Donnerstag, 20. September 2012

Transsexualität zum Teil genetisch bedingt?


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Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2012

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Transsexualität zum Teil genetisch bedingt?

 Forcher glauben, eine Genabweichung gefunden zu haben, die für Transsexualität verantwortlich ist. Sie führt bei Frauen, die sich wie Männer fühlen, zu einem Überschuss an männlichen Hormonen.
Menschen, die körperlich eindeutig Mann oder Frau sind, sich aber dem anderen Geschlechts zugehörig fühlen, sind transsexuell. Diese komplexe Empfindung hat vermutlich mehrere Gründe und beruht zum Teil auf umfeldbedingten und kulturellen Einflüssen.

Clemens Tempfer und seine Kollegen von der Medizinischen Universität Wien sagen nun: Transsexualität hat auch einen genetischen Komponenten.

DNA-Proben von Transsexuellen genommen   

Tempfer und sein Team untersuchten die DNA von 49 Frau-zu-Mann-, 102 Mann-zu-Frau- und 1.669 Nicht-Transsexuellen. Die Abweichung wurde im sogenannten Cytochrom P17-Gen entdeckt. Sie führt zu überdurchschnittlich vielen männlichen und weiblichen Sexualhormonen. Dieser Überschuss kann sich auf die Gehirnentwicklung und somit auf die Bildung der sexuellen Identität auswirken.
Die Genabweichung kam bei Männern häufiger vor als bei Frauen. Bei ihnen wirkte sich das veränderte Gen aber nicht auf die Sexualität aus. Bei Frauen gab es Unterschiede: 44 Prozent der Frauen, die gerne einen männlichen Körper hätten, trugen die Genabweichung in sich, im Gegensatz zu 31 Prozent der Nicht-Transsexuellen Frauen. 
                                     
Testosteron-Überschuss

Die Untersuchungen zeigen also, dass Frau-zu-Mann Transsexuelle erhöhte Mengen an männlichen Hormonen ausschütten. Dennoch gibt es auch nicht-transsexuelle Frauen mit Testosteron-Überschuss und Transsexuelle ohne.
"Die Gen-Abweichung kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Menschen transsexuell werden", sagt Tempfer gegenüber "New Scientist". Er betont aber auch die Wichtigkeit des kulturellen Umfelds als möglichen Auslöser für Transsexualität. 
                                            
Bedenken zur Studie

Janett Scott, ehemalige Präsidentin der Beaumont Society, einer englischen Vereinigung Transsexueller, äußert Bedenken zur Studie. Eine biologische Ursache könnte die Menschen ermutigen, Transsexualität "heilen" zu wollen. "Die Natur hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Nur die Erziehung bereitet uns Probleme", sagt sie gegenüber "New Scientist".

Tempfer streitet dieses Motiv stark ab. "Das steht vollkommen außer Frage", sagt er. Dennoch, würden andere Genabweichungen mit einem stärkeren Bezug zu Transsexualität identifiziert, könnte eine Diagnose in Zukunft erleichtert werden. Geschlechtsumwandlungen und Hormontherapien könnten dann früher beginnen.

"Als ich noch eine Frau war…"



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"Als ich noch eine Frau war…"

Haben es Männer tatsächlich leichter im Berufsleben? Niemand kann die Frage wohl besser beantworten als Leon Strauß. Er kann vergleichen – weil er seinen Job auch schon als Frau machte.

Einparken ist Leons Stärke nicht. Hinter dem Lenkrad seines dunkelblauen Fords dreht er sich nach hinten, dann wieder nach vorn, schaut in den Rückspiegel, gibt Gas und fährt rückwärts in die Parklücke hinein. Doch, ups, wieder den Bürgersteig erwischt.

"Ich kann das Klischee widerlegen, dass Frauen schlechter einparken", sagt er. "Als ich noch eine Frau war, hat's besser funktioniert. Vielleicht lag es daran, dass ich damals ein kleineres Auto hatte, aber trotzdem." Leon lacht, seine hellen Augen strahlen grün und grau, ein attraktiver Mann Mitte 40.

Er steigt aus dem Auto und geht zum vierstöckigen Gebäude der Assa Abloy Sicherheitstechnik GmbH. Hier hat der Berliner Industriekaufmann Leon Strauß bereits 17 Jahre beruflichen Alltag hinter sich gebracht. Die ersten zehn Jahre als Frau, die letzten sieben als Mann.

"Guten Morgen, Herr Strauß", begrüßt die Personalleiterin Frau Niggeling Leon im Flur. Nur 300 Meter von seinem Büro entfernt ist Leon groß geworden. Hier, im tiefsten Zehlendorf, in einem rosafarbenen Einfamilienhaus, wusste er schon vor mehr als dreißig Jahren, dass er gern ein Junge gewesen wäre. Doch in der Geburtsurkunde stand: weiblich. Die Eltern haben ihre Tochter Evelyn genannt. Diesen Namen spricht Leon in Bezug auf sich nicht gern aus.
Frau Niggeling, eine freundliche Kollegin im Alter Leons, kann sich sehr gut an die Zeit vor sieben Jahren erinnern. Damals kam Frau Strauß zu ihr und sagte, man müsste ihr Geschlecht in den Personalakten ändern. Der Chef hätte bereits zugestimmt.

Zuerst war Frau Niggeling überrascht, verschiedene Emotionen – von Mitleid bis Respekt – überströmten sie. Heute, wenn die Personalleiterin Leon in seinem Büro besucht, ist sie sicher: "Es war mehr eine Herausforderung für uns als ein Problem."

"Aus Evelyn wird Herr Leon Strauß"

Noch vor der offiziellen Zustimmung über die Namensänderung wurde ein Schreiben an die Kunden und Kollegen vorbereitet. Es hieß dort: "… aus Frau Evelyn Strauß wird Herr Leon Strauß, bitte in den Stammdaten ändern …" Und fertig. Die Visitenkarten wurden neu bestellt, die Daten im Computer geändert.

Nicht jede Transition verläuft so reibungslos. Vor allem Transfrauen sind häufig von Diskriminierung betroffen – ohnehin schon als Frau und noch einmal mehr als Transperson.

Arn Sauer vom Verein TransInterQueer erläutert: "Es gibt viele Beispiele, wie sehr gut ausgebildete Transfrauen, die in ihrem früheren männlichen Status noch gut bezahlte Positionen hatten, nach der Geschlechtsangleichung als Frauen plötzlich auf der Straße standen. Viele von ihnen sind geschockt, welche Benachteiligungen es mit sich bringt, eine Frau zu sein."

Einige Transmenschen kündigen freiwillig, um einen neuen Lebensabschnitt anzufangen, anderen wird gekündigt, oder sie müssen in eine andere Abteilung wechseln. Nach Angaben der Organisation Transgender Europe können in der EU circa 50 Prozent der Transmenschen keinen Vollzeitjob finden. Und selbst diejenigen, die wie Leon weiterarbeiten können, müssen vor allem in der Übergangsphase mit vielen Herausforderungen und Vorurteilen kämpfen.

 Lebt die Person ihre Geschlechtsidentität?


Um den Namen zu ändern, hat Leon – wie es gesetzlich vorgeschrieben ist – zwei ärztliche Gutachten eingereicht. "Die wesentliche Fragestellung ist dabei", erklärt der Psychotherapeut Wolfgang Weig, "ob die betreffende Person tatsächlich in einer abweichenden Geschlechtsidentität lebt, also innerlich davon überzeugt ist, dem anderen als dem biologischen Geschlecht anzugehören."

Außerdem müssten die Transsexuellen einen "Alltagstest" machen. "Das heißt, die Person soll mindestens ein Jahr lang die ,gewünschte' Geschlechtsrolle ausprobieren, indem sie sich entsprechend kleidet, ein für das jeweilige Geschlecht typisches Rollenverhalten übernimmt und sich in ihrer sozialen Umgebung entsprechend outet", so Weig.

Dies führt allerdings oft zu Missverständnissen – so auch bei Leon. "In der ersten Zeit hatte ich immer noch meine weibliche Stimme, aber ans Telefon gegangen ist Herr Strauß. Ich musste immer wieder die Situation erklären", erinnert er sich. Am Anfang ist es für viele Betroffene äußerst kompliziert, ohne eine entsprechende Hormontherapie und andere geschlechtsangleichende Maßnahmen überzeugend männlich oder weiblich aufzutreten.

Früher erschienen ihm die Kunden dominanter

Heute ist Leons Stimme sicher, heiser, tief. Hat dies Auswirkungen auf die Arbeit? "Ja", sagt Leon ohne Zweifel. Früher schienen ihm die Kunden dominanter zu sein, weil er sich unsicher fühlte. "Als Frau habe ich meine Ziele dann trotzdem erreicht, aber auf Umwegen." Es gibt auch weibliche Kolleginnen, die es anders können, meint Leon. Aber generell hat er bemerkt, dass eine männliche Stimme einen kompetenteren Eindruck verleiht.

Auch im Privaten ist Leon härter geworden: "Heute kann ich mit Worten argumentieren. Als Mann kann ich einfach sagen: Das ist so!" Und die Leute akzeptieren es. Oft ist Leon dabei selbst etwas irritiert: "Ich habe es doch Jahrzehnte anders erlebt."

Als Mann muss sich Leon anders durchsetzen. "Männer müssen klar und deutlich sein. Sie müssen mehr Präsenz und Stärke zeigen. Aber da weigere ich mich oft, es gibt ja auch weiche Männer."

Wer Leon länger beobachtet, stellt fest: Stimmt, es gibt auch weiche Männer. Und noch viel mehr. Es gibt harte Frauen, und es gibt auch zarte. Es gibt muskulöse Machos mit einer feinen weiblichen Seele, und es gibt Casanovas von kleiner Statur und unschuldigem Blick.

Und dennoch: Es gibt immer nur Männer und Frauen, und von ihnen wird Unterschiedliches erwartet. Die transsexuelle Erfahrung ist wohl der beste Beweis dafür. "Denn die Transleute werden danach bewertet, wie gut sie männliche und weibliche Ideale verkörpern", sagt Arn Sauer von TransInterQueer.

"Sie? Sie haben die gebacken?"

Zu einer Weihnachtsfeier vor fünf Jahren hatte Leon Kekse mitgebracht, zwölf Sorten, selbst gebacken. Eine Kollegin war erstaunt: "Sie? Sie haben die gebacken?” Leon musste lachen: "Wer denn sonst?" – "Ich dachte, Ihre Frau vielleicht!", war die Antwort. Die drei klassischen K – Kinder, Küche, Kirche – sind längst überholt. Wenn es aber um zwölf Sorten Gebäck geht, dann muss wohl doch eine Frau im Spiel gewesen sein.

Mittlerweile hört Leon immer öfter Witze von anderen Männern, "schlüpfrige, manchmal sogar sexistische Witze". Leon sieht das einerseits als gutes Zeichen für seine Integration: Er ist offenbar im männlichen Geschlecht angekommen. Andererseits findet er diesen Humor ziemlich blöd. "So männlich bin ich nun auch nicht geworden, dass ich dazu sagen würde: cooler Witz."

Leon hat keine Angst vor seiner Vergangenheit. Wenn die Eltern über seine Kindheit sprechen, sagen sie "sie", und das sei auch gut so. "Ich will ihnen die Erinnerungen an ihre Tochter nicht nehmen".

Herr Strauß erzählt seiner Kollegin Frau Niggeling, dass viele Transsexuelle ihre Kindheit, Pubertät und die ersten Jahre des Erwachsenseins einfach streichen. Das Leben beginnt für sie erst im neuen Geschlecht. Das findet Leon schade. Seine Vergangenheit und Erfahrungen als Frau sind ihm viel wert.

Früher wurde er als lesbisch gesehen

In seiner männlichen Rolle musste sich Leon auch daran gewöhnen, dass es völlig in Ordnung ist, "meine Freundin" in der Öffentlichkeit zu sagen. Früher wurde er als lesbisch gesehen, heute ist er ein heterosexueller Mann. Aber nur auf den ersten Blick. Nach wie vor geht Leon mit seiner Freundin zu einer Tanzgruppe für gleichgeschlechtliche Paare. "Das ist dort kein Problem, wir sind eine große Regenbogenfamilie", sagt er.

Die Regenbogenfahne – ein Symbol der Lesben, Schwulen- und auch der Transgender-Community – hat sich Leon auf die linke Schulter tätowieren lassen. Auch auch dem Heck seines Autos befindet sich ein entsprechder Aufkleber.

Da ist es auch kein Wunder, dass Leon sich eine Wohngemeinschaft in Schöneberg ausgesucht hat, einem Berliner Bezirk, wo nahezu an jedem Café eine Fahne mit sieben Farben zu sehen ist. Zwei Mitbewohnerinnen und zwei blauäugige Thaikatzen – das ist Leons Gesellschaft zu Hause.

Es gibt aber noch eine andere Katzenart, die für Leon eine besondere Bedeutung hat: der Löwe. Eine Löwenskulptur auf dem Balkon, ein Plüschtier auf dem Sofa und Dutzende Löwenstatuetten im Schrank. Löwe ist Leons Sternzeichen, sein Glücksbringer und sein größter erfüllter Wunsch – der männlicher Vorname im Personalausweis.

Auch im Büro von Leon Strauß hängt, neben einer großen Weltkarte, das Foto eines Löwen. Das, könnte man sagen, ist der einzige Hinweis auf seine Privatsphäre. Doch ein Mensch, der eine Transition am Arbeitsplatz durchgemacht hat, hat schon viel mehr von seinem Privatleben preisgegeben als alle anderen.

Kräftig, stark, mutig. Männlich. "Ich bin jetzt entspannter und ruhiger geworden. Ich habe meinen Körper so angepasst, wie ich ihn brauche." Sehr männlich und doch ganz anders.

"Jetzt bin ich manchmal wie ein Trampeltier"

Manchmal fragen seine Freunde, ob er etwas im Laufe der Verwandlung verloren habe? "Meine Sensibilität", sagt Leon mit einer etwas traurigen Stimme. Früher konnte er schneller verstehen, was seine Freundin wollte, oder warum es ihr schlecht ging. "Jetzt bin ich manchmal wie ein Trampeltier und lauf drüber. Das war früher einfach schöner."

Auch der Sex ist anders geworden. "Als ich noch eine Frau war, musste immer das Gefühl stimmen, und heute kann ich sagen: "Sex, und dann ist gut."

Wenn Frau Niggeling das gehört hätte, würde sie bestimmt mehr dazu fragen. Leon erzählt ihr aber gerade, dass er morgen in den Urlaub nach Österreich fährt. "Ich lasse meine Freunde Auto fahren und werde mich erholen", sagt er. "Aha, jetzt wieder auf Mädchen machen?" Beide lachen.

"Ja, was Autofahren betrifft, bin ich ziemlich mädchenhaft. Aber warum nicht, ich habe doch beides in mir." Und man glaubt Leon gern, dass das möglich ist. Denn es gibt auf dieser Welt Männer, Frauen – und solche, die etwas mehr darüber wissen.

Frau kann "Vater" im Sinne des Gesetzes werden



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Frau kann "Vater" im Sinne des Gesetzes werden


Wie das Gericht entschied, kann es auch in lesbischen Beziehungen einen Vater geben.
In einer lesbischen Lebensgemeinschaft kann eine der beiden Partnerinnen unter bestimmten Bedingungen "Vater" im Sinne des Gesetzes sein. Dies entschied das Oberlandesgericht (OLG) Köln im Fall eines lesbischen Paares, das nach einer Geschlechtsumwandlung der als Mann geborenen ersten Partnerin und durch eine anschließende künstliche Befruchtung der zweiten Frau zu leiblichen Eltern eines Sohnes geworden war. Dem Urteil zufolge muss der heute zum weiblichen Geschlecht gehörende "Vater" allerdings unter seinem früheren männlichen Vornamen ins Geburtsregister des Standesamts eingetragen werden.

Künstliche Befruchtung mit eigenem Sperma
In dem komplizierten Fall hatte eine der beiden heutigen Partnerinnen sich 1997 einer operativen Geschlechtsumwandlung zur Frau unterzogen, woraufhin das Kölner Amtsgericht sie als dem weiblichen Geschlecht zugehörig erklärte. Vor dem Eingriff bei dem damaligen Mann wurde ein Depot seines Spermas in einer Samenbank angelegt, mit dem die zweite Partnerin 2006 in Belgien eine künstliche Befruchtung vornehmen ließ. 2007 brachte sie den gemeinsamen Sohn zur Welt, ein Jahr später schlossen die beiden Frauen eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft.

Vaterschaft versus Transsexuellengesetz
Als die transsexuelle Partnerin Anfang dieses Jahres für das Kind das Vaterschaftsanerkenntnis ablegte, hatte das Kölner Standesamt allerdings Zweifel an dessen Wirksamkeit: Laut Bürgerlichem Gesetzbuch kann nur ein Mann die Vaterschaft anerkennen, im vorliegenden Fall war der "Vater" bei der Abgabe des Anerkenntnisses aber schon weiblichen Geschlechts. Andererseits schreibt das Transsexuellengesetz vor, dass sich die geschlechtsbezogenen Rechte und Pflichten nach einer Geschlechtsumwandlung nach dem neuen Geschlecht richten.

Kenntnis der Herkunft für Kinder wichtig
Der OLG-Senat befand das Vaterschaftsanerkenntnis nun für wirksam und stützte sich dabei auf eine Vorschrift des Transsexuellengesetzes, wonach das Verhältnis zu den Kindern des Geschlechtsumgewandelten durch die neue Geschlechtszuordnung unberührt bleiben soll. Diese Regelung erfasst nach Überzeugen der Richter nicht nur Kinder, die bei der gerichtlichen Feststellung des neuen Geschlechts bereits geboren oder gezeugt seien, sondern auch später geborene. Für alle Kinder gelte gleichermaßen, dass die Kenntnis der Herkunft wichtige Anknüpfungspunkte für das Verständnis des familiären Zusammenhangs und für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit geben könne.

Männlicher Name in Geburtsurkunde
Dem Richterspruch zufolge muss der weibliche "Vater" aber unter seinem frühen männlichen Vornamen in die Geburtsurkunden aufgenommen werden. Denn die Eintragung solle bei Dritten keinen Anlass zu Spekulationen geben und der Gefahr einer Offenlegung der Transsexualität eines Elternteils vorbeugen, entschied das Gericht.





Geschlechtsidentität und -dysphorie



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Geschlechtsidentität und -dysphorie

Geschlechtsidentität wird dann thematisiert, wenn Unsicherheit hinsichtlich der Geschlechtsidentität auftritt, wie beispielsweise bei Vorliegen von Unfruchtbarkeit („Bin ich eine richtige Frau, ein richtiger Mann?“), Körper und Geschlechtsidentitätserleben nicht übereinstimmen wie im Falle der Transsexualität , oder Identitätserleben bei Vorliegen eines nicht eindeutig männlichen oder weiblichen Körpers wie im Falle von Intersexualität zur Diskussion steht. Medizin und Psychologie hatten es sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Ziel gesetzt, Auffälligkeiten und Abweichungen im körperlichen und psychischen Bereich vom männlichen oder weiblichen Geschlecht „zu heilen“, das heißt vorzugsweise zu beseitigen. Kinder und erwachsene Menschen sollten nicht nur einen möglichst eindeutigen männlichen oder weiblichen Körper haben, sondern auch eine stabile männliche oder weibliche Geschlechtsidentität – und diese sollten übereinstimmen. Eine binäre Vorstellung von Geschlecht bestimmte das Denken. 

Bei der Behandlung von Personen, deren Körper und Geschlechtserleben nicht einander entsprechen, spielt nicht nur eine zentrale Rolle, was ein männlicher, weiblicher oder intersexueller Körper, sondern auch, was eine männliche, weibliche oder uneindeutige Geschlechtsidentität ist. Meist wird jedoch nicht weiter definiert, was man überhaupt unter dem Begriff der Geschlechtsidentität versteht, und die Binarität nicht hinterfragt. Dabei muss man berücksichtigen, dass Begriffe der psychosexuellen Entwicklung uneinheitlich verwendet werden. 

Im Gegensatz zu geschlechtstypischem Verhalten, das sich auf bei einem Geschlecht häufig beobachtete Verhaltensweisen bezieht, dem geschlechtsspezifischen Verhalten, das jeweils nur bei einem Geschlecht auftritt (beispielsweise Stillen eines Kindes), bezeichnet der Begriff der Geschlechtsrolle seit den 1950er Jahren die Gesamtheit der kulturell erwarteten, als angemessen betrachteten und zugeschriebenen Fähigkeiten, Interessen, Einstellungen und Verhaltensweisen des jeweiligen Geschlechts. Sie unterliegen einem Wandel innerhalb der und zwischen den Kulturen. Geschlechtsidentität ist hingegen das subjektive Gefühl eines Menschen, sich als Mann oder Frau (oder dazwischen) zu erleben. Dieses Gefühl findet man zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Unter Geschlechtsrollenidentität versteht man die öffentliche Manifestation der Geschlechtsidentität einer bestimmten Person in einem bestimmten Rollenverhalten. Sie beinhaltet alles, was eine Person sagt oder tut, um anderen und/oder sich selbst zu demonstrieren, in welchem Ausmaß sie sich dem einen oder anderen Geschlecht zugehörig erlebt. Sexuelle Identität beschreibt das subjektive Erleben einer Person als hetero-, homo-, bi- oder asexuell. Die sexuelle Präferenzbeschreibt, wodurch eine Person sexuell erregt wird, die sexuelle Orientierung die Partnerwahl. Meist stimmen diese mit der sexuellen Identität überein.

Ein besonderes Problem stellt die Vorhersage der Geschlechtsidentität bei verschiedenen Formen der Intersexualität dar. Die Unterscheidung zwischen Geschlechtsrollenverhalten und Geschlechtsidentität erscheint hier besonders wichtig. Untypisches Geschlechtsrollenverhalten kommt sicherlich bei Personen mit verschiedenen Formen der Intersexualität häufiger vor, sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob eine Person sich in ihrer Geschlechtsidentität als Mann oder Frau unsicher oder beeinträchtigt fühlt. Unsichere Geschlechtsidentität bedeutet andererseits aber nicht automatisch, dass eine Person ihr Geschlecht wechseln möchte. Ein Merkmal von Personen mit Intersexualität ist, dass sie in ihrem Geschlechtserleben oft nicht eindeutig sind und entgegen den medizinischen Erwartungen nicht so einfach eindeutig „geformt“ werden können, und zwar weder was das Aussehen noch ihre Geschlechtsidentität betrifft.

Unter Intersexualität beziehungsweise Störungen der Geschlechtsentwicklung ( disorders of sex development (DSD)) werden eine Reihe unterschiedlicher Phänomene zusammengefasst, bei denen die geschlechtsdeterminierenden und -differenzierenden Merkmale des Körpers (Chromosomen, Gene, Keimdrüsen, Hormone, äußere Geschlechtsorgane und Geschlechtsmerkmale) nicht alle dem gleichen Geschlecht entsprechen. 3 Von den Betroffenen selbst wird der Begriff der „Störung der Geschlechtsentwicklung“ kritisiert. Sie bevorzugen die Termini „Intersexualität“ oder „Varianten der Geschlechtsentwicklung“. Diese körperlichen Auffälligkeiten können mit einer Irritation des subjektiven Geschlechtserlebens einhergehen, unter der die Person leidet, einer Geschlechtsdysphorie. Während Personen mit Transsexualität in der Regel den gesunden männlichen oder weiblichen Körper dem subjektiv erlebten Geschlecht mehr oder minder anpassen möchten, wurden Personen mit Intersexualität oft bereits in der frühen Kindheit einem Geschlecht zugewiesen ( gender allocation) und körperlich angeglichen ( sex assignment ). Damit verbunden war die Hoffnung, auch die Entwicklung einer ungestörten, dem angepassten Geschlecht entsprechende Geschlechtsidentität zu gewährleisten. 

Bei der Definition der Transsexualität stellt sich die Frage, wie weit der Wunsch nach geschlechtsanpassenden Operationen ( gender confirming surgery ) beziehungsweise die Erfüllung dieses Wunsches als eine notwendige und hinreichende Bedingung verstanden werden soll, um von Transsexualität sprechen zu können. Seit die geschlechtsanpassenden Operationen keine notwendige Voraussetzung für eine Personenstandsänderung mehr darstellen, kann ein deutlicher Rückgang beziehungsweise eine verzögertes Anstreben genitalchirurgischer Eingriffe vor allem bei älteren Personen beobachtet werden. Kritisiert wird der Begriff „Transsexualität“ von denjenigen, die der Auffassung sind, es handle sich vielmehr um eine Frage der Identität oder des Körpers, nicht aber um eine Frage der Sexualität. Sie sprechen daher lieber von „Transidentität“ oder „Transgender“. Im internationalen medizinischen Klassifikationssystem wird weder der Begriff „Transsexualität“ noch „Transidentität“ verwendet, sondern von einer Störung der Geschlechtsidentität gesprochen.

Störungen der körperlichen Geschlechtsentwicklung beziehungsweise Intersexualität stellen bisher ein Ausschlusskriterium für die Vergabe der Diagnose Störung der Geschlechtsidentität/Transsexualität dar. Das soll aber nicht heißen, dass nicht auch bei Personen mit Intersexualität Unsicherheit hinsichtlich der Geschlechtsidentität bestehen kann. Hier ist es meist aber eine Unsicherheit, irgendwie anders zu sein, und weniger das Gefühl oder der Wunsch, dem anderen, nicht dem Körper entsprechenden Geschlecht anzugehören. Zurzeit wird von internationalen Experten diskutiert, ob man den Begriff der Transsexualität beziehungsweise Störung der Geschlechtsidentität nicht ganz fallen lassen und lieber nur dann von einer Geschlechtsdysphorie sprechen sollte, wenn eine Person unter der Unsicherheit hinsichtlich ihres Geschlechtserlebens leidet. In diesem Fall sei es auch gerechtfertigt, von einer psychischen Störung zu sprechen. Geschlechtsdysphorie könne sowohl bei Personen mit Transsexualität wie bei Personen mit Intersexualität auftreten, werde aber nicht bei allen beobachtet. Transsexualität wäre keine psychiatrische Diagnose mehr. 

Auch die Betrachtung, was eine transsexuelle Frau oder ein transsexueller Mann sei und wie man die sexuelle Orientierung bezeichnen solle, hat sich geändert. Die psychiatrische Diagnosestellung, aber auch die deutsche Gesetzgebung nach dem Transsexuellengesetz betrachtet eine transsexuelle Frau als eine Frau mit einer psychiatrischen Diagnose, der Störung der Geschlechtsidentität. Im jüngeren Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff „transsexuelle Frau“ demgegenüber eine Person, die sich als Frau erlebt, jedoch mit den äußeren und inneren körperlich-biologischen Geschlechtsmerkmalen eines Mannes geboren worden ist, also auf eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle.

Identität und Geschlechtsidentität

Auf die Frage „Wer bin ich?“ können verschiedene Aspekte des Identitätserlebens herausgegriffen werden, wie etwa die Nationalität („Ich bin Franzose“), eine Erkrankung („Ich bin Diabetiker“), aber auch die Ausübung einer Sportart („Ich bin Tennisspielerin“). Die Geschlechtsidentität bezeichnet die Kontinuität des Selbsterlebens eines Menschen bezogen auf sein Geschlecht. Die Geschlechtsidentität kann als männlich, weiblich oder dazwischen erlebt werden. Geschlechtsidentität ist nur ein Aspekt des Geschlechtserlebens, das eng verbunden ist mit dem Geschlechtsrollenverhalten, der sexuellen Identität beziehungsweise Orientierung und Partnerwahl. Körperlich-biologische Faktoren scheinen ebenso einen Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität zu haben wie psychische und soziale Bedingungen. Vor und kurz nach der Geburt wirksame und in der Entwicklung bedeutsame Hormone als Folge von genetischen und epigenetischen Prädispositionen können das Erleben der Geschlechtsidentität beeinflussen, 6 sowie Erziehungsmaßnahmen der Eltern und Identifizierungen und Selbstkategorisierungen des Kindes. Hinzu kommen kulturelle Normen und Geschlechtsrollenerwartungen. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Entwicklung der Geschlechtsidentität mit dem dritten Lebensjahr weitgehend abgeschlossen sei und sich im Laufe des Lebens nicht mehr ändern würde. Auch wurde angenommen, dass die sexuelle Identität sich im Laufe der Pubertät herausbilden und dann stabil bleiben würde. Beide Annahmen werden heute kritisch hinterfragt.

 Psychoanalyse und Geschlechtsidentität

Oft wird der Psychoanalyse vorgeworfen, sie habe die Behandlung von Personen mit Problemen der Geschlechtsidentität negativ beeinflusst, indem sie eine eingeengte und unflexible Betrachtung der Geschlechtsidentität innerhalb der psychosexuellen Entwicklung angenommen habe. Abgesehen davon, dass es innerhalb der Psychoanalyse viele unterschiedliche Schulen gibt, gilt es auch zu berücksichtigen, dass Sigmund Freud als Gründer der Psychoanalyse eine sehr offene und fortschrittliche Auffassung der Entwicklung des Geschlechtserlebens vertrat, auch wenn er nicht direkt den Begriff der Geschlechtsidentität verwendete. Seine Auffassungen zur „konstitutionellen Bisexualität“ gehen davon aus, dass jeder Mensch sowohl männliche wie auch weibliche Anteile in sich trägt, und zwar sowohl im biologischen als auch im psychologischen Sinn, und daraus resultiere, dass jeder sowohl hetero- wie homosexuelle Neigungen habe, die er jedoch oft verleugne. Wenngleich es sich bei diesen Überlegungen nicht um das Erleben eines Menschen im „falschen“ Körper handelt, bleiben diese Stellen aus Freuds Arbeiten auch heute noch vor allem im Zusammenhang mit Intersexualität durchaus erwähnenswert. 7

In den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie aus dem Jahr 1905 beschäftigt sich Freud mit dem Problem des Hermaphroditismus.  Seine Überlegungen beziehen sich nicht nur auf die psychische Seite des Menschen, sondern auch auf die körperliche. „Die Wissenschaft kennt aber Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird; zunächst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen vereinigen männliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus). In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist findet man beidseitige Verkümmerungen (…). Ein gewisser Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehört nämlich der Norm an; bei keinem normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechts vermisst.“ Daraus ergebe sich eine ursprüngliche bisexuelle Veranlagung, die sich im Laufe der Entwicklung zur Monosexualität entwickle. Allerdings meint Freud auch, dass man sich nicht eine zu nahe Beziehung zwischen psychischem und nachweisbarem „anatomischem Zwittertum“ vorstellen dürfe. Zur Bisexualität führt er weiter aus: „Diese ergibt für den Menschen, dass weder im psychologischen noch im biologischen Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit biologischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und Passivität auf.“ Damit sieht Freud in biologischen Gegebenheiten eine wichtige Grundlage für seine Auffassung der psychischen Bisexualität. Diese Beschreibungen entsprechen der modernen Auffassung eines männlichen beziehungsweise weiblichen Körpers.

Freuds Überlegungen zur Bisexualität sind einer Konzeptualisierung einer dem körperlichen Geschlecht entsprechenden weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlechtsidentität gewichen.  Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand eine erneute Auseinandersetzung zum Zusammenspiel von auf das Geschlecht bezogenen körperlichen Phänomenen und dem Geschlechtsidentitätserleben statt. Dem Zeitgeist entsprechend haben zwei Aspekte eine zentrale Rolle gespielt: erstens die Einführung neuer medizinischer Methoden, die es ermöglichen sollten, körperliche Auffälligkeiten bezogen auf die Geschlechtsentwicklung sowohl mit Sexualhormonen als auch durch chirurgische Maßnahmen zu behandeln. Dabei darf nicht übersehen werden, wie sehr Menschen mit entweder nicht eindeutigem Geschlecht, aber auch diejenigen Menschen, die den Körper als nicht ihrem Geschlecht entsprechend empfanden, darunter gelitten haben. Mediziner und Psychologen verfolgten das Ziel, dieses Leid zu lindern. Zweitens griff auf psychologischer Seite die Auffassung um sich, man könne durch Erziehung das Geschlecht eines Kindes beeinflussen, ja formen und selbst bei einem nichteindeutigen körperlichen Geschlecht könne man ein Kind so erziehen, dass es eine eindeutig weibliche oder männliche „stabile“ Geschlechtsidentität entwickle. In der Anlage-Umwelt-Diskussion überwog die Betonung der Bedeutung der Umwelt. Entsprechend dieser Entwicklungen meinten auch Psychoanalytiker, Menschen mit auffälligem oder „falschem“ Körper so behandeln zu können, dass andere und im optimalen Fall auch die Person selbst nichts oder kaum etwas von der Ausgangssituation merken würden. Um ihnen Diskriminierungen zu ersparen, sollten sie und in vielen Fällen auch die Angehörigen bei Vorliegen von intersexuellen Phänomenen möglichst nie etwas von den ursprünglichen Geschlechtsgegebenheiten und den folgenden Behandlungen erfahren, was bei vielen Betroffenen über Jahrzehnte zu kumulativen Traumata führte. 

Der Psychologe John Money empfahl, Personen mit „Hermaphroditismus“ zu helfen, indem sowohl körperlich als auch psychisch ein eindeutiges Geschlecht ( sex/gender) hergestellt werden sollte.  Von psychoanalytischer Seite spielte hier Robert Stollers Begriff der Kerngeschlechtsidentität eine zentrale Rolle, der sich mit Fragen der Entstehung von Transsexualität beschäftigte.  Seine Theorie wirkte für die Behandlung auch von Personen mit Intersexualität bis ins 21. Jahrhundert nach. Er verstand unter Kerngeschlechtsidentität eine sehr früh erworbene Überzeugung eines Kindes, einem bestimmten Geschlecht anzugehören. Diese Überzeugung werde in den meisten Fällen konfliktfrei erworben. Der Einfluss der Eltern, die ihre unbewussten Wünsche und Überzeugungen an das Kind herantrügen, sei dabei entscheidend. Im Alter vom 18. bis 24. Monat wisse ein Kind, welchem Geschlecht es angehöre, und dieses Wissen bleibe auch in der weiteren Entwicklung weitgehend stabil. In den meisten Fällen stimme die Kerngeschlechtsidentität mit dem körperlichen Geschlecht überein. Identifizierungsprozesse mit beiden Elternteilen seien dabei von Wichtigkeit. Mädchen wie Jungen würden sich zunächst durch die enge Beziehung zur Mutter mit dieser identifizieren. Der Junge müsse dann einen Prozess der Desidentifizierung von der Mutter durchlaufen, um sich mit dem Vater identifizieren zu können. Stoller nahm an, dass Transsexuelle bereits in diesem frühen Alter eine „transsexuelle Kerngeschlechtsidentität“, das heißt dem Körper widersprechende Identität entwickeln können.

Zunächst Money und später Ethel Person und Lionel Ovesey  konzeptualisierten den Begriff der Geschlechtsrollenidentität, worunter nicht nur das Erleben als Mann oder Frau verstanden wird, sondern vielmehr das geschlechtliche Selbstbild im Hinblick auf gesellschaftliche Erwartungen und Normierungen.

Diesen Ansätzen liegt ein binäres Verständnis von Geschlecht zugrunde, das heißt, sowohl Betroffene als auch Therapeuten, Endokrinologen und Chirurgen standen vor der Frage, ob es sich bei Personen, deren Geschlechtsidentität nicht ihrem Körper entsprach, um einen Mann oder eine Frau jeweils im falschen Körper, um einen wahren Transsexuellen handle. Nach der Einführung von neuen Behandlungsmöglichkeiten mit Hormonen und chirurgischen Eingriffen stand über Jahre die Auffassung im Zentrum, wer transsexuell ist, strebe in jedem Fall eine möglichst vollständige medizinische Anpassung an das andere Geschlecht an. Erfahrungen der vergangenen Jahre haben uns eines Besseren belehrt und auch die psychoanalytische Betrachtung der Entwicklung der Geschlechtsidentität beeinflusst. In der modernen Psychoanalyse geht es nicht mehr um eine Anlage-Umwelt-Gegenüberstellung, sondern um eine multifaktorielle Determinierung des Identitätserlebens, das sehr viel vielfältiger ausfallen kann als ausschließlich männlich oder weiblich.

Geschlechtsidentität wird somit nicht mehr als das Ergebnis eines psychosexuellen Entwicklungsschrittes angesehen, der mit dem zweiten bis dritten Lebensjahr abgeschlossen ist. Sie entwickelt sich in einem jahrelangen Prozess, wobei man annehmen kann, dass sie in vielen Fällen weitgehend konfliktfrei erlebt wird, in anderen Fällen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Entwicklung es zu einem Hinterfragen, zu einer Dysphorie kommen kann, wie sich die Person selbst erlebt: als Mann, als Frau oder dazwischen. Die Irritation der Geschlechtsidentität kann sowohl durch biologische Faktoren, die bisher nur wenig bekannt sind, etwa genetische, hormonelle Prozesse, durch Erfahrungen im Umgang mit dem Körper, durch Selbst- und Fremdkategorisierungen und entwicklungsbedingte Konflikte, vor allem aber durch Beziehungserfahrungen beeinflusst werden.

Körperbild und Beziehungserfahrungen

Für die Sexualentwicklung ist die Entstehung eines angemessenen Körperbildes, von körperlichen Selbstrepräsentanzen von größter Bedeutung. Annelise Heigl-Evers hat in diesem Zusammenhang den Begriff des „Körpers als Bedeutungslandschaft“ geprägt.  In den ersten Lebensjahren geht es um die Inbesitznahme der eigenen Körperlichkeit, den Entwurf einer Topografie lustvoller Erfahrungen. Lange bevor ein Kind Ängste um seinen eigenen Körper, seine eigenen Genitalien entwickelt, wird es mit Ängsten der Eltern um seinen Körper und um seine Genitalien konfrontiert. Gerade diese frühen Erfahrungen können bei Kindern mit nichteindeutigem Genitale beeinträchtigt und gestört werden, vor allem dann, wenn die Ablehnung des kindlichen Genitales zur Ablehnung des Kindes als Ganzes führt. „Meine Eltern schämten sich für mich; sie befürchteten sozialen Abstieg, Hohn, Spott, wenn die Verwandten beziehungsweise Nachbarn erfahren würden, dass ich irgendwie anders bin. Die Familie als Ganzes war wichtiger als ich, darum wurde Alles um mich totgeschwiegen.“  Für ein Kind, das nicht begehrt wird, ist es kaum möglich, eigenes Begehren zu entwickeln, vor allem aber ist es nach ablehnenden Erfahrungen schwierig, sich vorzustellen, von anderen begehrt zu werden, was wiederum zu einer Verunsicherung in der Identitätsentwicklung führen kann: „Was ist an mir falsch, dass ich nicht begehrt, nicht geliebt werde?“

Die Beobachtung eines nichteindeutigen Genitales mag zu einer Konfrontation mit der eigenen Männlichkeit oder Weiblichkeit bei den Eltern und Behandlern führen. Dabei muss bedacht werden, dass nicht das Kind zunächst unter dem auffälligen Genitale leidet, sondern die Eltern und Ärzte. Die Forderung, Eindeutigkeit müsse hergestellt werden, entsteht in ängstlicher Identifikation mit dem Kind, gehänselt, stigmatisiert, aber auch nicht begehrt zu werden. Der Wunsch nach Beseitigung der Nichteindeutigkeit ist zwar verständlich, darf aber die zukünftige Entwicklung des Kindes nicht außer Acht lassen. In vielen Fällen gelingt es nicht, durch chirurgische Eingriffe an einem intersexuellen Kind eine eindeutige Geschlechtsidentität herzustellen.

In keiner Lebensphase findet eine so ausgedehnte Stimulierung des gesamten kindlichen Körpers statt wie in den ersten Lebensmonaten. Über- und Unterstimulierungen dürften dabei weitreichende Konsequenzen für die Bildung der oben erwähnten körperlichen Topographie haben. Wolfgang Mertens schreibt in diesem Zusammenhang, dass „das körperliche Handlungsgedächtnis, in dem die sensorischen und affektiven Erfahrungen gespeichert werden, im ersten Lebensjahr besonders wichtig“ ist.  Während für die meisten Eltern die Maßnahmen der Körperpflege, aber auch die kommunikativen Interaktionen mit dem Kleinkind neben anfänglichen Unsicherheiten keine Probleme bereiten, zeigen Eltern eines Kindes mit nicht eindeutigem Genitale oft große Unsicherheiten. Die Frage, was für das Kind förderlich oder schädigend ist, spielt hier bewusst und unbewusst im Umgang mit dem Kind eine wichtige Rolle. Die ablehnende Berührung der Eltern kann zur Ablehnung des eigenen Körpers durch das Kind führen.

Ein zentrales Thema in der psychoanalytischen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Geschlechtsidentität ist die Frage der Beziehungsgestaltung. Bereits in der Kindheit wird die Grundlage gelegt, welche Beziehungen im Laufe des Lebens gelebt werden können. Sowohl die Psychoanalyse wie auch die Bindungstheorie nehmen an, dass frühe Beziehungserfahrungen wichtig sind für das Geschlechtsidentitätserleben. Supportives, responsives Verhalten und präsente Bezugspersonen in der Kindheit sind Grundlage für ein selbstsicheres Identitätserleben. Gerade bei Auftreten von Unsicherheiten bezüglich des Geschlechts erlaubt das Vorhandensein von „Bindungspersonen“, die auf das Kind empathisch reagieren, dem Kind nicht nur ein sicheres Bindungssystem zu entwickeln, sondern auch eine stabile Identität. Die unmittelbare Reaktion der Eltern auf die Geburt (nicht nur) eines intersexuellen Kindes prägt die Atmosphäre, in der sich die Eltern-Kind-Beziehung entwickeln wird. Die Geburt eines Kindes mit nichteindeutigem Geschlecht führt in jedem Fall zunächst zu einer Verunsicherung.

Können Eltern ihr Kind aufgrund seiner Intersexualität nicht annehmen, werden sie dem Kind die notwendige Zuwendung verweigern. Daraus kann sich beim Kind eine Angst, nicht versorgt zu werden, entwickeln, die sich auf eine Angst, verlassen zu werden, ausdehnen kann. Gerade solche Ängste können zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen, wie beispielsweise andere kontrollieren zu wollen, Aufmerksamkeit in besonderem Maße auf sich zu lenken oder, was noch viel häufiger der Fall ist, zu einem depressiven Rückzug. Die Angst, abgelehnt zu werden, kann auch zu einer Anpassung hinsichtlich des Geschlechtsrollenverhaltens führen, das nicht dem inneren Erleben der Identität entspricht.

Probleme der Identifikation bei Intersexualität

In der Psychoanalytischen Entwicklungstheorie spielt die Identifikation und Desidentifikation mit dem gleich- beziehungsweise gegengeschlechtlichen Elternteil eine entscheidende Rolle. Ein Kind mit nichteindeutigem Geschlecht wird in der ödipalen Phase Irritationen ausgesetzt sein, die ein Kind mit eindeutigem Geschlecht nicht kennt. Für ein Kind, dessen Eltern in ihrer eigenen Person männliche und weibliche Anteile zulassen können, wird es leichter sein, sich mit dem Vater beziehungsweise der Mutter zu identifizieren, ohne zu sehr auf Abweichungen aufmerksam zu werden. Andererseits muss man davon ausgehen, dass das Erleben der Andersartigkeit schon früh zu einer Vereinsamung führen kann, vor allem wenn die Forderung erhoben wird, über die besondere Situation des Kindes nicht sprechen zu dürfen. Während man früher gehofft hatte, Kindern mit Intersexualität die Entwicklung zu erleichtern, indem man sie möglichst strikt in einer Geschlechtsrolle erzieht, haben die Erfahrungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass ein toleranter Umgang mit nicht geschlechtsspezifischen Interessen und Verhaltensweisen zu einer stabileren Entwicklung des Selbst führen kann und dann die so oft befürchtete Stigmatisierung als weniger traumatisierend erlebt wird.

Wenig Beachtung wurde bisher den spezifischen Problemen von Jugendlichen mit intersexueller Symptomatik geschenkt. Viele starke Ängste, die bei den meisten Jugendlichen zum Zeitpunkt der Pubertät auftreten, erhalten bei Jugendlichen mit Intersexualität reale Bedeutung (beispielsweise die Angst, keine Menstruation zu bekommen, der Penis könnte nicht wachsen, Brüste könnten wachsen). Alle diese möglichen körperlichen Veränderungen können ganz spezifische Konflikte in der Entwicklung des Selbst hervorrufen. Die Hoffnung, diese durch medizinische Maßnahmen beseitigen zu können, muss in vielen Fällen als gescheitert angesehen werden. 19 Ein bewusster und offener Umgang mit der spezifischen Situation und die Akzeptanz des Kindes in seiner Besonderheit könnten die Grundlage für eine möglichst ungestörte Entwicklung darstellen.

Mittwoch, 19. September 2012

Sehr geehrte Bundeskanzlerin,



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Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2012

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Sehr geehrte Bundeskanzlerin,

Seit über 30 Jahren ist es in Deutschland per Bundesverfassungsgerichtsbeschluß (11. Oktober 1978 - 1 BvR 16/72) anerkannt, daß "die Geschlechtlichkeit eines Menschen nicht allein durch die Beschaffenheit der Geschlechtsorgane und -merkmale bestimmt werde, sondern auch durch die Psyche."

Das BVG begründet diese Aussage mit den im Grundgesetz verankerten Menschenrechten und weist darauf hin, daß die Psyche "wenn nicht sogar in stärkerem Maße als die körperlichen Geschlechtsmerkmale" zu berücksichtigen sei.

Seit über 10 Jahren gibt es nun international anerkannte Untersuchungen und wissenschaftliche Arbeiten aus Humangenetik und Neurowissenschaft (u.a. Prof. Dick Swaab, Amsterdam, Prof Eric Vilain, Los Angeles, Ingrid Reisert, Ulm, u.v.a.), daß sich das menschliche Gehirn bereits vor der Geburt geschlechtlich entwickelt.

Darüber hinaus stellt das Gehirn laut Übereinkunft in der Medizin, das wichtigste Organ des Menschen dar. Es wird offiziell als "Sitz
der Persönlichkeit" eines Menschen bezeichnet - mit all seinen Gefühlen, Gedanken und Fähigkeiten.

Wenn dies zu ist, dann ist das Gehirn/die Psyche geschlechtsbestimmender als der Körper und Transsexualität demnach eine Geschlechtskörperabweichung vom eigentlichen Geburtsgeschlecht.
Warum wird diese körperliche Störung immer noch per Gesetz als nicht-existierend aufgefasst - obwohl sie seit über 30 Jahren bereits bekannt ist?

Kim Anja Schicklang
Hintergrundinformationen:

Warum wird - berücksichtigt man all dies - trotzdem ein von Transsexualität betroffener Mensch...
a) dazu gewungen, sich per Gesetz (Transsexuellengesetz) von einem psychologischen Gutachter zu dem Geschlecht erklären zu lassen, dem der Betroffene nun ja nicht angehört (da ja das Gehirn/die Psyche im Zweifelsfall geschlechtsbestimmender ist als der Körper), obwohl ja nun eigentlich das medizinische Verfahren von den Grundrechten nun nicht ausgenommen sein kann (Grundrechte, auf die sich bereits 1978 das Bundesverfassungsgericht berufen hat)?

b) durch Verknüpfung von Medizin und Recht Willkürentscheidungen von Dritten (Psychologische Gutachter) ausgeliefert, in dem er über das komplette medizinische Verfahren kein Existenzrecht in dem Geschlecht zuerkannt bekommt, dem er als Betroffener eigentlich angehört? Warum wird eine psychisch gesunde Frau als Mann mit Geschlechtsidentitätstörung behandelt (bzw. umgekehrt) und dies zur Voraussetzung für eine Personenstandsänderung gemacht?

c) nicht in seiner Existenz anerkannt, da er ja nun vor dem Gesetzt dazu gezwungen wird, sich einem Geschlecht zuzuordnen, dem er psychisch (Gehirn) ja nie angehört hat (eine Frau muss sich z.B. zu einem Mann mit einer Geschlechtsidentitätsstörung machen lassen)?

Zusammengefasst: 

Warum wird offiziell und per Gesetz immer noch geleugnet, daß es Menschen gibt, deren sichtbare Geschlechtsorgane vom eigentlichen gehirnbestimmten Geburtsgeschlecht abweichen (und damit eigentlich gegen die Logik verstossen, die das Bundesverfassungsgericht 1978 bereits angeführt hat)?
Warum hat ein transsexueller Mensch nicht die Möglichkeit, seinen Geburtseintrag vor der medizinischen Behandlung ändern zu lassen, um während der Behandlung durch Mediziner eine Rechtssicherheit erfahren zu können?

Warum existiert (ganz im Gegesatz zu dem Anschein den das sog. Transsexuellengesetz von 1981 erwecken soll) immer noch kein Gesetz, welches transsexuelle Menschen anerkennt?
Warum wird nachwievor gegen medizinischen Sachverstand und den BVG-Beschluß von 1978 verstossen, obwohl es ein einfaches wäre, eine sinnvolle gesetzliche Regelung einzuführen?

Man könnte:

a) Betroffenen die gesetzliche Möglichkeit geben, ihren Personenstand unabhängig medizinischer Gutachten ändern zu lassen (die Gutachten basieren ja bisher auf dem falschen Geschlecht!)

b) In Folge davon, Betroffenen die Möglichkeit geben, ihre Störung individuell und zum Wohle des Patienten abgestimmt, behandeln zu lassen.

"I fully agree with you: the brain determines the gender. That idea is of course also the basis of the operation (adapting the body to the gender identity of the brain). " Prof. Dick W. Swaab, Amsterdam
"Wenn ein (transsexuelles) Kind geboren wird, besitzt es das Gehirn des einen Geschlechts, aber die Genitalien des anderen und deswegen wurde sein Geschlecht zur Geburt falsch bestimmt."

Lynne Jones, Mitglied des englischen Parliaments
„Die Naturgesetze kennen jedoch kein Tabu, und Tatsachen bleiben Tatsachen. Intersexualität besteht im Körper als auch im Geiste." Harry Benjamin, 1966

Das Schweigen der Transsexuellen



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Das Schweigen der Transsexuellen

Das Europäische Parlament hat die andauernde Pathologisierung transsexueller Menschen auch in der EU scharf verurteilt, aber darüber spricht man nicht

Liebe Leserin, lieber Leser, stellen Sie sich bitte vor, wildfremde Menschen sprechen Sie auf Beschaffenheit und Zustand Ihrer Genitalien an. Stellen Sie sich bitte vor, Sie wären der Gegenstand einer zotigen Geschwätzigkeit, die Sie auf ein sexuelles Begehren reduziert, das Sie nicht einmal empfinden. Stellen Sie sich bitte vor, dass dieses Geschwätz an Ihnen haftet wie das Miasma an den von den Göttern Verfluchten in der griechischen Mythologie. Die Blicke. Das Grinsen. Der Hohn. Wohin Sie auch gehen, was Sie auch tun und sagen.
  
Stellen Sie sich bitte vor, dass eine Gruppe von Menschen, der Sie angehören, ständig von anderen – zum Beispiel den Medien - definiert und charakterisiert wird, Sie nicht einmal zu Wort kommen, und das ewige Thema des verbalen Bombardements wäre Sex. Ihr Sex. Der Sex in Ihrem Kopf, der Sex, den Sie begehren, der Sex, den sie praktizieren.

Dagegen würden Sie sich verwahren.

Darüber spricht man nicht. Es wäre eine unerträgliche Zumutung, unter diesen Umständen zu leben, zu arbeiten, einkaufen zu gehen, einen Spaziergang zu machen.

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die das täglich ertragen muss. Man bezeichnet sie als Transsexuelle. Über das, worüber man nicht spricht, spricht man unaufhörlich, wenn es um sie geht. Wessen Stimmen nicht gehört werden, sind ihre eigenen.

Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht erstaunlich, wenn das unaufhörliche Geschwätz über Transsexuelle sorgsam einen bestimmten Sachverhalt zu umgehen scheint. Dies ist selbst dann der Fall, wenn das Geschwätz über Transsexuelle nicht als Geschwätz bezeichnet werden kann, weil die entsprechende Äußerung beispielsweise eine Urteilsbegründung ist. Die Gemeinsamkeit, die solche Äußerungen mit dem Geschwätz haben, besteht darin, dass andere über Transsexuelle sprechen und diese zu schweigen haben. Was sparen die Aussagen aus? Was ist es, worüber man nicht spricht?
Es ist die Grundlage und das zentrale Element eines unaufhörlichen öffentlichen Diskurses über "Geschlechtsumwandlungen", "Männer, die Frauen sein wollen", eben die "Transsexuellen", wie die deutsche Öffentlichkeit sie wieder und wieder gleichförmig konstruiert. Es ist die "wissenschaftliche" Basis des Transsexuellengesetzes und jeglicher Rechtsprechung hinsichtlich dieser konstruierten "Transsexuellen". Es ist ihre Pathologisierung.

Die Richter ohne Roben

Die unrühmliche Geschichte der Psychiatrie von einem Organ der öffentlichen Hygiene bis zum "medizinischen Richteramt über jegliches menschliche Verhalten" hat Michel Foucault in seinen Vorlesungen am Collège de France 1974 – 1975 nachgezeichnet.

1851 entdeckte der Psychiater Cartwright in den Südstaaten eine Geisteskrankheit, die nur unter Menschen mit schwarzer Hautfarbe auftrat, die Drapetomanie. Diese Geisteskrankheit – entsprechend zur Epoche eine Manie – bestand aus dem irrationalen Wunsch, frei zu sein, und der Tendenz, davonlaufen zu wollen. Cartwright, sich auf das göttlich verkündete natürliche Verhältnis zwischen Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe berufend, empfahl wirksame Abhilfe. Sie bestand darin, keinesfalls Sklaven wie gleichwertige Menschen zu behandeln, und sie von Zeit zu Zeit gründlich auszupeitschen.

Seit Cartwrights Zeiten haben die Psychiatrie und ihre jüngere Schwester, die Psychologie, zweifelsfrei Fortschritte gemacht:

Dass dann innerhalb des Nationalsozialismus die deutsche Psychiatrie so gut funktioniert hat ist nichts Erstaunliches. Der neue Rassismus (...) als Mittel innerer Verteidigung einer Gesellschaft gegen ihre Anormalen, ist aus der Psychiatrie hervorgegangen, und der Nationalsozialismus hat nichts weiter getan, als diesen neuen Rassismus in den im 19. Jahrhundert endemischen ethnischen Rassismus einzuklinken. (...) Aber selbst dort, wo sie (...) die rassistische Einvernahme abgeschüttelt oder gar nicht wirklich vorangetrieben hat, selbst dort noch hat die Psychiatrie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im wesentlichen immer als Mechanismus und Instanz zur Verteidigung der Gesellschaft funktioniert (...) oder, um die Ausdrucksweise des 19. Jahrhunderts aufzugreifen, als "Jagd nach Entarteten".

Michel Foucault
Spuren sowohl personeller als auch inhaltlicher Natur, die von der Psychiatrie im Dritten Reich zur Pathologisierung von Transsexuellen im heutigen Deutschland führen, sind auffindbar. Dies dürfte einer der Gründe für das Schweigen inmitten des Geschwätzes sein.

Ein weiterer Grund besteht aus dem Widerspruch zwischen den Menschenrechten und dem deutschen Transsexuellengesetz (TSG). Bereits 2007 legten die Yogyakarta-Prinzipien (Prinzip 18) zweifelsfrei fest, dass kein Mensch wegen seiner Gender-Identität gezwungen werden darf, sich medizinischer oder psychologischer Behandlung, Untersuchung oder sonstiger Prozeduren zu unterziehen. Allen gegenteiligen Kategorien zum Trotz, so heißt es dort, stellt Gender-Identität keine "medical condition" (Erkrankung, Störung) dar. Staaten werden (Prinzip 18, F) dazu aufgefordert, sicherzustellen, dass keine medizinische oder psychologische Beratung oder Behandlung von Gender-Identität als psychischer Störung ausgeht.

Das deutsche Transsexuellengesetz beruht auf der Einordnung von Transsexualität als psychische Störung. Das Gesetz erzwingt eine mehrstufige psychologisch-psychiatrische Gutachtensprozedur, während welcher die Betroffenen den Gutachtern völlig ausgeliefert sind. Von Betroffenen erstellte Menschenrechtsberichte legen dar, wie man sich den Verlauf dieser Prozedur vorzustellen hat.
2009 erklärte Prof. Silvia Pimentel, Angehörige des CEDAW-Komitees der UNO (Convention on the Elimination of all Forms of Discrimination against Women) anlässlich der Anhörung Deutschlands, es sei ein Paradoxon, dass transsexuelle Frauen zu geistesgestörten Männern erklärt werden, um als Frauen akzeptiert zu werden. Sie forderte die Beendigung des Gutachterverfahrens nach dem deutschen TSG. In einem gemeinsam verfassten Bericht legten zehn deutsche NGOs gegenüber dem CEDAW-Kommitteee 2011 dar, dass die angemahnten deutschen Aktivitäten hinsichtlich des TSG sich bislang auf eine Broschüre erstrecken, die als Feigenblatt gegenüber der UNO angesehen werden kann. Ebenfalls im Jahre 2009 hatte sich der Kommissar für Menschenrechte des Europarats veranlasst gesehen, ein Themenpapier zu Menschenrechten und Gender-Identität herauszugeben.

Das Bundesverfassungsgericht erklärte nun im Januar 2011, die "Fachwelt (sei) inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass geschlechtsumwandelnde Operationen auch bei einer weitgehend sicheren Diagnose der Transsexualität nicht stets indiziert sind". "Weitgehend sichere Diagnose", aber durch wen? Nicht etwa seitens der Betroffenen selbst, denen man keinesfalls zugestehen kann, sie wüssten selbst am besten über sich Bescheid. Weiter:

Die Dauerhaftigkeit und Irreversibilität des empfundenen Geschlechts eines Transsexuellen lässt sich nicht am Grad der Anpassung seiner äußeren Geschlechtsmerkmale an das empfundene Geschlecht mittels operativer Eingriffe messen, sondern ist daran festzustellen, wie konsequent der Transsexuelle in seinem empfundenen Geschlecht lebt und sich in ihm angekommen fühlt.

Bundesverfassungsgericht
Wiederum: Wer stellt das fest? Ganz sicher nicht die Betroffenen selbst. Die "Fachwelt", auf die sich das Bundesverfassungsgericht bezieht, besteht aus denjenigen Psychiatern und Psychologen, welche die "Wissenschaft" für die Pathologisierung transsexueller Menschen produziert (s. The World Professional Association for Transgender Health (WPATH)). Diese "Fachwelt" nimmt aktiv Einfluss auf die deutsche Gesetzgebung.

Gleichwohl wird in der Urteilsbegründung zweierlei – schamhaft? – verschwiegen. Erstens, dass das Urteil implizit an der Einstufung von Transsexualität als Störung festhält; dass die "Fachwelt" zur Fundierung des Urteils herangezogen wird und deren "wissenschaftliche Erkenntnisse" seine inhaltliche Grundlage darstellen; dass die Menschenrechte von Menschen, deren geschlechtliche Identität von dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht, schlicht ignoriert werden. Zweitens, dass "Nicht-Transsexuelle" (einschließlich der Richter und der "Fachwelt") "natürlich" kein "empfundenes" Geschlecht haben – sondern ein "echtes"? Oder vielleicht ein "normales" im Gegensatz zum "anormalen"?

Jedenfalls spricht das Bundesverfassungsgericht von " geschlechtsumwandelnde(n) Operationen" – statt von "geschlechtsangleichender Behandlung". Wenn jemand "in Wirklichkeit" ein Mann ist, der "eine Frau sein will" und nach hinreichender jahrelanger Unterwerfung unter Psychologen und Psychiater "seinen" Willen bekommt, so erfährt "er" eine Umwandlung. Wenn es aber um eine Frau geht, deren Geschlechtszugehörigkeit in ihrem Bewusstsein und ihrem Gehirn verortet ist, der aber gleich nach ihrer Geburt von einem Mediziner nach Betrachtung ihrer Genitalien das Geschlecht "männlich" zugewiesen wurde – dann geht es hier um eine Angleichung.

Es stellt sich die Frage, wer hier in Wirklichkeit Recht spricht – die Richter mit den Roben, oder die Richter ohne Roben?

In Verteidigung der Gesellschaft
Warum werden unter Zuhilfenahme von Psychiatrie und Psychologie Menschenrechte ignoriert?
Es wäre vielleicht angebracht, die Perspektive zu erweitern. Psychiatrie und Psychologie verteidigen etwas durch die Pathologisierung von Menschen mit einer Geschlechtsidentität, die von ihrem zugewiesenen Geschlecht abweicht.
Julia Serano spricht von einer Devaluierung von Transfrauen, die darauf gründet, dass diese sich an der Schnittstelle dreier Phänomene befinden: Transphobie, Cisgenderismus und Misogynie. Transphobie ist Feindseligkeit gegen Trans-Menschen. Cisgenderismus ist das Machtverhältnis von Menschen, deren Geschlechtsidentität dem zugewiesenen Geschlecht entspricht, gegenüber Trans-Menschen. Cisgenderismus ist ein Privileg in Aktion: das beurteilende, verurteilende, sexualisierende Geschwätz derer, für die dabei nichts auf dem Spiel steht, über diejenigen, für die dabei alles auf dem Spiel steht. Hin und wieder generiert das Geschwätz Schläge, Vergewaltigungen, Messerstiche, Schüsse. Immer zementiert es eine fundamentale Ungleichheit.

Diejenigen Menschen, die in den maßgeblichen Vorgängerkulturen der westlichen Gesellschaften (Griechenland, Rom, christliches Mittelalter) in einer vergleichbaren Situation waren wie Transfrauen im heutigen Deutschland, waren – Frauen.

Nach dem Fall des mittelalterlichen Ordo wurde "die Frau" in die "Natur" eingeschrieben und unter dem Gesichtspunkt der Bevölkerungspolitik einem Prozess der Wissensakkumulation unterworfen. Aufgrund ihrer zentralen Rolle für die Reproduktion, aber auch aufgrund ihrer Funktion als gesellschaftspolitisch ohnmächtige Arbeitskräfte wurden Frauen einem normativen Sub-System unterworfen, das sie an ihrer Attraktivität als sexuelle Objekte, ihres Unterwerfungsgrads unter Männer, ihres Gebärvermögens und ihrer Arbeitsleistung maß.

Medizin, Psychiatrie, Psychologie sowie ein spezielles schichtenspezifisches Sub-Bildungssystem gewährleisteten eine lückenlose Überwachung und die jederzeit gegebene Möglichkeit der Verhaltenskorrektur.
Gleichzeitig bewegten sich Frauen von der Kontrolle durch Männer (Väter, männliche Blutsverwandte) unter die Kontrolle anderer Männer (Ehemänner) oder mussten Statusverluste hinnehmen. Männer (Ärzte, Psychiater) oder speziell dazu ausgebildete Frauen (Lehrerinnen, Aufseherinnen) flankierten dies außerhalb der blutsverwandtschaftlichen oder ehelichen Verhältnisse und stellten gleichzeitig die Verfügungsgewalt jeweils eines Mannes (Vater, Vormund, Ehemann) über die jeweilige Frau sicher. Das schichtenspezifisch differenzierte Sub-Verhaltensregime, dem Frauen unterworfen waren, unterdrückte die Frauen nicht, es brachte die Frau als Kategorie hervor.

Der Status des Anderen – des Menschen, über den man spricht und der nichts zu sagen hat - ermöglicht eine bestimmte Form der Abwertung von Menschen, die Sexualisierung. Sexualisiert können nur Menschen werden, die den Status des Anderen innehaben. Der Grad dieses Status entspricht dem Grad der Sexualisierbarbeit. Sexualisierung bedeutet, dass Wert und Status eines Menschen an seiner sexuellen Attraktivität gemessen wird. Sexualisierung bedeutet, dass der sexualisierte Mensch zu einem Objekt zum sexuellen Gebrauch reduziert wird.

Das in die "Natur" eingeschriebene bipolare Geschlechterschema verdankt seine Existenz der in die "Natur" eingeschriebenen Kategorie Frau. Die Zuweisung des Status "Mann" oder "Frau" ist darum an bipolare Kategorisierung der Genitalien durch Mediziner bei der Geburt eines Menschen festgemacht. Um "natürliche" Statusunterschiede zwischen Menschen unveränderbar festzuschreiben, muss das bipolare Geschlechtsschema in dieser Form existieren.

Transfrauen sind Frauen. Die "Fachwelt" (also die pathologisierende Psychiatrie und Psychologie) erklärt sie zu geistesgestörten Männern und zwingt sie im Gutachterverfahren zu Hyper-Femininisierung und Hyper-Sexualisierbarkeit – sie müssen ihre "Weiblichkeit", ihr "Frau-Sein" ununterbrochen unter Beweis stellen.
Hier geht es um mehr als um die "Jagd nach Entarteten" in Verteidigung der Gesellschaft. Es geht darum, dass die "Fachwelt" definiert, was "richtige Frauen" sind und welche Eigenschaften sie aufzuweisen haben. Das TSG-Regime ist eine der letzten Bastionen eines dehumanisierenden und sexualisierenden Anti-Feminismus, einer institutionalisierten und "wissenschaftlich" abgesicherten Misogynie. Es generiert unter Zwang hypersexualisierte Super-Frauen und dem Spott preisgegebene Vogelscheuchen, die in Film und Fernsehen immer wieder für einen Lacher gut sind. Zu wessen Disziplinierung, zu wessen Normalisierung?
Transsexualität als "Störung" ist die Drapetomanie des 21. Jahrhunderts. Ebenso wie bei der Drapetomanie geht es darum, eine Menschengruppe durch Pathologisierung dauerhaft zu unterwerfen, ihr den Status des Anderen dauerhaft zuzuweisen und sie in Verteidigung der Gesellschaft stumm, ohnmächtig und nützlich zu machen.

Nützlich wozu? Zur Verteidigung eines bipolaren Geschlechtsschemas, dessen Grad an wissenschaftlicher Verifizierbarkeit Cartwrights "göttlich gewollter Ordnung" entspricht. Zur Zementierung gesellschaftlicher Rollenzuweisungen, die durch ein genitalfixiertes Geschlechtsschema in die "Natur" eingeschrieben sind und die für die Biomacht von Bedeutung sind. Zur Verteidigung einer durch Drill und Panoptismus unablässig neu geschnürten Gender-Zwangsjacke für Frauen, ganz gleich ob cis oder trans, das an einer Norm festgemacht ist, welche die "richtige Frau" definiert und hervorbringt. Zur Verschleierung der Künstlichkeit angeblich "natürlicher", durch Machtverhältnisse hervorgebrachter Kategorien, die zur Aufrechterhaltung dieser Machtverhältnisse dienen.

Die Resolution des Europäischen Parlaments vom 28. September 2011 verurteilt scharf die andauernde Pathologisierung transsexueller Menschen auch in Mitgliedsstaaten der EU und fordert die Mitgliedsstaaten insbesondere zur Depsychiatrisierung dieser Menschen auf.

Aber darüber spricht man nicht.

Freitag, 14. September 2012

Eine sogenannte körperliche Geschlechtsumwandlung ist nicht möglich, wohl aber eine Angleichung an das angestrebte Geschlecht.



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Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2012

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Eine sogenannte körperliche Geschlechtsumwandlung ist nicht möglich, wohl aber eine Angleichung an das angestrebte Geschlecht.

Auf diesem Weg sind drei Prozesse zu unterscheiden, die sich gegenseitig verstärken, die Anpassung durch geschlechtsspezifische Verhaltensänderungen, hormonell verursachte Veränderungen und die chirurgische Transformation
.
Entscheidend für den Beginn der hormonellen Behandlung sollte eine gesicherte Transsexualitätsdiagnose sein.

Außerdem sollte die Indikation zur körperlichen Transformation gestellt sein. Die Auswirkungen sind z.T. irreversibel (Stimmbruch, Behaarung, Hodenatrophie) und können bei fehlender Diagnose das Bild verwischen und die Diagnostik erschweren.

Vor jedem operativen Eingriff sollte eine mindestens 6 monatige Hormontherapie vorgeschaltet sein, die eine gewünschte Virilisierung oder Feminisierung bringt. Diese hormonelle Vorbehandlung stellt gleichzeitig einen Test dar, ob der Patient in der Lage ist, die lebenslange Substitution mit den gegengeschlechtlichen Hormonen zu vertragen. Eine lebenslange hormonelle Substitution damit ist nämlich notwendig, um schwere Symptome des Hormonmangels nach der Operation (Kastration) und damit eine vorzeitige Alterung und Verkürzung der Lebenszeit zu vermeiden. Ein Transsexueller wird über die Veränderung durch die Hormonbehandlung an seinem Körper glücklich sein und Auftrieb erhalten, während sich wiederholt gezeigt hat, daß ein nicht wirklich Transsexueller sich unwohl fühlt und über Nebenwirkungen allgemeiner Art klagt. In dem Sinne ist die ausreichend lange präoperative Hormontherapie auch ein Test zur Bestätigung der Diagnose.

Die erwünschten Ziele der Hormonbehandlung bei Transsexualismus sind in der Tabelle zusammengestellt: 
 
Tabelle
Ziele der Hormonbehandlung von Transsexuellen
Frau-zu-Mann (Vermännlichung)
Mann-zu-Frau (Verweiblichung)
Männliche Haarverteilung
Weibliche Fettverteilung
Zunahme der Muskelmasse
Weiche Haut
Stimmbruch
Gynäkomastie
Amenorrhoe
Hodenatrophie

Potenzverlust (Erektion, Ejakulation)

Praxis der Hormonbehandlung bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen

Um einen männlichen Werten entsprechenden Testosteronspiegel im Blut zu erreichen und über 2 bis 3 Wochen aufrechtzuerhalten, verabreichen wir in diesem Intervall 250 mg Testoviron-Depot i.m. (Testosteronenantat in öliger Lösung). Eine schnellere Vermännlichung wird durch höhere Dosen nicht erreicht, da die Wirkung durch die Zahl der Androgenrezeptoren bestimmt wird. Höhere Dosen führen lediglich zur Leberbelastung. Als Komplikation wird die Verstärkung oder Ausprägung einer Akne beobachtet, die so ausgedehnt und störend sein kann, daß die Hormontherapie abgesetzt und die Dosierung wesentlich reduziert werden muß. In solchen Fällen verordnen wir zusätzlich ein Breitbandantibiotikum (Vibramycin, anfangs 200, dann 100 mg täglich). Weiter kann es in seltenen Fällen zur Wasserretention und Ödembildung kommen. Durch das Testosteron kommt es zum Sistieren der monatlichen Blutungen, zur Amenorrhoe. Die Ovarien werden ruhiggestellt. Nach einigen Wochen, manchmal aber auch erst nach Monaten, wird der Patient heiser, und es kommt zum Stimmbruch. Die diesbezügliche Ansprechbarkeit ist individuell äußerst unterschiedlich. In der Regel kommt es zu einer Hypertrophie der Stimmbänder. Kurz nach Beginn der Therapie tritt eine generell vermehrte Behaarung im Sinne eines Hirsutismus auf. Das Intervall bis zum kräftigen Bartwuchs ist wiederum individuell sehr unterschiedlich. Es stellt sich ein typisches männliches Behaarungsmuster mit Übergang des T-förmigen Schamhaarabschlusses in einen Rhombus mit Behaarung bis zum Nabel und eine Behaarung der Brust ein. Außerdem kommt es zu einer deutlichen Zunahme der Muskulatur. Psychologisch wirkt die Testosteronbehandlung tonisierend. Das Auftreten wird optimistischer, aber auch fordernder und gelegentlich aggressiver. In der Regel kommt es zu einer Vergrößerung der Klitoris durch die Androgentherapie. Die Klitorishypertrophie bleibt aber in der Regel hinter der Hoffnung der Betroffenen zurück. In der Mehrzahl bleibt sie bei 1 bis 2 cm, selten erreicht sie 3 bis 4 cm. Alternativ ist eine orale Behandlung möglich mit Andriol (Testosteronundecanoat). Wir beginnen in der Regel mit 4 Kapseln täglich (2 x 2). Hiermit läßt sich in der Mehrzahl der Fälle, jedoch nicht bei allen, ein ausreichend hoher Wirkspiegel und die erwünschte Vermännlichung sowie die Aufrechterhaltung der notwendigen Dauersubstitution in ausreichender Höhe erreichen.


Praxis der Hormonbehandlung bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen
Wir haben die Mann-zu-Frau-Transsexuellen Jahrzehnte mit einem Überschuß an Östradiol durch Östrogeninjektionen intramuskulär erfolgreich und nebenwirkungsarm behandelt. Es handelte sich um das Präparat 100 mg Progynon Depot (Östradiol in öliger Lösung), welches in 2wöchentlichem Abstand gespritzt wurde. Das Präparat ist in Deutschland aus dem Handel, wohl aber noch über das Ausland (Griechenland) über Apotheken zu beziehen. Hierbei wird bewußt Östrogen im Überschuß gegeben, da eine möglichst schnelle Verweiblichung von der Patientin erwünscht wird. Eine schnelle Reduzierung der Dosis auf die Hälfte, was zur Verweiblichung immer noch ausreichende Hormonspiegel bewirken würde, wurde in den meisten Fällen als unangenehm empfunden, da schnell eine Gewöhnung erfolgte. Die Blutspiegel unter der Dosierung von 100 mg Progynon Depot liegen über 500 bis über 1000 pg. Nachdem das Präparat in Deutschland nicht mehr direkt verfügbar war, wurde es mancherorts durch Estradurin 80 mg 2wöchentlich ersetzt. Die Injektionen wurden von manchen Betroffenen als schmerzhaft und teuer abgelehnt.

Eine Verweiblichung kann jedoch durchaus auch durch 2wöchentliche Injektionen mit Estradiol-Depot Jenapharm 20 mg (2 Amp. Estradiolvalerat) erzielt werden. Auch in wesentlich niedriger Dosierung kann mit etwas Geduld eine eindeutige Verweiblichung erreicht werden, z. B. mit 3 x 1 Tbl. Progynon C oder Estrifam forte 2 Tbl. täglich. Neuerdings besteht auch die Möglichkeit, das Östrogen durch das sogenannte Östrogenpflaster Estraderm TTS zuzuführen. Wir empfehlen in dem Fall das Estraderm TTS 100 2 x wöchentlich. Damit soll im speziellen das Thromboembolierisiko deutlich abgesenkt werden. Außerdem kommt es zu einer geringeren Leberbelastung. 

In einigen Fällen wird auch die Pille Diane benutzt, die als Gestagen Cyproteronacetat enthält. Sie ist als alleinige Medikation häufig nicht ausreichend hoch dosiert. 

Als eleganteste Methode betrachten wir zur Zeit die Implantation eines Östrogenstylus unter die Haut, welcher dort über ein halbes Jahr einen ausreichend hohen Wirkspiegel im Gesamtorganismus aufrechterhält. Das Präparat heißt Östradiol implant (Organon, Cambridge) und ist über die internationale Apotheke zu beziehen. Nach unserer Erfahrung ist die Implantation eines 25-mg- und 50-mg-Stylus, also insgesamt 75 mg, geeignet, um einen Wirkspiegel zwischen 500 und 200 pg über ein halbes Jahr aufrecht zuerhalten. Die Implantation eines l00-mg-Stylus ist nicht notwendig. Leider gibt es keinen 75-mg-Stylus. Es erfolgt eine lokale Injektion eines Anästhetikums (Scandicain 1 % ig unter die Bauchhaut), eine 4 mm lange Stichinzision und das Einführen eines Trokars, durch den das Implantat geschoben wird. Die Inzision kann mit einem Spannpflaster oder mit einem Stich verschlossen werden.

Zur Reduktion der männlichen Behaarung wird ein Antiandrogen, Cyproteronacetat (Präparat Androcur), zum Teil in hohen Dosen eingesetzt, zusätzlich zum Ostrogen 50 mg. 10 mg sind nach unseren Erfahrungen völlig ausreichend und genauso wirksam. Eine wirklich durchschlagende Reduzierung der Behaarung läßt sich jedoch mit Cyproteronacetat überhaupt nicht erreichen. Die Wirkung besteht nur in einer relativen Verminderung und macht eine Epilation nicht überflüssig. Als Gestagen wirkt es zusätzlich positiv auf die Brustentwicklung, d.h., es fördert die Gynäkomastie.

Die durch die Hormonbehandlung entstehende Gynäkomastie hängt individuell vom Rezeptorgehalt in der Brust ab und weniger von der Höhe der Dosis. In vielen Fällen reicht allein die Hormonbehandlung aus, um schöne weibliche Brüste zu bekommen, ohne daß eine chirurgische Augmentation notwendig wird. Die chirurgische Augmentation der Brust wird bei unseren Patienten nur in 30 bis 40% der Fälle durchgeführt.
Durch die Hormonbehandlung kommt es zu einer Reduktion der Libido, zur Verminderung der Erektion und zum Ejakulationsverlust, was von dem Transsexuellen als angenehm empfunden wird. Die Haut am Körper ändert sich durch den Einfluß des Östrogens. Das Unterhautfettgewebe wird aufgelockert, und es kommt zu einer weiblichen Fettverteilung und Zunahme des Fettpolsters im Hüftbereich. Durch die gegengeschlechtliche Hormontherapie atrophieren die Hoden, und die Prostata wird deutlich kleiner. In einigen Fällen, durchaus aber nicht in der Regel, kommt es auch durch Langzeitbehandlung zu einer Verkleinerung des Penis. Im Lauf der Behandlung wird die Stimme weicher, was jedoch nicht nur mit der Hormonapplikation, sondern mehr mit dein Verhalten des Patienten zu tun hat, der sich der weiblichen Rolle angleicht. Wichtig ist eine psychische Stabilisierung durch die Hormonbehandlung.

Die Risiken der Hormonbehandlung bestehen in der Leberbelastung und im gesteigerten Thromboembolierisiko, welches nach neueren holländischen Untersuchungen um 6 % liegt. Nach unseren Erfahrungen ist das Risiko niedriger. 
Notwendigkeit lebenslanger Substitution
Postoperativ ist eine Hormonbehandlung lebenslang erforderlich, da in beiden Fällen bei der Operation die Keimdrüsen entfernt werden. Bei fehlender Hormonsubstitution kommt es zur Osteoporose und zum Frakturrisiko sowie zu hormonellen Ausfallserscheinungen, wie sie im Klimakterium üblich sind. Ohne Hormone kommt es zur vorzeitigen Alterung, einer Zunahme kardiovaskulärer Erkrankungen und einer verminderten Lebenserwartung.

Wolf Eicher bringt sehr viele Dinge auf den Punkt, ich kann das Buch nur jedem Empfehlen da es Horizonte erweitert was mit Betroffen passiert und macht eine Gefühlswelt verständlich!

Literatur: 
Wolf Eicher

Transsexualismus
Gustav Fischer Verlag Stuttgart
ISBN 3-437-11413-1

Das Menschliche

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