transvestitismus und Transsexualität historisch betrachtet

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Ver-körperungen des anderen Geschlechts - Transvestitismus und Transsexualität historisch betrachtet

Der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts und, oft damit verbunden, der Wechsel des sozialen Geschlechts sind in der europäischen Geschichte seit Langem bekannt, gerieten aber erst im späten 19. Jahrhundert in den medizinischen Blick.

Einleitung



Cross-Dressing - der Wechsel zur Kleidung des anderen Geschlechts - und, oft damit verbunden, der Wechsel des sozialen Geschlechts sind in der europäischen Kulturgeschichte seit Langem bekannt.Von einigen Ausnahmen abgesehen wissen wir angesichts fehlender autobiografischer Aufzeichnungen allerdings wenig über die Motive und den sozialen Alltag solcher historischer Personen, deren "wahres" Geschlecht meist erst anlässlich kriminologischer Ermittlung oder ärztlicher Untersuchung bei Krankheit oder Tod entdeckt wurde, dann aber großes Aufsehen erregte. Überlegungen über ein entsprechendes kulturelles Phänomen liegen aus früheren Zeiten nicht vor, auch einen bezeichnenden Begriff gab es nicht. Unterstellt wurde den Betreffenden eine juristisch zu ahndende Täuschung aus unlauteren persönlichen oder politischen Motiven. In Deutschland galten heute sogenannte Cross-Dresser bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochstapler und Schwindler, einige wurden gar der Spionage verdächtigt. 


Geschlechtswechsel in der Sexualpathologie



Cross-Dressing geriet erst auf dem Höhepunkt der humanwissenschaftlichen Geschlechterdebatte innerhalb der psychiatrischen Sexualpathologie des späten 19. Jahrhunderts in den medizinischen Blick.Dabei wurde auf tradierte Konzepte der Mischgeschlechtlichkeit zurückgegriffen, wobei man Verbindungen und Übergänge zwischen den verschiedenen Formen annahm, deren wichtigste der Hermaphroditismus war. Konkret geht das medizinische Interesse am Cross-Dressing auf die moderne Diskussion um das gleichgeschlechtliche sexuelle Begehren der Männer zurück, für das sich im 20. Jahrhundert der Begriff "Homosexualität" durchsetzte. Maßgeblich waren hierbei die Texte von Karl Heinrich Ulrichs, dem ersten bekennenden "Urning", wie er Männer begehrende Männer in Anlehnung an den Planeten Uranus nannte. Seine ab 1864 erscheinenden emanzipatorischen Streitschriften richteten sich gegen die drohende Fortschreibung der nach preußischem Recht geltenden Strafbarkeit sexueller Handlungen zwischen Männern im geplanten neuen Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich. Ulrichs' Schriften regten um 1870 zunächst den Berliner Ordinarius und Charité-Psychiater Carl Westphal und zehn Jahre später dessen Grazer Kollegen Richard von Krafft-Ebing zur Begründung der modernen Sexualpathologie an. Ulrichs stellte die These von der weiblichen Seele im männlichen Körper auf und unterschied zwischen virilen und femininen Urningen, wobei er traditionell weibliche Beschäftigungen und das Tragen von Frauenkleidern als Kennzeichen der sogenannten Weiblinge verstand. 

Als Beispiel nannte Ulrichs den berühmt gewordenen Gardinenaufstecker Blank, der um 1850 "ganz als Dame gekleidet auf den Wallpromenaden von Torgau" spazieren ging, sich zeitweise als Frau ausgab und von der Polizei verhaftet wurde. "Jener Blank war sogar so kühn, bei der Obrigkeit förmlich um die Erlaubnis einzukommen, sich weiblich nennen und kleiden zu dürfen. Die Bitte ward abgeschlagen." Jener Fall fand in dem 1870 veröffentlichten Schlüsseltext "Die conträre Sexualempfindung" von Carl Westphal ausführliche Erwähnung. Die Fallgeschichten betreffen eine Frau, die "gern ein Mann sein" wollte, "eine männliche Beschäftigung" suchte und von sich sagte: "Ich fühle mich überhaupt als Mann und möchte gern ein Mann sein."
Ein anderer Fall ist ein "auf einem hiesigen (Berliner, R.H.) Bahnhofe unter verdächtigen Umständen" verhafteter "Mann in Frauenkleidern". Dieser klagte: "Das weibische Wesen ist eine wahre Qual für mich gewesen, das Verlangen, Frauenkleider anzuziehen, steigt öfter (...) in mir auf." Er gab dem zweifelnden Westphal aber gleichzeitig zu verstehen, dass er sich sexuell nur zu Frauen hingezogen fühle. Westphal kam nun zu dem Schluss, dass es "bei der geschilderten Neigung zum Anlegen von Frauenkleidern wirklich um ein Symptom eines pathologischen Zustandes"gehe, eine Stufe der angeborenen conträren Sexualempfindung: "Hier handelt es sich wohl eben nur um Gradunterschiede."

In der sexualpathologischen Denkrichtung des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts fand eine Koppelung von Cross-Dressing mit gleichgeschlechtlichem Begehren zu einem Gesamtphänomen statt, eben jener "conträren Sexualempfindung". Diese neue Diagnose umgreift als Sammelbezeichnung ausnahmslos alle von den Geschlechternormen abweichenden Gefühls- und Verhaltensweisen. Als nur graduell verschiedene Phänomene wurden gleichgeschlechtliches sexuelles Begehren, Cross-Dressing und der Wechsel der sozialen Geschlechterrollen bei Männern und Frauen zusammengefasst. Um den Wandel der Bewertung des Cross-Dressing von der Täuschung zum Symptom der conträren Sexualempfindung zu illustrieren, sei auf zeitgenössische Abbildungen verwiesen. 

Krafft-Ebing entwickelte in seiner wirkungsmächtigen "Psychopathia Sexualis" 1886 Westphals Idee der "Gradunterschiede" zu einer hierarchisch-ontologischen Ordnung, in deren aufsteigender Folge die Zeichen der Geschlechtermischung immer deutlicher hervortreten. Und entsprechend dem Ansatz Griesingers, nachdem Geisteskrankheiten Hirnkrankheiten seien, präzisierte Krafft-Ebing Ulrichs' These von der weiblichen Seele im männlichen Körper in das weibliche Gehirn respektive "Sexualcentrum" im Männerkörper. Sein diagnostischer Blick weitete sich auf die Trias sexuelle Objektwahl, körperliches und soziales Geschlecht aus. Weil Krafft-Ebing bei der conträren Sexualempfindung zwischen "erworbener Perversität" und "angeborener Perversion" unterschied, schlug er zwei analoge Reihen dieser Abstufungen vor. Erstere steige bis zur "Metamorphosis sexualis paranoica (dem Wahn der Geschlechtsumwandlung)"an, letztere über die "Effemination" der Männer und die "Viraginität" der Frauen bis zur "schwerste(n) Stufe degenerativer Homosexualität", der "Androgynie" respektive "Gynandrie". Für das Stadium der Viraginität der Frauen sei der große "Drang" charakteristisch, "auch Haar und Zuschnitt der Kleidung männlich zu tragen, unter günstigen Umständen sogar in der Kleidung des Mannes aufzutreten und als solcher zu imponieren. Nicht selten sind die Fälle, wo Weiber in Männerkleidern aufgegriffen wurden."

Und über die "Effemination der Männer" schreibt er: "Vielfach zeigen sich auch Bestrebungen, in Gang, Haltung und Zuschnitt der Kleider sich der weiblichen Erscheinung zu nähern." Ulrichs lehnte in seinem emanzipatorisch angelegten Konzept eines mischgeschlechtlichen Uranismus jede Krankheitszuschreibung ab, erst in der Rezeption seiner Schriften erfolgte dessen sexualpathologische Ausdeutung: Cross-Dressing wurde Symptom und Diagnose zugleich.

Aushandlungen



Im Kontext der um die Jahrhundertwende zunehmenden Verwissenschaftlichung, Popularisierung und Politisierung der Homosexualität begann auch der Selbstdiskurs der Cross-Dresser und Geschlechtswechsler. Mit der Etablierung einer Homosexuellenbewegung in Gestalt des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (1897) wurde der Homosexuelle in der Öffentlichkeit ein geläufiger Sozialcharakter. Infolge seiner Funktion als Mitbegründer und Sprachrohr der Vereinigung avancierte Magnus Hirschfeld zur Schlüsselfigur dieser Emanzipationsbewegung und für deren Klientel zum wichtigsten Ansprechpartner in wissenschaftlichen, rechtlichen, aber auch ganz alltäglichen sozialen Fragen. Ausgehend von seinen Forschungen über sexuelle Zwischenstufen entwickelte er im Rückgriff auf Ulrichs die Auffassung, dass jeder Mensch eine Mischung aus männlichen und weiblichen, körperlichen und seelischen Eigenschaften sei. Ab 1903 setzte sich für diesen Ansatz der Begriff "Zwischenstufentheorie" durch, wobei Homosexuelle und Hermaphroditen die prominentesten Vertreter darstellten. 

Cross-Dresser bildeten bei Hirschfeld zunächst keine eigenständige Kategorie, auch er begriff ihre Passion als Anzeichen von Homosexualität. Dies lässt sich in vielen Texten sowie anhand der ersten und einzigen Abbildung eines "Homosexuellen" aus seinem programmatischen Aufsatz im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen von 1899 erkennen. Das Jahrbuch war darauf angelegt, über die ganze Fülle mischgeschlechtlicher Formen zu berichten.
Dort erschienen wichtige Arbeiten zum Hermaphroditismus wie auch die erste zum Cross-Dressing überhaupt. Diese stammt nicht von einem ärztlichen Experten, sondern aus der Feder eines Cross-Dressers. Dieser beschreibt sich zunächst in Anlehnung an Vordiskussionen als Urning, "welcher zu der Gruppe der ausgeprägtesten Effeminierten gehört". Obwohl seine Passion auf die Neigung, Frauenkleider zu tragen, begrenzt war und er von einer "Liebesbeziehung" zu einer Frau berichtet, schreibt er weiter: "Es kann nicht mehr festgestellt werden, ob sich in frühester Jugend schon Erscheinungen von Homosexualität bemerkbar machten."

Als Hirschfeld diesen Mann knapp zehn Jahre später in der Kasuistik seiner Monografie "Die Transvestiten" beschrieb, kommentierte er dessen damalige Selbsteinordnung mit der Bemerkung: "Er bezeichnet sich dort irrtümlicherweise als Urning, während er selbst ausdrücklich angibt, sein Geschlechtstrieb sei stets auf das Weib gerichtet gewesen." 1910 gibt jener Cross-Dresser nun auch an: "Homosexuell bin ich nicht, im Gegenteil, ich kann sagen, ich bin ein echter Don Juan gewesen."Der Wandel in dieser Selbst- und Fremdzuordnung setzte erst ein, als ein alternatives, passenderes Konzept vorlag, das die Differenz zwischen sexuellem Begehren und Kleidervorliebe betonte. Während sich einige Cross-Dresser an der sexualpathologisch hergestellten "Verwandtschaft" mit den Homosexuellen nicht störten, fühlten sich andere missverstanden und versuchten, sich dezidiert abzugrenzen. 

Auch in der allgemeinen Öffentlichkeit war die Zuordnung der Cross-Dresser zu den Urningen verbreitet. Ein vom Sexualwissenschaftler Iwan Bloch beschriebener Mann berichtete, dass er vergeblich versuchte, bei seiner Frau Verständnis für seine Neigung zu wecken. Sie forschte nach, indem sie andere Frauen befragte: "Diese wussten ihr über Männer, die so veranlagt wären wie ich, nur Schlechtes und Gemeines zu berichten, ich sollte unbedingt ein Urning sein (...)." Das Image des Urnings oder Homosexuellen war negativ besetzt, sodass die Bezeichnungen auch als Schimpfwort gebraucht wurden. Dies gab Anlass zur Distanzierung. So beschreibt ein von Hirschfeld als Transvestit porträtierter Mann sich wie folgt: "Von sonstiger Homosexualität aber ist keine Spur vorhanden. Urninge und effeminierte Männer verachte ich tief." 

Die ablehnende Haltung der Cross-Dresser gegenüber den Homosexuellen veranlasste sie dazu, Hirschfeld anzuregen, sich ihrer anzunehmen: "Ich kann es nicht begreifen, dass sich die Wissenschaft nicht mit den Effeminierten abgibt, wo es doch etwas Alltägliches und Natürliches ist; und leider werden wir fälschlich auch noch oft für Päderasten gehalten." Damit initiierten die Cross-Dresser einen Dialog, im Zuge dessen Hirschfelds Entwurf des Transvestitismus entstand. 

Andererseits gab es auch bei homosexuellen Männern das Bedürfnis, sich von der sichtbaren Effeminierung der Cross-Dresser zu distanzieren; ihnen war der Abstand mindestens ebenso wichtig wie umgekehrt. Die in Hirschfelds "Zwischenstufentheorie" vorgenommene Verknüpfung von männlicher Homosexualität mit Weiblichkeit provozierte beim viril orientierten Flügel der Homosexuellenbewegung Protest, wie ihm durchaus bewusst war: "Der großen Mehrzahl der Homosexuellen, nicht nur der virileren, ist die Verkleidung direkt unsympathisch." 

Die als Zerrbild wahrgenommene Darstellung Hirschfelds führte 1907 innerhalb des Wissenschaftlich-humanitären Komitees zur Sezession. Nach Auffassung der tendenziell misogynen Sezessionisten machte Hirschfeld die Homosexuellen zu "Halbweibern" und "einer Art psychischer Mißgeburt", wie ihr Wortführer Benedikt Friedländer es nannte. Das Ziel der Homosexuellenbewegung, die Abschaffung des Paragrafen 175 Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB), erforderte aber gerade eine Bündelung der Kräfte, was ein konsensfähiges Bild vom Homosexuellen voraussetzte. Die Herstellung eines Konsenses zwischen den Lagern dürfte daher ein weiteres Motiv für die Trennung der Effeminierten von den Homosexuellen gewesen sein; die Einführung der neuen Kategorie "Transvestiten" kann somit als Konzession an Hirschfelds Opponenten in der Homosexuellenbewegung gelesen werden. 

Schwierigkeiten der Transvestiten ergaben sich jedoch nicht nur aus den stigmatisierenden Fremdzuschreibungen ihrer Eigenart, sondern vor allem aus juristischen Konsequenzen. Obwohl das deutsche Strafrecht der Kaiser- wie der Weimarer Zeit das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts nicht ausdrücklich sanktionierte, waren Personen, die polizeilich als Transvestiten erkannt wurden, wegen der "Erregung öffentlichen Ärgernisses" und somit "Störung der öffentlichen Ordnung" mit empfindlichen Strafen bedroht. Bei vielen Transvestiten beiderlei Geschlechts blieben aufgrund ihres Körperbaus, Haarwuchses, Gesichtsschnittes, ihrer Bewegungen oder der Stimmlage trotz noch so perfekter Aufmachung Spuren des Herkunftsgeschlechts wahrnehmbar. 
Einige Transvestiten wurden deshalb von der Polizei festgenommen und mussten als "Wiederholungstäter" Haftstrafen verbüßen. 

Für diesen Personenkreis handelte Hirschfeld gemeinsam mit seinem Kollegen Iwan Bloch um 1910 mit der Polizeibehörde eine Übereinkunft aus, nach der von einer Festnahme abgesehen wurde, wenn die Betreffenden eine polizeilich bestätigte Bescheinigung vorlegen konnten, die sie als ärztlich beglaubigte Transvestiten auswies. Der "Transvestitenschein" wurde in der Folge häufig ausgestellt. Zu dieser Zeit hatte sich besonders in Berlin eine vielfältige Transvestitenkultur mit eigenen Lokalen, Treffpunkten, Organisationen und Zeitschriften entfaltet. 

Dank einer mündlichen Übereinkunft mit dem Preußischen Justizminister war es ab 1921 in einem gutachterlichen Verfahren möglich, eindeutig auf das Geschlecht verweisende Vornamen durch einen neutralen, etwa Alex oder Toni, zu ersetzen; in einem Fall gelang sogar die Umschreibung des Personenstandes. Vornamensänderungen gaben die Behörden in Verwaltungszeitungen bekannt, was einem amtlichen Outing gleichkam: Die Anzeigen enthielten die Klarnamen, persönlichen Daten und Wohnadressen der Betreffenden. Beide Praxen bedeuteten ein doppeltes Abhängigkeitsverhältnis der Transvestiten, nämlich vom Wohlwollen der Gutachter und der Überzeugungskraft ihrer ärztlichen Expertise - schließlich war die Anerkennung von Hirschfelds durchaus nicht unumstrittenem Transvestitismus-Konzept die Voraussetzung. Abhängig waren sie aber auch vom Verständnis der Polizei und Justiz, auf deren Genehmigung sie angewiesen und deren Kontrollwillkür sie ausgeliefert waren. Insofern hatten die Transvestiten trotz dieser Liberalisierungen also auch weiterhin einen prekären Status inne.

Zur (Be)Deutung des Geschlechtskörpers



Zu den Transvestiten zählten auch Frauen und Männer, die nicht nur die Kleidung des anderen Geschlechts bevorzugten, sondern sich diesem ganz zugehörig fühlten. In den wenigen frühen Mitteilungen dieser Personengruppe finden sich allerdings keine Hinweise auf Operationswünsche. Punktueller, passagerer oder permanenter Wechsel des sozialen Geschlechts war in ihrem Selbstkonzept offenbar nicht notwendig mit einem - wie es heute heißt - "Unbehagen im falschen Körper" und dem Wunsch nach dessen Umgestaltung verbunden. Hirschfeld berichtet allerdings von einigen Männern, die über kürzere oder längere Zeit als Frau gelebt hatten, und fasst ihre Körperwünsche und -wahrnehmungen wie folgt zusammen: "Vielfach bilden sich zwar die Transvestiten vor dem Spiegel stehend ein, ihre Formen seien weicher und weiblicher, wie die gewöhnlicher Männer; aber ihre meist rauhe Haut, die behaarte Brust, der starke Bartwuchs, der schlanke, oft sehnige Körperbau, die straffen Linien und Züge, die tiefe Stimme zeigen, dass es sich um eine angenehme Selbsttäuschung handelt, die übrigens keine tiefgehende ist, auch nicht den Charakter einer Wahnidee trägt; sie wissen ganz genau, dass ein Widerspruch zwischen ihrem Körper und ihrer Seele klafft." Mit dem Ausdruck vom "klaffenden Widerspruch" weist Hirschfeld auf die empfundene Diskrepanz von Physis und Psyche hin. Damit deutete sich zwar ein Handlungsfeld an, aber noch fehlten sowohl der artikulierte Wunsch als auch die geeigneten Techniken zu dessen Umsetzung.

Selbstgestaltung des Geschlechtskörpers



Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr der Körper sowohl in der (Sexual-)Wissenschaft als auch in den alle Bevölkerungsschichten und Bereiche des alltäglichen Lebens durchziehenden Lebensreformbewegungen eine Rehabilitierung, Neudefinition und Aufwertung. Diese Bedeutungsaufladung des Geschlechtskörpers für die Konstruktion des Selbst bildete die Voraussetzung dafür, jene Personen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, zur physischen Umgestaltung zu motivieren. Die dazu nötigen Techniken wurden in der um 1900 aufkommenden kosmetischen Medizin entwickelt, sei es die Gesichtschirurgie, die Röntgenepilation oder die Paraffinbrustplastik. Diese Kontextualisierungs- und Plausibilisierungsversuche können den Wunsch nach operativer Geschlechtsumwandlung allerdings lediglich einordnen. Sie vermitteln jedoch keinen Eindruck von der Tiefe individuellen psychischen Leids, das Einzelne Anfang des 20. Jahrhunderts dazu trieb, irreversible Umgestaltungen durch invasive Eingriffe - wie sie Kastration und Amputation darstellen - durchzusetzen oder an sich selbst vorzunehmen. 

Die nach 1910 datierten ersten Versuche körperlicher Manipulation sogenannter Transvestiten zielten allerdings noch nicht auf operative Umgestaltung, sondern zunächst "nur" darauf, die Zeichen des Herkunftsgeschlechts zu tilgen. Diese Schlussfolgerung legen zumindest die Quellen nahe. So berichten die Ärzte Tange und Trotsenburg 1911 über einen niederländischen Transvestiten, der mittels verschiedener Manipulationen versuchte, seinen Körper zu verweiblichen. Der Vater von vier Kindern hatte sich bereits 1905 einseitig kastriert, später entfernte er mit Hilfe seiner Frau auch den zweiten Hoden und versuchte durch Lufteinblasungen Brüste zu bekommen, weshalb er mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Von nun an mehren sich derartige Mitteilungen in der Fachpresse. Dieses Selbstgestalten des Geschlechtskörpers findet zunächst vor und außerhalb der medizinischen Diskursivierung der Umwandlung statt. 

Eine erste vorläufige Differenzierung zwischen den "normalen" Transvestiten und jenem Personenkreis, der sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlte, beginnt in diesem Zeitabschnitt. Sie geht auf den englischen Sexualwissenschaftler Havelock Ellis zurück, der das Phänomen des Cross-Dressing in Anlehnung an den Chevalier D'Eon "Eonism" nannte. Anlässlich der Präsentation entsprechender Fälle unterschied Ellis zwei Typen: Neben der Mehrzahl, bei der "die Inversion hauptsächlich auf die Kleidung beschränkt" sei, gebe es eine vollständigere Inversion, bei der "die Aenderung der Bekleidung als etwas verhältnismäßig Gleichgültiges betrachtet wird". Ein Individuum dieser Prägung identifiziere sich jedoch "mit seinen physischen und psychischen Zügen, die an das entgegengesetzte Geschlecht erinnern, (...) dass es sich wirklich diesem Geschlecht zugehörig fühlt, obwohl es über seine anatomische Bildung keine Wahnvorstellungen hat".

Erste Versuche operativer Geschlechtsumwandlung



Der Berliner Chirurg Richard Mühsam, dem in der Diskussion eine Schlüsselposition zukommt, operierte 1912 einen ersten von ihm so bezeichneten weiblichen Transvestiten, die sich, 35-jährig, Brüste und Gebärmutter entfernen ließ, "da sie diese Organe als nicht zu ihr gehörig empfand. Sie hielt sich für einen verkappten Mann und wollte auch äußerlich wie ein Mann aussehen. (...) (Sie) war (...) eine nicht unbegabte Malerin, trug Männerkleider und klagte über (...) das Gefühl, Fremdkörper im Leibe zu haben. Als diese (...) sah sie die Eierstöcke an, um deren Entfernung sie dringend bat." Nachdem er ihr auch die Ovarien entfernt hatte, schreibt Mühsam "fühlte sie sich (...) freier und betrieb die Umschreibung ihres Personalstandes". Außer diesen kolportierten Operationswünschen führt Mühsam keine Argumente zur Begründung der Eingriffe an, obgleich sie nach den medizinethischen Standards schon damals als problematisch galten, weil es keine Indikation dafür gab. Und obwohl die Eingriffe aus heutiger Sicht als erste ärztlich ausgeführte Geschlechtsumwandlung von Frau-zu-Mann gelten dürfen, wurden sie damals nicht als solche betrachtet. Auch Hirschfeld erwähnte 1918 zahlreich geäußerte Bedürfnisse und Versuche körperlicher Umgestaltung. Nachdem er 1919 sein Institut für Sexualwissenschaft eröffnet hatte, teilte der dort als Psychotherapeut tätige Arthur Kronfeld mit, dass allein im ersten Jahr zwölf Männer um eine Kastration baten; zehn von ihnen konnte er davon abbringen. 

Ausschlaggebend für die ersten mitgeteilten Wünsche nach Operationen ist folgender Kontext: Im Zuge der nach 1900 einsetzenden Forschung zur Wirkung von Geschlechtshormonen wurden experimentelle Geschlechtsumwandlungen an Haus- und Labortieren vorgenommen. Über die vom Wiener Physiologen Eugen Steinach realisierten berichtete die deutschsprachige Fach- und Tagespresse als wissenschaftliche Sensation. Wie solche Berichte bei einigen Transvestiten Wünsche nach analogen Eingriffen wachriefen, lässt sich am Beispiel eines 1916 vom Sexualwissenschaftler Max Marcuse beschriebenen Mannes illustrieren: "Die im Mai v.J. durch die Presse gegangene Notiz (...) veranlasste Herrn A., mich darüber zu konsultieren, ob eine derartige Operation nicht auch am Menschen mit Erfolg ausgeführt und er auf diese Weise zu einem Weibe gemacht werden könnte." Ihn bringe das "Vorhandensein des Gliedes und der Hoden oft zur Verzweiflung", er sei völlig beherrscht von der "Idee der Verweiblichung und ihrer Herbeiführung auf operativem Wege". Deutlich zeigt sich hier, auf welch direkte Weise die Medialisierung der Geschlechtsumwandlung auf diesen Personenkreis wirkte. 

Die erste komplett dokumentierte Mann-zu-Frau-Geschlechtsumwandlung erfolgte 1920/1921 bei einem Patienten des Hirschfeld-Instituts. Bei diesem Medizinstudenten, der mit der Pistole in der Hand mit Suizid drohte, wurde von Arthur Kronfeld eine "schwere Sexualneurose" diagnostiziert. Sie diente als medizinische Indikation für die Eingriffe, während die Suiziddrohung eine sogenannte Notoperation rechtfertigte, wie ein weiterer Hirschfeld-Mitarbeiter später ausführlich darlegte.

Die von Mühsam ausgeführten Operationen umfassten zunächst die Kastration, die Vernähung des Penis im Damm und die Ausformung einer Neovagina; später wurde auch ein Eierstock implantiert. All diese Behandlungsschritte waren in anderen medizinischen Kontexten entwickelt worden und wurden nun zur Lösung einer bislang unbekannten Problematik zusammengeführt. Man könnte das Vorgehen als Experiment mit ungewissem Ausgang charakterisieren, das der individuellen Notlage eines Patienten und medizinischen Omnipotenzphantasien entsprang, das "natürliche" Geschlecht medizinisch ändern zu können. 

Mit Unterstützung des Instituts für Sexualwissenschaft erfolgten bis 1931 eine ganze Reihe weiterer Umwandlungen. Über die Routine der Operationen berichtet Felix Abraham in einer ersten medizinischen Veröffentlichung im selben Jahr. Die bekannteste dieser frühen Geschlechtsumwandlungen ist die des dänischen Malers Einar Wegener, der sich aufgrund des Operationsortes Dresden "Lili Elbe" nannte. 

Obgleich es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 keine einheitliche Strategie im Umgang mit Transvestiten gab, standen diese unter dem Generalverdacht der Homosexualität. Zur Verfolgung der Homosexuellen wurde 1935 der entsprechende Paragraf 175 RStGB verschärft und die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung eingerichtet. Transvestiten standen unter der Beweislast ihrer Heterosexualität; für einige, denen dies gelang, wurden Transvestitenscheine aus der Weimarer Zeit verlängert oder sogar neue ausgestellt. Und obgleich der Berliner Charité-Psychiater Karl Bonhoeffer 1941 berichtete, dass ihm Wünsche nach Geschlechtsumwandlung - wie aus der Weimarer Zeit - nicht mehr begegnet seien, lässt sich zumindest eine ausgeführte Operation bei einem Mann-zu-Frau Transsexuellen für die NS-Zeit nachweisen. Über das Schicksal der vor 1933 Operierten liegen keine systematischen Forschungen vor. 

Erst in den 1950er Jahren setzte in den USA erneut eine medizinische Diskussion über die Geschlechtsumwandlung ein, allerdings nicht mit direkten Bezug auf die deutsche Vorläuferschaft, ohne die sie freilich nicht zu denken ist. Harry Benjamin nahm für sich in Anspruch, den Begriff transsexualityeingeführt zu haben. Ähnlich wie Hirschfeld den Wunsch nach Geschlechtsumwandlung bei "extremen Transvestiten" als "stärkste Form des totalen Transvestitismus"bezeichnete, beschrieb Benjamin "den Transsexualismus als höchsten Grad des Transvestismus"  oder die "Transvestiten als die mildeste Form unter den Transsexuellen". 

In Deutschland bezeichnete man Personen mit dem Wunsch nach Geschlechtsumwandlung noch bis in die 1950er Jahre als Transvestiten. Erst mit der Rezeption von Benjamins Arbeiten in den 1960er Jahren wurde, ohne Bezug zur hier beschriebenen Vorläuferdiskussion um Hirschfeld, in beiden deutschen Staaten von "Transsexualismus", später von "Transsexualität" gesprochen.

Quelltext: http://www.bpb.de/apuz/135444/ver-koerperungen-des-anderen-geschlechts-transvestitismus-und-transsexualitaet-historisch-betrachtet?p=all

Nutzen und Grenzen von Transgender-Kategorisierungen

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Nutzen und Grenzen von Transgender-Kategorisierungen

Wie in meinem Abschnitt über Definitionen steht, ist eine Definition von Natur aus miteinbeziehend und ausschließend. Jedesmal wenn man eine Person oder Gruppe miteinbeziehen oder ausschließen möchte, steht viel auf dem Spiel.
Dasselbe gilt für Kategorien, die zur Beschreibung von Typen oder Gruppierungen von Transsexuellen dienen. Bei jeder einzelnen Diskussion über Kategorien wirst du feste und erbittert verfochtene Meinungen hören. Kategorien können in bestimmten Diskussionen hilfreich sein, aber auch begrenzend, denn es wird immer Ausnahmen geben, die sich nicht leicht in fest definierte Parameter zwängen lassen.

Am Anfang war die Benjamin-Skala

Im Jahre 1966 veröffentlichte Dr. Harry Benjamin eine Skala mit Kategorisierungen für Menschen mit Geschlechtsidentitätsproblematik. Dr. Benjamin, ein Endokrinologe, war einer der ersten Fachärzte, die Transsexualität auf der Grundlage standardisierter Prinzipien studierten und behandelten.
Dr. Benjamins Skala geht mit Dr. Alfred Kinseys Skala der sexuellen Orientierung einher. Wie auf der Twenty-Club-Websitevermerkt: "Es sollte erwähnt werden, dass die Beziehung zwischen Geschlechtsidentität (Benjamin-Skala) und sexueller Orientierung (Kinsey-Skala) möglicherweise ein Ergebnis der unterschiedlichen Ausrichtung der beiden Wissenschaftler ist. Einst konnte man sich nicht umwandeln lassen, wenn man nicht völlig 'homosexuell' war, da eine 'echte' Frau *offensichtlich* völlig heterosexuell ist. Als Transsexuelle diesen Ausrichtungsunterschied entdeckten, begannen sie zu lügen, um ihre Operation zu bekommen. Zum Glück betrachten die meisten heutigen Geschlechtskliniken sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität als zwei verschiedene Dinge."
Kinseys Skala der sexuellen Orientierung
Typ 0: Ausschließlich heterosexuell ohne homosexuelle Erfahrungen
Typ 1: Überwiegend heterosexuell, nur gelegentlich homosexuell
Typ 2: Überwiegend heterosexuell, aber mehr als gelegentlich homosexuell
Typ 3: Gleichermaßen heterosexuell wie homosexuell
Typ 4: Überwiegend homosexuell, aber mehr als gelegentlich heterosexuell
Typ 5: Überwiegend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell
Typ 6: Ausschließlich homosexuell ohne heterosexuelle Erfahrungen
Benjamins Geschlechtsidentitätsskala
Typ 1 - Transvestit - (Pseudo)
Typ 2 - Transvestit - (fetischistisch)
Typ 3 - Transvestit - (echt)
Typ 4 - Transsexuell - (ohne Operation)
Typ 5 - Transsexuell - (gemäßigt ausgeprägt)
Typ 6 - Transsexuell - (stark ausgeprägt)

Geschlechterkategorien: Wie ordnet man einen Regenbogen in Klassen?

Geschlechtlicher Ausdruck kann entlang eines zusammenhängenden Ganzen gemessen werden. Hierbei spreche ich gerne von einem Spektrum. Unterteilen wir ein Spektrum in Kategorien, malen wir mit einem sehr breiten Pinsel.
Nehmen wir mal an, ich erfände eine willkürliche Gruppierung von Farben und würde das ganze Andreas Farb-Orientierungsskala (AFO) nennen:
Typ 1: Rot
Typ 2: Orange
Typ 3: Gelb
Typ 4: Grün
Typ 5: Blau
Typ 6: Indigo
Typ 7: Violett
Das ist so begrenzend, als wenn man sagt: "Ein Regenbogen wird in sieben Farben unterteilt" oder "Es gibt sieben Arten von Farben in einem Regenbogen." Man kann einen Regenbogen in sieben willkürliche Kategorien unterteilen, aber es gibt unzählige Farben, die nicht in diese niedlichen kleinen Kategorien passen. Es löscht die Individualität jeder einzelnen der vielen Millionen Farben, die es gibt. Und es ignoriert eine Menge: alle Farben in Kombination (weiß), Abwesenheit von Farbe (schwarz) usw.
Siehe auch meine Anmerkung zu Geschlechtertests.

Ein paar typische Transgender-Kategorien

Es gibt diverse Möglichkeiten, Menschen mit Geschlechtsidentitätsproblemen zu kategorisieren, und alle haben Mängel. Das Hauptproblem ist, dass einige diese Kategorien als hierarchisch auffassen. Diese Leute glauben, Post-op sei besser als Non-op oder dass jemand, der mit sich mit 17 umwandeln lässt, besser sei als jemand, der sich mit 43 umwandeln lässt. Zwar gibt es bei diesen Personen offensichtliche Unterschiede, aber anders bedeutet nicht besser.
Operationsstatus: "____ - op"
Die wohl beunruhigendste Art der Kategorisierung von Transsexuellen ist die Einteilung in den Operationsstatus. Ich halte die Vaginalplastik für stark überbewertet, was ihre therapeutische Wirkung angeht. Die Tatsache, dass Pre-op/Post-op/Non-op eine der Hauptunterteilungen für Transgender ist, zeigt die überzogene Bedeutung, die der Vaginalplastik zugeschrieben wird.
Es ist wie der Begriff "vorehelicher Geschlechtsverkehr", der die Ehe künstlich zu einer Art primärem definierendem Charakteristikum für Geschlechtsverkehr erhebt. Es ist ein falsches Konstrukt. Sex hängt nicht mehr von der Ehe ab als Transition von der Vaginalplastik.
Während eine solche Definition anhand des Operationsstatus dabei helfen kann, auf dich persönlich zugeschnitte Ratschläge zu geben, denke ich persönlich, dass die Einteilung transsexueller Frauen auf der Grundlage der An- oder Abwesenheit eines Penis viel zuwenig über das Gesamtbild aussagt. Ich kenne Frauen, die ich als transsexuell ansehe und die sich keiner Operation unterziehen möchten, und ich kenne Männer mit Vaginalplastik, die wieder als Mann leben und die ich nicht als transsexuell betrachten würde.
"Autogynäphilie" und Sexualtaxonomie
Sex als primären Motivationsfaktor für die Geschlechtsumwandlung und Vaginalplastik zu bezeichnen ist äußerst kontrovers. Ein Modell benutzt Begriffe wie Androphilie (sich zu Männern als Sexualpartner hingezogen fühlen), Gynäphilie (Anziehung zu Frauen), Transphilie (Anziehung zu anderen Transgendern), Aphilie (keine sexuelle Anziehung) und "Autogynäphilie" (die Neigung, sich durch die gedankliche Vorstellung von einem selbst als Frau sexuell zu erregen).
Ich behaupte nicht, meine Umwandlung sei sexuell völlig unmotiviert gewesen. Ich mag Sex und genieße meine Sexualität und die Veränderungen an meinem körperlichen Erscheinungsbild. Ich weiß auch, dass es Transgender-Frauen gibt, die sich an der Vorstellung von sich selbst als Frau erregen. Die Andeutung jedoch, Sexualität (oder deren Abwesenheit) sei die nützlichste Art und Weise, Transsexuelle oder die grundlegende Motivation zu kategorisieren, bedient eine Menge problematischer Stereotypen.
Erstens: Transsexualität als Paraphilie zu klassifizieren steckt voller Schlussfolgerungen für das Sozialleben. Das filmische Bild des transvestitenhaften Fetischisten, dessen Fetisch Frauenkleidung nicht von Frauenkörpern unterscheidet, ist eines der lästigsten Klischees, dem Transsexuelle gegenüberstehen. Psycho, Das Schweigen der Lämmer und Texas Chainsaw Massacre könnten alle auf demselben gestörten Mörder basieren, aber diese drei Filme haben Transsexualität in den Augen der Öffentlichkeit unauslöschlich mit ernsthaft gestörten Individuen in Verbindung gebracht, die unaussprechliche, frauenverachtende, sexualisierte Gewalttaten vollbringen.
Zweitens: Geschlechtsvarianz wurde durch die Pornoindustrie bereits extrem sexualisiert. Wie schon gesagt ist Sexualität ein wichtiger Aspekt aller Menschen, aber ich fürchte, dass eine sexuelle Taxonomie den Eindruck vermittelt, Sex sei für Transsexuelle wichtiger als für Nicht-Transsexuelle. Davon bin ich nicht überzeugt.
Für etwas heitere Abwechslung empfehle ich die 7DS-Transsexualitätstheorie.
Transitionsalter
Viele sprechen von "früher Transition" und "später Transition", was manchmal anderen problembehafteten Begriffen entspricht wie z. B. "primäre" und "sekundäre" Transsexualität. In jungen Jahren Transitionierende werden manchmal auch "klassische" oder "echte" Transsexuelle genannt. Jede/r einzelne Transsexuelle, mit der/dem ich gesprochen habe, sagte, sie hätten lieber schon früher angefangen. Das gibt der Vorstellung Nahrung, früh Transitionierende seien irgendwie "transsexueller".
Ich vermute jedoch einen groben Zusammenhang zwischen Ausmaß der Dysphorie und Transitionsalter. Dieser Zusammenhang kann jedoch durch alle möglichen Faktoren negiert werden, vor allem durch Verleugnung.
Ich denke auch, dass es ein paar nützliche Verallgemeinerungen gibt, die zum Thema Transitionsalter gemacht werden können. Jüngere müssen dem Outing gegenüber ihren Eltern mehr Beachtung schenken, speziell wenn sie finanziell von ihnen abhängig sind. Jüngere Frauen haben für gewöhnlich weniger finanzielle Möglichkeiten, für die Transition zu bezahlen. Jüngere haben normalerweise bessere Resultate von den Hormonen und fühlen sich im Durchschnitt mehr zu Männern hingezogen. Diese Verallgemeinerungen sind jedoch wirklich nur Verallgemeinerungen und können nicht für jeden Fall angewandt werden.
Aber wo ist die Grenze? Meine willkürliche Definition lautet: 25 und darunter. Viele Leute setzen jedoch die Grenze so, dass sie selbst noch hineinpassen, sogar wenn sie Mitte 30 oder noch älter sind.
Das Transitionsalter ist zwar nützlich, aber einige wichtige Unterscheidungsmerkmale werden vernebelt, wenn man einfach nur das Alter als Kategorisierungsgrundlage nimmt. Beispielsweise kommen viele der jüngsten Mitglieder unserer Gemeinschaft durch verschiedene "Systeme" herauf. Für viele ist die Lesben-/Schwulen-Gemeinschaft der Ausgangspunkt, besonders für jene, die durch Intoleranz von zuhause oder aus der Schule vertrieben wurden. Diese Personen sind spürbar anders als die Frauen, von denen ich weiß, dass sie mit elterlicher Beteiligung transitionierten, und ihre Motivation scheint oft ganz unterschiedlich zu sein.
Heimlich oder offen?
Obwohl man oft über diesen Punkt spricht, als gäbe es nur das Leben in aller Heimlichkeit oder völlige Offenheit, sind beides nur Punkte entlang einer Achse bzw. in einem Spektrum. Ich kenne keine Transfrau, die 100% offen lebt, und ich kenne auch keine, die 100% getarnt lebt. Irgend jemand weiß es immer. Wer unsere Welt in "heimlich" und "offen" unterteilt, erschafft eine künstliche Trennlinie, wo es keine gibt.
Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie offen oder heimlich man leben will, obwohl einige keine andere Wahl haben, als aufgrund ihres Passings offen zu leben (siehe unten).
Die einzelnen Stufen der Heimlichkeit haben Vor- und Nachteile, und keine ist besser als die andere. Es ist eine sehr persönliche Entscheidung auf der Grundlage deiner individuellen Bedürfnisse.
Gutes Passing / schlechtes Passing
Auch das wird oft als entweder/oder dargestellt, aber die meisten Frauen bewegen sich im Bereich dazwischen.
Gutes Passing hat Vor- und Nachteile, genau wie schlechtes Passing. Viele Leute in unserer Gemeinschaft betrachten Passing als sehr wichtig und denken, wer ein gutes Passing hat, sei besser als jemand mit schlechtem Passing. Das ist etwas unglücklich, aber es ist ein vorherrschendes Vorurteil, dessen sogar ich selbst mich zuweilen schuldig mache. In manchen Situationen fühle ich mich sehr unwohl, wenn ich mit jemandem unterwegs bin, der kein gutes Passing hat.
Solche mit gutem Passing sind nicht besser oder schlechter als solche mit schlechtem Passing. Ich würde behaupten, sie haben einfach mehr Glück, da sie entscheiden können, wann sie die private Information, transsexuell zu sein, mitteilen möchten.
Gehirngeschlecht: die Fallen der Physiologie
Viele sind sehr erpicht darauf zu beweisen, Transsexualität habe eine biologische Ursache. Diese Entdeckung hätte enorme politische Auswirkungen. Die Ansicht, sie sei ein "selbstgewählter Lebensstil", wäre nicht länger relevant, und vielleicht gäbe es dann eine Methode, jemanden viel früher als transsexuell zu bestimmen und sich entsprechend früher seinen gesundheitlichen Belangen zu widmen.
Zu diesem Zeitpunkt deuten die vorhandenen und ziemlich begrenzten Informationen eventuell eine biologische Ursache an, z. B. hormonelle Schwankungen bei der Entwicklung des Fötus. Es gab auch eine gewisse Zahl an Beobachtungen körperlicher Unterschiede bei Transsexuellen. Nichts davon hat bislang jedoch irgend etwas Schlüssiges bewiesen.
Eines der hartnäckigsten Konzepte, welche die Gedankenwelt einiger Mitglieder der Transgemeinschaft gefangen hält, ist die Idee des Gehirngeschlechts, die in den 1990ern von Moir und Jessel in ihrem populärwissenschaftlichen Buch Brain Sex: Der wahre Unterschied zwischen Mann und Frau postuliert wurde. Die Vorstellung eines weiblichen Geistes, gefangen in einem männlichen Körper, erscheint als Ausweitung des altbekannten Klischees der im Männerkörper gefangenen Frau. Während das Konzept des Gehirngeschlechts oft in die Diskussion eingebracht wird, sind die Prämisse und ihr Zusammenhang mit Transsexualität weit hergeholt. In meiner Anmerkung zu Geschlechtertests gehe ich auf das Buch und seine äußerst kontroversen Schlussfolgerungen ein

.Quelltext:http://www.tsroadmap.com/deutsch/mental/categories.html

Zum Verständnis von Transsexualität

Copyright © 2011-2021 Nikita Noemi Rothenbächer- Alle Rechte vorbehalten!

Zum Verständnis von Transsexualität
von Eva Sturm

Für die meisten Menschen spielt das Geschlecht eine ganz zentrale Rolle in ihrem Selbstverständnis. Daher ist es für viele sicher recht schwierig, sich vorzustellen, dass jemand eindeutig die äußerlichen Merkmale des einen Geschlechts besitzt und sich trotzdem dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt. Diejenigen, die so etwas empfinden, nennt man transsexuell. Ein häufiger Versuch, dieses Dilemma zu erklären ist: 'Stell' dir vor, du wachst eines morgens im Körper des anderen Geschlechts auf.' Es ist wohl kaum möglich, eine solche Erfahrung nachzuvollziehen, allerdings kann man erklären, wie es dazu kommt und wie man damit umgeht.

Fehlbesetzung einer Rolle

Transsexuelle äußern oftmals das Gefühl, eine Rolle spielen zu müssen, für die sie nicht geeignet sind. Nichtsdestotrotz haben sie sich in das Theaterstück einzufügen. Sie lernen ihre Rolle und versuchen nach Kräften, ihr gerecht zu werden. Gute Schauspieler können so ganz überzeugend wirken, Gesten und Worte stimmen und alles scheint perfekt, niemand zweifelt. Doch wenn sie dann die Bühne verlassen, ist ihnen vollkommen klar, dass diese Rolle nicht das richtige für sie ist, sie fühlen sich völlig überfordert und fehl am Platz. Im Gegensatz zu Schauspielern können Transsexuelle jedoch nicht einfach das Kostüm ablegen, denn ihr Kostüm ist ihr eigener Körper.

Theorien zur Entstehung von Transsexualität

Das körperliche Geschlecht wird im Kern durch die Geschlechtschromosomen festgelegt. Ob sich dann daraus körperlich ein Junge oder ein Mädchen entwickelt, hängt jedoch auch davon ab, welche Hormone das ungeborene Baby im Mutterleib beeinflussen. Nach einer weit verbreiteten Theorie gerät bei manchen Ungeborenen etwas mit dieser Hormonsdusche durcheinander. Sei es die Zusammensetzung oder der Zeitplan, offenbar kommt es zu einer Mischung des geistigen und körperlichen Geschlechts. Deshalb wird Transsexualität manchmal auch als eine Art Geburtsfehler angesehen. Ob das nun stimmt oder nicht, zu sehen ist von alledem dummerweise überhaupt nichts. Nur die betroffenen Personen haben oftmals schon zu Kindertagen das sichere Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst. Die Mitmenschen ihrerseits sind sich sicher, das es sich um eine ganz 'normale' Frau oder einen ganz 'normalen' Mann handelt. Da äußerlich nun rein gar nichts feststellbar ist, halten viele das ganze für eine 'Macke' oder geistige Störung, die mit etwas gutem Willen und einer Therapie wohl in den Griff zu ekommen sein sollte. Doch das funktioniert leider nicht.

Es gibt keine Heilung, aber es gibt eine Behandlung

In der Vergangenheit haben Psychologen jahrzehntelang versucht, das Problem durch irgendeine Behandlung in den Griff zu bekommen und die betroffenen Menschen so zu 'heilen'. In keinem einzigen Fall ist dies nachweisbar gelungen. Deshalb kam in den 50iger Jahren der amerikanische Arzt Dr. Harry Benjamin auf die Idee, es von nun an andersherum zu versuchen: Anstatt den Geist dem Körper anzupassen, so folgerte er, sollte man doch vielmehr versuchen, den Körper dem Geist anzugleichen. Zum erstenmal wurde damit transsexuellen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich in ihrem Körper 'zu Hause' zu fühlen.
Als Möglichkeiten dieser Behandlung stehen hormonelle und chirurgische Maßnahmen bereit. Auch der erwachsene Mensch wird durch Sexualhormone in seiner körperlichen Erscheinung noch maßgeblich beeinflusst. Erhält zum Beispiel eine Frau über längere Zeit das Hormon Testosteron verabreicht, bekommt sie recht bald erkennbaren Bartwuchs, eine tiefere Stimme und kräftigere Muskeln. Umgekehrt setzt bei Männern, die mit weiblichen Hormonen (Östrogenen) behandelt werden, das Brustwachstum ein und die Muskelmasse schwindet. Zusätzlich zur Hormontherapie nehmen vielen Transsexuelle auch chirurgische Hilfe in Anspruch, um das körperliche Erscheinungsbild möglichst natürlich werden zu lassen.
Da diese Eingriffe größtenteils nicht mehr umkehrbar sind, ist es dringend geboten, die Anwendung solcher Behandlungen zusammen mit den betroffenen Personen gründlich zu überdenken. Ein bestehender Bartwuchs, egal ob bei Frau oder Mann, kann nur in einer langwierigen und schmerzhaften Prozedur wieder entfernt werden. Die meisten operativen Maßnamen hingegen sind nicht rückgängig zu machen. Es ist Aufgabe einer psychologischen Betreuung, zu klären, ob alle möglichen Maßnahmen sinnvoll und angebracht sind. Zudem soll den Menschen dabei auch geholfen werden, die Probleme des Geschlechtsrollenwechsels zu meistern.
Zur Änderung des Vornamens gibt es in Deutschland das sog. Transsexuellengesetz. Auf Antrag und Vorlage von 2 Gutachten kann aufgrund eines richterlichen Entscheides der Vornamen geändert werden. Zudem kann nach einer angleichenden Operation der Geschlechtsmerkmale (Entfernen der Brüste und der Eierstöcke bei der Frau, bzw. Entfernen der Hoden und des Penis beim Mann) auch der Personenstand geändert und damit beispielsweise eine entsprechende Eheschließung ermöglicht werden.

Beziehungen zu den Mitmenschen

Nachdem viele transsexuelle Menschen über lange Jahre ihre Rolle so überzeugend gespielt haben, fällt es der Familie, Freunden und Kollegen oftmals und verständlicherweise recht schwer, mit den plötzlichen körperlichen Änderungen klarzukommen. Auch das Verhalten der transsexuellen Personen ändert sich meistens, sie probiert nun eine neue Rolle aus, was anfangs natürlich nicht immer gleich überzeugend gelingt. Nicht selten fühlen sich die Mitmenschen dann betrogen und werfen den Betroffenen vor, egoistisch zu handeln und die bisherige Ordnung zu zerstören. Oftmals wird der Ruf laut: 'Geh doch mal zum Psychiater!' Man möchte die alten Verhältnisse wiederhergestellt wissen.
In Beziehungen, bei denen das Geschlecht keine erhebliche Rolle spielt, ist diese Umstellung sicher einfacher zu bewältigen. Schließlich lässt sich anstelle der bisherigen Kollegin auch mit einem Kollegen gut zusammenarbeiten. Und anstelle eines Sohnes ist sicher auch eine Tochter liebenswert. Schwieriger sind da schon sexuelle Beziehungen, die einen derartigen Wechsel nur in sehr wenigen Fällen überdauern. Auch im Hinblick auf eine neue Beziehung gestaltet sich die Situation für viele transsexuelle Menschen nicht ganz einfach, denn die Vergangenheit im anderen Geschlecht kann nicht ungeschehen gemacht werden und nur wenige haben das Glück, körperlich der Durchschnittserscheinung des ersehnten Geschlechts zu entsprechen. Zudem ändert sich meist wenig daran, ob Männer oder Frauen als Sexualpartner bevorzugt werden, weshalb sich Transsexuelle dann oft in der Situation wiederfinden, nun als lesbisch oder schwul zu gelten, was es ihnen nicht gerade einfacher macht.

Statistiken

In Deutschland haben zwischen 1981 und 1990 ca. 1500 Menschen einen Antrag auf Änderung ihres Vornamens gestellt. Ungefähr die Hälfte davon hat sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist nicht ganz gleich, der Anteil von Männern, die sich als Frau empfinden, ist etwa doppelt so hoch. Es ist davon auszugehen, dass viele betroffene Menschen sich allerdings niemals trauen, die Geschlechterrolle zu wechseln. Aber diese Menschen liegen recht unterschiedliche Schätzungen vor, sie schwanken zwischen einem Verhältnis von 1:1000 bis zu 1:10000, bezogen auf den Anteil von Transsexuellen in der Bevölkerung. Nachweisbar gibt es Lebensbereiche, in denen Transsexuelle überproportional häufig zu finden sind. Beispielsweise sind das bei Mann-zu-Frau Transsexuellen nicht unbedingt Bars und Showbusiness, wie man annehmen möchte, sondern unter anderem auch die französische Fremdenlegion und die U.S. Marines. Manche Menschen treibt es aus lauter Angst vor dem Entdecktwerden in solche Gruppen, da sie hoffen, nur hier als 'echte' Männer zu bestehen. Was solche Einzelschicksale somit oft erdulden, lässt sich wohl kaum erahnen.

Zum Schluss

Wenn sie einem transsexuellen Menschen begegnen, dann treffen sie jemanden, der viele Jahre versucht hat, es allen recht zu machen. Jemand, der viel über sich und andere nachgedacht hat und sich dann im Abwägen aller möglichen Folgen entschieden hat, ein Leben ohne Lüge vor sich selbst und den anderen zu leben. Jemand der gelernt hat, sich selbst zu verstehen und zu lieben und demzufolge auch andere verstehen und lieben kann. Wie viele Menschen können das für sich in Anspruch nehmen?
( Eva Sturm, nach einer Vorlage der Renaissance Gender Association, Inc.)


Dienstag, 25. Februar 2014

Transsexualität wirft eine ganze Reihe von kontroversen praktischen Fragen auf:

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Geschrieben und Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2013

Bitte kopiert den Link und gebt diesen euren Verwandten, Freunde, Bekannten und Familie denn Information beugt vor, einer Minderheit anzugehören!

Hallo nun nach vielen Wochen der Krankheit kam ich am 17.02 von der Reha zurück, als erstes möchte ich mich für die Anteilnahme vieler Leser und Freunden wie Bekannten bedanken!
In der Zeit von Klinik habe ich sehr viel Zeit gehabt zum Überlegen, habe eine Unmenge von Gesprächen geführt und durch diese wurde ich sehr Nachdenklich!
Transsexuallität ist keine Modeerscheinung sondern diese gibt es Zeit es die Menschen gibt!
Aber nicht nur diese gibt es sondern auch die Minderheit von Intersexuellen Menschen wie diese der Homosexualität.
Jede dieser Gruppen werden als Minderheit betrachtet, jedoch nur weil es nun mal weniger sind als der Hauptbestandteil der Menschen, dieses jedoch gibt keinem das Recht über diese Minderheiten ein falsches Urteil abzugeben.
Die Ereignisse der letzten Monate führt zu sehr vielen Diskussionen es fing schon sehr früh an würde sagen sehr früh, wenn man etwas Recherchen macht etwas Lesen und sich Austauschen bemerkt man schnell das es sehr wenige einzelne Personen gibt, welche Überhaupt mitreden können.
Die Vermutung das sagen und hören also nichts was sich Wissenschaftlich begründen lässt, vermag zu zeigen, das Minderheiten entstehen durch Unwissenheit und dem Druck der Allgemeinheit zu folgen.
Diese Diskussionen von Gesetzen welche in Russland jetzt auch Gana wie durch die Medien bekannt wurde eine Welle der Empörung hervorruft.
Meinungsfreiheit, persönliche Entfaltung und das Recht über das eigene Leben selbst zu entscheiden, kann und darf nicht von der Politik bestimmt werden!

Den Beitrag welcher folgt sollte man einfach mal genau durch lesen!

Transsexualität wirft eine ganze Reihe von kontroversen praktischen Fragen auf:

1. Kann sich ein Mensch mit männlichem Körper überhaupt als Frau fühlen oder ist so jemand als geisteskrank zu be- trachten? Darf eine solche Person Frauenkleider anziehen und sich damit womöglich sogar in der Öffentlichkeit  zeigen? Wie  soll  man  eine solche  Person  ansprechen?  Welche  Toilette  soll  eine  transsexuelle Person  benutzen?  Darf  ein  Mensch  seinen  Körper  selbst  designen?  Wer  soll  den  kostenintensiven Wunsch nach einer Geschlechtsanpassung bezahlen? Darf eine transsexuelle Person vor oder nach der Operation heiraten? Und darf sie Kinder adoptieren (oder zumindest behalten) und falls ja, gilt sie dann als Mutter oder als Vater? –Ich  konzentriere  mich  deshalb  auf  die  Frage,  ob  eine  transsexuelle  Frau  die  Freiheit haben sollte, in der Öffentlichkeit als Frau aufzutreten.
 Ich werde die Ansicht vertreten, dass Transsexualität als gleichberechtigte Lebensweise zu akzeptieren sei und dass jeder Mensch eine echte Wahl haben sollte, ob er «eine Frau» oder «ein Mann» werden will, unabhängig vom biologischen Geschlecht.
Was nun die von mir zu behandelnde Frage anbetrifft, so bin ich bereit, alle die mir durch das Vorurteil gestellten ungünstigen Bedingungen anzunehmen. [...] Ich lasse mir gefallen, dass das Urteil gegen mich lautet, bis ich nachgewiesen habe, dass der Richter selbst [die hergebrachte Sitte und das allgemeine Gefühl] bestochen sei. (Mill 1991: 10) Meine Motivation für diese Arbeit ist die persönliche Betroffenheit.

Als transsexuelle Frau kenne ich die damit  verbundene  Unsicherheit  in mir  selbst und  bei Menschen,  die  mit  mir  zu tun  haben.

Mein Anspruch an praktische Philosophie, wenn sie selbst praktischen Sinn haben soll, ist, dass sie real existierenden Menschen Orientierungshilfe für ihre tatsächlichen Probleme geben kann. Ich hoffe, zum Nach- denken anregen zu können, ob einiges von dem, was wir für selbstverständlich halten, nicht auch ganz anders sein könnte.

Was ist Transsexualität?

Eine transsexuelle Person empfindet ihr selbst empfundenes Geschlecht im Widerspruch zu ihrem biologischen Geschlecht. Sie fühlt sich im «falschen Körper» gefangen und leidet darunter, ihre personale Geschlechtsidentität nicht entfalten zu können und statt dessen eine als fremd empfundene Rolle spielen zu müssen. Kurz kann man Transsexualität als prinzipiell unauflösbaren Widerspruch zwischen der biologischen und der personalen Geschlechtsidentität definieren. Damit ist noch nichts über das Verhalten der Person gesagt: Ein Mann kann sich sehr wohl auf eine als eher weiblich bezeichnete Art verhalten, ohne deswegen eine Frau sein zu wollen. Umgekehrt kann sich eine transsexuelle Frau in sozialen Beziehungen bewusst oder unbewusst stark männlich geben, weil sie glaubt, nur so von ihren Mitmenschen akzeptiert zu werden, weil sie zu einem Mann erzogen wurde oder weil ihr Körper von einem männlichen Hormonmix  gesteuert  wird.  Manchmal  wird  anstatt  Transsexualität  auch  der  Begriff  «Transidentität» (siehe dazu Alter 1999: 11) verwendet. Ich persönlich finde Transidentität einleuchtender, weil es sich um  eine  außergewöhnliche  Konstellation  der  Geschlechtsidentität  handelt  und  nicht  um  eine  abweichende sexuelle Präferenz, wie der Begriff «Transsexualität» durch seine Nähe zu Homo- und Heterosexualität  suggerieren  mag.  Ich  werde  trotzdem  den  geläufigeren  Begriff  «Transsexualität»  verwenden. Über  die  sexuelle  Ausrichtung  einer  transsexuellen  Person  ist  übrigens  auch  noch  nichts  gesagt:  alle Möglichkeiten sind offen und kommen in der Realität auch vor

2. Es  ist  sinnvoll,  verschiedene  Phasen  oder  Ausdrucksweisen  von  Transsexualität  zu  unter- scheiden: Die meisten Transsexuellen passen sich in der Kindheit dem Verhalten der anderen Personen mit dem gleichen biologischen Geschlecht an. Das latente Gefühl, eigentlich dem anderen Geschlecht anzugehören, wird unterdrückt. Ich spreche in dem Fall von verborgenem Transsexualismus. Mit der Zeit merkt eine transsexuelle Person, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie beginnt mit Attributen und Verhaltensweisen des Gegengeschlechts zu spielen oder Verbannt diese umso stärker aus dem eigenen Leben, um ein «richtiger Mann» bzw. eine «richtige Frau» zu sein. Das Erwachen setzt ein. Weil die entdeckten Gefühle nicht mit dem übereinstimmen, was für normal gehalten wird, lösen sie oft Scham und Schuldgefühle  aus. Die transsexuelle Person  spricht  nicht darüber und  versteckt alles was darauf  hindeutet  – weshalb ich hier von heimlichem Transsexualismus spreche.

Doch oft wird irgendwann der Leidensdruck für die betroffene Person so gross, dass sie sich nicht mehr verstecken und verstellen will oder kann. Für viele  Transsexuelle  ist  das  mit  depressiven  Krisen  verbunden  und  die  Selbstmordgefahr  ist  sehr  hoch. Wenn sie sich in dieser Situation dafür entscheidet, sich über alle Widerstände hinwegzusetzen und endlich ihr eigenes Leben zu leben, dann beginnt der offen gelebte Transsexualismus.

Dieses Coming-Out ist für die Betroffenen eine große Entlastung und Befreiung (sofern sie nicht durch ihre Mitmenschen wieder in die alten Schranken zurück verwiesen werden). Trotzdem wünschen sich Transsexuelle natürlich nach wie  vor,  dem  selbst  empfundenen  Geschlecht  wirklich  angehören  zu  können  und  von  den  anderen Mensch dementsprechend anerkannt zu werden. Außenstehende sehen aber lediglich einen Mann, der sich als Frau verkleidet, bzw. eine Frau, die sich als Mann verkleidet. Die transsexuelle Person trägt die ganze Last des Widerspruchs und muss sich in der Öffentlichkeit für ihr Verhalten rechtfertigen können. Mit  chirurgischen  Angleichungen  der  Geschlechtsmerkmale  ist  es  heute  möglich,  diesen  Widerspruch (nahezu) zu verbergen.

Diese «kosmetischen Anpassungen» ermöglichen der angeglichenen Transsexuellen tatsächlich ein Leben in ihrem selbst empfundenen Geschlecht zu führen, allerdings bleibt sie für den Rest ihres Lebens auf künstliche Hormone angewiesen. Woher kommt Transsexualität? – oder warum wollen einige Menschen nicht in ihrem biologischen Geschlecht leben? – Die Frage lässt sich mit gleichem Recht aber auch umkehren: Wie kommt es, dass über 99% der Menschen tatsächlich in ihrem biologischen Geschlecht leben wollen? – Wenn wir  darüber  nachdenken  und  ehrlich  antworten,  müssen  wir  sagen,  wir  wissen  es  nicht.  Ich  will  hier auch nicht weiter darauf eingehen. Was sich dennoch mit ziemlicher Sicherheit sagen lässt, ist, dass es biologische Wurzeln für die frühkindliche Identitätsentwicklung gibt, dass das soziale und kulturelle Umfeld einen prägenden Einfluss auf das Verhalten der Person haben und dass es ohne eigenen Willen undenkbar wäre, dass sich eine Person über biologische und soziale Widerstände hinwegsetzt, um in der anderen Geschlechterrolle zu leben.

Freiheit für wen?
Ein  möglicher  Umgang  mit  Transsexualität  ist,  die  betroffenen  Personen  als  unmündig  zu  betrachten.

 Dann ist es gar nicht nötig, dass wir uns mit solchen Fragen befassen, die durch «das gestörte Verhalten geisteskranker Menschen» aufgeworfen werden. John Stuart Mill sagt dazu: «Es ist vielleicht kaum nötig zu betonen, dass diese Lehre [der Freiheit] nur auf Menschen mit völlig ausgereiften Fähigkeiten anzuwenden  wäre»  (Mill  1974:  17).  Fachkundige  Ärzte  und  Psychiater  könnten  dann  von  außen  bestimmen, was gut für die transsexuelle Person ist, denn «wer sich noch in einem Stande befindet, wo andere für ihn sorgen müssen, den muss man gegen seine eigenen Handlungen ebenso schützen wie gegen äußere Unbill» (Mill 1974: 17). So lange ein Mensch nicht fähig ist, zu seiner «eigenen Vervollkommnung durch Überzeugung  oder  Überredung  geleitet  zu  werden»  (Mill  1974:  18),  «bis  dahin  ist  [ihm]  nichts  als  still- schweigender Gehorsam [...] angemessen - wenn [er] so glücklich [ist], einen [Herrscher] zu finden» (Mill 1974: 17f). Mit diesem Recht hat man früher bekennende Transsexuelle in Nervenheilanstalten mit Elektro- schock «therapiert». Trotz dieser drastischen Mittel blieb der Erfolg aus. Zum Einsatz solcher Methoden meint Mill dann doch, dass «die Mittel dadurch gerechtfertigt werden, dass man den Zweck wirklich er- reicht» (Mill 1974: 17), was höchst fragwürdig erscheint. Bisher bin ich stillschweigend davon ausgegangen, dass Mill die Meinung teilt, Transsexuelle seien  als  unmündig  zu  betrachten.  Doch  es  gibt  gute  Gründe,  die gegen diese  Annahme  sprechen: Transsexuelle sind  genau  so  intelligente  und  anständige  Menschen  mit  «ausgereiften  Fähigkeiten»  wie andere  auch.  Zumindest  so  lange  der  Transsexualismus  verborgen  oder  ein  gut  gehütetes  Geheimnis bleibt, ist Transsexuellen kaum etwas Außergewöhnliches anzumerken. Und selbst bei offen gelebtem Transsexualismus  wäre  es  absurd  und  willkürlich,  ihnen  die  Mündigkeit  abzusprechen,  nur  weil  ihre Vorstellungen des guten Lebens in einem Bereich nicht mit jenen der Mehrheit überein stimmen. Dazu Mill: Aber der Mann und – noch mehr – die Frau, die beschuldigt werden können, etwas getan zu haben, «was niemand tut», oder unterlassen zu haben, «was jeder tut», werden Gegen- stand so vieler abfälliger Bemerkungen, wie wenn er – oder sie – irgend ein schweres Ver- brechen begangen hätte. [...] denn wer mit zu viel Nachsicht rechnet, läuft das Risiko von etwas Schlimmerem als Verunglimpfung: er ist in Gefahr, als Geisteskranker behandelt [...] zu werden. (Mill 1974: 94f) Und in einer Anmerkung zu dieser Stelle fährt er fort: Was «nur den Anschein von etwas nicht absolut Normalem trägt, wird vor Gericht – oft mit Erfolg – als Beweis von Verrücktheit vorgelegt», denn «Richter und  Geschworene  [können]  nicht  einmal  fassen,  dass  eine  gesunde  Person  solche  Freiheit  wünschen kann»  (Mill  1974:  95).  Mill  warnt  eindringlich  vor  der  «Tyrannei  der  Mehrheit»  (Mill  1974:  9)  und  vor «sozialer Tyrannei», die «fürchterlicher als viele andere Arten politischer Bedrückung» sei, «da sie viel tiefer in das private Leben eindringt und die Seele selbst versklavt» (Mill 1974: 10). Genau diese Angst vor dem  Für-Verrückt-Gehalten-Werden  führt  dazu,  dass  Transsexuelle sich  anpassen  und  tun,  «was  jeder tut», und ihre Gefühle, mit denen sie allein zu sein scheinen, unterdrücken. Der Ausdruck «versklavte Seele» beschreibt äußerst treffend die Art von Unfreiheit im Bereich der geschlechtsrelevanten Interaktion, die Transsexuelle vor ihrem Coming-Out erleben.

Wozu Freiheit?

Wie wir gesehen haben, gibt es keinen einleuchtenden Grund einer transsexuellen Person grundsätzlich weniger Freiheit zuzugestehen, als sonst einer Person. Aber warum brauchen wir überhaupt Freiheit? – Mill ist erstens überzeugt, dass die maximalen Freiräume  des einzelnen Menschen der  Menschheit als Ganzes am meisten nützen: Ich  betrachte  Nützlichkeit  als  letzte  Berufungsinstanz  in  allen  ethischen  Fragen,  aber  es muss Nützlichkeit im weitesten Sinne sein, begründet in den ewigen Interessen der Menschheit als eines sich entwickelnden Wesens. (Mill 1974: 18) Die  einzige  untrügliche  und  andauernde  Quelle  für  den  Fortschritt  ist  die  Freiheit,  weil durch  sie  eben  so  viel  unabhängige  Zentren  des  Fortschritts  möglich  sind,  als  Individuen vorhanden. (Mill 1974: 97) Ich sagte, es sei wichtig, ungewöhnlichen Dingen einen möglichst freien Spielraum zu ge- währen, damit sich im Laufe der Zeit herausstellt, welche von ihnen sich eignen, Tradition zu werden. (Mill 1974: 93) Zweitens ist für Mill Freiheit auch eine notwendige Voraussetzung für die selbst bestimmte Entfaltung der eigenen  Persönlichkeit  als Ideal des  menschlichen  Lebens. Er zitiert Wilhelm  von Humboldt,  der  sagt, dass «der wahre Zweck des Menschen […] die höchste und harmonischste Entwicklung seiner Kräfte zu einem kompletten und folgerichtigen Ganzen ist» (Mill 1974: 79). Oder mit eigenen Worten: Soll der Anlage eines jeden freies Spiel gewährt werden, dann ist es wesentlich, dass verschiedene Personen auch ein verschiedenes Leben führen können. (Mill 1974: 88, Hervorhebung im Original) Mit der Bemerkung, dass Individualität und Entwicklung eins sind, und dass einzig ihre Pflege wohl entwickelte menschliche Wesen hervorbringt oder bringen  kann, könnte ich hier die Beweisführung schließen; denn was kann mehr oder Besseres von einem Zustand der menschlichen  Angelegenheiten  gesagt  werden,  als  dass  er  Menschen  dem  Ideal  näher bringt? (Mill 1974: 88) Taugt eine dieser beiden oder beide Begründungen der Freiheit auch im speziellen Fall von transsexuellen Menschen?

Ich stimme zu, dass die Freiheit im  einen oder im anderen Geschlecht zu leben  zur «freien Entwicklung der Persönlichkeit» beiträgt, aber dass Freiheit notwendigerweise «eine Hauptbedingung der Wohlfahrt ist» (Mill 1974: 78), wie Mill behauptet, lässt sich bestreiten.

Zwar zeigen Studien, dass eine geschlechtsangleichende Operation bei vielen Transsexuellen tatsächlich zu einer Verbesserung des Wohlbefindens führt, aber nicht bei allen!

3. Noch viel unsicherer wird es, wenn man behauptet, die Freiheit  von  Transsexuellen  trage  zum  Fortschritt  der  Menschheit  bei.  Von  der  Lebensweise  einer  kleinen Minderheit wie der der Transsexuellen, kann nicht erwartet werden, dass sie für breitere Bevölkerungs- schichten je Tradition wird. Mill bezeichnet Freiheit als «Bedingung» für «Zivilisation, Ausbildung, Erziehung, Kultur» (Mill 1974: 79), doch es gibt nicht wenige Leute, die eben diese Werte ernsthaft in Gefahr sehen, wenn man sogar Transsexuellen Freiheit für ihr «lasterhaftes Auftreten» lässt. Weiter kann nach Mill «das Genie [...] nur frei atmen in einer Atmosphäre von Freiheit» (Mill 1974: 89) und «die Leute finden das Genie ganz schön, wenn es jemanden befähigt, ein reizendes Gedicht zu schreiben oder ein Bild zu malen.

Aber Transsexuelle sind nicht unbedingt genial und die Wahrscheinlichkeit, dass sie kreativen Ausdruck für ihre verzweifelten Gefühle suchen oder sich kompensatorisch in Arbeit fliehen, ist vielleicht  grösser,  wenn  man  ihren  Leidensdruck  nicht  mildert.


Allenfalls  könnten  Transsexuelle  als «exotisches Sexobjekt»  oder als «Belustigungsobjekt in Talkshows» dienen.  Doch das wäre höchst zynisch und schießt an der Behauptung Mills vorbei: er behauptet nicht, dass Freiheit für eine bestimmte Gruppe von Menschen zum Fortschritt der ganzen Menschheit beiträgt, sondern lediglich, dass sich die Menschheit besser entwickeln kann, wenn alle möglichst frei sind, als wenn alle unfrei sind. Das mag zu- treffen oder auch nicht. Ich befürchte, dass Freiheit (im Sinne von Abwesenheit von Zwang) alleine noch kein  Garant  für  Fortschritt  ist.  Und  überhaupt  gehen  die  Meinungen  darüber,  was  Fortschritt  sei,  weit auseinander. Bleibt noch zu prüfen, ob die Begründung, dass «persönliche Selbstbestimmung [...] etwas innerlich Wertvolles oder etwas, das um seiner selbst Willen Beachtung verdient», (Mill 1974: 79) sei, allei- ne schon tragfähig genug ist, um Freiheit zu rechtfertigen. Mill geht nicht ausdrücklich darauf ein, da er voraussetzt, dass  Harmonie  zwischen  den  beiden  Begründungssträngen für  Freiheit  herrscht.  Dennoch deutet die Bemerkung von «Nützlichkeit im weitesten Sinne [...], begründet in den ewigen Interessen der Menschheit als eines sich entwickelnden Wesens» (Mill 1974: 18, Hervorhebung E.B.) darauf hin, dass Freiheit eine unbedingte Voraussetzung für menschenwürdiges Leben sei, ebenso wie folgende Passage: «[...] so wird doch das Sich-Anpassen an Gebräuche rein als solches in ihm keine der Qua- litäten  entwickeln,  welche  die  unterscheidende  Mitgift  menschlicher  Wesen  bilden.  Die menschlichen Fähigkeiten [...] kann man nur dadurch üben, dass man eine Wahl trifft. (Mill 1974: 80f) 2.3 Freiheit wozu? Jetzt,  da  wir  festgestellt  haben,  dass  Freiheit  ein  lohnenswertes  Ziel  sein  kann  und  dass  Transsexuelle Menschen sind, denen die Freiheit nicht a priori verweigert werden kann, interessiert uns natürlich, wie weit diese Freiheit gehen darf. Denn selbstverständlich meint Mill nicht Willkürfreiheit, sondern legitime Freiheit, die ihre Grenze an der Freiheit des anderen findet.

Die eigentliche Kernaussage seines Werks «Über die Freiheit» ist, dass «die Menschen […] die Freiheit haben sollten, nach ihrer Meinung zu handeln, […] solange es auf eigene Kosten und Gefahr geht» (Mill 1974: 77) und dass eine Einschränkung der individuellen  Freiheit  durch  die  Gemeinschaft  nur  gestattet  ist,  um  die  Schädigung  anderer  zu verhindern: Dies Prinzip lautet: dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumengen befugt ist, der ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten. (Mill 1974: 16) Damit verneint Mill, dass irgendjemand besser weiß, wie man leben soll, und deshalb befugt ist, anderen zu sagen, wie sie zu leben haben. Stattdessen fordert sein Prinzip den größtmöglichen Respekt vor der anderen Person und deren Willen, bedingt einzig dadurch, dass keine negativen Folgen für andere entstehen. Damit ist für Mill auch klar, wer die Beweislast zu tragen hat: [...] die Beweisführung [wird] von denen erwartet, welche sich als Gegner der Freiheit hin- stellen und irgendeiner Einschränkung oder einem Verbot das Wort reden [...]. Es ist a priori die Annahme immer zu Gunsten der Freiheit und Unparteilichkeit. (Mill 1991: 7, Hervorhebung im Original) Dennoch scheint dieses Gesetz der Beweisführung nicht zu gelten, wenn man gegen «die hergebrachte Sitte und das allgemeine Gefühl» antritt, wie Mill in der Einleitung zu «Die Hörigkeit der Frau» feststellt (Mill 1991: 7ff). In Bezug auf Transsexuelle trifft das ebenso zu: dass jemand, der für einen Mann gehalten wird, Frauenkleider anzieht, wird als unnatürlich angesehen. Mill sagt, «dass man unnatürlich gewöhnlich das nennt, was ungewöhnlich ist, und dass alles, was hergebrachte Gewohnheit ist, auch natürlich erscheint» (Mill 1991: 24, Hervorhebung im Original). Die Gewohnheit kann jedoch auch überwunden werden und sich ändern:  Früher  war es ungewöhnlich,  dass Frauen Hosen anziehen, heute  gilt es als normal. Und die Forderungen Mills nach der rechtlichen Gleichstellung der Frau in «Die Hörigkeit der Frau» gelten heute als selbstverständlich, so dass wir uns fast nicht mehr vorstellen können, dass Mill vor 130 Jahren nur Unverständnis erntete4. Für Mill ist klar, dass in einer modernen Gesellschaft das Prinzip der Freiheit Vorrang haben muss vor der Tradition:

Was ist der Charakter der modernen Welt – der hauptsächlichste Unterschied zwischen modernen Institutionen, modernen sozialen Ideen, modernem Leben und dem längst vergangener Zeiten? Die Überzeugung, dass Menschen nicht für einen vorbestimmten Platz im Leben  geboren  und  an  die  Stelle,  wohin  sie  die  Geburt  gewiesen,  unwiderruflich  gefesselt sind, sondern die Freiheit haben, ihre Fähigkeiten anzuwenden und jede sich darbietende Gelegenheit  benutzen,  um  diejenige  Lebensstellung  zu  erlangen,  welche  ihnen  die  wünschenswerteste scheint. (Mill 1991: 30f) Müsste Mill konsequenterweise nicht auch die Freiheit bejahen, wenn Menschen die Gelegenheit benutzen, um dasjenige Geschlecht zu erlangen, welches ihnen das wünschenswertere scheint? Mill äußert sich meines Wissens nicht zu dieser Frage. Das kann daran liegen, dass zu seiner Zeit, in der die Sexual- moral vom strengen viktorianischen Geist beherrscht war, sich nur sehr wenige Transsexuelle getrauten, zu ihren Gefühlen zu stehen, und diejenigen, die es trotzdem taten, für verrückt gehalten und aus der Gesellschaft  ausgeschlossen  wurden.  Mill:  «Dass  so  wenige  wagen,  exzentrisch  zu  sein,  enthüllt  die hauptsächliche Gefahr unserer Zeit» (Mill 1974: 93).

Mill wäre vermutlich erstaunt über die Möglichkeit eines Geschlechtswechsels und überrascht, dass es Menschen gibt, die das wollen. Ob er nach reiflicher Überlegung zum Schluss käme, dass Menschen die Freiheit haben sollten, ihr Geschlecht selbst zu wählen, oder ob er vom eigenen Mut erschreckt zurückkrebsen würde, kann ich nicht beantworten.

Einen  weiteren  Einwand  kann  ich  nicht  unberücksichtigt  lassen:  Der  Wille  einer  Person kann sich ja ändern, auch bei einer Entscheidung, die nur sie selbst betrifft. Soll ein Mensch z.B. die Freiheit haben, sich selbst zu versklaven?  Oder ist es in einem solchen Fall nicht angebracht, die Person vor sich selbst zu schützen? – Ja, meint Mill, denn: Die Ursache der Nichteinmischung in das Handeln eines Menschen [...] ist die Achtung vor seiner Freiheit.  [...]  Verkauft er sich aber als Sklave, so entsagt er seiner Freiheit und  verzichtet damit auf allen künftigen Gebrauch außer diesem letzten. [...] Das Prinzip der Freiheit kann nicht fordern, dass er die Freiheit haben sollte, nicht frei zu sein. (Mill 1974: 141) Kann etwas Analoges wie zur Selbstversklavung auch zur «Selbstkastration» gesagt werden? Schließlich hat eine geschlechtsangleichende Operation (unter anderem) genau jenes Ziel und bereits eine Hormon- behandlung hat nach kurzer Zeit nicht mehr rückgängig machbare Folgen. – Es gibt durchaus Parallelen, auch  wenn  eine  Selbstkastration  nur  einen  Teilbereich  der  menschlichen  Freiheit  verunmöglicht.  Der entscheidende  Unterschied  ist  aber,  dass  Transsexuelle  die  Sexualität  in  ihrem  Geburtsgeschlecht  viel eher als Last denn als Lust empfinden und daher gerne bereit sind, auf einen Teil der Freiheiten zu verzichten, wenn diese Maßnahme ihnen dafür andere, neue Freiräume eröffnet. Dennoch, der Wille der geschlechtswechselwilligen Person könnte ja nochmals kippen. Das ist tatsächlich nicht ausgeschlossen,   wenn auch relativ selten.

Zu den Vorsichtsmaßnahmen  gehört  eine gute Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen sowie ein Alltagstest, in der  das tägliche  Leben in der  anderen  Geschlechterrolle  er- probt  werden  kann.  Unter  Berücksichtigung  dieser  Bedingungen  sollte  meiner  Meinung  nach  die  Entscheidung zu einem solch schwerwiegenden Schritt der betroffenen Person überlassen werden und nicht einem so genannten Spezialisten. Sowohl die eine, wie Der andere können sich irren. – Und wer möchte im Falle eines Irrtums nicht lieber selbst Schuld sein.

Orginaltext: http://geschlechter.net/trans_mill_1.html

Das Menschliche

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