Montag, 23. Juli 2018

Kurz nach der Geburt erfahren die Reuters, dass sie ein intersexuelles Kind bekommen haben. Erste Fragen an die Ärzte sind kaum beantwortet, da folgen die Entlassung aus der Klinik und der Alltag. /// Shortly after giving birth, the Reuters learn that they have had an intersex child. Initial questions to the doctors are hardly answered, as followed by the discharge from the clinic and everyday life.


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Geschrieben und Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2018
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Geschlecht eindeutig uneindeutig
Während ihrer Schwangerschaft glaubt Maria Reuter, eine Tochter zu bekommen. Erst ein Ultraschall nach der Geburt zeigt, dass es mehr als ein Mädchen ist. Eine aufregende Zeit beginnt.

Maria Reuter hatte erwartet, ein Mädchen zu bekommen. "Es war eine ganz normale Schwangerschaft. Wir hatten bei der Frühdiagnostik schon gesagt bekommen: 'Es ist zu 99,9 Prozent ein Mädchen.' Der Arzt rühmte sich dafür, jemand zu sein, der das schon sehr früh erkennen kann." Die Geburt verlief dramatisch, das Kind hatte sich kurz vorher, nach einem Zahnarztbesuch der Mutter, gedreht. Als die Füßchen zuerst kamen, wurde das Baby in den Mutterleib zurückgeschoben und blitzschnell mit einem Kaiserschnitt entbunden. Maria Reuter, die eigentlich anders heißt, aber die Geschichte ihres Kindes zu dessen Schutz unter einem anderen Namen erzählen möchte, kann sich genau erinnern: "Unsere Hebamme hat es uns dann gezeigt: 'Sehen Sie, da ist was ein bisschen anders, aber das kann schon mal sein durch den Hormonschub.' Es hat mich noch nicht mal beeindruckt. Das war mehr so wie: Sehen Sie, hier ist ein größerer Leberfleck. Wir haben uns überhaupt keine Gedanken gemacht. Für uns war ganz klar, das ist ein Mädchen." Als kurz darauf Marias Freundin in den Kreißsaal kam, die sie auch bei der Geburt des ersten Kindes besucht hatte, weinte das Baby. "Sie hat so ein schluchzendes Weinen gehabt. Da hab ich noch gesagt: Guck mal, so weint ein Mädchen!", erzählt sie. Aber das stimmte nicht.

Was ist denn jetzt?

Bis zur Geburt ihres Kindes hatte Maria Reuter noch nie von Intersexualität gehört. Um die frisch operierte Mutter zu schonen, hatte der Kinderarzt des Provinzkrankenhauses, in dem sie entbunden hat, mit ihrem Ehemann gesprochen. "Dann kam mein Mann zu mir und sagte, dass das gar nicht so klar ist, dass es ein Mädchen ist. Der Arzt hatte ihm gesagt: 'Das Kind ist gesund, nicht behindert, aber da ist irgendwas mit dem Geschlecht nicht in Ordnung.'" Als mögliche Ursache hatte er von AGS gesprochen, dem Androgenitalen Syndrom, das als häufigste Ursache für Intersexualität gilt. Etwa eins von 10.000 Kindern kommt mit dieser Hormonstörung zur Welt. "Mein Mann hat das noch in der Nacht gegoogelt, darüber kamen wir erst auf Intersexualität", erzählt Reuter. "Am nächsten Tag marschierten mindestens sechs Personen in mein Zimmer. Da kam eine Garde in Weiß: Chefarzt, Facharzt, Oberärztin und das ganze Krankengeschwisterpersonal. Die standen vor mir und der Chefarzt fragte: 'Wie geht es Ihnen denn?' Ich habe geantwortet: 'Ich würde sagen den Umständen entsprechend gut. Aber ich würde doch gern wissen, ob mein Kind jetzt männlich oder weiblich ist.' Ich fand das eigentlich eine ganz gute Gesprächseröffnung. Daraufhin guckte er sich um, die anderen an, und dann verließen alle wortlos das Zimmer. Der wusste das gar nicht! Man hatte vergessen, ihn zu informieren!" Die Ärzte waren noch so sehr mit der schwierigen Geburt beschäftigt, dass die Intersexualität des Kindes hintenan stand.

Um auf AGS zu untersuchen, das mit Störungen im Salzhaushalt und Flüssigkeitsverlust einhergeht und schnell behandelt werden muss, wurde das Kind auf die Intensivstation eines Krankenhauses in der nächsten Großstadt verlegt, Maria Reuter ging mit. Auch zu diesem Zeitpunkt sieht sie noch nicht klar. "Ich habe immer gedacht, die werden jetzt einfach nur feststellen, dass da irgendwas verwachsen ist und dann wird es schon wieder gut sein." Der Blick auf die inneren Organe des Kindes zeigt jedoch etwas anderes: "Beim Ultraschall war dann klar, dass da nicht einfach nur was verwachsen war. Da wurden auch im Bauchraum ganz klar weibliche und männliche Teile gefunden", sagt die Mutter. Viele intersexuelle Menschen tragen innerlich und äußerlich Merkmale von Mann und Frau. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass neben Eierstöcken und Gebärmutter auch Hoden gefunden werden.

Endlich Aufklärung

Am gleichen Tag haben die Eltern das erste Gespräch. Mehr als zwei Stunden nehmen sich die Chefärztin und der Oberarzt der Endokrinologie (Hormonforschung) sowie die Chefärztin der Pädiatrie (Kinderheilkunde) Zeit. AGS wurde ausgeschlossen und ein sogenanntes chromosomales Mosaik vermutet. Gleich zu Beginn formulierte eine Ärztin, was den Eltern möglicherweise bevorsteht: "Letzten Endes ist Ihr Kind nicht krank, es handelt sich eher um ein gesellschaftliches Problem", zitiert Maria Reuter sie. "Und trotzdem stand stets die Frage im Raum: Müssen wir operieren oder nicht? Also bei der Erkenntnis, dass es sich eher um ein gesellschaftliches Problem handelt, ist das doch erstaunlich!" Zwar sprachen die Ärzte auch von einem erhöhten Krebsrisiko, aber vor allem ging es um die Frage: Kann man einem Kind zumuten, uneindeutig in dieser Welt zu sein?

Maria Reuter haben die gesellschaftlichen Aspekte zu diesem Zeitpunkt überfordert: "Wir wussten nichts von Intersexualität bis dahin! Es war Stunde 48 nach der Geburt, als wir zum ersten Mal davon gehört hatten." Ganz offen erzählt sie, wie sie bei dem Gespräch versucht hat, sich ein Bild von ihrem Kind zu machen: "Ich hab da auch viel dummes Zeug gefragt, mein Mann lacht sich darüber heute noch tot. Ich habe etwa gefragt: 'Ist das dann wie bei Eunuchen?' Mir kam alles in den Sinn, was ich mal an Besonderheiten gehört hatte."
Die Ärzte haben sich bemüht, den Eltern unterschiedliche Wege aufzuzeigen. Klärten sie auf über die medizinischen Unterschiede von biologischem Geschlecht, Geschlechtsidentität, chromosomalem Geschlecht, über Phänotyp und Genotyp und dass das eine nicht das andere bedingt. Aber wie sollte es weitergehen? Das Krankenhaus war wie ein Schutzraum, zu dem nur Freunde und Familie Zutritt hatten. "Eigentlich wollte ich, dass wir schon auf der Heimfahrt wissen, was wir den Leuten sagen. Denn es konnte ja jeden Moment sein, dass wir irgendwo jemandem begegnen." Maria Reuter hätte gern einen Plan gehabt, was sie auf die Frage "Na, was ist es denn?" beim Blick eines Nachbarn, Bekannten oder Fremden in den Kinderwagen sagen wird.


Was sagen wir den anderen?
Kurz nach der Geburt erfahren die Reuters, dass sie ein intersexuelles Kind bekommen haben. Erste Fragen an die Ärzte sind kaum beantwortet, da folgen die Entlassung aus der Klinik und der Alltag.

Wenn Sie zum ersten Mal von der Familie Reuter lesen, also noch gar nicht wissen, dass die Reuters gar nicht Reuter heißen, dann klicken Sie hier und sehen, wie alles begann. Wenn Sie aber bereits auf die Fortsetzung der Geschichte gewartet haben, wie Maria Reuter den Schritt aus dem Schutzraum Krankenhaus in ihren Alltag geschafft hat, dann lesen Sie einfach weiter.
Es war rund eine Woche nach der dramatischen Entbindung, Not-Kaiserschnitt wegen Fußlage des Babys, Diagnose uneindeutiges Geschlecht, als Familie Reuter nach Hause fuhr und sich fragte: Was sagen wir? Engste Freunde und die Familie waren eingeweiht, dass statt des erwarteten Mädchens ein Kind mit nicht eindeutigem Geschlecht zur Welt gekommen war. Im Krankenhaus hatte eine zwar mitfühlende, aber letztlich sehr medizinische Aufklärung stattgefunden, bei der die Eltern zum ersten Mal mit der Tragweite des Befundes konfrontiert worden waren. Intersexuell, zwischengeschlechtlich, mehrdeutig: Das heiß ersehnte Mädchen hatte mehr mit auf die Welt gebracht, als alles, wovon die Eltern jemals gehört hatten.

Jetzt nichts Falsches sagen

Nun war also die Woche in der Klinik vorbei, die Begegnung mit dem Alltag stand an. Neben Freunden und Familie würden Fragen von Menschen kommen, die einfach im Vorbeigehen kurz in den Kinderwagen schauen und ein Baby angucken wollen. Und garantiert nach dem Geschlecht fragen, wenn die Kleidung nicht rosa oder hellblau ist. "Ich sehe uns noch hier ankommen und ich wollte, dass wir wissen, ob wir jetzt Junge oder Mädchen sagen", erzählt Maria Reuter von der Stunde ihrer Heimkehr. "Es ist uns niemand begegnet, wir konnten unbemerkt durch das Treppenhaus nach oben gelangen, aber dann war klar: Das ist jetzt das, was ansteht." Statt stolz das eigene Kind präsentieren zu können, muss eine Strategie her. "Das war der absolute Tiefpunkt", weiß Maria Reuter noch genau.
Die ersten Tage nach der Heimkehr aus dem Krankenhaus werden zur emotionalen Achterbahnfahrt. Das Dilemma mit der geschlechtlichen Uneindeutigkeit ist überwältigend, die eheliche Kommunikationsfähigkeit steht auf dem Prüfstand. Und ganz nebenbei sind das Baby und der große Bruder zu versorgen. Während die Mutter dem Problem aus dem Weg gehen möchte und zunächst darauf drängt, einfach zu sagen, es sei ein Mädchen, ist ihr Mann strikt dagegen. Irgendwann wird den Eltern die gesamte Dimension bewusst: "Wir hatten das Gefühl, was auch immer wir jetzt sagen, könnte falsch ausgelegt werden. Was machen wir, wenn es dann hinterher doch anders ist?" Die Eltern erkennen, mit wie viel Stigma ein Geschlechtswechsel behaftet ist: "Der Gedanke, dass das Geschlecht sich ändern kann, ist in dem Moment unheimlich erschreckend. Man denkt, da kommt man gleich in einen Topf mit Transvestiten und Transsexuellen und fragt sich: 'Mit wem werde ich da in eine Schublade gesteckt?' Das sind Leute, die bisher immer weit weg waren." Bald merken die beiden, dass dies genau die Art Vorurteil ist, vor dem sie sich selbst fürchten: "Ach so, die haben sich das auch nicht ausgedacht, um die Welt zu ärgern! Die wollen einfach nur sie selber sein."
Die Hamburger Psychotherapeutin Hertha Richter-Appelt, eine der führenden Expertinnen zum Thema Intersexualität, erklärt die Verunsicherung betroffener Eltern Kinder so: "Eltern haben Fantasien über ihre Kinder, das geht schon vor der Geburt los. Die Tatsache, dass es ein Kind ist, bei dem man nicht weiß, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, verunsichert erst mal. Man fragt sich, ob dieses Kind Partner haben wird, wie es im Beruf zurechtkommt et cetera. Eine sehr aufgeklärte Familie wird offen damit umgehen können, das erfordert jedoch starke Persönlichkeiten. Es gibt auch Familien, wo die Eltern nicht wollen, dass die Geschwistererfahren, was mit diesem Kind los ist. Auch heute noch."

Kind ohne Namen

Schließlich wird dem Paar klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Versteckspiel muss ein Ende haben, sie waren ja auch früher keine verschlossene Menschen gewesen. Es hilft nur Ehrlichkeit. Für Maria Reuter kommt es zur ersten Begegnung mit einem Fremden: "Es war ein Nachbar, der die Straße fegte. Ein älterer Herr, den ich nicht besonders gut kannte, und er fragte gleich: 'Was ist es denn?' Dann habe ich gesagt: 'Ich kann es Ihnen leider nicht sagen. Wir wüssten es auch gerne, aber das Kind ist mit uneindeutigem Geschlecht geboren und es werden noch weitere Tests gemacht.'" Nachdem es erst einmal raus war, ging die Mutter immer beherzter vor. "Ich habe sehr früh angefangen, die Leute zu ermutigen, und gesagt: 'Ich freue mich, dass Sie fragen!'" Und als eine gewisse Routine eingesetzt hatte, folgte der nächste Schritt und sie sagte: "Ihr könnt mich auch übermorgen wieder fragen, ob es schon was Neues gibt!" Sie hätte sonst das Gefühl gehabt, dass weiterhin Unsicherheit im Raum steht. Das Verrückte war: Kaum jemand fragte nach. "Sobald man das Kind kennt, verliert die Frage zum Geschlecht offenbar an Relevanz", schließt Maria Reuter heute daraus.
Natürlich gibt es auch kuriose Erlebnisse wie dieses: "Wir hatten eine Versicherungskarte, da stand drauf: Ohne Namen und dann der Nachname, also 'Ohne Namen Reuter', weil das Kind ja noch keinen Vornamen hatte. Mit dieser Versichertenkarte ging ich damals in die Apotheke bei uns um die Ecke, um die Augentropfen zu bekommen, die Babys am Anfang kriegen. Die Apothekerin guckt darauf und lacht sich kaputt. Das ist ja auch total lustig! Ich fand es schön, dass sie so natürlich reagiert hat. Am nächsten Tag kam ich zurück, um das Medikament abzuholen, da war ihr das hochnotpeinlich, dass sie so gelacht hatte! Sie war offenbar inzwischen aufgeklärt worden, was Sache ist. Ich glaube, das ganze Viertel wusste längst Bescheid, als wir noch darüber nachgedacht haben, 'Wem sagen wir was?'."

Auswahl an geschlechtsneutralen Namen wächst

Die Reuters beschließen, ihrem Kind einen weiblichen Vornamen sowie einen geschlechtsneutralen Mittelnamen zu geben. Letzteres wäre heute nicht mehr notwendig: "Das würde ich heute anders machen, denn der Rufname ist der Rufname, das ist das, was das Kind gewohnt ist und den wechselt man nicht einfach so. An seinem Namen hängt man ja, das bin ich, das ist ein Stück meiner Identität. Heute würde ich dem Kind sofort einen androgynen Namen geben." Sascha, Robin, Luca, Mika - die Auswahl an geschlechtsneutralen Namen nimmt zu. Ein Vorname muss heute nicht mehr geschlechtsspezifisch sein, spätestens seit 2010 auch nicht mehr durch einen eindeutigen zweiten Vornamen ergänzt werden, wie die Juristin Konstanze Plett von der Universität Bremen, die sich schon lange mit Intersexualität beschäftigt, im Gespräch mit stern.de erklärt.

Das Kind der Reuters geht inzwischen zur Schule und findet seinen Namen zum Glück prima. Was Maria Reuter ihrem Kind antwortete, als es zum ersten Mal gefragt hat: "Was bin ich denn jetzt?"






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Sonntag, 22. Juli 2018

Mit der neuen Verfassung wird außerdem der Weg für die Homo-Ehe frei gemacht und die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben vorangetrieben. In Artikel 68 des Verfassungsentwurfs wird die Ehe als "freiwillig geschlossener Bund zwischen zwei Personen" definiert.



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Kuba legalisiert Privatbesitz und stärkt die Bürgerrechte

it einer umfassenden Verfassungsreform will sich Kuba weiter der Marktwirtschaft öffnen und die Rechte seiner Bürger stärken. Das Parlament in Havanna begann am Samstag Beratungen über ein neues Grundgesetz, das Privatbesitz legalisieren und unter anderem den Weg für die gleichgeschlechtliche Ehe frei machen soll. Das Ziel der Schaffung einer "kommunistischen Gesellschaft" wird in der neuen Verfassung gestrichen, über die spätestens Montag abgestimmt werden soll.

Der Sekretär des Staatsrats, Homero Acosta, sagte, das "kubanische sozialistische Modell" bleibe im Prinzip erhalten mit der führenden Rolle der Kommunistischen Partei und der Staatswirtschaft, doch bedürfe es Veränderungen. Die Gesellschaft und die Wirtschaft hätten sich gewandelt, und dies müsse sich auch in der Verfassung widerspiegeln, sagte Acosta im Parlament an der Seite von Präsident Miguel Díaz-Canel.
Dieser hatte die Verfassung mit seinem Vorgänger Raúl Castro ausgearbeitet, der als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei weiter große Macht besitzt. Castro hatte als Nachfolger seines über Jahrzehnte regierenden Bruders Fidel Castro das Land seit 2008 schrittweise für die Marktwirtschaft geöffnet und Privatbesitz sowie ausländische Investitionen zugelassen. Mit der Verfassung soll diese Öffnung nun weitergeführt werden.

Derzeit arbeiten in dem karibischen Inselstaat rund 591.000 Menschen im Privatsektor, der für 13 Prozent der Wirtschaftsleistung aufkommt. Acosta sagte, die Rolle des Marktes könne "nicht ignoriert werden", und der Privatbesitz sei heute eine Realität des "wirtschaftlichen und sozialen Modells" Kubas. Kleine und mittlere Unternehmen sollten rechtlich anerkannt werden, doch müsse die "Fähigkeit des Staates zur Leitung und Kontrolle" der Wirtschaft bewahrt werden, mahnte er.

Die bisherige Verfassung stammt von 1976 und nennt in Artikel 5 die Schaffung einer "kommunistischen Gesellschaft" als Ziel. Diese Formulierung wird nun gestrichen. Mit der Anerkennung des Privateigentums bedeute die neue Verfassung eine "interne ideologische Öffnung", sagte der kubanische Politikanalyst Arturo López-Levy. Künftig werde die kubanische Wirtschaft eine "Mischwirtschaft" sein.

Die Reform sieht auch vor, dass die Macht künftig zwischen Staatspräsident und Regierungschef aufgeteilt wird. Dafür wird das Amt eines Ministerpräsidenten wiedereingeführt, das 1976 gestrichen worden war. Die Amtszeit des Präsidenten wird zudem auf zwei fünfjährige Amtszeiten begrenzt, Kandidaten dürfen nicht älter als 60 Jahre sein. Sowohl Fidel als auch Raúl Castro waren beide älter als 80, als sie die Macht abgaben.
Mit der neuen Verfassung wird außerdem der Weg für die Homo-Ehe frei gemacht und die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben vorangetrieben. In Artikel 68 des Verfassungsentwurfs wird die Ehe als "freiwillig geschlossener Bund zwischen zwei Personen" definiert. Das Geschlecht der Beteiligten werde nicht festgelegt, sagte Costa. Bisher wurde die Ehe als "freiwilliger Bund zwischen einem Mann und einer Frau" definiert.

Der Journalist Francisco Rodríguez nannte den Entwurf "eine offene Tür" für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Dass der Text auch das "Prinzip der Nicht-Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung" beinhalte, erlaube es, die Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender (LGBT) in der Rechtsordnung festzuschreiben.

Sexuelle Minderheiten wurden in Kuba lange Zeit stigmatisiert. Homosexuelle wurden oftmals in sogenannte Umerziehungslager gesteckt und systematisch vom Staatsdienst ferngehalten. Raúl Castros Tochter Mariela Castro setzt sich seit langem als Abgeordnete für die Rechte der LGBT ein.
Das Parlament soll bis Montag über die 224 Artikel der neuen Verfassung abstimmen. Danach soll der Text den Bürgern in einem Referendum zur Abstimmung vorgelegt werden. Die Kommunistische Partei hat die Reform bereits abgesegnet.




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Samstag, 21. Juli 2018

: Er macht medizinische Diagnosen zur Bedingung, und ist damit selbst diskriminierend. Frauen, Männer undDer Entwurf zur dritten Option ist zu restriktiv etwas Drittes. Der Streit um die Bezeichnung transidenter Menschen tobt. Frank Gommert schlägt eine neue Bezeichnung vor.


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„Das Gender-Sternchen ist verbrannt“
Frauen, Männer und etwas Drittes? Der Streit um die Bezeichnung transidenter Menschen tobt. Frank Gommert schlägt eine neue Bezeichnung vor.

taz: Herr Gommert, das Bundesverfassungsgericht hat den Gesetzgeber im Herbst 2017 beauftragt, diePersonenstandsbeschreibung zu erweitern auf Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann verstehen. Zwar gibt es im Innenministerium dazu einen Referenten-Entwurf. Passiert ist indes bislang nichts. Nimmt die Bundesregierung das Thema nicht ernst genug?
Frank Gommert: Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht genug macht oder ob sie nicht verstanden hat, wie nötig das ist, um alle Gesellschaftsschichten in ihrer sexuellen Vielfalt abzubilden.
taz: Was ist denn nötig?
Frank Gommert: Neben den sich eindeutig definierenden Frauen und Männern, die die Mehrheit bilden, gibt es Minderheiten mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten, darunter Inter- und Transsexuelle und solche, die sich nicht eindeutig definieren möchten. All diese verschiedenen transidentischen Gruppen haben ihre Bedürfnisse, die man in der Öffentlichkeit abbilden sollte. Bisherige sprachliche Vorschläge wie „Inter“, „Trans“ und „Weiteres“ reichen da nicht aus. Gut wäre beispielsweise die Formulierung „geschlechtliche Varianten“.
taz: Gibt es keine bessere Formulierung als diesen sprachlich doch recht sperrigen Begriff?
Frank Gommert: „Geschlechtliche Varianten“ schließt niemanden aus, so wie das bei den anderen Vorschlägen der Fall ist. Darunter können sich selbst eindeutige Cis-Menschen wiederfinden, also all jene, die sich eindeutig als Frauen und Männer definieren.
taz: Haben Sie Verständnis dafür, wenn jemand sagt, das ist mir alles zu viel Gewese um Minderheitenrechte, es gibt Wichtigeres?
Frank Gommert: Das ist ähnlich wie mit der Diskussion um die Gender-Sternchen. Die sind mittlerweile verbrannt, weil sich darunter zu viele Forderungen zu vieler Gruppen versammeln.
taz: Angenommen, die Bundesregierung nimmt sich der Sache nach der Sommerpause an und das Personenstandsgesetz wird geändert – angeblich soll das Justizministerium in der Schublage einen fertigen Gesetzentwurf haben – löst das die Probleme der gesellschaftlichen Anerkennung transidenter Menschen?
Frank Gommert: Nein, natürlich nicht. Das Transsexuellengesetz beispielsweise gibt es seit 1980, transidente Menschen kämpfen aber immer noch um allgemeine öffentliche Anerkennung. So etwas dauert sehr, sehr lange.


Der nächste Ausschluss
Der Entwurf zur dritten Option ist zu restriktiv: Er macht medizinische Diagnosen zur Bedingung – und ist damit selbst diskriminierend.

Der Schmalspurentwurf zur dritten Option aus dem Innenministerium sieht nun leider einen dritten Personenstand vor, der „weiteres“ heißen und nur für Personen gelten soll, die mit einer ärztlichen Bescheinigung nachweisen können, dass bei ihnen eine „Variante der Geschlechtsentwicklung“ vorliegt.
Dieser unzumutbare Nachweis würde erstens zu einer erneuten Pathologisierung führen. Zudem ist die Voraussetzung medizinischer Nachweise als Kriterium für den Zugang zum dritten Geschlechtseintrag unserer Auffassung nach verfassungswidrig.
Der Schmalspurentwurf zur dritten Option aus dem Innenministerium sieht nun leider einen dritten Personenstand vor, der „weiteres“ heißen und nur für Personen gelten soll, die mit einer ärztlichen Bescheinigung nachweisen können, dass bei ihnen eine „Variante der Geschlechtsentwicklung“ vorliegt.
Dieser unzumutbare Nachweis würde erstens zu einer erneuten Pathologisierung führen. Zudem ist die Voraussetzung medizinischer Nachweise als Kriterium für den Zugang zum dritten Geschlechtseintrag unserer Auffassung nach verfassungswidrig.
mit doppelter Begutachtungspflicht in Kauf nehmen müssen.
Fazit: Die klare Differenzierung zwischen trans* und inter* macht keinen Sinn, weil Geschlecht immer ein komplexes Zusammenspiel von Körper und Identität ist. Daher plädieren wir für einen inter*- und trans*-inklusiven dritten Personenstand, dessen Zugang einzig auf Selbstbestimmung beruht und allen Menschen hürdenlos zugänglich sein sollte.
Aber das allein reicht nicht. Es braucht auch einen umfassenden Schutz vor trans*- und inter*feindlicher Diskriminierung und Gewalt sowie eine umfassende Gesundheitsversorgung. Langfristig sollte die registerliche Erfassung von Geschlecht sowieso ganz abgeschafft werden, da es dafür heutzutage keine Notwendigkeit mehr gibt.






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Freitag, 20. Juli 2018

Ministerin Giffey plant Erneuerung des Transsexuellengesetzes


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Ministerin Giffey plant Erneuerung des Transsexuellengesetzes
Zum 40. Jahrestag des Christopher Street Days (CSD) hat Bundesministerin Franziska Giffey (SPD) ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz gesetzt. Bei der Veranstaltung kündigte sie an, gemeinsam mit Justizministerin Barley (SPD) das Transsexuellengesetz reformieren zu wollen.

Derzeit stehen das BMFSFJ und das BMJV im Austausch mit dem CSU-geführten Ministerium für Inneres und Heimat in Verhandlung, sagte die Ministerin. Gemeinsam mit queeren Aktivist*innen diskutierte Giffey über Erfolge für der LSBT-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen) – beispielsweise die 2017 beschlossene Ehe für alle – aber auch Bereiche in denen weiterhin für gleiche Rechte gekämpft werden müsse. Damit thematisierte sie das aus den frühen Achtzigern entstandene Transsexuellengesetz. Es sieht unter anderem vor, dass zwei Gutachten und ein sogenannter Alltagstest – in dem Menschen ihre sexuelle Identität „validieren“ – durchgeführt werden müssen, um Personenstand und Vornamen ändern zu können. Giffey sieht für diese Verfahren keine Notwendigkeit. Denn das Selbstbestimmungsrecht sei der Fokus. Über die eigene Geschlechtsidentität könne nur jeder Mensch selbst Auskunft geben, so die Ministerin. Mit einem moderneren, neuen Transsexuellengesetz möchte sie „Schutz und Akzeptanz für geschlechtliche Vielfalt“ erreichen.

Im Rahmen der Berlin Pride Week und dem Jubiläum der jährlich stattfindenden CSDs würdigte Giffey den jahrelangen Einsatz der Bewegung für ein gleichberechtigtes Leben und eine offene, freie Gesellschaft. Neben den Fahnen der EU und Deutschland hisste sie heute vor ihrem Ministerium die Regenbogenflagge.

Um Diskriminierung gegen Trans- und Homosexuelle zu beenden, setzt sich das Bundesfamilienministerium mit Projekten wie „Demokratie Leben!“ für mehr gesellschaftliche Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt ein.

Dr. Franziska Giffey hisst Regenbogenflagge vor dem Ministerium
Deutschlandweit wird 2018 der 40. Christopher Street Day gefeiert. Zu diesem Anlass hat Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey am 20. Juli die Regenbogenflagge vor dem Bundesfamilienministerium gehisst.

Am 20. Juli hat Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey anlässlich des 40. Christopher Street Day die Regenbogenflagge vor dem Bundesfamilienministerium in Berlin gehisst. Seit 1979 wird der Christopher Street Day in Deutschland gefeiert. 2018 steht der Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern in Berlin unter dem Motto "Mein Körper - meine Identität - mein Leben!".
Dr. Franziska Giffey hob die besondere Bedeutung des Tages hervor:
"Seit 1979 gehen Menschen in diesem Land beim Christopher Street Day auf die Straße und fordern Respekt, Anerkennung und vor allem gleiche Rechte für gleichgeschlechtlich liebende sowie für inter- und transgeschlechtlich lebende Menschen. Wir würdigen heute den langjährigen Einsatz für Gleichberechtigung, Menschenrechte und eine freie Gesellschaft."

Einsatz für echte Gleichstellung

2017 ist mit der Öffnung der Ehe ein wichtiger Erfolg für die Gleichstellung erzielt worden. Doch die Arbeit für gleiche Rechte geht weiter: Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum "Dritten Geschlecht" ist die Bundesregierung verpflichtet, bis Ende 2018 einen weiteren Geschlechtseintrag im Personenstand einzuführen. Außerdem soll das Transsexuellengesetzes reformiert werden. Ein weiteres wichtiges Thema ist das im Koalitionsvertrag vereinbarte Verbot von geschlechtszuweisenden medizinischen Eingriffen.
Dr. Franziska Giffey:
"Für mich steht das Selbstbestimmungsrecht jeder und jedes Einzelnen im Mittelpunkt. Ich sehe keinen Grund, weswegen Menschen vor einem Personenstands- oder Vornamenswechsel zwei Gutachten durchlaufen und in einem sogenannten 'Alltagstest' beweisen sollten, dass sie dem 'Gegengeschlecht' angehören. Über die eigene Geschlechtsidentität kann nur jeder Mensch selbst Auskunft geben. Darum ist auch wichtig, dass Kinder nicht operiert werden, nur um ihr Geschlecht anzugleichen. Ich arbeite dafür, dass das Transsexuellengesetz durch ein modernes Gesetz zum Schutz und zur Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt ersetzt wird."

Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vorantreiben
In den letzten 20 Jahren ist die gesellschaftliche Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt stetig gewachsen. Dennoch muss sie auch immer wieder verteidigt und neu erkämpft werden. Dies zeigt beispielsweise die Leipziger Mitte Studie 2016. Der Studie zufolge stimmen 40 Prozent aller Befragten der Aussage zu, es sei "ekelhaft", wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Im Zeitraum von Januar 2017 bis zum 29. Januar 2018 wurden 300 politisch motivierte Straftaten mit der Nennung des Unterthemas "Sexuelle Orientierung" erfasst, insgesamt 161 Tatverdächtige wurden ermittelt. Das Bundesfamilienministerium wird sich mit dem Bundesprogramm "Demokratie Leben!" weiterhin für Projekte gegen Trans- und Homofeindlichkeit einsetzen.



Quelltext: http://www.zwd.info/ministerin-giffey-plant-erneuerung-des-transsexuellengesetzes.html





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Higher risk of child abuse by gays and lesbians scientifically proven? /// Höheres Risiko für Kindesmissbrauch durch Schwule und Lesben wissenschaftlich belegt?




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Höheres Risiko für Kindesmissbrauch durch Schwule und Lesben wissenschaftlich belegt?
Warum der Evolutionsbiologe Prof. Kutschera sich bei dieser Behauptung nicht auf die Wissenschaft berufen kann und am Ende nur übrig bleibt: Ich kenne es nur so und so soll es bleiben …. Von Dr. Sven Paßmann.

Blogs sind etwas, was ich noch nicht wirklich für mich entdeckt habe. Ich lese ab und zu mal einen, aber regelmäßig ist etwas anderes. Und dann passiert es mitunter, dass da ein sehr starkes Gefühl ist, die eigenen Gedanken in Worte zu fassen. Und dann fängt man sogar an, einen Blog zu schreiben.

Vor allem wenn man Fragen hat. Und diese nie beantwortet werden. Weil das Gespräch abrupt endet. Oder weil plötzlich ein neues Thema aufgemacht wird – zumindest wirkt es so. Und ganz besonders auffällig wird es, wenn man an einem Punkt im Gespräch angekommen ist, wo die Beantwortung dieser Frage das Gespräch entscheiden würde.

Der Kampf um Argumente

Entscheidung – dieses Wort weckt Erinnerungen an einen Kampf, der entschieden werden muss. Und oftmals fühlt es sich auch so an wie ein Kampf. Ein Kampf um Argumente. Und diese entscheidende Frage – so scheint es – entscheidet diesen Kampf. Und ebenfalls gerade weil es nach dieser Frage immer zu einem abrupten Ende der Diskussion kommt oder einem Wechsel, beschleicht mich das Gefühl, wenn man ahnt: hier wird der Kampf entschieden – und zwar nicht für denjenigen, der die Diskussion an dieser Stelle abbricht.

Eine dieser Art Fragen ist: Was ist das Essentielle an einem Vater und einer Mutter, dass nur diese Kombination eine erfolgreiche Erziehung von Kindern garantiert?

Dem vorausgegangen ist zumeist ein Austausch von Argumenten wie: das war schon immer so, die Natur hat das so eingerichtet, Vorbildfunktion, nur Frauen und Männer können zusammen Kinder haben usw.. Doch seien wir ehrlich: Keine dieser Antworten ist befriedigend. Zu all diesen Antworten gibt es Gegenbeispiele – und das alleine schon auf heterosexueller Seite. Und nicht zuletztdas Naturargument stellt sich als das problematischste von allen heraus – denn die Natur hatte offensichtlich kein Problem damit, Homosexualität entstehen zu lassen und ihr – so scheint es – sogar eine evolutionär sinnvolle Funktion zu geben (Quelle).

Homophobie und die Rassentrennung
Und wie es schon die Rassisten in den USA zu Zeiten der Rassentrennung oder die Nazis im dritten Reich taten, so wird auch hier versucht eine Wissenschaft zu etablieren, die Argumente für die Gegner homosexueller Elternschaften finden soll.

Doch zum Glück liegt der Fall hier komplizierter: Die Menge des Wissens ist seitdem exponentiell gestiegen (Quelle), Langzeitstudien längst etabliert (Quelle 1Quelle 2Quelle 3) und die Menge der Studien, die keinen Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen Elternschaften finden konnten, übertreffen in der Anzahl und Aussage die gegenteiligen Befunde bei weitem (Quelle).
Die vermeintliche Unfehlbarkeit von Professoren

Aber das heißt nicht, dass dies jeder so annehmen will. Und wenn man sogar Professoren in seinen Reihen weiß, wähnt man sich wohl sicher, unangreifbar in seinen Forderungen zu sein – denn hey, es ist ein Professor, der muss es ja schließlich wissen. Wie sehr man sich da selbst betrügt, hätte man eigentlich schon bei Prof. Winterhoff ahnen müssen. Nicht nur, dass er wesentliche Urteilssprüche zu seinem referierten Thema weitgehend unbeachtet lässt. Nein, seine Prämisse ist auch noch gänzlich falsch, was sein ganzes Gutachten, erstellt für den Verein „Echte Toleranz  e.V.“ [sic!], noch bevor es Wirkung erzielen kann, hinfällig macht. Über dieses Gutachten und dessen Aussage, Bildungspläne zur Förderung der Akzeptanz von Vielfalt seien verfassungswidrig, wurde schon an anderer Stelle kommentiert.
Wissenschaft und die Anerkennung menschlicher Vielfalt

Seit einiger Zeit gibt es noch einen weiteren Protagonisten, der für die Gegner menschlicher Vielfalt im Einsatz ist: Prof. Dr. Ulrich Kutschera, seines Zeichens Inhaber der Professur für Pflanzenphysiologie inkl. Lehrbereich Evolutionsbiologie. Herr Kutschera äußerte sich bereits mehrmals zu dem Thema Eheöffnung – und das keineswegs positiv. Das wäre insoweit nicht weiter dramatisch, wenn seine Argumente stichhaltig wären. Das sind sie aber nicht. Verwunderlich möchte man meinen, im Angesicht eines Professorentitels. Hach, wenn es nur das wäre. Und auch hier– wie so oft – zeigt sich als letztes verbleibendes Strohhalm-Argument heraus: Ich kenne es nur so und so soll es bleiben …

Hier meldet sich also ein Professor zu Wort. Ein Mensch, der gelernt hat, Literatur zu wälzen, für und wider seiner Thesen und Befunde gegenüberzustellen und stichhaltig zu begründen. Umso stärker das Entsetzen, wenn man mit ansehen muss, dass bei den Äußerungen von Herrn Kutschera zu diesem Thema die damit gemeinte „scientific integrity“ (gute wissenschaftliche Praxis: die qualifizierte, akribische und objektive Suche nach Wahrheit in einer Atmosphäre gewissenhaftester Ehrlichkeit) sich nicht ansatzweise erkennen lässt.

Was sagt uns das über uns Wissenschaftler aus? 

Was sagt uns das über unsere Glaubwürdigkeit gegenüber der Bevölkerung aus?

Die katholische Zeitung „Die Tagespost“ (Quelle) hatte mit Bezug auf Kutschera u.a. behauptet, es gäbe ein höheres Missbrauchsrisiko bei Homosexuellen gegenüber Kindern – was als einer der Hauptbelege für Kutscheras Nein zur Eheöffnung für Schwule und Lesben angeführt wurde. Auf Anfrage der Blu-Mediengruppe bei „Die Tagespost“, worauf sich denn diese Behauptung stützt, werden mehrere Studien genannt, die dies bestätigen sollen.

Angebliche Studie ist keine

In der Antwort der Zeitung wird eine Studie dann tatsächlich nicht etwas als Studie eingeordnet, sondern als Beitrag in einem Ärzteblatt richtig gestellt (Quelle) und folgerichtig als Fehler Kutscheras bezeichnet – etwas, was auf dem Niveau eines Professors zunächst einmal nicht passieren kann und darf. Gleichzeitig wird in diesem Beitrag auf 19 Einzelstudien verwiesen, die aber nicht verlinkt sind und auch dies ficht Herrn Kutschera nicht an – obwohl er diese 19 Studien nicht mal prüfen konnteHier versagt er abermals in den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis.

Des Weiteren wird eine doch recht Aufsehen erregende Studie von Mark Regnerus aus dem Jahr 2012 angeführt. Eine Studie die bis heute als Beleg für oben genannte Behauptungen dienen soll und auch reichlich oft angeführt wird. Doch auch hier wird Herr Kutschera seiner Rolle als Professor nicht gerecht. Sich ausruhend auf den angeblichen 19 Studien reicht es ihm dann wohl, sich auf diese eine Studie noch final zu beziehen (die übrigens auch eine Folgestudie hatte). Und auch hier versagt er wiederum in guter wissenschaftlicher Praxis: er „vergisst“ zu erwähnen, dass sich diese Studie (und die Nachfolgestudie) massiver Kritik gegenüber gestellt sah (Quelle 1Quelle 2). Ebenfalls unerwähnt bleibt folgender Satz von Mark Regnerus selbst: „I am thus not suggesting that growing up with a lesbian mother or gay father causes suboptimal outcomes because of the sexual orientation or sexual behavior of the parent.” („Ich behaupte also nicht, dass das Aufwachsen mit einer lesbischen Mutter oder einem schwulen Vater aufgrund der sexuellen Orientierung oder des sexuellen Verhaltens der Eltern zu suboptimalen Ergebnissen führt.”)

Ähnliches behauptete Prof. Kutschera auch schon auf kath.net (Quelle) und führte zu seiner Unterstützung des ebenfalls dort angeführten Beitrags aus besagtem Ärzteblatt zwei Monographien eines Arztes auf, der seit mehr als 30 Jahren sexuell missbrauchte Kinder betreut. Nicht dass wir uns falsch verstehen – JEDER Missbrauch ist einer zu viel. Aber hier zählt nicht die Menge oder die Wahrscheinlichkeit. Denn dann dürften Heterosexuelle auch nie Kinder adoptieren oder überhaupt welche bekommen – sie stellen immer noch die größte Gruppe derer, die Kinder missbrauchen. Es ist richtig, dass etwas angesprochen werden muss, was existiert – aber sich daraus ein Argument zu stricken, Homosexuellen die Adoption zu verwehren ist absurd.
Andere Studien nicht berücksichtigt

Was aber noch viel schwerer wiegt ist – und hier gibt es keine Entschuldigung –, dass er sämtliche Studien ignoriert, die eben diese seine Behauptung nicht unterstützen (Quelle), sondern ebenfalls massiv in Frage stellen.

Was bleibt dann noch übrig, wenn das schlimmste, was man einem Kind antun kann, als Argument nichts taugt, weil es sich partout in nicht nutzbaren Rahmen finden lässt. Man versteift sich auf die Jahrtausende alte Tradition: Mann und Frau bekommen Kinder, also müssen sie ja wohl auch irgendwie damit zu tun haben, dass nur sie die Kinder richtig erziehen können.
Denn dann bekommt man nämlich zu hören, dass Männer und Frauen ihre ganz eigene, geschlechtsspezifische Weise zu erziehen haben. Doch auch hier – wie so oft – merkt man ziemlich schnell, dass diese Behauptung nicht zu Ende gedacht wurde. Gehen wir davon aus, die Behauptung wäre korrekt: Warum dann Erziehung, wenn die geschlechtsspezifische Weise angeboren ist? Was soll ein Vater und eine Mutter dann noch dem Kind beibringen, was früher oder später nicht eh zum Vorschein kommt?
Biologie vs. Persönlichkeit

Naja, es gäbe ja speziell Themen, die Mädchen und Jungen nur bestimmte Elternteile fragen (Jungs fragen Papa, Mädchen fragen Mama) – wer jetzt lacht, versteht wohl eher noch als die Behaupter, wie wenig das der Wirklichkeit entsprechen muss. Zu sehr hängt das von der Persönlichkeit der Eltern ab, inwiefern sie zu bestimmten Themen als Ansprechpartner taugen. Zu sehr halten sich mitunter Elternteile aus der Erziehung raus – sei es durch Nannys, durch Schichtarbeit usw.. Zu sehr versagen die eigentlich gedachten Elternteile in der Verantwortung, den ihnen oben genannte Behaupter zuweisen. Somit ist auch dieser Punkt nicht geschlechtsspezifisch belegt.

Ganz im Gegenteil – und mehr noch, verlangt es doch in der Konsequenz einen Fähigkeitsnachweis, dass man dieser Verantwortung (also der von den Behauptern gedachten natürlich nur) gerecht wird. Und was, wenn nicht? Erzieht man dann sein Kind nicht richtig? Ist man dann die berühmte Ausnahme von der Norm? Also warum geht nur Vater und Mutter zusammen, wenn die Rollen gerne auch mal wechseln?
Na, weil … Und hier kommt man dann ganz spitzfindig darauf: Es sind die Unterschiede der beiden Geschlechter, die sich ganz spezifisch in Art und Weise des Verhaltens ausdrücken. Nebulöser geht es kaum. Beim Nachhaken merkt man leider ziemlich schnell: Es geht um die verschiedenen Persönlichkeiten. Die man selbstredend als homosexuelles Pärchen nicht haben kann – denn sonst, ja sonst, … nun ja, ist halt so.
Und weiter?

Sie merken, spätestens hier bricht das Gespräch ab – wohl aus oben genannten Gründen. So scheint es mir. Als aufmerksamer Leser und Mitdenker dürfte Ihnen wohl auch klar sein: Auch der Teil mit der Persönlichkeit läuft – zu Ende gedacht – auf einen Nachweis hinaus, dass man die Persönlichkeiten in die Erziehung mit reinbringt, die die Behaupter im Sinn haben. Damit irgendeine ihrer Behauptungen auch nur im Ansatz einen Sinn ergeben können.

Schließe ich meinen kleinen Monolog mit der Wiederholung des Titels:
Ich kenne es nur so und so soll es bleiben …





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Mittwoch, 18. Juli 2018

LGBTI macht Spaß, aber noch ist nicht alles rosarot. Denn die errungen Rechte müssen verteidigt werden. Diese fröhliche Message kommt am CSD-Wochenende über Frankfurt.


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Feiern und Fordern
LGBTI macht Spaß, aber noch ist nicht alles rosarot. Denn die errungen Rechte müssen verteidigt werden. Diese fröhliche Message kommt am CSD-Wochenende über Frankfurt.

Eigentlich könnte man sich doch mal zurücklehnen! Und das Erreichte einfach so feiern. Schließlich ist das, was weltweit unter dem Begriff „Gay-Pride“ firmiert und in Deutschland meist unter dem Begriff „Christopher Street Day“ begangen wird, ziemlich erfolgreich. Schwule und Lesben können sich nun auch standesamtlich verheiraten, nicht mehr nur „verpartnern“, was vielen zu sperrig und doch noch diskriminierend klang. Und nicht nur juristisch, sondern auch gesellschaftlich scheint sich einiges positiv zu entwickeln. Im Mainstream-TV-Sender vox lief in der Primetime eine bunte Dokuserie über die Gay-Hochzeit von Hubert Fella und Matthias Mangiapane. Ein sympathisches Chaos-Pärchen, das in der Serie vielleicht ein wenig zu viel gestritten und ein wenig zu oft geknutscht hat. Aber die Tatsache, dass so etwas läuft, zeigt eigentlich schon, dass wir beim Thema geschlechtliche Gleichstellung ganz schön weit gekommen sind. Und auch dass im Bundeskabinett Schwule ganz unspektakulär in gute Positionen gekommen, ohne dass darüber gelästert wird, ist einfach gut.

Da verwundert es nicht, dass Joachim Letschert, Vorstand und Pressesprecher des Frankfurter CSD einräumt: „Gesetzlich wurde in der Tat einiges erreicht, aber die gesellschaftliche Aufgabe bleibt vorhanden.“ Und der Bundesverband CSD-Deutschland sieht ganz klar, dass auch das Erreichte nie ganz sicher ist und schreibt in seinem Grußwort des vergangenen Jahres: „Deshalb sind wir auch weiterhin gefordert auf die Straße zu gehen und lautstark einzufordern, was unser Menschenrecht ist. Deshalb ist jeder CSD wichtig für unser Land – ganz egal ob er 200 oder 500.000 Menschen erreicht! Wir müssen uns zeigen und hör- und sichtbar sein. Wir dürfen den Rollback-Bewegungen von Rechts nicht im Vertrauen auf die Vernunft der schweigenden Mehrheit stumm zusehen. Jede und jeder steht in der Verantwortung für eine freie, offene und demokratische Gesellschaft einzustehen und zu demonstrieren.“

Genau das wird am Wochenende vom 20. bis 22. Juli rund um die Konstablerwache gemacht. Als Motto haben sich die Frankfurter Veranstalter diesmal für den Slogan entschieden: „Meine Identität ist nicht verhandelbar!“ Wohlgemerkt: Da ist ein Ausrufezeichen am Ende dieser Feststellung. Das heißt dann wohl, es wird sich weiter eingemischt, ganz besonders in die Debatte der Geschlechterbezeichnung. Nach dem höchst erfreulichen Bundesverfassungsgerichtsurteil muss ja bald wenigstens ein drittes Geschlecht als Optionsmöglichkeit von staatlichen Behörden angeboten werden. Die Politik scheint zurzeit noch etwas ratlos zu sein, wie das denn genau funktionieren solle. Vielleicht werden die Diskussionen am Rande der vielen CSDs in Deutschland unseren Politikern dabei die richtigen Entscheidungshilfen mit auf den Weg geben.
Besonders die Demo am Samstag ab 12 Uhr vom Römerberg bis zur Konsti ist eine Highlight-Manifestation dessen, was diese Bewegung auf die Straße bringen kann. Und sie liefert ja auch immer die besten, bunten Bilder. Da kann Frankfurt mal zeigen, wie schön die Comunity ist. Schön in all seinen Facetten, nicht nur ebenmäßig schön, sondern auch schön durch selbstbewusstes und gradliniges Auftreten. Für die Organisatoren sind aber auch die anderen Punkte des CSD-Veranstaltungskalender enorm wichtig: Die offizielle Eröffnung durch den Oberbürgermeister am Samstag um 15 Uhr, die Politik-Talk-Runde ab 16 Uhr, bei der in der Vergangenheit manchmal richtig Schlagzeilen gemacht wurden, weil sich Politiker festlegen mussten. Und ganz wichtig für den Zusammenhalt der Community ist auch die Schweigeminute um 18 Uhr am Samstag. Schließlich sind so viele Freunde und Bekannte ums Leben gekommen, meist durch die schlimme Krankheit, deren Folgen nur langsam eingedämmt werden können. Aber gleich danach wird es auch wieder lustig und rasant, beim Stöckelschuh-Laufwettbewerb in der Infostraße ab 19 Uhr.

Auch die Frankfurter Clubs haben ihre Programme voll dem CSD-Hype unterworfen und dazu gibt es ein buntes Künstlerprogramm auf der Hauptbühne an der Konstablerwache. Durch den Freitag führt dort Conchita Wurst-Double Conchita 4711 zusammen mit planet-radio-Moderatorin Boomchika Leni. Es erwarten die Besucher beispielsweise kräftiger Indie-Rock der Hainburger Band "We are Diamonds" und House, Charts sowie R'n'B und Hip Hop von DJ Björn Petzold. Frankfurt heißt am Tag drauf dann Künstler aus ganz Deutschland wie Absinthia Absolut, DJ Bambi Mercury, Emma Lanford und DJ Martin Rapp willkommen, begleitet von den Moderatoren Tim Frühling, Marlene Delux und Babsi Heart. Am Sonntag übernimmt die Moderation dann Kabarettist Malte Anders zusammen mit Gracia Gracioso, die Sänger Jonathan Zelter, die Tanzkapelle Klub Erika oder die schottische Sängerin Horse McDonald auf der Bühne begrüßen dürfen.

Könnten wir in diesem Jahr beim CSD nicht doch einfach nur feiern, relaxen, die ganzen Forderungen weglassen? Nö. So rosarot ist die Welt noch nicht, selbst in Deutschland nicht. Und wir dürfen ja auch nicht vergessen: Beim Kampf für LGBTI-Rechte handelt es sich um einen weltweiten Kampf für Anerkennung. Gerade mit Unterdrückten in Russland, im Nahen Osten, aber auch in ganz vielen anderen Ländern, muss immer wieder die Solidarität zum Ausdruck gebracht werden. Und bei uns ist auch noch die eine oder andere Baustelle zu bewältigen. Aber: feiert mal schön!





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Transgender-Gesundheit im Fokus /// Transgender health in focus


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Transgender-Gesundheit im Fokus

Menschen, deren subjektiv erlebtes Geschlecht von dem ihnen bei Geburt zugeordneten Geschlecht abweicht, oder die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zuordnen, werden als trans* bezeichnet. Der offen gehaltene Begriff wird als Sammelbegriff für spezifischere Begriffe wie transgender, transident, transgeschlechtlich oder transsexuell verwendet. Trans* ist als Begriff in der Community verwurzelt und wird sowohl von Individuen zur Selbstbeschreibung als auch in Veröffentlichungen in den Bereichen Aktivismus und Forschung genutzt.

Die Diskrepanz zwischen Geschlechtserleben und körperlichen Geschlechtsmerkmalen kann in einem Leidensdruck resultieren, der als Geschlechtsdysphorie bezeichnet wird. Um diesen Leidensdruck zu verhindern oder zu lindern, und um ein Leben im bevorzugten Geschlecht besser zu ermöglichen, streben viele trans* Menschen eine Änderung ihrer körperlichen Geschlechtsmerkmale an. Da der Zugang zu den hierfür notwendigen Behandlungsmaßnahmen reglementiert ist, ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen medizinischer Selbst- und Fremdbestimmung, wobei die jeweiligen Bestimmungen und das Niveau der Reglementierung von Land zu Land stark variieren. Dieses Spannungsfeld besteht vor dem Hintergrund einer Pathologisierung von trans* Identitäten und den Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, denen trans* Menschen oftmals auf individueller sowie struktureller Ebene ausgesetzt sind.

Unabhängig von transitionsbezogenen Behandlungen benötigen trans* Menschen Gesundheitsversorgung, die ihrem Trans*-Sein Rechnung trägt und so z. B. den spezifischen Bedarf an Krebsvorsorge bedient, ohne die trans* Identität der Patient_innen als Anlass für eine Pathologisierung zu nehmen. International strebt die 1979 gegründete World Professional Association for Transgender Health (WPATH) einen selbstbestimmten und menschenwürdigen Zugang von trans* Menschen zur Gesundheitsversorgung an. Mit ihren Standards of Care veröffentlichte sie – zwar stark auf die Situation von trans* Menschen in westlichen Ländern bezogene – international anwendbare Qualitätsrichtlinien für Gesundheitsfachkräfte, die mit und für trans* Menschen arbeiten.

Anfang 2014 auf der 23. WPATH-Konferenz in Bangkok gegründet, stellt die European Professional Association for Transgender Health (EPATH) als europäische Tochterorganisation der WPATH ein weiteres Puzzle-Teil in der Entwicklung hin zu einer qualitativ hochwertigen und bedarfsgerechten Transgender-Gesundheitsversorgung dar. Die EPATH versteht, der Definition der Weltgesundheitsorganisation folgend, Gesundheit als einen ganzheitlichen Zustand, der mehrere Ebenen einschließt: Die Organisation möchte so nicht nur einen Austausch über medizinisch-psychotherapeutische Ansätze, sondern auch ein Ende der Diskriminierung sowie eine Erhöhung der sozialen Akzeptanz von geschlechtsnonkonformen und/oder trans* Menschen erreichen. Gesundheit schließt somit sowohl medizinische als auch gesellschaftliche Perspektiven ein und berührt neben der individuellen Mikroebene auch die gesellschaftliche Makroebene. Die EPATH hat erkannt, dass nachhaltige Verbesserungen im Bereich der Transgender-Gesundheit nur durch eine Gesamtbetrachtung dieser Ebenen und ihres Zusammenspiels erlangt werden können. Um diese Bestrebungen voranzubringen und empirisch zu untermauern, orientiert sich die EPATH stark an Forschung aus den relevanten Bereichen der Medizin, Psychologie und Gesellschaftswissenschaften. Um Forschende, Behandelnde und Vertreter_innen aus Politik und Aktivismus zusammenzubringen und gegenüber Dritten zu vertreten, besteht die EPATH aus den drei Divisionen: klinische Arbeit, Politik und Forschung. Mit ihrer Arbeit verfolgt die Organisation drei große Ziele. Erstens strebt die EPATH an, den Wissens- und Erfahrungsstand in Europa bezüglich der Transgender-Gesundheitsversorgung zu vergrößern und so die Vernetzung europäischer Länder in der Transgender-Gesundheitsversorgung voranzubringen. Zweitens möchte die EPATH Forschungsergebnisse durch Publikationen und Konferenzen verbreiten. Drittens strebt die EPATH auf internationaler Ebene Kooperationen mit Organisationen an, die ähnliche oder gleiche Ziele verfolgen. Diese Ziele sollen mit einer zwei-jährlich abgehaltenen Konferenz erreicht werden.

Die EPATH-Gründungskonferenz mit dem Titel Transgender Health Care in Europe fand vom 12. bis 14. März 2015 in Gent, Belgien statt. Mit ihrem interdisziplinären Programm aus über 100 Präsentationen, 34 Posterpräsentationen, 13 interdisziplinären Workshops und der Ausrufung der EPATH Student Initiative etablierte sie die EPATH als wichtige Plattform für den interdisziplinären und internationalen Austausch zu Transgender-Gesundheitsversorgung. Die drei Divisionen klinische Arbeit, Politik und Forschung waren durch die Programmstruktur sowie durch Programmpunkte repräsentiert, die einen festen Bestandteil zukünftiger EPATH-Konferenzen bilden sollen.

Vertreter_innen der klinischen Arbeit stellten unter dem Titel Transgender Health Care in Europe die untereinander stark variierenden Organisationsstrukturen, Richtlinien und Rahmenbedingungen der Transgender-Gesundheitsversorgung ihrer Länder vor. Die Beiträge stammten aus Belgien (Els Elaut, UZ Gent), Deutschland (Timo O. Nieder, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf), Spanien (Esther Gómez Gil und Clara de Castro, Hospital Clinic Barcelona), dem Vereinigten Königreich (John Dean, Devon Partnership NHS Trust) und der Türkei (Şahika Yüksel, CETAD Istanbul).

Die politische Division der EPATH wurde durch das Symposium Human Rights and Health Care in Europe angesprochen. Neben Grußworten von politischen Vertreter_innen sprach Annelou De Vries (Universitätsklinikum VU Amsterdam) zu Zukunftsperspektiven der Gesundheitsversorgung für trans* Jugendliche. Petra De Sutter (UZ Gent) hielt einen Vortrag zu Möglichkeiten der Reproduktion für trans* Menschen. Abschließend unterstrich Richard Köhler von Transgender Europe (TGEU) in seinem Vortrag die Wichtigkeit eines menschenrechtsbezogenen Fokus, um die durch individuelle und strukturelle Diskriminierung prekäre Situation vieler trans* Menschen in Europa zu verbessern. Die derzeitig hauptsächliche Verortung des Themas in der Medizin und der Psychotherapie könne die Problematik nicht lösen und pathologisiere Individuen oftmals, anstatt ihnen die nötige Unterstützung zu gewähren. Für TGEU sei mit der EPATH eine neue Partnerin entstanden, um den gesellschaftlichen und sozialen Aspekten auf europäischer Ebene einen höheren Stellenwert einzuräumen. Um das Thema der Konferenz über das Fachpublikum hinaus für Diskussionen zu öffnen, war dieses Symposium neben den Konferenzteilnehmer_innen auch für Vertreter_innen von Nichtregierungsorganisationen und Institutionen sowie für Interessierte zugänglich. Darüber hinaus bot die Konferenz auch die wertvolle Möglichkeit für den Austausch zwischen Expert_innen in eigener Sache und fachlichen Expert_innen, da unter den Teilnehmer_innen sowie den Tagungsassistent_innen viele trans* Menschen vertreten waren. Programmatisch für die liberale Ausrichtung der Organisation war außerdem die im Laufe der Konferenz wiederkehrende Thematisierung von Genderqueerness. Von Behandelnden und Forschenden oft ausgespart, war das bewusste Einschließen von genderqueeren, non-binären Menschen in Vorträgen und Diskussionen ein weiterer Schritt hin zu einer bedarfsgerechten Transgender-Gesundheitsversorgung, die sich der Realität geschlechtlicher und identitärer Vielfalt öffnet.

Die Möglichkeit des Austausches zu klinischen Arbeit wurde ergänzt durch das Symposium The Year in Review, das Forscher_innen verschiedener Disziplinen eine Plattform bietet, die neuesten Entwicklungen und Forschungsergebnisse aus ihrem Feld vorzustellen und so in einen interdisziplinären Austausch zu treten.

Während der Konferenz wurde deutlich, dass in der Forschung weiterhin sehr unterschiedliche Standards vorherrschen. Auch zeigte sich eine mitunter starke Diskrepanz im Grad der Fortschrittlichkeit und Liberalisierung der Gesundheitsversorgung. So wurde u. a. die Monopolstellung der Gender-Klinik Oslo, Norwegen, ihre fehlende Kooperation und praktizierte Willkür in der Vergabe positiver Gutachten an behandlungsinteressierte trans* Menschen von der norwegischen Sozialwissenschaftlerin Janneke van der Ros in ihrem Panelbeitrag Citizenship and Trans*related Health Care Provision kritisiert. Als positiven Kontrast zu dieser restriktiven Praxis stellten Maddie Deutsch (u. a. University of California San Francisco) und Anita Radix (Callen-Lorde Community Health Center New York) in ihrem Workshop Reforming Transgender Health Care Delivery at the International Level Through the Informed Consent Model ein liberaleres Behandlungsverfahren vor. Bei dem von ihnen angewandten Informed Consent Model kommt die Gesundheitsversorgung von trans* Menschen ohne die sonst gängigen Reglementierungen aus. Behandlungssuchende benötigen kein psychologisches Gutachten, um transitionsbezogene Behandlungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen. Eine Selbstauskunft und die positive Einschätzung der Entscheidungsfähigkeit der Person durch die behandelnde medizinische Fachkraft sind ausreichend. Dadurch ist z. B. der Beginn der Hormonbehandlung direkt im Anschluss an ein Erstgespräch möglich. Die Forscher_innen betonten die Schutzfunktion dieses barrierefreien Zugangs zu Hormonen: Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich trans* Menschen bei restriktiveren Behandlungsmodellen oftmals ohne adäquate ärztliche Begleitung Zugang zu Hormonen und anderen medizinischen Behandlungen verschafften und es dabei häufig zu gesundheitlichen Komplikationen komme. Des Weiteren berichteten Deutsch und Radix, dass die in ihren Behandlungszentren als freiwilliges Angebot zur Verfügung stehenden psychologische und psychotherapeutische Begleitung der Behandlungssuchenden von einem Großteil der Patient_innen angenommen und durch das Wegfallen des psychotherapeutischen Gutachtens als weitaus hilfreicher beschrieben werde, als in herkömmlichen Behandlungszusammenhängen. Auch seien die Behandlungszufriedenheit und das Wohlbefinden im Selbstbericht durch die Anwendung des Informed Consent Models gestiegen.

Die Verschiedenheit der Beiträge verdeutlichte, dass sich die bei der Konferenz vertretenen Disziplinen noch immer in einer Auseinandersetzung zwischen Akzeptanz und Pathologisierung von trans* Identitäten befinden. Auf der einen Seite wurde vonseiten mancher Vortragenden trans* Identitäten mitunter ihre Gültigkeit abgesprochen, wenn z. B. an Männern interessierte trans* Frauen als homosexuell bezeichnet wurden. Auf der anderen Seite wurden zahlreiche Studien vorgestellt, die trans* Identitäten nicht als das zu beforschende Thema, sondern als selbstverständliche Gegebenheit ansahen, wie etwa im Vortrag Families in Transition von Myrte Dierckx (Universität Antwerpen). Zum Teil wurde den Erfahrungen von trans* Menschen hier durch qualitative Methodik eine eigene Stimme gegeben und vereinzelt die traditionelle Trennung von Forschenden und „Beforschten“ durch die eigene trans* Identität der Forschenden aufgehoben.

Der EPATH stellt sich daher langfristig die Aufgabe, in Europa die Standards in Forschung und klinischer Arbeit in Zukunft auf hohem Niveau zu vereinheitlichen, um einen diskriminierungs- und barrierefreien Zugang zur Gesundheitsversorgung für trans* Menschen sicherzustellen und die Lebenssituation von trans* Menschen zu verbessern. In Europa lokalisiert, kann die EPATH hier besser Einfluss nehmen als die WPATH und fungiert so als sinnvolle Ergänzung neben der Dachorganisation. Mit über 350 Teilnehmenden, der Vielfalt der Beiträge und der Intensität der Diskussionen zeigte sich die Wichtigkeit der EPATH als treibende Kraft in der medizinischen Qualitätsverbesserung. Um jedoch eine umfassende und nachhaltige Verbesserung der Lebensrealitäten von trans* Menschen auf individueller wie gesellschaftlich-struktureller Ebene zu erreichen, sollte die EPATH ihren Blick stärker als bisher auf soziale und politische Aspekte richten. Bisher herrscht sowohl in der Organisation als auch bei der Konferenz eine vornehmlich von Medizin und Psychologie geprägte Perspektive auf trans*-bezogene Themen vor. Als Folge daraus sollten Sozial- und Rechtswissenschaften sowie Organisationen, Institutionen und Personen die sich auf dieser Ebene mit dem Thema Trans* beschäftigen, neben Medizin und Psychologie ebenbürtig vertreten sein.

Bei der Konferenz waren die meisten Länder Europas vertreten. Trotz des europäischen Fokus der EPATH nahmen darüber hinaus auch Forscher_innen und Behandler_innen aus den USA, Südafrika und Thailand teil. Jedoch wurde deutlich, dass neben den zum Teil überproportional repräsentierten Ländern (Vereinigtes Königreich, Niederlande, Deutschland) einige südosteuropäische Länder nicht bei der Konferenz vertreten waren. Eine Vernetzung mit den dort im Bereich der Transgender-Gesundheit Praktizierenden und Forschenden im Interesse der dort lebenden trans* Menschen wurde daher von den Organisator_innen der Konferenz als Ziel für zukünftige Konferenzen formuliert. Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits getan: 2017 wird die nächste EPATH-Konferenz, ausgerichtet vom Gender-Team der dortigen Universitätsklinik, in Belgrad, Serbien, stattfinden.





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Das Menschliche

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