Mittwoch, 16. März 2016

Hijras Das dritte Geschlecht // Hijras The Third Sex


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Geschrieben und Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2016

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HijrasDas dritte Geschlecht

Hijras entsprechen weder dem "typisch weiblichen" noch dem "typisch männlichen" Klischee. Sie sind ein drittes Geschlecht, dass seinen ganz eigenen Stil am Rande der Gesellschaft lebt. Traditionell sind sie in den südasiatischen Gesellschaften innerhalb der ihnen zugedachten Nischen akzeptiert. Trotzdem sind sie häufig Opfer von Diskriminierungen und Gewalt. Außerhalb der Region werden sie vorrangig mit dem Hinduismus in Verbindung gebracht, der islamische Faktor wird dagegen selten erwähnt. Ihr "Anderssein" birgt dabei Problematiken mit sich, die einigen feministischen und queeren Diskursen entgegenstehen. Vermehrt betreten sie den öffentlichen Raum und fordern Rechte für sich ein.

"Sie tauchen oft plötzlich auf, im Nu wird es laut und schrill – und wenn sie gegangen sind, fühlt man sich so, als hätte es einen aus einem kurzen aber heftigen Albtraum gerissen. Ich mag sie nicht, aber man muss nett zu ihnen sein, denn sie verfügen über magische Kräfte und können dich leicht verhexen", mein westbengalischer Sitznachbar im Zug schwieg für ein paar bedeutungsvolle Sekunden und schaute der grellen Truppe nach, die singend und scherzend durch den Gang unseres Wagons zog. Es war nicht meine erste Begegnung mit diesen eigentümlichen Gestalten gewesen, gleichwohl weckten seine Worte mein vermehrtes Interesse an ihnen.
Veraltete, westliche Begriffe wie Eunuch, Kastrat oder Zwitter sind auf die Hijras eher nicht zutreffend. Der Begriff vom sogenannten "dritten Geschlecht" (third gender) scheint mir für sie passender zu sein. Wenn ich von Hijras rede und schreibe, benutze ich trotzdem den femininen Genus, da ich das Neutrum in diesem Fall als respektlos halten würde und sie selbst sich zwar als Wesen, das weder Mann noch Frau ist, bezeichnen, gleichwohl aber weibliche Vor- und Kosenamen wählen.

Hijras - Begriff und Organisation des dritten Geschlechts

Es gibt keine genauen Zahlen über die Anzahl von Hijras in Südasien, Schätzungen belaufen sich auf 700.000 bis zu mehreren Millionen vorrangig in Indien, Bangladesch, Pakistan und Nepal. Neben dem Begriff der Hijra, der hauptsächlich im Urdu und Hindi verwendet wird, existieren auch andere Bezeichnungen wie Mukhannath oder Muhannas (arabische Bezeichnung für kastrierte Männer in Frauengestalt, bzw. weiblichen Seelen in Männerkörpern), Khusra (Panjabi), Alis (Tamil) und Hizra(Bengali). Hijras sind im hinduistischen und auch im muslimischen Umfeld anzutreffen. In den buddhistisch geprägten Gegenden Südasiens kommen sie - im Gegensatz zu den Kathoey, die sich im südostasiatischen Thailand oft selbst auch als Ladyboy bezeichnen - selten vor. Die heutigenKathoey weisen dabei durchaus einige Übereinstimmungen mit Hijras auf, da sie einerseits häufig Transsexuelle sind, d.h. biologisch als Männer geboren wurden, und sich gefühlsmäßig nicht als "männlich" empfinden, jedoch streben sie mehrheitlich eine geschlechtsanpassende Operation an, um äußerlich vollständig zu einer Frau zu werden (sogenannte Mann-zu-Frau-Transsexuelle oder auch Transfrauen).

Trotz ihrer weiblichen Kleidung haben Hijras unter anderem durch eine starke Behaarung oft ein eher männliches Erscheinungsbild. Ältere Hijras haben oft Glatzen und tragen selten Perücken. Nicht nur bei Auseinandersetzungen treten sie durchaus mit lauter, männlich-tiefer Stimme auf. Sie benehmen sich aus Sicht der Mehrheit der von einem traditionellen Frauenverständnis geprägten Südasiaten häufig nicht sehr "ladylike". So verkörpern sie wiederum teilweise auch Männerfantasien, für die "anständige" Frauen nicht zur Verfügung stehen. Ihre frechen Sprüche, offenes Spielen mit sexuellen Reizen und Flirten scheinen im starken Gegensatz zu den oberflächlich eher prüden Gesellschaften in Südasien zu stehen. Dies verstärkt den Eindruck, dass es sich bei ihnen eher um eine eigene Mischform handelt, die in ihrer Art und mit einer eigenen "Teils-Teils-und-Weder-Noch-Ausprägung", eine individuelle gesellschaftliche Nische besetzt. Dies steht im Gegensatz zu der dichotomen Frau-Mann-Aufteilung andernorts. So herrscht beispielsweise in Europa größtenteils die Auffassung vor, dass transsexuelle Menschen entweder ganz Mann oder Frau zu sein haben. Mischformen werden kaum akzeptiert, von dem z.B. durch David Beckham vorgelebten Modetrend der "Metrosexualität" abgesehen, der weniger einer sexuellen Ausrichtung als einem extravaganten Lebensstil entspricht.

Hijras sind nach traditioneller Sichtweise eine bestimmte Form von Mann-zu-Frau-Transexuellen, für die es früher bekanntlich keine Option zu einer geschlechtsanpassenden Operationen gab, die sich aber in der Regel einer Kastration unterzogen oder als Hermaphrodit geboren wurden. Hijras unterscheiden sich aus eigener Sicht von den sogenannten Kotis (homosexuelle Transvestiten, die ihre männlichen Geschlechtsteile behalten und die mit ihren Männern (Giriyas) in eheähnlicher Gemeinschaft zusammenleben und dabei die Frauenrolle übernehmen). Hijras können ebenfalls in eheähnlichen Beziehungen mit Männern leben, sind in der Regel jedoch integriert in eine Hijra-Kommune. In den letzten Jahren verschieben sich jedoch diese Schranken, Transvestiten und Transsexuelle definieren sich neuerdings zunehmend auch als Hijras, was diese größtenteils akzeptieren. Mit den neuen Möglichkeit der Hormontherapie, operativer Geschlechtsanpassungen und kosmetischer Chirurgie ergeben sich neue Möglichkeiten und Formen. Hijras sind mehrheitlich im städtischen Umfeld zu finden, wobei sie zu den ärmeren Bevölkerungsschichten gehören. Dies beruht einerseits auf ihrer gesellschaftlichen Stigmatisierung - entsprechend ihrer Akzeptanz des Status als Hijra können sie sich nur in dem Rahmen der ihnen zugedachten Rollen bewegen. Andererseits haben sie selber häufig nur einen sehr begrenzten Zugang zu Bildungsmöglichkeiten, 70 bis 80 Prozent von ihnen können kaum oder gar nicht lesen und schreiben. Viele kommen aus einem armen Umfeld und/oder wurden von ihren Familien verstoßen, um Spott und Häme von der Familienehre abzuwenden.

Hijras leben meistens in eigenen Gemeinschaften oder Kommunen, die hierarchisch geordnet sind. Mehrere Hijras folgen dabei als Chela (Schüler) ihrem Guru, diese Hijra leitet die lokale Gemeinschaft und ist wiederum überregionalen Nayaks unterstellt, die eine spirituelle Leitfunktion ausüben. Das Geld verwaltet meistens die Guru-Hijra, anderer Besitz wird zum großen Teil geteilt. Die Verwendung maskuliner Termini - ChelaGuru und Nayak - zur Bezeichnung interner Hierarchien im Gegensatz zu ihren bevorzugten femininen Vornamen und Verwandtschaftskategorien scheint dabei wiederum auf eine Zwischenstellung der Hijra zu verweisen.

Das Kastrationsritual

Die Mehrheit der Hijras Südasiens durchschreitet noch immer den schmerzhaften Weg der Kastration außerhalb jeglicher medizinischer Versorgung, zumal diese Operation Ärzten offiziell verboten ist, im Gegensatz zu Sterilisationseingriffen. Vielen fehlt schlicht das Geld und das Wissen über andere Möglichkeiten. Außerdem ist die halböffentliche Kastration als Ritual der Transformation in das dritte Geschlecht innerhalb traditionell ausgeprägter Hijra-Gemeinschaften noch immer sehr verbreitet. Inwiefern Hijras innerhalb ihrer Gemeinschaft vor oder ohne Kastration, z.B. im Falle von Intersexualität, als vollwertige Hijras anerkannt werden, ist schwer allgemeingültig zu bestimmen, da es regionale Unterschiede gibt.

Es gibt verschiedene Kastrationsrituale. Im folgenden soll die traditionelle Form des Rituals beschrieben werden, von der die meisten Berichte und Schilderungen existieren und welche vornehmlich in Westindien und im südlichen Pakistan praktiziert wird.

Über den geeigneten Zeitpunkt zur Kastration entscheidet hierbei die älteste Hijra, die zugleich die Position des Gurus innerhalb der lokalen Hijra-Gemeinschaft einnimmt. Die zu kastrierende Person hat zu diesem Zeitpunkt in der Regel schon einen längeren Zeitraum innerhalb der Gemeinschaft gelebt und hat einerseits ihre Eignung hierfür bewiesen und andererseits mehrfach ihre Bereitschaft für diesen endgültigen Schritt bekundet. Berichte über die Entführung von Jungen, die dann schnell "entmannt" wurden, werden zwar gerne von Außenstehenden erzählt, konnten aber in keinem Fall nachgewiesen werden.
Steht der Termin für das Ritual fest, so beginnt für die betroffene Person eine Fastenzeit, zugleich werden im Vorfeld häufig Opiate konsumiert, so dass am Tag des Rituals der Proband sich in einem berauschten Zustand befindet. In die Vorbereitungen im Vorfeld als auch in die eigentliche Kastration bzw. die zahlreichen rituellen Handlungen ist die gesamte Gemeinschaft involviert und Mitglieder benachbarter Hijra-Gemeinschaften werden dazu eingeladen.

Beim entscheidenden Ritual versammeln sich zahlreiche Hijras meistens in einem Hinterhof um die zu kastrierende Person. Dieser werden Hodensack und Penis abgeschnürt und dann mit einem Messer in einer bogenförmigen Bewegung abgeschnitten. Die versammelte Menge ruft im hinduistischen Kontext derweil Muttergottheiten an und fleht für das Gelingen, im muslimischen Kontext werden insbesondere Sufi-Heilige um Beistand gebeten. Nach dem Schnitt wird ein kleines Holz- oder Metallröhrchen in den Harnleiter eingefügt damit dieser beim Schließen der Wunde geöffnet bleibt. Die Wunde wird nicht sofort abgedeckt damit das Blut den Rest der Männlichkeit symbolisch hinausspült, teilweise wird dies auch als rituelle Menstruation angesehen. Schließlich wird heißes Öl über die Wunde gegossen und eine Kompresse mit Heilkräutern angelegt um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Die zurückbleibenden Narben sind allerdings zumeist groß und entstellend. Wundinfektionen kommen häufig vor. Eine Geschlechtsanpassung findet hierbei nicht statt und ist auch nicht beabsichtigt, etliche Hijras haben nach dieser Kastrationsform Probleme mit der Kontrolle des Harnhaltens.

Da das Kastrationsritual offiziell verboten ist, jedoch von der lokalen Polizei meistens geduldet wird, bewegen sich die Beteiligten dabei in einer Grauzone und für die betroffene Hijra besteht erhebliche Lebensgefahr. Problematisch sind hierbei insbesondere die mangelhaften hygienischen Zustände bei der Kastration und bei den "Operationsinstrumenten", es fehlt an medizinisch-chirurgische Kenntnisse, zudem kann beim Auftreten von Komplikationen in den seltensten Fällen medizinische Nothilfe in Anspruch genommen werden. Einerseits reicht das Geld selten für eine Krankenhausbehandlung und die nötigen Bestechungsgelder können aufgrund des meldungspflichtigen Vorfalls auch nicht aufgebracht werden.

Mythologischer Hintergrund


Bei der mythologischen Betrachtung der Hijras dominiert in der westlichen Literatur der hinduistische Hintergrund, da der Hinduismus in seiner starken Vielfalt scheinbar sehr gute Erklärungsansätze bietet. Der ebenfalls wichtige muslimische Faktor wird dagegen eher selten erwähnt, obwohl der südasiatische Islam auch sehr verschiedene Formen und Ausprägungen beinhaltet, der wichtigen Einfluss auf die Hijra-Gemeinschaften ausübt. Rund die Hälfte der Hijras sind Muslims.
Die hinduistische Mythologie ist reich an Göttern und mystischen Wesen, die ihre geschlechtliche Identität wechseln, außerdem gibt es viele Zwitterwesen und jeder männlichen Kraft steht ihr weiblicher Konterpart entgegen, oftmals wiederum in ein und derselben Gottheit vereint.

Im Epos des Mahabharata finden sich mehrere Geschichten, die als mythologischer Ursprung der Hijras herangezogen werden können. Am verbreitetsten ist die Geschichte von der Hochzeit Avaranans, welche beim größten Hijra-Festival Indiens im Frühjahr jeden Jahres im Tempel von Koovagam, 250 km südlich von Chennai im Unionsstaat Tamil Nadu zelebriert wird. Avaranan, Sohn des Helden Arjuna, sollte in der darauffolgenden Nacht in einer Schlacht zwischen den Brüdern Pandava mit ihren Cousins Kaurava geopfert werden, um einen taktischen Vorteil zu erlangen. Jedoch wollte man nicht, dass er als Junggeselle stirbt. Allerdings gab es Schwierigkeiten eine geeignete Braut zu finden, denn niemand wollte seine Tochter verheiraten, damit diese tags darauf schon mit dem Stigma der Witwenschaft behaftet sei. Krishna erbarmte sich in dieser Situation, verwandelte sich in die schöne Mahoni, heiratete Avavaran und vollzog wohl auch die Ehe. Als sein Gatte dann starb, warf Krishna die Heiratssymbole (goldenes Eheband, Blumengirlande, Zehenringe und Glasreifen) gemäß des Trauerrituals in das Feuer des Scheiterhaufens. Allerdings verwandelte er sich nicht zurück in einen Mann und blieb in der Frauengestalt gefangen.

Dieses Schicksal ereilt Krishna auch in einer anderen Geschichte. Parvati, Ehefrau des Gottes Shivas, wird von einem König begehrt. Als sie in einem See badet, versucht dieser ihr nachzustellen. Krishna, der dies verhindern will, nimmt die Gestalt Parvatis an und der lüsterne König erlebt so eine erotische Begegnung mit der falschen Parvati. Auch in diesem Fall kann sich Krishna nicht mehr retransformieren. Einige Hijras deuten letztere Geschichte jedoch etwas anders und meinen, Krishna wollte sich nachdem Erlebten gar nicht mehr in einen Mann zurückverwandeln. Die vielfach Hijras zugedachte Zauberkraft im Hinduismus resultiert aus dem Glauben daran, dass zugleichen Teilen in ihnen männliche und weibliche Energie eingeschlossen ist, wobei dennoch beide kein neues Leben durch Geburt schenken können, was die Zaubermacht noch verstärkt .
Im Islam dominiert dagegen eher die mystische Seite. Hier geht man von einer weiblichen Seele aus, die in einem männlichen Körper gefangen ist. Ihre besonderen Kräfte resultieren daraus, dass ihre Gebete besonders kraftvoll sind, da Gott sie dafür entschädigt, dass sie weder Kinder bekommen noch in einer normalen Familie leben können. Sie sollen außerdem in der Tradition der Eunuchen stehen, die das Grab des Propheten Mohammed und die heilige Moschee in Mekka bewachten. Etliche hochrangige Hijras betonen Teil einer Gemeinschaft zu sein, die in den frühen Zeiten des Islam bis ins maurische Spanien reichte. 

Zahlreiche Sufi-Heilige und Derwische bezeichneten sich als Bräute Gottes, so wie z.B. etliche Anhänger des Suhrawardiyya-Suhagiyya-Sufi-Ordens oder auch der Sufi-Dichter Yatim Shah sowie zahlreiche andere historische Personen. Beim Urs-Festival von Khawaja Moinuddin Chisti in Ajmer versammeln sich Hunderte Hijras aus Pakistan und Indien (siehe auch Von heiligen Männern und ihrer "Heirat" mit Allah). Viele Hijras aus Südasien zelebrieren auch die Hadj nach Mekka.

Viele Sitten und Gebräuche ähneln sich stark innerhalb der südasiatischen Hijra-Gemeinden. Häufig wird auch ein synkretistischer Glauben praktiziert. Viele Sufi-Mystiker werden auch von hinduistischen Hijras verehrt und muslimische Vornamen scheinen sich ganz besonderer Beliebtheit zu erfreuen. Gemeinsamkeiten haben sie auch am Ende ihres Lebens, denn Hijras werden stets beerdigt und nicht verbrannt.


Geschichtliche Rolle der Hijras Südasiens

Neben ihren mystischen Kräften und damit verbundenen religiösen Dienstleistungen waren Hijras im hinduistischen Kontext anscheinend schon immer im weitergefassten Unterhaltungsbereich tätig, sei es als Sängerinnen und Tänzerinnen oder - wie u.a. im Kamasutra geschildert - auch als Tempelprostituierte. Im Kastenwesen waren sie weit unten angesiedelt, genossen aber eine kultische Sonderstellung, da sie weder Mann noch Frau sind.

Im muslimischen Kontext erhielten viele Hijras einen gehobeneren Status. Sie bewachten die Frauengemächer, arbeiteten als Dienerinnen, erzogen die Kinder, lehrten häufig auch den Koran. Zahlreiche Hijras gelangten auch in einflussreiche Positionen und übten wichtige politische Ämter aus oder wirkten auch im muslimischen Kontext im bereits erwähnten Unterhaltungsbereich.
Mit der britischen Herrschaft veränderten sich viele Bedingungen für Hijras. Kastrationen wurden verboten und gelegentlich hart bestraft. Die Kriminalisierung von jeglicher Homosexualität als sodomistische Handlung traf insbesondere Hijras. Tausende wurden oft willkürlich verhaftet. Das koloniale System des British Raj verdrängte sie aus angesehenen Positionen und zwang sie in die gesellschaftlichen Nischen, so dass ihnen außer im Unterhaltungsbereich nahezu keine Betätigungsfelder mehr offen waren. Die Unabhängigkeit brachte keine Besserung ihrer Situation, da die diskriminierenden kolonialen Gesetze ihre Gültigkeit behielten und die herrschenden Eliten und weite Teile der Gesellschaft die viktorianischen Prüderie längst verinnerlicht hatten.

Kleine Lichtblicke, wenig Besserung – heutige Lebenssituation von Hijras

Noch immer führen Hijras ihr Leben am Rande der Gesellschaften Südasien, ihre Diskriminierung hält weitestgehend an. Andererseits wandelt und öffnet sich die Hijra-Gemeinschaft ihrerseits und bindet so neue Kräfte ein. Hijras können sich in den seltensten Fällen für "hijra-untypische" Berufe bewerben. Wachleute hindern sie schon am Betreten von Büros und jedes Formular fragt danach, ob man weiblich oder männlich ist. Die meistens Berufe sind für sie weiterhin traditionell tabu. Die Analphabetenquote unter ihnen ist sehr hoch, viele mussten ihre Schulausbildung abbrechen und kommen aus den ärmsten Schichten, noch wenige beherrschen das Englische und haben Zugang zu Informationen oder können überregionale Netzwerke für ihre Interessenvertretung bilden. Die medizinische Versorgung ist in der Regel für sie weiterhin sehr prekär.
Sie werden oft Opfer von sexueller Gewalt durch Kriminelle und Zuhälter, sofern sie keinen Rückhalt durch eine starke Hijra-Gemeinschaft vor Ort haben. Außerhalb ihrer oft ghettoartigen Kommunen sind der Missbrauch durch Polizei und andere Sicherheitskräfte leider der Normalfall. (vgl. Homosexualität und Menschenrechte in Indien)
So gehen sie ihrem "normalen Handwerk" nach, versammeln sich vor Läden und treiben ihre Späße mit den irritierten Kunden bis der Ladenbesitzer sie mit einer Spende zum Weitergehen bewegt und ziehen bettelnd durch Züge. In den Städten erfahren sie über ein lokales Netzwerk von Geburten und Hochzeiten, kommen dann ungefragt, sofern sie nicht an sich geladen sind, und tanzen und singen vor dem Haus bis man sie einlässt, um das Neugeborene zu segnen. Insbesondere bei der Geburt von Intersexuellen hat dies einen historischen Grund, der aber teilweise noch heute relevant ist: War das Neugeborene offensichtlich intersexuell, so nahmen sie es auf und wandten so gesellschaftliche Missachtung oder Spott von der Familie ab und retteten so teilweise auch das Leben des Kindes, das sonst nicht selten vernachlässigt oder weggesperrt worden wäre. Dies geschieht gelegentlich noch heutzutage, insofern nehmen Hijras auch in diesem Bereich eine soziale Funktion war.

In pakistanischen Metropolen unterhalten einige Ehemänner eine außereheliche Beziehung zu einer Hijra, was nach einigen Traditionen nicht als Ehebruch gilt. Die Ausbreitung sehr strikter bis hin zu extrem-islamistischen Strömungen führt allerdings zu vermehrten gewaltsamen Übergriffen auf Hijras.
Die Mehrheit der Hijras in Südasien muss daneben der Prostitution nachgehen. Es gibt keine gesonderten Erhebungen über die HIV-Quote bei Hijras, aber in Mumbai beispielsweise wird insgesamt von einer Quote von mindestens 60 Prozent HIV-Infizierten unter den SexworkerInnen ausgegangen. In diesem Bereich droht ihnen zudem noch die sogenannte "trans / gay panic" durch Freier. Dies ist eine Ausrede mit der Freier ihre gewaltsamen Vergehen an Hijras gegenüber der Polizei und Gerichten verteidigen, weil sie angeblich die Hijras zuerst für Frauen hielten und dann in Wut über die "böswillige Täuschung" oder scheinbare "perverse Anmache" ausgerastet seien. Diese Ausrede wird von den Sicherheitskräften und der Judikative meistens akzeptiert. Hijras, die Übergriffe anzeigen wollen, droht häufig Spott bis hin zu Vergewaltigungen durch die Polizisten selbst.

Aber es gibt auch kleine Fortschritte: Hijras haben häufiger Auftritte in der Gesellschaft und in Filmen, einige thematisieren sogar das Leben von Hijras. So handeln etwa die Filme "Darmiyaan" und "Tamanna" vom Leben der Hijra Tikku. "Darmiyaan" erzählt die Geschichte ihrer Jugend und von der Beziehung zu ihrer Mutter, einer einst in den 1940er Jahren erfolgreichen Bollywoodschauspielerin, und in "Tamanna" nimmt sich Tikku, die inzwischen als Maskenbildnerin in Bollywood arbeitet, eines ausgesetzten Mädchens an. Um die Erziehung von Tamanna zu bezahlen, gründet sie mit mehreren Hijras eine Wohngemeinschaft – und als Tamanna entführt wird, halten alle zusammen und kämpfen für die Befreiung des Mädchens. In anderen Bollywood-Filmen treten sie allerdings eher zur Belustigung des Publikums auf und hierbei kommt es zur Bedienung von herrschenden Klischees. Zunehmend erobern sie sich jedoch andere Räume. In den letzen Jahren wurden in Indien zahlreiche Schönheitswettbewerbe für Hijras veranstaltet über die in der Presse ausgiebig berichtet wurde. In einigen Modeschauen liefen sie zusammen mit normalen Modells über den Laufsteg, wobei es sich bei diesen Veranstaltungen vielfach eher um gezielte Schockeffekte geschickter Marketingfachleute als um wahre antidiskriminierende Absichten dahinter handelte.

Einige Hijras betreten zunehmend die politische Bühne. Als Galionsfigur diente hierfür Shabnam Mausi, die ins Parlament des indischen Unionsstaates Madhya Pradesh einzog. Ihr folgten weitere Hijra-Politikerinnen, wie Asha Devi, Bürgermeisterin der mittelgroßen Stadt Gorakhpur und ihre Amtskollegin Kamala Jaan in Katni. Auf lokaler Ebene betätigen sich zunehmend Hijras, nicht nur in Indien - auch in den anderen südasiatischen Staaten -, auf die große politische Bühne hat es allerdings (noch) keine geschafft.
Wenn auch noch im kleinen Rahmen vernetzen sich Hijra-Aktivistinnen. Nationale Netzwerke in Indien, Pakistan, Bangladesch und Nepal sind in naher Zukunft unwahrscheinlich. Ein südasiatischer Zusammenschluss wird - falls er je realisiert werden könnte – noch erheblich länger auf sich warten lassen. Unterstützung erfahren Hijras nur in einem sehr geringen Maße, meistens im Kontext von AIDS-Präventionsprogrammen. Problematisch gestaltet sich ebenfalls die Zusammenarbeit im Bereich der Kooperation mit einigen Frauenrechtlerinnen, die teilweise den Hijra vorwerfen, der sexuellen Ausbeutung vorrang zu leisten. Vielen Hijras fehlt wiederum einfach der Zugang zu vielen Thematiken, da sie sich selber nicht als Frauen definieren sondern als drittes Geschlecht. So fordern sie keine besseren Frauenquoten, sondern eigene Quoten für sich und auch im Bereich von Erbrechten u.ä. nehmen sie konträre Positionen ein. Einige Aktivistinnen für Lesbenrechte kritisieren, dass ein Teil der Hijras lesbische Liebe argwöhnisch beäugen, wenn sie ihr nicht sogar aus einer traditionalistischen männlich-chauvinistischen Sichtweise ablehnend gegenüberstehen. In Bezug auf schwule und transsexuelle Diskurse verhält es sich ähnlich, wenn hier allerdings mehr Berührungspunkte bestehen. Generell wird von vielen Hijra-Aktivisten befürchtet, dass sie von bestimmten Seiten für deren Interessen vereinnahmt werden sollen und dabei ihr eigener gesonderter Status jenseits der sexuellen Dichotomie verloren ginge.
Vorerst aber bleibt ihnen ihre Besonderheit erhalten. Ihre unübersehbare Anwesenheit in Zügen und Basaren wird weiterhin ihre Mitmenschen irritieren. Sie werden weiter mit Diskriminierungen leben müssen.


Hijras - das selbstbewusste «dritte Geschlecht»

Weibliche Seele, männlicher Leib

Die südasiatische Tradition geht seit Jahrtausenden von drei Geschlechtern aus: Neben Männern und Frauen gibt es «Hijras», Menschen mit männlichem Körper und weiblicher Seele. In Indien leben etwa vier Millionen, in Pakistan einige hunderttausend.
Eine Schar kunterbunter Wesen bewegt sich singend, tanzend und händeklatschend auf eine prachtvolle Villa in Lahore zu, in der man eine Hochzeit feiert. Es ist eine ohren-, augen- und nasenbetäubende Schar von Paradiesvögeln, und ein Fremder könnte glauben, es handele sich um ausgelassene, leicht hysterische Frauen, doch auf den zweiten Blick erkennt er, dass es sich um Knaben und Männer handelt, die wie Frauen gekleidet, geschmückt und geschminkt sind. Sie sind zum Fest gekommen, um den Bräutigam zu segnen und dafür üppige Gaben in Empfang zu nehmen.
Auf den ersten Blick sind Hijras Männer in Frauenkleidern. Es sind also Transvestiten? Nein, denn während die meisten westlichen Transvestiten sexuell Frauen bevorzugen, häufig verheiratet sind und sich nur hin und wieder, oft nur heimlich als Frauen herrichten, leben die Hijras nach dem Eintritt in die Gemeinschaft immer als «Frauen», ihre Partner sind Männer oder Hijras. Was sind Hijras also? - Farrah, geboren als Ahmed, etwa 35 Jahre alt und seit über 20 Jahren in der Hijra-Gemeinschaft, erklärt es: «Wir sind weder Mann noch Frau. Wir haben einen männlichen Körper, aber eine weibliche Seele.»

Geschlossene Gemeinschaft
Wir sitzen in einer armseligen Gegend von Karachi in einem winzigen Zimmer, das Farrah sich mit Balli, einer anderen Hijra, teilt. Wie die meisten Hijras sind die beiden der Gemeinschaft in ihrer Jugend beigetreten: «Wir sind als Hijras geboren und fühlten schon mit fünf oder sechs Jahren, dass wir keine Knaben sind», erklärt Farrah. Sie haben, wie es der Tradition entspricht, Frauennamen angenommen, sich eine Guru, eine «Meisterin», gewählt, und tragen seitdem nur noch Frauenkleider, langes Haar und jede Menge Make-up. Seit vielen Jahren leben die beiden im Haus ihrer Guru zusammen mit fünf anderen «Töchtern» in einer Hijra-«Grossfamilie».

Die uralte, mächtige und respektierte Hijra- Meisterin Farzana verwaltet ihre Familie und ihr Haus mit eiserner Faust. Jedes Hijra-Haus, auch das Farzanas, besitzt seit Jahrzehnten ein genau abgegrenztes Gebiet, das die Guru kontrolliert und in dem die «Töchter» arbeiten. Traditionell verdienen die Hijras ihr Geld auf dreierlei Art: nachmittags durch das Einsammeln von «Gaben» im Basar ihres Gebietes, abends durch Segnen eines Bräutigams oder eines neugeborenen Sohnes und nachts durch Prostitution. Ihre Klientel sind «normale» Männer, die sich neben ihrer Ehefrau noch eine Hijra gönnen, oftmals in einer jahrelang andauernden Liebesbeziehung.
Prostitution, die normale wie die homosexuelle, ist im streng islamischen Pakistan verboten; ein Polizist habe ihr einmal die Verhaftung wegen unsittlichen Verhaltens angedroht, erzählt Farrah, und da habe sie einfach gesagt: «Mein Hintern gehört mir und nicht dem Staat Pakistan, und dabei bleibt es auch!» Die Sprache ist die Waffe der schlagfertigen, ansonsten meist friedlichen Hijras, die zu 80 Prozent Analphabeten, pardon, Analphabetinnen sind.

Die Geschichte der pakistanischen Hijras wurzelt in der indischen Kultur. Bereits um 1000 v. Chr. erwähnten altindische medizinische Texte die Existenz eines «dritten Geschlechts», welches dann entstehe, wenn die Zeugungssubstanz des Vaters und die der Mutter in genau gleicher Quantität vorhanden seien. Auch alte Rechtstexte beschäftigen sich mit dem dritten Geschlecht, dessen Angehörige nicht erbberechtigt waren, keine Opfer vollziehen durften und aus der Kaste ausgestossen wurden. Das heisst, das dritte Geschlecht war diskriminiert, aber in seiner Existenz anerkannt. - Die Spaltung des Subkontinents am Ende der britischen Kolonialzeit betraf dann auch die Hijra-Gemeinschaft; doch trotz seiner streng muslimischen Ausrichtung hat Pakistan die organisierte und starke «Subkultur» der Hijras akzeptieren müssen - wohin mit den Hunderttausenden? -, und auch das Volk war und ist ja daran gewöhnt. Die pakistanischen Hijras sind selbst ebenfalls Muslime, und nach ihrem Glauben ist ihr drittes Geschlecht der Wille Allahs.
Was macht das dritte Geschlecht aus, frage ich Farrahs Langzeitliebhaber, einen hochgewachsenen Paschtunen mit stachelbeergrünen Augen. Er lacht verlegen und meint, na ja, Hijras seien keine echten Männer, es fehle ihnen das . . . Entscheidende. Er spielt darauf an, dass sich viele Hijras, aber beileibe nicht alle, kastrieren lassen. Dies zeigt, dass viele Hijras den westlichen Transsexuellen verwandt sind, die sich im falschen Körper gefangen sehen und unbedingt Frauen werden wollen. Während im Westen eine operative Angleichung an das Wunschgeschlecht erfolgt, lassen sich Hijras auf eigenen Wunsch von ihrer Guru kastrieren, und auch dies hat eine lange Tradition.

Die in Indien und Pakistan immer wieder vorgebrachten Anschuldigungen, Hijras raubten Knaben und kastrierten sie gewaltsam, müssen als Versuche verstanden werden, die Hijras zu kriminalisieren und ihre Ausgrenzung zu rechtfertigen; alle kastrierten Hijras, die ich in Indien und Pakistan traf, hatten dies aus einem inneren Bedürfnis heraus getan, ebenso freiwillig, wie sie der Gemeinschaft beigetreten waren. Aber viele lehnen den Eingriff ab, und Farrah nimmt weder weibliche Hormone (was viele Hijras tun, um ihren Körper zu verweiblichen), noch strebt sie eine Kastration an: «Meine Seele ist eine Frau. Mein Körper ist mir egal; du siehst, ich kann ihn durch Kleider und Schmuck in eine Frau verwandeln.»

Spielarten und Regeln

Nicht alle Hijras sind mit Transsexuellen vergleichbar. Einige sind eher Transvestiten oder Männer mit homosexueller Neigung. Wie die westliche «gay scene» ist ihre Gemeinschaft ein Raum, in dem sich Männer mit verschiedenen Neigungen und unterschiedlichem Selbstverständnis zusammenfinden. Hijras kann man am ehesten als «Transgenders» bezeichnen, als Menschen, die ihr biologisches und soziales Geschlecht aus einem tiefen Bedürfnis ablehnen und daher überschreiten und die es in allen Kulturen und zu allen Zeiten gegeben hat. Im Gegensatz zu westlichen «Transgenders» sind Hijras aber keine unsichtbaren Einzelkämpferinnen, sondern seit Jahrtausenden «familiär» organisiert und in der Gesellschaft präsent.
Der Hijra-Kodex, eine Sammlung ungeschriebener Regeln, verpflichtet alle in die Gemeinschaft Eingetretenen zum Tragen von Frauenkleidern und weiblichen Frisuren. So sehen sie zwar oft Frauen zum Verwechseln ähnlich, aber es geht ihnen nicht darum, der Gesellschaft etwas vorzutäuschen. «Nein», meint Farrah, «jeder soll sehen, dass wir Hijras sind, wir sind stolz darauf!» Und Hijras kann man schon von weitem sehen. Laut in die Hände klatschend, ziehen sie nachmittags durch «ihren» Basar, machen vor den Lädchen, in denen sich Kunden befinden, obszöne Gesten und führen unflätige Reden. Die Hijras, das weiss jeder, ziehen erst ab, wenn der Ladenbesitzer ihnen Geld gegeben hat, meist 10 oder 20 Rupien. Sie beleidigen und spotten aber nicht etwa aus einem inneren Bedürfnis heraus, sondern weil es die Tradition so will. Es ist ihr Job.
Hijras gelten als gefährlich. Sie können nämlich nicht nur segnen, sondern auch verfluchen. Selbst mit dem Fluch der Kinderlosigkeit belegt, können sie, so glaubt man, dieses Leid als Waffe gegen alle verwenden, die sie verspotten oder ihnen Gaben verweigern. Fast jeder in Pakistan fürchtet den Fluch «Du sollst kinderlos sein!» Oder: «Du sollst impotent werden!» Aber Hijras segnen viel öfter, als dass sie verfluchen, denn nur für eine Segnung bekommen sie Geld, und zwar bis zu 1000 Rupien (was etwa 15 Franken entspricht, aber die Kaufkraft von etwa 300 Franken hat).

Das Verhältnis der Pakistaner zu ihren Hijras ist widersprüchlich: Von einigen Menschen werden sie akzeptiert, von anderen gehasst, von vielen gefürchtet, von manchen bewundert, von wenigen geliebt, von vielen verspottet, von niemandem eingeladen; sie gelten als unrein, und niemand, mit Ausnahme ihrer Freier, würde mit ihnen essen. Letztlich leben sie in einem Ghetto, das ihnen Heimat ist, und «Nur eine Hijra versteht eine andere Hijra!», so Farrah. Auch für mich, die ich Monate mit ihnen lebte, blieben die Hijras geheimnisvoll und unverständlich, und als ich einmal eine kühne Behauptung anzweifelte, warnte Farrah mich verschmitzt: «Sei bloss vorsichtig, denn alle Hijras lügen!» «Nein», protestierte Balli aus dem Hintergrund, «das stimmt nicht!» «Siehst du?», lachte Farrah, die immer das letzte Wort hatte.



Freitag, 11. März 2016

Schadensersatz für Intersexuelle // Damages for intersexed


Copyright © 2011-2021 Nikita Noemi Rothenbächer- Alle Rechte vorbehalten!
Geschrieben und Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2016

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Mangelnde Aufklärung: Schadensersatz für Intersexuelle

Eine Intersexuelle wurde in den 90-er Jahren im Universitätskrankenhaus Erlangen ohne ausreichende Aufklärung hormonell behandelt und operiert. Nun hat das Landgericht Nürnberg-Fürth dem Opfer Schadensersatz und Schmerzensgeld gegen die  behandelnden Ärzte zugesprochen.
Die damals 20-jährige hatte 1995 einen Arzt aufgesucht, da sich bei ihr nur schwach ausgeprägte weibliche Merkmale zeigten. Dieser ordnete eine hormonelle Behandlung und einen operativen Eingriff an. Aus heutiger Sicht des Opfers wäre beides nicht nötig gewesen. Zwar liegt bei ihr der Chromosomensatz XY eines Mannes vor, sie weist jedoch äußerlich weibliche Geschlechtsmerkmale auf. Fallen diese Kennzeichen so auseinander, so spricht man von Intersexualität.
Häufig fühlen die Betroffenen sich, so auch die Klägerin, weder als Frau noch als Mann. Die geschlechtsangleichende Operation war somit für sie keine wirkliche Lösung. Eine selbstbestimmte Entscheidung dazu war ihr aber nicht möglich, da sie nie über ihre genetische Disposition aufgeklärt worden war.  Außerdem war sie weder über das Ausmaß, noch über die Folgen oder Alternativen der Therapie unterrichtet worden. Schließlich wäre auch eine Behandlung als Mann möglich gewesen. Des Weiteren hätte alternativ eine geschlechtspezifische Behandlung ganz unterbleiben können. Hätte das Opfer diese Möglichkeiten gekannt, so hätte es nicht in eine Therapie eingewilligt. Hinzu kommt, dass die geschlechtsangleichende Behandlung für sie erhebliche gesundheitliche Probleme zur Folge hatte. Dies führte sogar zur Erwerbsunfähigkeit.
Die Mediziner verteidigten sich mit dem Argument, Lehrbücher hätten auch in den 90er Jahren noch dazu geraten, durch eine möglichst frühe Zuweisung an ein Geschlecht, die psychosexuelle Gesundheit der Patienten zu schützen. Auch wurde davor gewarnt, dass eine Aufklärung zu einem Schock führen könnte.  Heutige Behandlungen schließen die Unterrichtung über den Chromosomenbefund mit ein.
Ohne Aufklärung gilt Operation als Körperverletzung
Da keine Aufklärung stattgefunden hatte, ist die Einwilligung in die Behandlung und Operation nicht wirksam. Diese sind somit als Körperverletzung anzusehen. Daher sprach das Gericht der Klägerin Schmerzensgeld und Schadensersatz zu. (Urt. v. 17.12.2015, Az. 4 O 7000/11). Eine Entscheidung über die Höhe wird noch erwartet. Bereits 2008 war in einem ähnlichen Verfahren in Köln gegen den behandelnden Arzt entschieden worden.

INTERSEXUELLE HAT ANSPRUCH AUF SCHADENERSATZ WEGEN MANGELNDER AUFKLÄRUNG
Das LG Nürnberg-Fürth hat einer Intersexuellen grundsätzlich einen Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadensersatz gegen das Universitätsklinikum Erlangen zuerkannt (LG Nürnberg-Fürth, Urteil vom 17.12.2015, Az.: 4 O 7000/11; Quelle: juris Logo)
Geklagt hat Martina H. (Name geändert). Sie soll hier – ihrem Wunsch folgend – nicht als Klägerin oder Kläger bezeichnet werden, denn gerade darum geht es in diesem Rechtsstreit: Martina H. wirft den Beklagten – dem Universitätsklinikum Erlangen und einem dort tätigen Arzt – nicht nur vor, sie falsch behandelt zu haben. Sie stützt ihre Klage vor allem auch darauf, vor der Behandlung als damals 20-Jährige nicht darüber aufgeklärt worden zu sein, dass sie nicht nur weibliche, sondern auch männliche Geschlechtsanteile hat, also weder Mann noch Frau ist, sondern – so beschreibt sie sich selbst – ein Zwitter. Statt ihr dies mitzuteilen, habe man sie im Rahmen einer geschlechtszuweisenden Therapie mit erheblichen gesundheitlichen Nebenfolgen als Frau behandelt. Damit habe man ihr die Möglichkeit genommen, als Mann therapiert zu werden oder den Zustand ohne eindeutige Geschlechtszuordnung zu belassen. Bei ordnungsgemäßer Aufklärung hätte sie in die Behandlung nicht eingewilligt.
Die Beklagten verteidigen sich unter anderem damit, dass bis Mitte der 90er-Jahre in ärztlichen Lehrbüchern noch eine frühzeitige Zuweisung zu einem Geschlecht empfohlen worden sei und man zum Schutz der psychosexuellen Gesundheit und einer ungestörten Geschlechtsidentität von einer "radikalen" Aufklärung abgeraten habe. Das LG Nürnberg-Fürth bejaht dem Grunde nach einen Anspruch von Martina H. auf Schmerzensgeld und Schadensersatz insoweit, als eine feminisierende Operation im Juli 1995 ohne wirksame Einwilligung vorgenommen worden und daher rechtswidrig gewesen sei. Nach Auffassung des Landgerichts sei zwar kein Behandlungsfehler der Beklagten feststellbar, die von Martina H. erteilte Einwilligung sei jedoch unwirksam, weil die Ärzte ihr kein zutreffendes Bild von ihrem gesundheitlichen Zustand vermittelt hätten. Dazu hätte es auch 1995 schon gehört, der erwachsenen Martina H. den Zustand ihres intersexuellen Genitals mitzuteilen und ihr Ursachen und Folgen jedenfalls in den Grundzügen verständlich zu erläutern. Nur so hätte Martina H. die Bedeutung und Tragweite der ihr vorgeschlagenen feminisierenden Behandlung erkennen und eine selbstbestimmte Entscheidung treffen können. Martina H. stehe deshalb gegen das Universitätsklinikum Erlangen dem Grunde nach ein Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadensersatz zu.
Zur Bestimmung der Höhe des Schmerzensgeldes bedürfe es allerdings einer weiteren Beweisaufnahme. Insoweit werde der Prozess fortzusetzen sein. Der mitverklagte ausführende Operateur hingegen hafte nicht dafür, dass Martina H. von anderer Seite bei der Entwicklung des Gesamtbehandlungskonzepts nur unzureichend aufgeklärt worden sei. Die gegen ihn erhobene Klage hat das Gericht deshalb abgewiesen. Die Entscheidung des Landgerichts ist nicht rechtskräftig. Die Parteien können gegen das Urteil Berufung zum OLG Nürnberg einlegen.

Quelle: Pressemitteilung des OLG Nürnberg Nr. 20/2015 v. 17.12.2015

Donnerstag, 10. März 2016

German Medical Association: "Transsexuals are prostitutes"! // Bundesärztekammer:( Transsexuelle sind Prostituierte) !

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Geschrieben und Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2016

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Wenn wir ehrlich sind, kann Diskriminierung nicht schlimmer sein, bei einem solchen Titel!
Bedauerlich das es die breite Öffentlichkeit nicht bemerken will oder möchte!
Aber da wo Ungerechtigkeit anfängt, ist der Wiederstand einfach eine Pflicht, oder denkt Ihr es wäre nicht so??

Bundesärztekammer: “Transsexuelle sind Prostituierte“

Dass man als Transsexuelle von so manchen unaufgeklärten Menschen diskriminiert wird, kann ich zur Not noch verstehen, weil sie es leider nicht besser beigebracht bekommen haben, als uns in eine falsche Schublade zu stecken. Aber von Institutionen, wie die Bundesärztekammer dürfte man doch mehr erwarten. 

Durch Zufall habe ich ein Beratungsergebnis der gemeinsamen Arbeitsgruppe aus Vertretern des „Arbeitskreises Blut nach § 24 TFG“ und des Ständigen Arbeitskreises „Richtlinien Hämotherapie nach §§ 12a und 18 TFG“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer mit dem Titel „Blutspendeausschluss von Personen mit sexuellem Risikoverhalten“ vom 25.04.2012 gefunden. 

In Punkt 9.1 Transsexualität heißt es da unter anderen:

 „… Da sich viele Transsexuelle, die eine vollständige Geschlechtsumwandlung anstreben, beruflich ausgegrenzt und gesellschaftlich diskriminiert fühlen, arbeiten viele als Prostituierte, um auf diese Weise nicht nur den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern auch die Operationskosten zu erwirtschaften. Zur Größenordnung dieser Gruppe liegen international keine Statistiken vor. 
Eine einschlägige deutsche Erotik-Webseite, auf der Transsexuelle ihre Dienste bundesweit anbieten, enthält ca. 300 Inserate (Stand April 2011). Die tatsächliche Zahl dürfte höher sein. Unter den hier inserierenden transsexuellen Sexarbeiterinnen befinden sich auffällig viele mit asiatischer oder südamerikanischer Herkunft. 
Die häufig anzutreffende, häufig vielleicht auch nur temporäre Arbeit im Sexgewerbe führt dazu, dass Transsexuelle ein noch größeres HIV-Risiko haben, nicht nur im Vergleich zu Sexarbeiterinnen, sondern auch im Vergleich zu Männern, die Sex mit Männern haben.
 … 
Die meisten dieser epidemiologischen Studien stammen zwar aus Asien und Südamerika, aber auch für Europa liegen immerhin für eine europäische Stadt (Amsterdam) entsprechende Zahlen vor. Danach beträgt die HIV-Prävalenz in der Straßenprostitution 12 % und bei transsexuellen Prostituierten 20 %. Ähnliche Zahlenverhältnisse lassen sich auch hinsichtlich der Syphilis-Prävalenz beobachten. Diese lag 2002 in Jakarta (Indonesien) beispielsweise für Transsexuelle bei 19,3 %, während sie sich bei der Gruppe der MSM nur auf 1,1 % belief. 
Der Kondomgebrauch scheint unter transsexuellen Sexarbeiterinnen zwar zuzunehmen, aber dennoch gehen Personen, die ungeschützten Verkehr mit Transsexuellen praktizieren, immer noch ein z. T. noch größeres Risiko als Männer, die Sex mit Männern haben. 
Da der Erwerb der HIV-Infektion innerhalb dieser Personengruppe hauptsächlich auf Prostitution zurückzuführen ist, müssen sie im Sinne der Blutspendesicherheit nicht getrennt betrachtet werden, sondern fallen unter das Spendeausschlusskriterium „männliche und weibliche Prostituierte“. 
Ich find das stark diskriminierend, dass ich hier in eine Gruppe einsortiert werde, nur weil ich transsexuell bin. Andere Kriterien werden dann gar nicht mehr betrachtet, wie zum Beispiel, dass ich seit 38 Jahren mit ein und demselben Partner verheiratet bin und außer mit meiner Frau noch nie mit jemand anderen Sex hatte. 

Auch die Betrachtung finde ich sehr einseitig. Da werden internationale Untersuchungen herangezogen, die für Deutschland nicht relevant sind. 

Bei den 300 Inseraten wird selbst festgestellt, dass es hauptsächlich transsexuelle mit asiatischer oder südamerikanischer Herkunft sind. warum werden dann alle Transsexuellen mit in diesen Topf geworfen? Die verbleibenden deutschen transsexuellen Sexarbeiterinnen sind dann prozentual zu der Gesamtzahl der Transsexuellen wahrscheinlich ungefähr soviel wie es Prostituierte im Verhältnis zu allen Frauen gibt. Dann wäre es doch logisch, alle Frauen in den Topf der Prostituierten zu packen. 

Und wer schließt aus dass Andere mit häufig wechselnden Sexualpartnern das angeben? Und was ist mit TVs? Da dürfte dann doch auch ein erhöhtes Risiko bestehen. 


Diese Feststellung der Arbeitsgruppe ist nur Eines – eine Diskriminierung aller Transsexuellen. Das was es vorgibt zu sein, eine Absicherung von Patienten vor ansteckenden Krankheiten ist es mit Sicherheit nicht. 


Eure Andrea


Transgender-Debatte: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch! // Transgender Debate: A man is a man is a man

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Transgender-Debatte: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch
Die Regisseurin Lilly Wachowski ist eine Transfrau. Die Schlagzeilen über ihr Coming-out zeigen, wie beschränkt Geschlecht noch immer wahrgenommen wird. Und wieso das gefährlich sein kann.

Lilly Wachowski ist eine Transfrau. Und schon beginnen die typischen Schlagzeilen: "Aus Andy wird Lilly", "Die Matrix-Brüder sind jetzt Schwestern". "Zweiter Wachowski Bruder outet sich als Transgender".
Warum die Schlagzeilen in diesem Fall wichtig sind? Weil Lilly Wachowski nicht aus freiwilligen Motiven ihr "Coming-out" vollzogen hat. Lilly Wachowski hat mit ihrer Schwester Lana Wachowski die "Matrix"-Trilogie, "Cloud Atlas" und zuletzt für Netflix die Serie "Sense 8" gedreht.
In einem Statement in der "Windy City News" schreibt sie: "Sex Change Shocker - Wachowski Brothers Now Sisters!!! Das ist die Schlagzeile, auf die ich die letzten Jahre gewartet habe." Doch sie kam nicht. Die Schlagzeile. Bis jetzt. Wachowski schreibt in ihrem Statement, wie ein Reporter der britischen Boulevardzeitung "Daily Mail" vor ihrer Tür stand. Der Reporter wollte unbedingt ein Foto mit ihr machen, und sie müsse sich unbedingt mit ihm zusammensetzten. Weil ihre Geschichte so inspirierend sei.

Wachowski verstand das als Drohung und entschied, selbst ihre Geschichte zu erzählen, um so lange die Macht über sie zu haben, wie es nur geht. Mittlerweile kam von Seiten der "Daily Mail" ein Dementi: Man habe Wachowski nicht genötigt.

Eine Bedrohung

Wachowski beschreibt in ihrem Statement auch, wie die "Daily Mail" die Lehrerin Lucy Meadows öffentlich als Trans outete und sie als Gefahr für die Schulkinder darstellte. Meadows nahm sich drei Monate nach Veröffentlichung der Geschichte das Leben, schreibt Wachowski.

Nicht selbst entscheiden zu können, wann und wie die eigene Geschichte erzählt werden soll, kann lebensgefährlich sein. Es stellt eine Bedrohung dar. Transmenschen, vor allem Transmenschen of Color, sind statistisch gesehen die häufigsten Opfer von Gewalt und Morddelikten.

Deswegen können Coming-out-Geschichten wichtig sein. Es ist wichtig, dass Schauspielerin Laverne Cox, bekannt aus "Orange is the New Black", für die Rechte von Transmenschen kämpft. Genauso wie die MSNBC-Moderatorin Janet Mock. Oder, vielleicht das berühmteste Beispiel, Caitlyn Jenner. Sie alle sorgen für Sichtbarkeit von Transmenschen in den Medien.

Aber sobald die Geschichte veröffentlicht wird, verlieren sie zugleich die Kontrolle über ihre eigene Geschichte. Deshalb macht es eben einen Unterschied, ob die eigene Geschichte freiwillig erzählt wird oder eben nicht.

Lilly Wachowskis Schwester Lana Wachowski entschied sich im Jahr 2012 in einem Promo-Video für den Film "Cloud Atlas" dazu, der Öffentlichkeit zu sagen, sie sei "transgender". Vier Jahre später schreibt Lilly Wachowski. "So yeah, ich bin transgender. Und yeah, ich habe transitioned." Obwohl sie Schwierigkeiten mit den Begriffen habe. Einerseits weil für sie "transgender" in den dogmatischen Begriffen Mann-Frau verhaftet sei. Andererseits weil "Transition" für ein Davor und Danach stünde. Doch Wachowski würde ihr ganzes Leben weiter "transitioned".

Und hier zeigten sich die Grenzen der deutschen Sprache: Wie soll "Transition" übersetzt werden? Muss es das überhaupt? Oder kann auch "Transition" als deutsches Wort funktionieren, im Sinne eines Übergangs?

Es ist aber keine Verwandlung, wie es oft heißt. Und deswegen stimmen die Schlagzeilen wie "vom Mann zur Frau" auch viele Transmenschen so ärgerlich, weil es keine Entscheidung ist, die plötzlich da war. Sondern ein Prozess. Trans-Sein heißt nicht unbedingt, sich in den Kategorien von Mann und Frau zu bewegen, sondern eventuell auch dazwischen.

Eine andere Welt

Die Schlagzeilen zeigen somit ebenfalls die Fixierung auf die Binarität der Geschlechter: Es gibt Frau, es gibt Mann. Fertig. Doch so einfach ist es eben nicht.
Wachowski schreibt: "Binarität ist ein falsches Ideal." Und trotzdem bleibe sie optimistisch. In ihrem Büro habe sie ein Zitat des Queer-Theoretikers José Esteban Muñoz. Es lautet: "Queerness ist wesentlich die Zurückweisung des Hier und Jetzt und das Beharren auf die Möglichkeit einer anderen Welt."

Wie diese andere, neue Welt aussehen könnte, haben die Wachowski-Schwestern in ihrer Serie "Sense 8" schon mal in Teilen dargelegt. Eine globale Gesellschaft zwischen all den Identitäten.


Transgender-Ikone Laverne Cox: "Vielfalt sollte kein Trend sein"
Die Gefängnisserie "Orange Is The New Black" hat sie zum Star gemacht: Laverne Cox ist gefeierte Schauspielerin und Transgender-Aktivistin. Doch der Ruhm hat sie verunsichert, erzählt sie hier.
Zur Person
Laverne Cox, Jahrgang 1984, wurde für ihre Rolle als Friseurin Sophia in der Netflix-Serie "Orange Is The New Black" ("OITNB") als erste Transgender-Frau für den Emmy nominiert. 2014 war Cox, die sich für die Rechte von Trans-Menschen engagiert, Coverstar des "Time"-Magazine, "People" wählte sie 2015 zu den schönsten Menschen der Welt. Für CBS hat sie gerade die Pilotfolge einer Anwaltsserie abgedreht, in der sie die Hauptrolle spielt. Ab 12. Juni ist sie in der dritten Staffel von "OITNB" zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Frau Cox, Sie haben ein spektakuläres Jahr hinter sich. Was hat sich in dieser Zeit persönlich für Sie verändert?
Cox: Ich musste mich in diesem Jahr immer wieder daran erinnern, dankbar zu sein für alles, was mir passiert ist. Ruhm verstärkt nämlich Unsicherheiten, statt sie zu verringern. Deshalb musste ich hart daran arbeiten, mich selbst zu mögen, geerdet und gleichzeitig offen für andere zu sein. Für mich haben sich so viele Möglichkeiten ergeben, die ich gern nutzen wollte, dass ich es noch nicht geschafft habe, eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Warum hat Sie der wachsende Ruhm verunsichert?

Cox: Wenn du im Fernsehen bist oder über den roten Teppich läufst, wirst du von der Öffentlichkeit sehr kritisch beäugt, vor allem wenn die Grundlagenarbeit noch nicht geleistet ist - also du die Erste bist, die etwas macht. Ich habe in den letzten Jahren zwar viel Grundlagenarbeit geleistet, dennoch musste ich aufpassen, mich nicht so sehr von negativen Stimmen beeinflussen zu lassen. Frauen werden eben besonders kritisch gesehen, noch dazu bin ich schwarz und eine Trans-Frau, das verstärkt den Effekt noch einmal. Als Folge davon achte ich bei meiner Arbeit nun noch mehr darauf, dass sie mein Selbstwertgefühl stärkt.

SPIEGEL ONLINE: Parallel zu Ihren persönlichen Erfolgen scheint sich viel für Trans-Menschen allgemein getan zu haben - nicht zuletzt auch durch die Auftritte von Caitlyn Jenner. Wie substanziell sind die Fortschritte?

Cox: Ich kann nur für die USA sprechen, hier ist die Sichtbarkeit von Trans-Menschen so groß wie nie zuvor. Dennoch ist die Mordrate unter Trans-Menschen nach wie vor sehr hoch, sie werden überproportional häufig Opfer von Gewalttaten, sind oft arbeitslos und werden von der Polizei drangsaliert. Die Politik hinkt in diesem Fall der Medienpräsenz hinterher. Ich hoffe, das ändert sich bald.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken und haben unter anderem das Hashtag #TransIsBeautiful gestartet. Worum geht es Ihnen dabei?

Cox: Das rührt zunächst von meinen persönlichen Erfahrungen her. Ich bin immer wieder begutachtet und dabei nach cis-normativen* Schönheitsstandards beurteilt worden. Ich musste mir selbst versichern, dass Trans eine eigene Form von Schönheit darstellt. Bei einer Rede an einer Uni vor ein paar Monaten ist mir dann die Idee zu dem Hashtag gekommen, damit wir all die Sachen sammeln können, die die einzigartige Schönheit von Trans-Menschen ausmachen. Eigentlich greift die Idee aber auch jenseits von Trans: Uns geht es darum, Vielfalt an sich zu feiern.

SPIEGEL ONLINE: Vor Kurzem wurde bekannt, dass Hari Nef als erstes Transgender-Model einen Vertrag von der etablierten Agentur IMG bekommen hat. Sie hat zugleich kritisiert, dass Transgender in der Modewelt gerade ein Trend ist und sich dafür eingesetzt, dass Trans-Menschen jenseits von Medienhypes dauerhaft präsent sein sollten. Wie könnte das Ihrer Meinung nach erreicht werden?

Cox: Ich glaube auch, dass wir einen Systemwandel brauchen. Gleichzeitig finde ich es wichtig, nicht die Geschichte zu vergessen: Trans-Menschen modeln schon sehr lange. In den Siebzigern gab es Tracy Africa, in den Achtzigern Teri Toye, in den Neunzigern Connie Fleming. Trans-Models einen Trend zu nennen, ist deshalb ahistorisch. Allgemein habe ich aber ein Problem mit sogenannten Trends: Vielfalt sollte kein Trend sein, Gleichheit und Gerechtigkeit sollten kein Trend sein.
SPIEGEL ONLINE: Aber wie erreicht man einen Systemwandel?
Cox: Ein Schlüssel dazu ist sicherlich, Trans-Menschen nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter zu haben - dass sie Drehbücher schreiben, Regie führen und als Produzenten tätig sind. So speisen sich neue Perspektiven in das System ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst auch schon TV-Shows produziert. Werden Sie das noch verstärken?

Cox: Ja, ich arbeite zurzeit an dem Dokumentarfilm "Free CeCe" über CeCe McDonald, eine afroamerikanische Trans-Frau, die 19 Monate lang in einem Männergefängnis saß und dort rassistischen und transphoben Übergriffen ausgesetzt war. Der Film sollte 2016 zu sehen sein. Irgendwann möchte ich aber auch fiktionale Stoffe produzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflussen Ihre Erfahrungen und Ihr Aktivismus die Arbeit an "Orange Is The New Black"?

Cox: Zu tanzen, mir Figuren auszudenken und sie zu spielen ist seit jeher meine Zuflucht vor dem Bösen in der Welt. Auch jetzt, beim Dreh der dritten Staffel, habe ich es wieder in vollen Zügen genossen, in Sophias Geschichte aufzugehen. Showrunnerin Jenji Kohan und das Autorenteam haben sich wirklich tolle Sachen für meine Figur ausgedacht, es wird in dieser Staffel sehr emotional, spannungsgeladen, aber auch lustig zugehen. Ich hatte das Gefühl, über mich hinauswachsen zu müssen, um das alles glaubhaft zu verkörpern und den Erfahrungen der Menschen, die ähnliches erlebt haben, gerecht zu werden. Hoffentlich ist mir das gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Die Serie wird besonders dafür gelobt, dass sie so eine große Vielfalt an weiblichen Rollen bietet. Wie viel kommen Sie als Darstellerinnen überhaupt voneinander mit?

Cox: Am Set läuft tatsächlich vieles parallel. Und jenseits der Dreharbeiten haben wir alle auch sehr viel zu tun. Aber wir versuchen, so häufig wie möglich zusammenzukommen. Das ist wirklich eine großartige Gruppe von Frauen mit echtem Kameradschaftsgeist. Wir sind, glaube ich, alle sehr dankbar, diese Serie machen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht der Eindruck oder hat Ihre Figur Sophia wenige Szenen mit anderen schwarzen Frauen? Das Gefängnis, in dem "Orange Is The New Black" spielt, ist ja ethnisch relativ strikt aufgeteilt.

Cox: In der ersten Staffel hatte Sophia tatsächlich noch mehr mit anderen schwarzen Frauen zu tun. Im Verlauf der zweiten Staffel hat sie sich aber etwas von der Gruppe abgesetzt, was mit dem Auftauchen von Vee (der manipulativen Gang-Anführerin, die den Drogenhandel im Gefängnis organisiert, d. Red.) zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das im Verlauf der dritten Staffel wieder ändern?
Cox: Ha, wie kann ich dazu etwas sagen, ohne zu viel zu verraten? Am besten nur so viel: Es werden einige sehr pikante und großartige Dinge mit Sophia passieren.

*Mit der Vorsilbe "cis" bzw. dem Wort "Cisgender" werden Menschen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität im Gegensatz zu Trans-Menschen mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt.


Mittwoch, 2. März 2016

Ein neues Gesetz reicht nicht aus! Für die Gleichberechtigung von Intersexuellen muss mehr passieren.


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Ein neues Gesetz reicht nicht aus!
Für die Gleichberechtigung von Intersexuellen muss mehr passieren.

Viele Ärzte sehen in Intersexualität immer noch eine Störung, die behandelt werden muss. Betroffene sehen das ganz anders.

Der Begriff "Zwitter" wird als diskriminierend empfunden

Bei intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Bei ihnen kommen gleichzeitig - vollständig oder teilweise - Geschlechtsmerkmale vor, die sich typischerweise entweder bei Frauen oder bei Männern finden. Vor der Einführung des Begriffs "Intersexuelle" war meist von "Zwittern" die Rede. Diese Bezeichnung kann jedoch diskriminierenden Charakter haben.
Experten schätzen, dass auf etwa 1500 bis 2000 Geburten ein Fall von Intersexualität kommt. Vertreter von Betroffenen schätzen die Zahl höher ein und verweisen unter anderem auf die großen Probleme, das Phänomen physisch wie hormonell klar zu fassen. Intersexuellen-Gruppen fordern seit längerem entschiedenere Maßnahmen, um Betroffene gegen Diskriminierung zu schützen und ihren Status rechtlich wie gesellschaftlich abzusichern.

Intersexualität als eigenständige Kategorie

In mehreren außereuropäischen Ländern wird Intersexualität inzwischen rechtlich als eine eigenständige Kategorie neben dem männlichen und weiblichen Geschlecht anerkannt. Dazu zählt unter anderem auch Australien. Mit der Neuregelung in Deutschland wird dagegen kein drittes Geschlecht geschaffen, wie das Innenministerium betont. Eine derartige Kategorie lasse sich in das deutsche Rechtsystem aus prinzipiellen Gründen nicht einfügen.

Änderung des Personenstandsgesetzes

Am 1. November 2013 tritt das Personenstandsgesetz in Deutschland in Kraft, das um folgenden Absatz ergänzt wurde: "Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen."

Wenn sich das Geschlecht eines Neugeborenen nicht eindeutig bestimmen lässt, muss der Standesbeamte dieses im amtlichen Geburtenregister künftig offen lassen. Das sieht eine Änderung des Personenstandsgesetzes vor, die zum 1. November in Kraft tritt. Die Neuregelung bezieht sich auf Fälle von Intersexualität. Kritiker bezweifeln, dass die Option, das Geschlecht offen zu lassen, intersexuellen Menschen wirklich hilft.

im Vorfeld war die Regelung wegen ethischer Bedenken äußerst umstritten, eine Lösung zu finden war aus rechtlichen Gründen kompliziert. Mit der Änderung soll der Druck von den Eltern genommen werden, sich unmittelbar nach der Geburt auf ein Geschlecht festzulegen, ohne die weitere Entwicklung des Kindes abwarten zu können. Bislang waren Eltern verpflichtet, innerhalb einer Woche die Geburt ihres Kindes samt Namen und Geschlecht beim Standesamt zu melden. Andernfalls drohte eine Geldstrafe. Die Neuregelung geht auf Anregungen des Deutschen Ethikrats zurück, der Regierung und Parlament in komplizierten ethischen Fragen berät.

Bei Geschlecht muss "ungeklärt" eingetragen werden

Die Möglichkeit, das Geschlecht eines Kindes als "ungeklärt" im Register vermerken zu lassen, bestand dem Ministerium zufolge auch bisher schon. In der Praxis sei diese Option aber nur selten angewandt worden, weil Eltern und Ärzte sich in der Regel auf eine Zuordnung geeinigt hätten. Nun ist es aber verpflichtend, dass diese offen bleibt, wenn sich das Geschlecht nicht zweifelsfrei klären lässt. Es wird dann in die entsprechende Zeile gar nichts vermerkt. Die Betroffenen können dann später jederzeit über ihr Geschlecht entscheiden.
Ethikrat argumentiert mit Persönlichkeitsrecht

Der Ethikrat vertrat in seiner im Februar 2012 veröffentlichten Stellungnahme die Auffassung, dass ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung vorliege, wenn Menschen gezwungen würden, sich im Personenstandsregister als "weiblich" oder "männlich" einzutragen.

Bis heute komme es vor, dass von der typischen Erscheinungsform abweichende Geschlechtsausprägungen als medizinisch behandlungsbedürftig angesehen würden. Die Folge sind geschlechtsangleichende Operationen. "Zahlreiche betroffene Menschen, die in ihrer Kindheit einem 'normalisierenden' Eingriff unterzogen wurden, empfanden ihn später als verstümmelnd und hätten ihm als Erwachsene nie zugestimmt", teilt der Ethikrat mit.
Ich habe meinen Körper verlassen, um andere zu bewohnen – und das alles geschah, bevor ich sechzehn wurde. Nun aber, mit einundvierzig, spüre ich, dass mir noch eine weitere Geburt bevorsteht." In Jeffrey Eugenides' Roman "Middlesex" erspürt die Hauptfigur Calliope, wofür Deutschland bislang noch kein Gefühl entwickelt hat. Entwickeln konnte, muss man eigentlich sagen. Doch das soll sich ändern. Im Deutschen Bundestag wurde am 31. Januar ein Gesetz verabschiedet, das Eltern und Ärzten eines Babys mit nicht eindeutigem Geschlecht die Entscheidung abnehmen soll, das Kind als Mädchen oder Junge im Geburtsregister eintragen zu lassen.

Das geänderte Personenstandsgesetz ist heute, am 1. November, Inkrafttreten und trägt damit der Tatsache Rechnung, dass etwa jedes 4500ste in Deutschland geborene Kind nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuzuordnen ist. Intersexuelle Kinder haben beide Anlagen und sind nicht eindeutig Mädchen oder Junge.

Noch immer wird im Babyalter operiert

Bis vor nicht allzu langer Zeit empfahlen Ärzte den Eltern massiv, ihr Kind einem der beiden Geschlechter zuzuweisen, es operieren zu lassen und ganz nach dem klassischen Junge-Mädchen-Profil zu erziehen. Bis in die 1990er Jahre galt in den meisten Fällen bei OPs das Prinzip der besseren Machbarkeit: "It's easier to make a hole than to build a pole" (Es ist einfacher ein Loch zu graben, als einen Pfahl zu errichten), also wurden fast alle intersexuell geborenen Kinder zu Mädchen. Dass überhaupt operiert werden musste, stand nur selten zur Debatte. Lediglich wenn Eltern sich vehement gegen alle ärztlichen Ratschläge durchsetzen, blieb das Kind unversehrt, in mehr als drei Vierteln war das nicht der Fall.

Im September 2012 wandte sich eine Gruppe Betroffener mit einem offenen Brief ans Hamburger Universitätsklinikum und forderte eine umfassende Aufarbeitung. Ärztliche Empfehlungen aus den 1950er bis 1970er Jahren, wie sie die Schweizer Gruppe aus ihren Unterlagen zitiert, klingen brutal: "Nach Möglichkeit soll die Operation schon vor dem vierten Lebensjahr durchgeführt werden. Bei leichteren Fällen ist lediglich die Entfernung der Klitoris erforderlich. Das Organ soll dabei exstirpiert [vollständig entfernt, Anm. d. Red.] und nicht amputiert werden, da sich sonst lästige Erektionen des zurückgebliebenen Stumpfes einstellen können."

Auch heute noch werden zwischengeschlechtliche Kinder operiert, oft wird ein erhöhtes Krebsrisiko als Grund angeführt, das etwa bei innenliegenden Hoden besteht. Dass es sich um einen statistischen Wert handelt und das Entartungsrisiko deutlich geringer als früher angenommen ist, hindert die meisten Ärzte nicht an einer sogenannten Gonadektomie, einer Entfernung der hormonbildenden Keimdrüsen. Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie ihr Leben lang Medikamente nehmen müssen, um die Hormone zu ersetzen. Und natürlich Unfruchtbarkeit.


Leben zwischen den Geschlechtern


Vom 2. Mai bis 19. Juni 2011 führte der Deutsche Ethikrat eine Online-Umfrage unter betroffenen Menschen zum Thema Intersexualität durch. Dabei kam auch heraus, was den Befragten besonders fehlt: "Am häufigsten werden öffentliche Aufklärung und Enttabuisierung - insbesondere in Schulen, an Universitäten, bei Medizinern und Psychologen - gefordert." Zum Personenstandsrechts kam es zu folgenden Ergebnissen: "Im Hinblick auf das Personenstandsrecht fordern 43 Prozent eine Beibehaltung der Unterscheidung männlich/weiblich. 36 Prozent plädieren für eine andere Lösung und 22 Prozent fordern die Ergänzung um eine dritte Kategorie."

Der Ethikrat empfahl dem Bundestag die Änderung des Personenstandsgesetzes. Nun kann dies als rechtliche Grundlage für weitere Aufklärung dienen. Hertha Richter-Appelt, stellvertretende Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Hamburger UKE, hat auch den Ethikrat beraten. 2010 sagte sie in einem Interview mit der "Brigitte": "Das psychosoziale Geschlecht sollten Eltern auf keinen Fall offen lassen." Neben der Frage, wie man bei einem Baby oder Kleinkind das psychosoziale Geschlecht erkennt, stellt sich auch die Frage: Können Eltern ein Kind nicht geschlechtsneutral erziehen? Zu stern.de sagt Frau Richter-Appelt: "Ich kann mir wenige Eltern vorstellen, die das von ihrer eigenen psychischen Struktur her ohne größere Probleme schaffen. Also es ohne Unterstützung schaffen, in den Kindergarten zu gehen und zu sagen 'Ich möchte das Kind weder als Mädchen noch als Jungen erziehen. Können Sie bitte entsprechend mit dem Kind umgehen?' Da müssen sie auf vernünftige Kindergärtnerinnen stoßen. Dann kommt das Kind in die Schule, dann muss man mit den Lehrern reden und so weiter. Ich glaube, es ist für ein Kind einfacher, wenn sie sagen, wir erziehen das Kind mehr oder minder als Mädchen, aber sehr tolerant. Früher hat man Kinder so erzogen, dass man einem dem weiblichen Geschlecht zugewiesenen Kind, wenn es angefangen hat mit Autos zu spielen, die Autos weggenommen hat. Und analog hat man das mit Jungs gemacht. Das ist natürlich Wahnsinn, da pressen Sie die Kinder in irgendwas rein, wo sie sich überhaupt nicht entwickeln können. Und unsere Erfahrung aus der Studie ist: Intersexuelle Menschen erleben sich oft dazwischen."

Aufklärung muss her!

Doch Eltern, die sich das zutrauen, gibt es heutzutage durchaus, das weiß Richter-Appelt, einige kennt sie persönlich: "Ich sage nicht, dass es nicht geht. Kinder mobben relativ wenig, was Geschlecht angeht. Das war immer die Angst von Ärzten, wenn das Kind in die Sauna geht oder in die Schule kommt, werde es gehänselt. Ich glaube aber, das sind sehr viel mehr die Ängste der Erwachsenen", berichtet sie.
Und da hilft nur Aufklärung, für die Akzeptanz einer mehr als zweigeschlechtlichen Welt reicht das ergänzte Gesetz allein nicht aus. Dass wir auch ein sprachliches Problem haben mit einem "unbestimmten Geschlecht", stellte Burkhard Müller in seinem Artikel "Der Mensch, die Männin" in der "Süddeutschen Zeitung" fest. Sprache sei zäh und träge, was man bereits an Notlösungen wie "Professorinnen" oder "Professor/inn/en" merke, wenn man Professoren und Professorinnen anschreiben wolle. Doch in der Sprache kann sich nur widerspiegeln, was auch gelebt wird - und davon die zahlreichen Varianten zwischen den Geschlechtern zu leben, zu akzeptieren, gleichzubehandeln und in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen, sind wir noch meilenweit entfernt.

Was sagen wir den anderen?
Kurz nach der Geburt erfahren die Reuters, dass sie ein intersexuelles Kind bekommen haben. Erste Fragen an die Ärzte sind kaum beantwortet, da folgen die Entlassung aus der Klinik und der Alltag.
Wenn Sie zum ersten Mal von der Familie Reuter lesen, also noch gar nicht wissen, dass die Reuters gar nicht Reuter heißen, dann klicken Sie hier und sehen, wie alles begann. Wenn Sie aber bereits auf die Fortsetzung der Geschichte gewartet haben, wie Maria Reuter den Schritt aus dem Schutzraum Krankenhaus in ihren Alltag geschafft hat, dann lesen Sie einfach weiter.

Es war rund eine Woche nach der dramatischen Entbindung, Not-Kaiserschnitt wegen Fußlage des Babys, Diagnose uneindeutiges Geschlecht, als Familie Reuter nach Hause fuhr und sich fragte: Was sagen wir? Engste Freunde und die Familie waren eingeweiht, dass statt des erwarteten Mädchens ein Kind mit nicht eindeutigem Geschlecht zur Welt gekommen war. Im Krankenhaus hatte eine zwar mitfühlende, aber letztlich sehr medizinische Aufklärung stattgefunden, bei der die Eltern zum ersten Mal mit der Tragweite des Befundes konfrontiert worden waren. Intersexuell, zwischengeschlechtlich, mehrdeutig: Das heiß ersehnte Mädchen hatte mehr mit auf die Welt gebracht, als alles, wovon die Eltern jemals gehört hatten.
Jetzt nichts Falsches sagen

Nun war also die Woche in der Klinik vorbei, die Begegnung mit dem Alltag stand an. Neben Freunden und Familie würden Fragen von Menschen kommen, die einfach im Vorbeigehen kurz in den Kinderwagen schauen und ein Baby angucken wollen. Und garantiert nach dem Geschlecht fragen, wenn die Kleidung nicht rosa oder hellblau ist. "Ich sehe uns noch hier ankommen und ich wollte, dass wir wissen, ob wir jetzt Junge oder Mädchen sagen", erzählt Maria Reuter von der Stunde ihrer Heimkehr. "Es ist uns niemand begegnet, wir konnten unbemerkt durch das Treppenhaus nach oben gelangen, aber dann war klar: Das ist jetzt das, was ansteht." Statt stolz das eigene Kind präsentieren zu können, muss eine Strategie her. "Das war der absolute Tiefpunkt", weiß Maria Reuter noch genau.

Die ersten Tage nach der Heimkehr aus dem Krankenhaus werden zur emotionalen Achterbahnfahrt. Das Dilemma mit der geschlechtlichen Uneindeutigkeit ist überwältigend, die eheliche Kommunikationsfähigkeit steht auf dem Prüfstand. Und ganz nebenbei sind das Baby und der große Bruder zu versorgen. Während die Mutter dem Problem aus dem Weg gehen möchte und zunächst darauf drängt, einfach zu sagen, es sei ein Mädchen, ist ihr Mann strikt dagegen. Irgendwann wird den Eltern die gesamte Dimension bewusst: "Wir hatten das Gefühl, was auch immer wir jetzt sagen, könnte falsch ausgelegt werden. Was machen wir, wenn es dann hinterher doch anders ist?" Die Eltern erkennen, mit wie viel Stigma ein Geschlechtswechsel behaftet ist: "Der Gedanke, dass das Geschlecht sich ändern kann, ist in dem Moment unheimlich erschreckend. Man denkt, da kommt man gleich in einen Topf mit Transvestiten und Transsexuellen und fragt sich: 'Mit wem werde ich da in eine Schublade gesteckt?' Das sind Leute, die bisher immer weit weg waren." Bald merken die beiden, dass dies genau die Art Vorurteil ist, vor dem sie sich selbst fürchten: "Ach so, die haben sich das auch nicht ausgedacht, um die Welt zu ärgern! Die wollen einfach nur sie selber sein."

Die Hamburger Psychotherapeutin Hertha Richter-Appelt, eine der führenden Expertinnen zum Thema Intersexualität, erklärt die Verunsicherung betroffener Eltern Kinder so: "Eltern haben Fantasien über ihre Kinder, das geht schon vor der Geburt los. Die Tatsache, dass es ein Kind ist, bei dem man nicht weiß, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, verunsichert erst mal. Man fragt sich, ob dieses Kind Partner haben wird, wie es im Beruf zurechtkommt et cetera. Eine sehr aufgeklärte Familie wird offen damit umgehen können, das erfordert jedoch starke Persönlichkeiten. Es gibt auch Familien, wo die Eltern nicht wollen, dass die Geschwister erfahren, was mit diesem Kind los ist. Auch heute noch."


Kind ohne Namen


Schließlich wird dem Paar klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Das Versteckspiel muss ein Ende haben, sie waren ja auch früher keine verschlossene Menschen gewesen. Es hilft nur Ehrlichkeit. Für Maria Reuter kommt es zur ersten Begegnung mit einem Fremden: "Es war ein Nachbar, der die Straße fegte. Ein älterer Herr, den ich nicht besonders gut kannte, und er fragte gleich: 'Was ist es denn?' Dann habe ich gesagt: 'Ich kann es Ihnen leider nicht sagen. Wir wüssten es auch gerne, aber das Kind ist mit uneindeutigen Geschlecht geboren und es werden noch weitere Tests gemacht.'" Nachdem es erst einmal raus war, ging die Mutter immer beherzter vor. "Ich habe sehr früh angefangen, die Leute zu ermutigen, und gesagt: 'Ich freue mich, dass Sie fragen!'" Und als eine gewisse Routine eingesetzt hatte, folgte der nächste Schritt und sie sagte: "Ihr könnt mich auch übermorgen wieder fragen, ob es schon was Neues gibt!" Sie hätte sonst das Gefühl gehabt, dass weiterhin Unsicherheit im Raum steht. Das Verrückte war: Kaum jemand fragte nach. "Sobald man das Kind kennt, verliert die Frage zum Geschlecht offenbar an Relevanz", schließt Maria Reuter heute daraus.

Natürlich gibt es auch kuriose Erlebnisse wie dieses: "Wir hatten eine Versicherungskarte, da stand drauf: Ohne Namen und dann der Nachname, also 'Ohne Namen Reuter', weil das Kind ja noch keinen Vornamen hatte. Mit dieser Versichertenkarte ging ich damals in die Apotheke bei uns um die Ecke, um die Augentropfen zu bekommen, die Babys am Anfang kriegen. Die Apothekerin guckt darauf und lacht sich kaputt. Das ist ja auch total lustig! Ich fand es schön, dass sie so natürlich reagiert hat. Am nächsten Tag kam ich zurück, um das Medikament abzuholen, da war ihr das hochnotpeinlich, dass sie so gelacht hatte! Sie war offenbar inzwischen aufgeklärt worden, was Sache ist. Ich glaube, das ganze Viertel wusste längst Bescheid, als wir noch darüber nachgedacht haben, 'Wem sagen wir was?'."

Auswahl an geschlechtsneutralen Namen wächst


Die Reuters beschließen, ihrem Kind einen weiblichen Vornamen sowie einen geschlechtsneutralen Mittelnamen zu geben. Letzteres wäre heute nicht mehr notwendig: "Das würde ich heute anders machen, denn der Rufname ist der Rufname, das ist das, was das Kind gewohnt ist und den wechselt man nicht einfach so. An seinem Namen hängt man ja, das bin ich, das ist ein Stück meiner Identität. Heute würde ich dem Kind sofort einen androgynen Namen geben." Sascha, Robin, Luca, Mika - die Auswahl an geschlechtsneutralen Namen nimmt zu. Ein Vorname muss heute nicht mehr geschlechtsspezifisch sein, spätestens seit 2010 auch nicht mehr durch einen eindeutigen zweiten Vornamen ergänzt werden, wie die Juristin Konstanze Plett von der Universität Bremen, die sich schon lange mit Intersexualität beschäftigt, im Gespräch mit stern.de erklärt.

Das Kind der Reuters geht inzwischen zur Schule und findet seinen Namen zum Glück prima. Nach der großen Anteilnahme in unseren Facebook-Kommentaren wollen wir Ihnen nicht vorenthalten, was Maria Reuter ihrem Kind antwortete, als es zum ersten Mal gefragt hat: "Was bin ich denn jetzt?".

Mittwoch, 24. Februar 2016

Mein Freund Gerda


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Geschrieben und Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2016

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Mein Freund Gerda

Ein Kind kommt mit Hoden und Gebärmutter zur Welt. Die Ärzte sagen, sie könnten es entweder zum Mädchen oder zum Jungen operieren. Die Eltern wollen das nicht. Ihr Kind ist beides.
Als Gerda geboren wurde, ließ das deutsche Recht den Eltern eine Woche, um Fakten zu schaffen. Die Standesbeamten wollten es ganz eindeutig wissen, fragten nach Ort und Zeit der Geburt, dem Namen des Kindes* und nach dem Geschlecht. „Weiblich“ ließen die Eltern damals eintragen. Fast neun Jahre ist das her. Dabei waren sie sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sicher, ob sie damit überhaupt richtig lagen.

„Ein Junge“, hatte die Hebamme verkündet, als die Mutter nach dem Kaiserschnitt aus der Narkose erwachte. „Wahrscheinlich ein Mädchen“, sagte der Arzt zu ihrem Mann.

Kein Junge, kein Mädchen – sondern beides
Später äußerten sich die Mediziner etwas genauer: Gerda ist kein Junge, kein Mädchen, sondern beides. Gerda hat einen männlichen XY-Chromosomensatz, aber der Penis ist nur schwach ausgebildet, man kann genauso gut vergrößerte Klitoris dazu sagen. Die Hoden befanden sich nach der Geburt im Bauchraum, einer ist nicht vollständig entwickelt, der zweite nur als Gewebestrang ausgebildet. Das Kind hat außerdem eine Gebärmutter und eine Vagina.

„Gonadendysgenesie“ diagnostizierten die Ärzte. Dabei handelt es sich um eine der zahlreichen Varianten von Intersexualität. Gerda ist ein Kind, das sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen lässt. Früher hätte man Zwitter gesagt.

Die Eltern hatten zunächst ganz andere Sorgen. Gerda war drei Monate zu früh auf die Welt gekommen, sie lag noch im Brutkasten, als die Ärzte mit betretenen Mienen in den Raum traten und sagten, Gerda sei intersexuell. „Ehrlich gesagt: Die 920 Gramm waren der größere Schock“, sagt Anna Pietersen, die Mutter. Die 920 Gramm verschafften den Eltern allerdings Zeit, sich mit der Intersexualität ihres Kindes auseinanderzusetzen.

Chirurgen fiel es leichter, eine Vagina zu erschaffen
Vor fast einem Jahrzehnt, als Gerda auf die Welt kam, hätten sie wenig über Intersexualität gewusst, sagt die Mutter. Es gab noch keinen „Tatort“, der das Thema aufgriff, keine Debatten über Sportlerinnen wie die Sprinterin Caster Semenya, die laut Chromosomensatz eigentlich ein Sprinter ist. „Middlesex“, der Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, der später zum Bestseller wurde, war gerade erst erschienen. Und der Ethikrat des Deutschen Bundestages, der viele Facetten von Intersexualität aufarbeiten wollte, trat zum ersten Mal im Jahr 2010 zusammen.

Zufällig kannte sich eine Freundin der Mutter ein wenig mit dem Thema aus. „Sie hat uns geraten, behutsam vorzugehen - und vor den Ärzten auf der Hut zu sein.“ Woher ihr Unbehagen rührte, erfuhren die Pietersens im Gespräch mit erwachsenen Intersexuellen, die sie über die Elternselbsthilfegruppe der „XY-Frauen“ kennenlernten. Sie gehört zum „Dachverband Intersexuelle Menschen“. Viele waren durch die Hölle gegangen, litten an den Folgen frühzeitiger Operationen und Hormonbehandlungen, die sie wahlweise zum Jungen, meistens zum Mädchen machen sollten - weil es Chirurgen leichter fiel, eine Vagina als einen Penis zu erschaffen.
Intersexualität ist kein Tabu-Thema mehr
Die Pietersens hörten von Zwangskastrationen und Sterilisationen, von Eierstöcken oder Hoden, die den Patienten herausgeschnitten wurden, von Kindern, die sich irgendwie als Jungen fühlten, aber in rosa Kleidchen gesteckt wurden. Sie hörten von Kindern, die Gruppen neugieriger Ärzte immer wieder nackt vorgeführt wurden, und von Eltern, die ihren Kindern nicht erzählten, was mit ihnen war - bis sie als Jugendliche zufällig, zum Beispiel nach einer Blinddarm-OP, erfuhren: „Du bist keine Frau.“ Oder: „Du bist gar kein Mann.“

Jahrzehntelang war Intersexualität mit einem Tabu belegt. Inzwischen kann man die Leidensgeschichten nachlesen: in zahlreichen Berichten von Betroffenen, in Internetforen von Selbsthilfegruppen oder in der Stellungnahme des Ethikrates. Man kann auch Hertha Richter-Appelt fragen, stellvertretende Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. „Das Vorgehen der Medizin hat sich aus heutiger Perspektive als falsch erwiesen“, sagt sie. Doch man müsse es aus dem Kontext der Zeit verstehen.

Großes Leid durch Streben nach Eindeutigkeit
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts waren Mediziner und Psychologen der Auffassung, ein Kind müsse dringend und am besten stillschweigend an ein Geschlecht angepasst werden, um sich „normal“ zu entwickeln. Richter-Appelt sagt, dass dieses Streben nach Eindeutigkeit und Normalisierung vielen Patienten enormes körperliches und seelisches Leid beschert habe: „Zum Beispiel wurde vielen Kindern sehr früh eine Vagina eingesetzt, damit sie später einmal heterosexuellen Geschlechtsverkehr haben können.“

Weil das künstliche Organ aber schrumpft, wenn es nicht regelmäßig benutzt wird, muss es immer wieder geweitet werden. Meist haben die Eltern den Kindern jahrelang einen Stab eingeführt. „Bougieren“ heißt das im Fachjargon. Der gewünschte Effekt, nämlich eine Frau zu schaffen, die den Sex mit Männern genießen kann, trat nach diesen Erfahrungen meistens nicht ein: „Studienteilnehmer erzählten, das Schlimmste sei für sie die Penetration.“

Die Eltern lassen Gerda und ihren Geschlechtern freien Lauf
Als Gerda kräftig genug war, die Klinik zu verlassen, und die Eltern sie mit nach Hause nahmen, war den Pietersens klar: Prozeduren wie diese wollen wir unserem Kind unbedingt ersparen. Sofern kein medizinischer Notfall vorliegt, sind Mediziner inzwischen zu Zurückhaltung bei geschlechtsverändernden Eingriffen aufgerufen, die nicht rückgängig zu machen sind. Dennoch machte der Arzt in der Spezialklinik von Rotterdam den Pietersens ein verlockendes Angebot: „Wir haben alle Möglichkeiten: Wir können Ihnen einen Jungen oder ein Mädchen machen.“

Die Pietersens haben es ausgeschlagen. Und sich entschieden, abzuwarten. Das fiel nicht immer leicht. Bei einer Gonadendysgenesie besteht zum Beispiel ein erhöhtes Risiko, dass sich an den Gonaden Tumore bilden. Die Pietersens mussten also abwägen: Entartungsrisiko gegen ein Leben mit Medikamenten und die Festlegung ihres Kindes auf das weibliche Geschlecht. Sie wählten das Risiko, haben aber zugestimmt, dass die Ärzte Gerdas Hoden aus dem Bauchraum in die Leistengegend verlegen und fixieren. „In der Leiste haben wir das Tumorrisiko etwas besser im Griff“, sagt Anna Pietersen. Einmal im Jahr hat Gerda einen Termin zum Ultraschall, jeden Monat kontrolliert ihre Mutter, ob sich eine Veränderung ertasten lässt. Ansonsten lassen die Eltern Gerda und ihren Geschlechtern freien Lauf.
Mit dem Anderssein hausieren gegangen
„Du bist beides“, haben sie Gerda gesagt. „Du kannst dir dein Geschlecht später aussuchen.“ Die Pietersens wissen, dass sie ein Wagnis eingehen, das vielen Eltern, die sie aus der Selbsthilfegruppe kennen, zu groß ist. Manche entscheiden sich zu medizinischen Behandlungen, die ihre Kinder mehr zum Mädchen oder zum Jungen machen. Anna Pietersen hat dafür Verständnis: „Wir leben in einer Gesellschaft, die nur weiblich und männlich kennt.“ Eine andere Mutter erzählt: „Als ich mit dem Kinderwagen spazieren ging, kamen die Leute und fragten zuallererst: ,Was ist es denn: Mädchen oder Junge?‘ “ Sie habe geantwortet: „Ich kann es nicht sagen. Aber habt keine Scheu, mich zu fragen.“

Den Pietersens hatte eine Psychologin gesagt: „Wenn Sie Ihr Kind offen erziehen, wird es immer anders sein. Und Kinder wollen nicht anders sein.“ Bislang haben die Pietersens andere Erfahrungen gemacht: Gerda rede sogar sehr gerne darüber, dass sie beides sei, als wäre sie stolz auf ihr Anderssein. Im Alter von sechs Jahren, erzählt die Mutter, sei das Kind gewissermaßen mit seiner Intersexualität hausieren gegangen. „Du musst ja nicht unbedingt jedem Wildfremden davon erzählen“, habe sie ihm damals gesagt.

Entscheidung für die Jungen-Umkleide
Gerda hat lange blonde Haare und mag keine Kleider. Einen rosa Pulli, sagt ihre Mutter, trage sie aber ab und zu ganz gern. Früher liebte sie alles, was glitzert. „Aber das tat ihr großer Bruder auch, als er jünger war“, erinnert sich die Mutter. Er wollte eine Kette tragen. Ihm habe sie damals gesagt: „Nee, das ist doch eher was für Mädchen.“ Heute sei ihr klar, dass man seine Kinder ganz subtil zu Mädchen und Jungen erziehe.

Die Pietersens haben immer wieder gesagt bekommen, wie grausam Kinder zu Kindern sein können, die von der Norm abweichen. „Ich erlebe Gerdas Schulkameraden und Freunde aber als sehr verständnisvoll“, sagt Anna Pietersen. Momentan spielt Gerda lieber mit Jungen, und als sie vor der Wahl stand, wo sie sich vor dem Sportunterricht umziehen wolle, habe sich die Achtjährige für die Umkleidekabinen der Jungs entschieden. Einer der besten Freunde ihres Kindes, erzählt Anna Pietersen und muss lachen, sage „Gerda“ und spreche dann ganz selbstverständlich weiter von „ihm“.

Pubertät: Gerda wird wohl vermännlichen
Natürlich liegt die kritische Zeit noch vor ihnen. Wenn Gerda auf die höhere Schule wechselt und dort auf Kinder trifft, die von Intersexualität noch nie etwas gehört haben. Wenn die Hormone ins Spiel kommen, kann sich ohnehin alles ändern. Dann geht es vermutlich nicht bloß um pinke Accessoires. Die Ärzte haben Gerdas Gonade getestet: Sie wird in der Pubertät im durchschnittlichen Maße männliches Testosteron produzieren. Gerda wird also vermännlichen, obwohl die Geburtsurkunde von einer weiblichen Person kündet.

Vielleicht wird Gerda ihren Eltern später Vorwürfe machen, warum man sie nicht schon früh zum Jungen gemacht habe. Oder doch zum Mädchen. Anna Pietersen weiß um das Risiko. „Aber es ist doch so: Wir hätten bei allen Entscheidungen wahrscheinlich immer fünfzig Prozent danebengelegen.“ Man habe als Eltern doch ohnehin keine Garantie, dass man alles richtig mache.


Das Menschliche

Und Sie wissen nicht, mit was Sie es zutun haben! Doch diese bekommen euch, ein Fakt!

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