Dienstag, 24. Januar 2023

Dass transidente, non-binäre und intersexuelle Menschen auch im neuen Arbeitsrecht der Katholischen Kirche in Deutschland nicht geschützt sind, das sagt keiner klar und deutlich, warum? Angst ist mit der Scharm den Selbstzweifeln kein Weg zur Gerechtigkeit // Nobody says clearly that transident, non-binary and intersexual people are not protected in the new labor law of the Catholic Church in Germany, why? Fear with the charm of self-doubt is no way to justice

 Ein Jahr “Out In Church” – was hat sich seitdem getan?

Unser dgti-Mitglied Charlotte Penelope ist Mitglied der kirchlichen Bewegung “Out In Church” und trat auch in der TV-Dokumentation “Wie Gott uns schuf”
der ARD auf.
Sie wird am 24. Januar auf dem TV Kanal des Hessischen Rundfunks (u. a. die Sendungen “Hessenschau”
und “maintower“) darauf hinweisen, dass transidente, non-binäre und intersexuelle Menschen auch im neuen Arbeitsrecht der Katholischen Kirche in Deutschland nicht geschützt sind, da sie dort nicht explizit erwähnt sind. Charlotte Penelope bietet der Katholischen Kirche an, in der Seelsorge für transgeschlechtliche Menschen mitzuarbeiten.
Zum Sachverhalt
Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hat bereits am 22.11.2022 eine Neufassung des innerkirchlichen Arbeitsrechts beschlossen. Neu aufgenommen in die Diskriminierungskriterien wurde der Begriff „sexuelle Identität“. Vorgeschlagen aber nicht aufgenommen wurde der Begriff „geschlechtliche Identität“.
Für die römisch-katholische Kirche in Deutschland bedeutet „Geschlecht“ immer noch ausschließlich das bei der Geburt eingetragene Geschlecht. Wenn diese Kirche trans*, inter* und nicht-binäre (tin*) Personen in ihrem eigenen internen Arbeitsrecht vor Diskriminierung schützen will, so muss sie diesen Sachenverhalt ausdrücklich benennen. Die Merkmale Geschlecht und sexuelle Identität innerhalb dieses eigenen Arbeitsrechts leisten diesen Schutz nicht.
Die Rechtsprechung (EuGH: Urt. v. 30.04.1996 – C-13/94, BAG: 8 AZR 421/14) ordnet geschlechtliche Identität dem Merkmal Geschlecht zu. Die Gesetzesbegründung zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) beim Merkmal „sexuelle Identität“, die trans* Personen in dieses Merkmal einordnet ist damit nur anwendbar, wenn neben der Eigenschaft trans* noch eine tatsächliche oder unterstellte Bi- oder Homosexualität dazu kommt. Siehe dazu auch die Publikationen/Statistiken der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Das kirchliche Arbeitsrecht
Die röm.-katholischen Kirche lässt in ihrem Arbeitsrecht offen, was diese unter „Geschlecht“ versteht: Ist es nun das bei der Geburt zugewiesene bzw. bei einer Taufe eingetragene Geschlecht, oder das Geschlecht, als dem sich ein Mensch zugehörig betrachtet, und dass personenstandsrechtlich geändert werden kann. Ohne explizite Nennung der „geschlechtlichen Identität“ im katholischen Arbeitsrecht sind Benachteiligungen von trans* Personen bis hin zu einer Kündigung weiterhin möglich und wahrscheinlich. Die einzelnen Bischöfe in Deutschland können bezüglich tin* Personen das katholische Arbeitsrecht zu deren Vor- oder Nachteil auslegen.

Sonntag, 22. Januar 2023

Wegweisende Studie zu Hormontherapie bei Kinder und Jugendlichen // Groundbreaking Study of Hormone Therapy in Children and Adolescents

 



Die im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie "Psychosocial Functioning in Transgender Youth after 2 Years of Hormones" von Chen et al. (2023) zeigt, dass die Hormontherapie bei transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit hat und die Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen verbessert.
Insgesamt 315 transgeschlechtliche und nicht-binäre Teilnehmer*innen im Alter von 12 bis 20 Jahren (Mittelwert [±SD], 16±1,9) wurden in die Studie aufgenommen. Davon waren 190 Teilnehmer*innen (60,3 %) transmaskulin (weibliche Geschlechtszuweisung bei Geburt) und 25 (7,9 %) hatten zuvor eine Behandlung zur Unterdrückung der Pubertät erhalten.
Während des Studienzeitraums nahmen Erscheinungsbildkongruenz (Zufriedenheit mit der sich verändernden körperlichen Entwicklung), positiver Affekt und Lebenszufriedenheit zu, und Depressionen und Angstsymptome nahmen ab. Die Zunahme der Erscheinungsbildkongruenz war mit einer gleichzeitigen Zunahme des positiven Affekts und der Lebenszufriedenheit und einer Abnahme der Depressions- und Angstsymptome verbunden. Bei 11 Teilnehmer*innen waren Selbstmordgedanken (3,5 %) weiterhin präsent. Den Suizid übten im Studienzeitraum bei 2 Teilnehmer*innen aus.
Es handelt sich um die längste und größte Follow-Up-Studie zu Hormontherapie bei transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen.
Zur Studie (vollständiger Zugang nur mit Registrierung):

Abstract

BACKGROUND

Limited prospective outcome data exist regarding transgender and nonbinary youth receiving gender-affirming hormones (GAH; testosterone or estradiol).

METHODS

We characterized the longitudinal course of psychosocial functioning during the 2 years after GAH initiation in a prospective cohort of transgender and nonbinary youth in the United States. Participants were enrolled in a four-site prospective, observational study of physical and psychosocial outcomes. Participants completed the Transgender Congruence Scale, the Beck Depression Inventory–II, the Revised Children’s Manifest Anxiety Scale (Second Edition), and the Positive Affect and Life Satisfaction measures from the NIH (National Institutes of Health) Toolbox Emotion Battery at baseline and at 6, 12, 18, and 24 months after GAH initiation. We used latent growth curve modeling to examine individual trajectories of appearance congruence, depression, anxiety, positive affect, and life satisfaction over a period of 2 years. We also examined how initial levels of and rates of change in appearance congruence correlated with those of each psychosocial outcome.

RESULTS

A total of 315 transgender and nonbinary participants 12 to 20 years of age (mean [±SD], 16±1.9) were enrolled in the study. A total of 190 participants (60.3%) were transmasculine (i.e., persons designated female at birth who identify along the masculine spectrum), 185 (58.7%) were non-Latinx or non-Latine White, and 25 (7.9%) had received previous pubertal suppression treatment. During the study period, appearance congruence, positive affect, and life satisfaction increased, and depression and anxiety symptoms decreased. Increases in appearance congruence were associated with concurrent increases in positive affect and life satisfaction and decreases in depression and anxiety symptoms. The most common adverse event was suicidal ideation (in 11 participants [3.5%]); death by suicide occurred in 2 participants.

CONCLUSIONS

In this 2-year study involving transgender and nonbinary youth, GAH improved appearance congruence and psychosocial functioning. (Funded by the Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development.)

It goes on here: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2206297?fbclid=IwAR09cpKoUJA06zbaV1s76xxCe6e8oXnQXMi1iJGlbaBLnw9w3gsD_Kh3PRA

Samstag, 21. Januar 2023

Hand aufs Herz: Transfeindlichkeit nimmt trotz mehr Repräsentation zu // Hand on heart: transphobia is increasing despite more representation

 Hand on heart: transphobia is increasing despite more representation

Erst am Totensonntag gab es wieder einen Angriff auf einen LGBTQ+-Club. Im Bundesstaat Colorado in den USA sind 5 Menschen bei einer Schießerei in einem Schwulenclub ums Leben gekommen. Die Veranstaltung am 20. November war anlässlich des „Transgender Day of Remembrance“, einem Tag der den Opfern von Transfeindlichkeit gedenken soll. Und dies ist erschreckenderweise nur eine der vielen trans- und homophoben Attacken gewesen, die in diesem Jahr passiert sind. Let's talk about it, findet unsere Autorin Mona. Zeit für "Hand aufs Herz".

Straftaten steigen trotz erhöhter Sichtbarkeit

Das Motto des Nürnberger und Erlanger CSDs lautete dieses Jahr "Sichtbarkeit schafft Sicherheit". Und man würde denken, dass mit den vielen CSDs, LGBTQ+ Clubs und Organisationen die Akzeptanz und das Verständnis der Menschen steigen würde. Aber das ist leider nur bedingt der Fall. Denn die Straftaten gegenüber LGBTQ+ Mitgliedern gehen immer noch in die Höhe.

2022 gab es laut der "Anti-LGBTQ+ Hate Crime Data" in den USA die höchste Anzahl an Gewaltverbrechen gegenüber der queeren Community seit 1990. Und vergangenes Wochenende kamen wieder 5 Tote und 25 Verletzte dazu.

So äußert sich Transphobie

Transsexuelle Menschen erleben die höchste Diskriminierungsrate pro Kopf innerhalb der LGBTQ+-Community. Die Ausgrenzung aufgrund der Geschlechtsidentität einer Person kann sich auf deren Bildung, Unterkunft, Beschäftigung, Gesundheit und sogar die medizinische Versorgung auswirken. Ergebnissen der Sinus-Studie 2008 der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigen, dass diese Feindlichkeit oft durch Unwissen und Vorurteile entsteht.

Die Zahlen des "Trans Murder Monitoring" zeigen, dass es zwischen dem 1. Oktober 2021 und dem 30. September 2022 weltweit 327 Morde an trans, nichtbinären und gender-nonkonformen Personen gab, die nachgewiesen werden konnten. Deutschland wird mit dem tragischen Angriff auf Malte C. beim CSD Münster im September 2022 aufgeführt.

Zudem wurde in Deutschland 2022 ein Transmädchen in Herne von drei 12-13 jährigen Jungen angegriffen und auch eine Transfrau in Bremen wurde von Minderjährigen attackiert. Und das ist nur ein Bruchteil der Gewalttaten in Deutschland. Das zeigt, dass wir unbedingt mehr Aufklärung über LGBTQ+-Themen und Transsexualität in Schulen und Bildungseinrichtungen brauchen.

Tag der Erinnerung an die Opfer von Trans*feindlichkeit

Am 20. November ist jährlicher Gedenktag für die Opfer transphober Gewalttaten. Anlässlich des immer noch ungeklärten Mordes an der afro-amerikanischen Trans-Frau Rita Hester fand er im November 1998 zum ersten Mal statt. Auch in Deutschland gibt es Organisationen und Einzelpersonen, die Aktionen zum Gedenktag veranstalten.

Es ist wichtig, über die vielen Leben zu reden, die durch Transfeindlichkeit genommen wurden, denn nur so können wir in Zukunft Leben beschützen. Wir müssen uns zusammenschließen im Kampf gegen die Diskriminierung der LGBTQ+- Community.

Was kannst Du tun?

Sei ein Safe-Space für die Queer-Community. Auch wenn Du Dich nicht als Teil der Community identifiziert, ist es wichtig, Stellung zu nehmen. Du kannst CSDs und andere LGBTQ+-Veranstaltungen besuchen, um Dich zu informieren und für die queere Community zu demonstrieren. Außerdem ist es wichtig immer ein offenes Ohr für Deine queeren Freund:innen und Mitmenschen zu haben.

Wenn Du im Alltag queer-feindliches Verhalten beobachtest, solltest Du auf jeden Fall einschreiten. Auf größeren Veranstaltungen wie "Rock im Park" gibt es auch Awareness-Teams an die Du Dich wenden kannst. Außerdem gibt es eine Nürnberger Gruppe, die ebenfalls ein Awareness-Team gegründet hat. Sie gehen zu verschiedenen Clubs und Veranstaltungen unter anderem im Stellwerk, im Heizhaus und im Z-Bau um Dir als Ansprechpartner:innen zusätzliche Sicherheit zu gewähren.

In den USA ist damit das erste Todesurteil 2023 vollstreckt worden. Wie US-Medien unter Berufung auf eine Mitteilung der Strafvollzugsbehörde berichten, wurde die 49-jährige McLaughlin demnach am Dienstagabend (Ortszeit) im Gefängnis von Bonne Terre im Bundesstaat Missouri per Giftspritze getötet.

 ERSTMALS TODESSTRAFE AN TRANSGENDER-FRAU VOLLZOGEN

Als Mann ein Mörder, als Frau hingerichtet

2003 lauerte Scott McLaughlin seiner Ex-Freundin auf, vergewaltigte sie und tötete sie mit einem Küchenmesser. Anschließend warf er ihre Leiche in den Mississippi. Knapp 20 Jahre später ist Amber McLaughlin tot. Nach der Tat und der Verurteilung hatte sich McLaughlin einer Geschlechtsangleichung unterzogen.

Sie ist die erste Transgender-Frau, die in den USA hingerichtet wurde.
Nach der Trennung von ihrer Ex-Partnerin Beverly Guenther hatte sie diese wiederholt gestalkt. Nachdem Guenther am Abend des 20. November 2003 nicht nach Hause zurückkehrte, verständigten ihre Nachbarn die Polizei. An einem Bürogebäude in St. Louis, in dem Guenther arbeitete, fanden die Ermittler einen abgebrochenen Messergriff und Blutspuren. Einen Tag später führte McLaughlin die Polizei zur Leiche.

Im Jahr 2006 – noch vor ihrer Transition zur Frau – wurde McLaughlin noch unter ihrem früheren Namen zum Tode verurteilt. Obwohl sie vor drei Jahren mit ihrer Geschlechtsangleichung begann, war sie den Berichten zufolge bis zuletzt in einem Männergefängnis untergebracht. Inmitten männlicher Insassen wurde sie zu Amber.
Gegen ihr Todesurteil hatte sie alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft. Doch der Gouverneur von Missouri, Mike Parson, blieb hart und lehnte ihr Gnadengesuch ab. McLaughlin sei gewalttätig und kriminell, erklärte er zur Begründung.

Nach der Hinrichtung sagte er: „McLaughlin hat Frau Guenther in den letzten Jahren ihres Lebens terrorisiert. Wir hoffen nun, dass ihre Familie und ihre Liebsten ihren Frieden finden können.“

McLaughlins Anwalt hatte im Gesuch geltend gemacht, eine Misshandlung im Kindesalter und ihre leichte geistige Behinderung seien im Prozess nicht mildernd zur Sprache gekommen.

Zwei Kongressabgeordnete in Missouri, Cori Bush und Emanuel Cleaver, hatten sich für McLaughlin eingesetzt. Wegen ihrer Kindheit und ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Identität habe McLaughlin Suizidversuche begangen.

Als besonders kontrovers galt, dass sich die Geschworenen bei McLaughlins Prozess nicht auf ein Strafmaß einigen konnten. In einem solchen Fall fällt in Missouri der Richter das Urteil, und dieser entschied sich für die Todesstrafe.
Beobachter der Hinrichtung berichteten, McLaughlin habe leise mit einem geistlichen Berater an ihrer Seite gesprochen, als ihr die tödliche Dosis Pentobarbital injiziert wurde. Nach der Injektion habe sie ein paar Mal schwer geatmet und dann die Augen geschlossen. Wenige Minuten später sei sie für tot erklärt worden.

In ihren letzten Worten, die sie schriftlich hinterließ, erklärte McLaughlin: „Es tut mir leid, was ich getan habe. Ich bin ein liebevoller und fürsorglicher Mensch.“

18 Hinrichtungen im vergangenen Jahr

Vergangenes Jahr töteten US-Henker 18 Menschen, zwei davon im US-Bundesstaat Missouri. McLaughlin ist die erste Frau, die seit 1953 – also in 70 Jahren – in dem Bundesstaat im Mittleren Westen hingerichtet wurde. Seit 1976 sind in den USA achtzehn Frauen hingerichtet worden. Insgesamt sind laut „Death Penalty Information Center“ in den USA seit Wiederzulassung der Todesstrafe im Jahr 1976 mehr als 1500 Menschen hingerichtet worden.


Freitag, 20. Januar 2023

Tritt Trans*geschlechtlichkeit bei Jugendlichen nicht sehr plötzlich und vor allem aufgrund ihres sozialen Umfelds auf ("Rapid Onset Gender Dysphoria" /ROGD)?

 

1. Legen Natur und Biologie das Geschlecht fest?

Nein. Die Debatte um die Anerkennung und Akzeptanz von Trans*geschlechtlichkeit ist auch eine Auseinandersetzung über die Definition und Bedeutung von Geschlecht.

Was ist Geschlecht? Welche Kriterien sind dafür ausschlaggebend? Welche Rolle spielen Körper und Natur? Ob in der Medizin, der Biologie oder in den Sozialwissenschaften - aus wissenschaftlicher Sicht ist die Vorstellung einer „natürlichen“ Zwei-Geschlechtlichkeit inzwischen widerlegt.

Aus der Biologie wissen wir, dass mehr als 1.000 Gene bei der Entwicklung der Genitalien beteiligt sind (1). Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie beschreibt Geschlecht in einer Stellungnahme als ein „mehrdimensionales Konstrukt, dessen Entwicklung durch das komplexe Zusammenspiel verschiedener körperlicher, psychosozialer und psychosexueller Einflussfaktoren bedingt“ sei (2).

Das zeigt: Geschlecht ist vielfältiger und nicht allein über biologische Merkmale zu bestimmen.

Dieser wissenschaftlichen Erkenntnis folgt auch das Bundesverfassungs-Gericht in mehreren Urteilen. Danach wird die Geschlechts-Zugehörigkeit einer Person nicht allein durch körperliche Geschlechts-Merkmale bestimmt, sondern wesentlich auch durch die geschlechtliche Identität.

Daher steht diese auch indirekt unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes, wie z.B. durch das in Art. 2 Abs. 1 formulierte Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das geschlechtliche Selbsterleben ist also zentral für die Definition von Geschlecht.

Die Anerkennung der Geschlechts-Identität gehört zu den Grundrechten. Anders als mitunter behauptet, geht es trans* Personen weder darum, Geschlecht abzuschaffen, noch Biologie oder Körper zu negieren. Die Existenz von trans* Personen zeigt aber, dass bestimmte als Geschlechts-Merkmale definierte körperliche Merkmale nicht automatisch zu einer bestimmten Geschlechts-Identität und damit Geschlechts-Zugehörigkeit führen müssen.

Die leider noch weit verbreitete falsche Vorstellung, dass allein Genitalien das Geschlecht bestimmen, führt dazu, dass die Existenz von trans* Personen geleugnet oder abgelehnt wird. Statt die Definition von Geschlecht zu hinterfragen, gelten trans* Personen in dieser Vorstellung als „krank“ oder ihnen wird schlicht nicht geglaubt. Dadurch stehen sie unter einem hohen Druck, ihre Geschlechts-Identität zu beweisen und zu erklären.

Ihnen wird vielfach die Transition verweigert, weil Personen, die nicht trans* sind, die geschlechtliche Identität von trans* Personen einfach nicht überzeugend genug finden. Selbst nach erfolgter Transition werden trans* Personen oft weiterhin angezweifelt und gelten als „unecht“.

Übrigens schaden enge Geschlechter-Vorstellungen und damit verbundene Rollen-Erwartungen nicht nur trans* Personen. Mit der Zuschreibung von Geschlecht bei Geburt und der Einordnung als Junge oder Mädchen wird von frühester Kindheit an ein bestimmtes Verhalten gutgeheißen oder kritisiert, belohnt oder bestraft.

Wenn größere Spielräume entstehen, wie Geschlecht gelebt werden kann, führt das zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit für alle Personen. Egal wie sie sich geschlechtlich verorten.

2. Ist Trans*geschlechtlichkeit nicht bloß das Ergebnis der "Gender-Ideologie"?

„Gender-Ideologie“ ist ein zentraler Kampfbegriff, der vor allem von rechtspopulistischen, rechtskonservativen oder rechtsreligiösen Akteur*innen benutzt wird. Damit sollen nicht nur die Rechte, Anerkennung und Gleichbehandlung von trans* Personen abgewehrt werden, sondern auch Gleichstellungs-Politik oder sexuelle und reproduktive Rechte generell.

Mit der Verwendung des Begriffs Ideologie wird versucht politische Anliegen zu verunglimpfen. „Ideologie“ klingt nach unecht, falsch und gefährlich, nach Gehirnwäsche und Manipulation.

Demgegenüber soll die eigene Weltsicht als objektiv und neutral dargestellt werden. Wenn wir über geschlechtliche Vielfalt sprechen, geht es um Menschenrechte. Das soll mit dem Kampfbegriff „Gender-Ideologie“ abgewehrt werden.

Gefährlich daran ist, dass damit Menschen und deren Identitäten als Ergebnis einer Ideologie oder Ausdruck einer politischen Agenda gelten. Dies wird genutzt, um Gewalt und Diskriminierung gegenüber diesen Personen zu rechtfertigen.

3. Ist trans* nicht nur so ein Trend oder Hype?

Nein. Vielfältige geschlechtliche Identitäten gab es schon immer. In manchen Gesellschaften wurde bis zum Kolonialismus respektvoll mit dieser Vielfalt umgegangen. In vielen Gesellschaften – so auch in Deutschland – wurde geschlechtliche Vielfalt jedoch über Jahrhunderte gewaltvoll unterdrückt und ignoriert.

Inzwischen gibt es zum Glück eine Entwicklung hin zu mehr Sichtbarkeit, Offenheit und Anerkennung von trans* Personen. Das ist positiv, denn trans* zu leben sollte akzeptiert sein. Eine trans*freundliche Gesellschaft führt auch nicht dazu, dass es mehr trans* Menschen gibt, sondern dazu, dass sie sich mehr Personen outen und/oder für eine Transition entscheiden. Diese Entwicklung hält hoffentlich weiter an. Unsere Gesellschaft sollte es allen Personen ermöglichen, so zu sein und zu leben, wie sie sind.

Eine Bewertung ihrer sexuellen Identität als „Trend“, „Modeerscheinung“ oder „Hype“ müssen sich auch schwule, lesbische und bisexuelle Personen immer wieder anhören. Nun trifft es verstärkt auch trans* Personen. Damit wird behauptet, dass Menschen eigentlich gar nicht wirklich lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* sind. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als „Trend“ abzuwerten, ergibt nur dann Sinn, wenn man diese Vielfalt ablehnt. Denn in dem Begriff steckt die Hoffnung, dass solch ein „Trend“ nur von kurzer Dauer ist und bald wieder verschwindet.

Die Unterstellung, dass Menschen eigentlich gar nicht wirklich trans* sind, erschwert die Anerkennung von trans* Personen. Insbesondere trans* Kindern und Jugendlichen wird nicht geglaubt, dass sie wissen, wer sie sind. Ihnen wird unterstellt, ihre Identitäten seien nicht real oder sie würden sich diese aussuchen. So wird ihnen das Gefühl für sich selbst und ihre Selbstbestimmung abgesprochen. Sie werden nicht ernst genommen oder unterstützt, obwohl Studien eindeutig belegen, dass sich bereits Kinder und Jugendliche über ihre geschlechtliche Identität im Klaren sind (3).

4. Tritt Trans*geschlechtlichkeit bei Jugendlichen nicht sehr plötzlich und vor allem aufgrund ihres sozialen Umfelds auf ("Rapid Onset Gender Dysphoria" /ROGD)?

Die pseudowissenschaftliche Idee von Rapid Onset Gender Dysphoria (zu Deutsch etwa: „plötzlich auftretende Geschlechtsdysphorie“) vertritt die Annahme, dass sich Jugendliche überraschend und aufgrund von sozialem Druck als trans* outen.

Diese Darstellung beruht auf einer Studie, in welcher allein Eltern von trans* Jugendlichen befragt wurden, die das Coming-out ihres Kindes nicht akzeptierten. Die Jugendlichen selbst wurden nicht in die Studie einbezogen.

Diese einseitige Auseinandersetzung wurde nach Veröffentlichung deutlich kritisiert. Die renommierte Brown University, an der die Studie ursprünglich durchgeführt wurde, entfernte den Verweis auf diese Forschungsarbeit von der eigenen Website (4). Die wissenschaftliche Zeitschrift, welche die Studie zuerst veröffentlicht hatte, druckte eine überarbeitete und kommentierte Version der Arbeit, die die zugrunde liegende Annahme der Rapid Onset Gender Dysphoria nicht belegen konnte.

Die Vorstellung, dass trans* Jugendliche sich sehr spontan und aufgrund von sozialem Druck outen, konnte auch in weiteren Studien nicht bestätigt werden (5). Im Gegenteil zeigt sich deutlich, dass trans* Jugendliche meist mehrere Jahre bis zum äußeren Coming-out abwarten und in ihrem Umfeld häufig weiterhin leider Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt sind.

Sagen vor allem Jugendliche, dass sie trans* sind, weil es cool ist?

Nein. Diese Behauptung ignoriert alltägliche Diskriminierungs-Erfahrungen und verkennt die Lebensrealität von trans* Jugendlichen. Trans*sein wird nach wie vor eher stigmatisiert und diskriminiert, als dass es als gleichwertig akzeptiert wird. Ein Coming-out als trans* wird selten vom Umfeld begrüßt, gefeiert oder wohlwollend zur Kenntnis genommen. In der Regel bringt es Nachteile mit sich.

Viele erleben das eigene Coming-out als sehr belastend. Sie unterdrücken oft jahrelang ihre tatsächliche geschlechtliche Identität. Das wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit aus (6). Viele trans* Jugendliche trauen sich lange Zeit nicht, sich zu outen. Denn als Minderjährige sind sie sehr stark von ihrer Familie abhängig und können auch nicht einfach die Schule wechseln. Sie befürchten Ablehnung in der Familie, den Verlust von Freund*innen oder Nachteile in der Schule oder in der Ausbildung. Leider nicht zu Unrecht.

Erfahrungen von Mobbing in der Schule und Konflikten in der Herkunftsfamilie sind unter trans* Jugendlichen häufig (7). Auch in der Öffentlichkeit und im Alltag kommt es regelmäßig zu trans*feindlichen Diskriminierungen wie verächtlichen Blicken oder Anstarren, Lächerlichmachen, Beschimpfungen bis hin zu Bedrohungen oder Übergriffen. Diese wiederholte Erfahrungen von Diskriminierung sind belastend und erhöhen das Risiko unter trans* Jugendlichen, eine Depression oder Angststörung zu entwickeln oder eine Suizidversuch zu unternehmen (8).

In der Behauptung, dass viele nur aus Coolness trans* sind, schwingt zuletzt eine sehr gefährliche Logik mit. Denn im Umkehrschluss müsste man Trans*sein wieder stärker stigmatisieren und weiter abwerten, damit sich so wenig Menschen wie möglich als trans* outen. Zu Ende gedacht würde das bedeuten, die Anerkennung von trans* Personen so schwer wie möglich zu machen. Und das lehnen wir eindeutig ab.

6. Wird Jugendlichen geschadet, weil ihnen zu schnell Pubertäts-Blocker verschrieben werden?

Nein. Pubertäts-Blocker werden weder zu schnell verschrieben und noch verändern sie den Körper der Jugendlichen. Pubertäts-Blocker sind Medikamente, die bei cis und trans* Jugendlichen eingesetzt werden, um den Beginn der Pubertät zu verzögern. Die Behandlung ist umkehrbar.

Pubertäts-Blocker stoppen die Entwicklung des Körper. Sie verändern diesen aber nicht. Werden Pubertäts-Blocker abgesetzt, setzt auch die Pubertät wieder ein. Nebenwirkungen wie Stimmungs-Schwankungen oder Hitze-Wallungen während der Einnahme sind selten und vorübergehend (9). Mögliche langfristige und ebenfalls seltene Nebenwirkungen wie eine Veränderung der Knochendichte auch über die Einnahme hinaus gelten als Grund, um die Behandlung nicht länger als nötig fortzuführen.

Anders als häufig dargestellt, ist es für trans* Jugendliche enorm schwer, Pubertäts-Blocker zu bekommen. Ärzt*innen verschreiben Pubertäts-Blocker erst nach einer Diagnose und ausführlicher Beratung. Oftmals vergehen Monate oder Jahre, bis es überhaupt zu einem Termin für ein Erstgespräch kommt (10).

Die Einnahme von Pubertäts-Blockern verschafft trans* Jugendlichen Zeit. Damit müssen sie gerade keine übereilten Entscheidungen treffen, aus Angst bzw. aus dem Druck heraus, dass die Pubertät einsetzt. Die Behandlung ist losgelöst und unabhängig von einer rechtlichen Änderung des Namens oder Geschlechtseintrags.

Die Einnahme von Pubertäts-Blockern wird von geschlechtsangleichenden Maßnahmen wie etwa der Einnahme von Hormonen oder Operationen unterschieden. An die Behandlung mit Pubertäts-Blockern kann, muss aber nicht eine Hormontherapie mit Testosteron / Östrogenen oder eine Operation anschließen. Das heißt, die Behandlung mit Pubertäts-Blockern ist ergebnisoffen. Die Jugendlichen können sich jederzeit entscheiden, die Einnahme zu beenden. Nach einer Absetzung entwickelt sich der Körper auf dieselbe Weise weiter, wie er es auch vor der Medikamenten-Einnahme getan hätte.

Die Pubertät ist für viele trans* Personen herausfordernd, weil sich der eigene Körper in eine Richtung entwickelt, die als unangenehm erlebt wird. Das erzeugt bei einigen trans* Personen großes Unwohlsein (in der Fachsprache Dysphorie genannt).

Wie Studien zeigen, leiden trans* Jugendliche oft stark, wenn sie in der Pubertät keinen Zugang zu trans*spezifischer Gesundheitsversorgung haben. Das Risiko eine Depression, Angststörung oder Suizidgedanken zu entwickeln ist erhöht (11).

Dagegen verringert die Einnahme von Pubertäts-Blockern Suizidgedanken. Weitere psychische Belastungen bei trans* Jugendlichen nehmen stark ab bzw. das Wohlbefinden und die Zufriedenheit steigt. Trans* Jugendliche, die von ihrem Umfeld unterstützt werden und in ihrer Identität anerkannt werden, zeigen sich nicht stärker psychisch belastet als cis Jugendliche (12).

Wenn trans* Jugendlichen Pubertäts-Blocker verweigert werden, hat das starke negative Effekte, die nicht rückgängig gemacht werden können. Denn im Gegensatz zur Einnahme von Pubertäts-Blockern ist die Pubertät nicht umkehrbar: Ist die Pubertät einmal durchlaufen, wird es für viele trans* Personen später wesentlich schwieriger, in ihrem Identitätsgeschlecht zu leben. Sie werden dann ihr weiteres Leben lang eher als trans* „erkannt“. Das führt zu einem höheren Risiko, Diskriminierung und Gewalt zu erfahren.

Diese Risiken, die durch ein Vorenthalten der Behandlung im Jugendalter entstehen, und die positiven Effekte von Pubertätsblockern werden in der öffentlichen Diskussion leider häufig vernachlässigt .

Werden Jugendliche übereilten Hormon-Therapien und Operationen unterzogen?

Nein. In der Behandlung von trans* Jugendlichen werden wohlüberlegte Entscheidungen getroffen: Therapeut*innen und Psychiater*innen sind bei jeder jugendlichen trans* Person mehrere Jahre lang eingebunden, bevor Maßnahmen ergriffen werden.

Frühestens mit dem Einsetzen der Pubertät startet eine medizinische Behandlung mit Pubertäts-Blockern. Trans* Jugendliche treffen diese und jede weitere Entscheidung erst nach ausführlicher Beratung.

Zu den sogenannten geschlechtsangleichenden Maßnahmen zählen etwa die Einnahme von Östrogen bzw. Testosteron oder chirurgische Eingriffe. Sowohl Hormon-Therapien als auch operative Maßnahme werden sorgfältig medizinisch und therapeutisch begleitet. Operationen finden vor Vollendung des 18. Lebensjahres nur sehr selten statt.

Wichtig zu wissen ist: Viele trans* und nicht-binäre Personen wollen keine bzw. nicht alle medizinisch möglichen geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Welche Maßnahmen Personen für sich in Betracht ziehen, ist sehr individuell. Dennoch gilt der Wunsch nach Hormontherapie und Operationen vielen cis Menschen als „Echtheitsbeweis“ für das Trans*sein.

Diese Sichtweise kann Druck auf trans* Personen ausüben. Die individuellen Bedürfnisse der trans* Personen müssen im Zentrum der Behandlungen stehen, damit sich jede Person für oder auch gegen medizinische Transitionsschritte entscheiden kann.

8. Aber zeigt der Fall Keira Bell und ihre Detransition, dass Jugendliche keine Pubertätsblocker und Hormone bekommen sollten?

Während die überwiegende Mehrheit der trans* Jugendlichen mit den medizinischen Behandlungen sehr zufrieden ist, wird gegen Pubertäts-Blocker (siehe Frage 6) und Hormontherapie immer wieder der Fall "Keira Bell" angeführt.

Keira Bell verklagte eine Klinik, die ihr auf eigenen Wunsch als Teenager pubertäts-blockierende Medikamente und Testosteron verschrieben hatte. Kurzzeitig verbot ein Gericht es daher britischen Ärzt*innen, Pubertätsblocker an unter 16-jährige Jugendliche abzugeben, selbst wenn die Eltern damit einverstanden wären (14).

Dieses Verbot wurde im September 2021 durch die nächsthöhere Instanz wieder aufgehoben. Es sei unangemessen, eine allgemeine Altersgrenze für die Einwilligungsfähigkeit zu definieren (15). Über die Einwilligungsfähigkeit haben die Ärzt*innen zu entscheiden, keine Gerichte, so das Urteil. Der Weg über die Gerichte würde außerdem dazu führen, dass trans* Jugendlichen prinzipiell eine Behandlung verweigert wird. Das dürfe nicht sein. Zudem trugen die Richter*innen der Klinik auf, ihre Wartezeiten für Termine deutlich zu verkürzen, um den Bedürfnissen von trans* Jugendlichen gerecht zu werden.

Outen Jugendliche sich als trans*, um engen Geschlechterrollen zu entkommen?

Nein. Jugendliche outen sich nicht als trans*, weil sie sich davon einen Vorteil versprechen. Sie outen sich, weil die geschlechtliche Zuschreibung von außen nicht stimmt. Es gibt viele Möglichkeiten, wie trans* Personen, jugendlich oder erwachsen, den Prozess beschreiben, der sie zu ihrem Coming-out bewegte. „Weil ich nicht mehr das Gefühl hatte, ich selbst zu sein“, „weil ich aufgehört habe, mich zu spüren“ oder „weil mir diese Zuschreibung die Luft zum Atmen nahm,“ sind mögliche Antworten auf diese Fragen.

Sicher bleibt für viele cis Personen ein Coming-out als trans* schwer nachvollziehbar. Es ist tatsächlich schwer zu vermitteln, was Trans*geschlechtlichkeit bedeutet, wenn es nicht die eigene gelebte Erfahrung ist.

Klar ist jedoch: Bis heute zögern viele trans* Jugendliche über Jahre, bevor sie sich ihrem Umfeld anvertrauen und offen mit Freund*innen, in der Schule oder mit erwachsenen Bezugspersonen über die eigene geschlechtliche Identität sprechen (siehe Frage 10).

Oft versuchen trans* Jugendliche, in der zugeschriebenen Rolle zu leben. Dabei probieren sich einige vor dem Coming-out an den Grenzen von Männlichkeits- oder Weiblichkeits-Vorstellungen aus. Erst wenn sich das Unwohlsein trotz einer neuen Frisur oder Kleidungsstils nicht verringert, wenn einfach der Name, die Anrede und die zugeschriebene Rolle nicht stimmt, trauen sich trans* Jugendliche doch, sich zu outen.

Viele haben große Angst vor den Reaktionen im Umfeld. Und leider gibt es eben diese Berichte von trans* Jugendlichen, die starke Ablehnung im Familien- und Freund*innenkreis oder Mobbing durch Mitschüler*innen erfahren.

Trans* Jugendliche nehmen diese Erfahrungen in Kauf, wenn sie sich outen. Sie outen sich, weil sie sich selbst näherkommen möchten oder die eindringliche Wahrnehmung haben, dass sie im zugeschriebenen Geschlecht nicht mehr leben wollen oder können.

10. Gibt es mehr trans* männliche als trans* weibliche Jugendliche?

Nein. Generell ist es eine erfreuliche Entwicklung, dass sich trans* Kinder und Jugendliche immer früher in ihrem Leben trauen, über ihre geschlechtliche Identität zu sprechen und sich als trans* zu outen.

Dennoch liegen zwischen der persönlichen Erkenntnis (inneres Coming-out) und dem offenen Sprechen über die eigene geschlechtliche Identität (äußeres Coming-out) in vielen Fällen weiterhin mehrere Jahre. In einer Studie unter queeren Jugendlichen stellte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) fest, dass bei trans* Mädchen/Frauen zwischen innerem und äußerem Coming-out im Durchschnitt 6,8 Jahre vergingen. Bei trans* Jungen/ Männern und nicht-binären Jugendlichen dagegen verstrichen „nur“ 4,1 bzw. 3,5 Jahre (16). Da sich trans*weibliche Personen meist später outen, gleicht sich erst im Erwachsenenalter das Verhältnis zwischen trans*männlichen, trans*weiblichen und nicht-binären Personen an.

In der weltweit größten Studie unter erwachsenen trans* Personen (ca. 28.000 Teilnehmer*innen) gaben jeweils ungefähr ein Drittel der Teilnehmer*innen an, sich als trans*männlich, trans*weiblich oder als nicht-binär zu identifizieren (17).

Dass heute an vielen Stellen über den Eindruck diskutiert wird, es gäbe mehr trans*männliche oder nicht-binäre Coming-outs, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass diese inzwischen ernster genommen werden. In vergangenen Jahrzehnten wurde diesen Coming-outs weniger Beachtung geschenkt. Wenn eine Zunahme von trans*männlichen und nicht-binären Coming-Outs beobachtet wird, hat dies also vor allem mit einem steigenden Bewusstsein und der höheren Sichtbarkeit von trans*männlichen und nicht-binären Lebensweisen zu tun.

Zwingt eine übermächtige „Translobby“ der Gesellschaft ihren Willen auf?

Nein. Heutzutage werden feste Rollen-Zuschreibungen und enge Vorstellungen von Geschlecht deutlicher kritisiert. Es werden mehr Vielfalt und Individualität zugelassen.

Cis Frauen, lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* und nicht-binäre Personen verschaffen sich mehr Gehör. Sie alle engagieren sich für Gleichberechtigung, fordern die Anerkennung der Menschenrechte für alle und werden inzwischen mehr wahrgenommen. Das ist ein Fortschritt.

Dass sich Menschen zusammentun, um gemeinsam für Ziele zu streiten, ist nichts Besonderes. Vielmehr gehört es innerhalb einer pluralistischen Demokratie dazu, dass aus der Gesellschaft heraus Anliegen vorgebracht und Forderungen erhoben werden. Interessens-Vertretung ist Teil von Demokratie. So gibt es in Deutschland circa 15.500 Verbände, die sich für die Anliegen ihrer Mitglieder einsetzen.

Ja, es gibt Verbände und Organisationen, die sich für die Verwirklichung der Grundrechte von trans* Personen einsetzen. Sie kritisieren zu Recht die Abwertung, Diskriminierung und Gewalt, die trans* Personen erfahren müssen, und fordern die Anerkennung der in unserem Grundgesetz verbrieften Rechte für diese Gruppe ein. Warum wird es kritisiert, dass sich Mitglieder einer benachteiligten Gruppe zusammenschließen, um sich gegen Diskriminierung einzusetzen?

Grundrechte gelten für alle Menschen. Aufgrund ihrer benachteiligten Position brauchen diskriminierte Gruppen Bündnisse, wenn sie sich Gehör verschaffen wollen. Das Herbeireden einer übermächtigen „Trans-Lobby“ überschätzt ähnlich wie die ebenfalls verbreitete Vorstellung einer „Homo-Lobby“ die finanziellen und politischen Möglichkeiten der wenigen Trans*organisationen.

Gleichzeitig wird damit der gerechtfertigte Einsatz für die Rechte von trans* Personen abgelehnt. Die Verwendung des Begriffs „Lobby“ manipuliert hierbei durch Assoziationen mit Macht-Einfluss, fehlender Transparenz und Verschwörung. Ansprüche auf Gleichbehandlung und Anerkennung sollen damit abgewehrt werden. Doch der Schutz von Grundrechten ist essenziell für Demokratien und begrenzt auch die Macht von Mehrheiten.


Berechtigte Skepsis in der Trans-Community

 

Erst Frau, dann Mann, jetzt wieder Frau

Eli outete sich mit 19 als trans Mann und ließ sich die Brüste entfernen. Zehn Jahre später lebt sie wieder als Frau. Ihre Transition bereut sie nicht – im Gegenteil.

Für viele transidente Menschen ist die Geschlechtsangleichung ein Schritt in Richtung Normalität. Manche stellen aber fest: Das war die falsche Entscheidung. Für beide Gruppen gilt: Oft fehlt es an psychologischer und medizinischer Beratung.
Es ist halt schwierig, damit aufzuwachsen, wenn man die ganze Zeit hört – das hatte ich ja nicht von meiner Familie gehört, sondern von anderen – wenn du dich so und so verhältst, dann bist du doch keine richtige Frau, du bist ein Mannsweib, du hässliche Lesbe oder irgendetwas so in die Richtung.“

Sarah (Name geändert) wächst in einem Dorf in Bayern auf. Sie gilt als eher burschikoses Mädchen. Wie Mädchen und Jungen zu sein haben, davon haben die Menschen um sie herum eine sehr enge Vorstellung, und Sarah passt dort nicht hinein. Als 21-Jährige beginnt sie eine Hormontherapie mit Testosteron und lässt sich ihre weibliche Brust entfernen. Insgesamt fünf Jahre lebt Sarah während Fachabitur und Studium offiziell mit einer männlichen Identität. Mittlerweile sagt Sarah, sie habe keine Geschlechtsidentität. Sie sei biologisch eben eine Frau.

Das ist die Geschichte von Sarahs Detransition – von ihrer Entscheidung, den Prozess der Geschlechtsangleichung rückgängig zu machen. Es ist auch die Geschichte über eine aufgeladene Debatte, deren wissenschaftliche Grundlagen noch zu wenig erforscht sind.
„Mit 19, 20 bin ich auf die Idee von der Transition gekommen. Da habe ich eine Bekannte aus Ungarn getroffen. Sie meinte, dass sie ein Transmann ist. Sie oder er hat mir halt ihre oder seine ganze Geschichte erzählt. Und was ich so in Bayern erlebt habe, klang für mich total gleich. Ich hab mich total damit identifiziert und womöglich dachte ich, dass das bei mir auch so ist. Wobei ich mir da jetzt auch nicht hundertprozentig sicher war.“

Selbsthilfe statt Therapie

Nach dieser Begegnung mit ihrer Bekannten beginnt Sarah sich eine Frage zu stellen: Passt mein biologisches Geschlecht zu meinem Selbstbild? Als sie 2012 nach Berlin zieht, geht sie erste Schritte in Richtung einer transmännlichen Identität.
„In Berlin bin ich dann in so eine Selbsthilfegruppe für Transmänner gegangen und hab gleichzeitig immer nach einem Therapieplatz gesucht.“

Eine schwierige Suche – für Sarah genauso wie für viele Menschen mit ähnlichen Fragen: Es gibt kaum freie Therapieplätze, und wenn, dann mit langen Wartezeiten. Und nur wenige Psychotherapeut*innen kennen sich mit dem Thema Geschlechtsidentität aus.
„Ich hatte immer Therapeuten gefunden, die bereits im Vorgespräch gesagt haben, dass sie diesen Zettel nicht ausstellen wollen. Irgendwann war ich dann so genervt, dass ich gesagt habe: Okay, mach ich halt bei so einer Person Therapie.“

„Dieser Zettel“ – das ist die ärztliche Indikation für weitere Behandlungen. Wer in Deutschland eine Hormontherapie mit Testosteron oder Östrogen in Anspruch nehmen will, muss zuvor eine sogenannte Geschlechtsdysphorie attestiert bekommen. So wird das Unbehagen oder Leiden genannt, das aus einer dauerhaften Diskrepanz zwischen dem eigenen Geschlechtsidentitätserleben und dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht resultiert.

Eine aufgeladene Debatte

Geschlechtstransition und Detransition: Das Thema ist aufgeladen. Transmenschen – und überhaupt all jene, die nicht einem binären Mann-Frau-Schema entsprechen – werden häufig diskriminiert und sind Gewalt ausgesetzt. Geschichten von Detransitionierer*innen laufen daher schnell Gefahr, benutzt zu werden: um Transidentitäten insgesamt infrage zu stellen. Fordern einige Detransitionierer*innen etwa aufgrund ihrer Erfahrungen mehr Zurückhaltung bei geschlechtsangleichenden Behandlungen, sieht die Trans-Community dadurch hart erkämpfte Rechte in Gefahr. Aber um wie viele Menschen geht es überhaupt?

„Transgender-Diagnosen nehmen zu – mit teils bedenklichen Folgen.“ (NZZ, November 2020)
Wir erleben einen regelrechten Hype.“ (Tagespost, August 2019)

„Wir wissen nicht, was wir anrichten.“ (Emma, Dezember 2020)
So aufgeregt die Debatte in den Medien geführt wird, so dünn ist die Datenlage – und das gilt gleichermaßen für Trans-Personen wie für diejenigen, die detransitionieren. Offizielle Zahlen gibt es in Deutschland nicht. Studien und Umfragen zufolge identifizieren sich etwa 0,5 bis 1,3 Prozent der Bevölkerung als transgender.

Wie groß dabei der Anteil derer ist, die diese Selbsteinschätzung später ändern, ist unbekannt. Nach allem, was bekannt ist, ist ihre Zahl eher klein. Für sichere Aussagen bräuchte es aber eine bessere Datenlage, sagt Annette Richter-Unruh, Hormonexpertin in einem Fachzentrum für Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie an der Universitätsklinik Bochum: „Wie ist es mit den Desisters und den Persisters? Also wer ist sehr zufrieden nach zehn, 20 Jahren und wer ist es nicht? Und ich glaube auch, dass die persönliche Zufriedenheit ein ganz, ganz wichtiges Moment ist.“



Dass Zahlen fehlen, ist auch eine Frage der Definition: Wer gilt überhaupt als trans, wer als detrans? Längst nicht alle Menschen, die eine Geschlechtsdysphorie attestiert bekommen, entschließen sich später zu einer Hormontherapie oder einer geschlechtsangleichenden Operation. Und nicht bei allen bleibt die Geschlechtsdysphorie bestehen.

Eine 2021 veröffentlichte Studie der Universität von Toronto legt nahe, dass rund zwölf Prozent der Jungen mit Geschlechtsdysphorie im Erwachsenenalter mit einer weiblichen Identität leben. Aber: Wie aussagekräftig sind diese ab 1975 erhobenen Zahlen heute noch – unter ganz anderen therapeutischen Bedingungen?

Das ist unklar, schreiben die Autor*innen. In einer Statistik auftauchen wird jedenfalls nur, wer eine medizinische oder psychologische Behandlung in Anspruch nimmt oder seinen Namen und Personenstand ändert. Deshalb wünscht sich auch Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für trans und inter (dgti) dringend mehr Informationen.

„Das wäre wirklich mal ganz gut. Wann in welchem Stadium welche Schritte gegangen werden, und da spielt natürlich dann auch der Abbruch der Hormoneinnahme eine Rolle. Dass man das alles einmal richtig statistisch erfasst, dass man da repräsentative Zahlen hat, mit denen man arbeiten kann. Das würde ich mir sehr wünschen, dass man das so ein bisschen forciert.“

Prekäre Gesundheitsversorgung für Transpersonen

Wie viele Menschen beginnen eine medizinische Transition? Wie viele bleiben dabei und wer bricht die Behandlung ab? Welche Gründe es für eine Detransition gibt – und ob Betroffene darunter dann tatsächlich leiden: Diese Fragen lassen sich nur individuell beantworten. Klar wird bei einem genaueren Blick aber: Dass wir bislang oft nur individuelle Geschichten kennen und die Datenlage schlecht ist, wirkt sich auf die Gesundheitsversorgung von Detransitionierer*innen wie Transmenschen aus. Die ist nach wie vor prekär.
Sarah steht also mit 21 vor der Frage: Wenn die Therapeut*innen einen Behandlungsschein von vornherein ausschließen, was dann? Schließlich erfährt sie über Bekannte von einem Arzt, der Testosteron auch ohne medizinische Indikation verschreibt.
„Dann bin ich auch recht schnell zu diesem Arzt gegangen. Es war ein Gynäkologe, und dort habe ich Testosteron verschrieben gekriegt. Ich weiß gar nicht, ob ich dafür überhaupt irgendwas unterschrieben habe, wegen Risiken oder so was. Davor wurde auf jeden Fall ein Bluttest gemacht, und ich habe das Testosteron nicht direkt gekriegt, sondern es wurde erst einmal ein Blutbild gemacht.“
Sarah nimmt die Hormone, spürt, wie sich ihr Körper verändert und die Stimme tiefer wird. Über mögliche Nebenwirkungen wird sie von ihrem Arzt nicht aufgeklärt. Aber auch einen Therapieplatz findet sie nicht, der ihr erlauben würde, von Spezialist*innen behandelt zu werden.

Ganz ähnlich läuft es zwei Jahre später, als Sarah eine Mastektomie vornehmen lassen will. Die Entfernung ihrer weiblichen Brust ist für die damals 23-Jährige der nächste Schritt.

Auf diesem Weg fühlt sie sich von ihrer Selbsthilfegruppe bestärkt.
„Ich habe zwei Jahre lang Testosteron genommen und war eben der Meinung, dass noch eine Mastektomie ganz sinnvoll wäre, weil mir die ganze Zeit erzählt wurde, dass es besser ist, wenn man eine Mastektomie hat, weil man dann ein besseres Passing hat.“

Operation ohne informierte Zustimmung

Passing, das heißt in Sarahs Fall, in der Öffentlichkeit als Mann wahrgenommen zu werden. Für einen Teil der Transmenschen ist das ein wichtiges Kriterium für eine erfolgreiche Transition. Doch wie eine Klinik finden, die ohne psychotherapeutische Diagnose operiert?
„Irgendwann war ich so genervt, dass ich mir gedacht habe, ich bezahle jetzt die Mastektomie einfach. Und dann war ich deutschlandweit auf der Suche: Wo kann ich denn Mastektomie bekommen? Und welche Operateure machen es überhaupt, wenn man selbst bezahlt und nicht diese vorgeschriebenen Fristen von den Krankenkassen und keine Krankenkassenzusage hat?“

Sarah findet schließlich eine Klinik bei Hamburg, in der sie operiert wird, ohne Vorgespräch über die Operationsmethode, ohne Aufklärung über die Risiken einer Operation.
„Per Post habe ich einen Zettel gekriegt, ich hätte ein Vorberatungsgespräch gehabt. Was aber gar nicht gestimmt hat. Ich war davor nie in diesem Krankenhaus.“
Eine fachkundige Gesundheitsversorgung ist nur wenigen Betroffenen zugänglich – das gilt für Detransitionierer*innen wie für Transmenschen. Oft wirkt es in dieser Debatte so, als gäbe es nur zwei Extrempositionen: Transmenschen, die unbedingt alle Behandlungen so schnell es geht durchführen lassen wollen, und Detransitionierer*innen, die alle Eingriffe zutiefst bereuen.

Tatsächlich aber ähneln sich die medizinischen Bedürfnisse aller Betroffenen – an erster Stelle der Wunsch nach psychotherapeutischer Unterstützung bei Fragen wie: Welches Verhältnis habe ich zu meinem biologischen Geschlecht? Wie gehe ich mit psychischen Problemen um, die wegen oder neben meiner Geschlechtsdysphorie bestehen? In welcher Rolle möchte ich künftig leben? Dazu kommt die ärztliche Begleitung vor, während und nach Hormontherapien und Operationen.

Dass Sarah vor der Operation keine umfangreiche Aufklärung erhalten hat, verletzt zudem die Empfehlungen der World Professional Association for Transgender Health (WPATH). Dort heißt es: „Diese Diskussionen sind der Kern des Prozesses der informierten Zustimmung, die sowohl eine ethische als auch rechtliche Voraussetzung jeglicher chirurgischen Intervention darstellt.“

Kaum Aufklärung über Risiken

Wie alle Operationen bergen auch geschlechtsangleichende Eingriffe Risiken. Bei feminisierenden Genitaloperationen wird beispielsweise der Harntrakt verkürzt. Häufige Blasenentzündungen und sogar eine Beeinträchtigung der Blasenfunktion können die Folge sein. Und auch über die Nebenwirkungen einer Hormontherapie muss vor Beginn Klarheit herrschen, sagt Annette Richter-Unruh.

„Man muss auch sagen, dass die Hormone negative Auswirkungen auf den Körper haben. Sie müssen ja dann auch Ultraschalluntersuchung mal machen, von der Leber, die Blutwerte kontrollieren, gucken, unter dem Testosteron, dass das Blut nicht zu dick wird. Wenn man seinem Körper Hormone gibt, die er eigentlich nicht selber produziert, ist es natürlich schon schön, wenn man das auch kontrolliert, dass es keine Folgeerkrankungen gibt.“

„Ich habe eine vaginale Atrophie, Scheidenatrophie entwickelt. Es ist quasi wie eine Frau in den Wechseljahren, wenn das Gewebe immer dünner und zerbrechlicher wird“, erzählt Laura. „Und später, nachdem ich schon kein Testosteron mehr genommen habe, bin ich dann mit einer Blasensenkung diagnostiziert. Mein Beckenboden ist quasi kaputt. Und ich bin mir sicher, und auch meine Frauenärztin hat gesagt, dass die Hauptursache diese Testosteronbehandlung war.“
Laura hat mit 18 Jahren eine maskulinisierende Hormontherapie begonnen. Auch nach ihrer Detransition stellt sie an sich selbst massive Nebenwirkungen fest. Die 37-Jährige, die in den USA aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in Österreich lebt, leidet unter den körperlichen Folgen, fühlt sich von ihren Ärzt*innen schlecht aufgeklärt.

Zweimal lässt sie sich an der Brust operieren, beide Male bleiben Schmerzen und tiefe Narben. Doch erst, als sie einige Zeit später das Testosteron absetzt, stellt sie fest: Ihre größte Sorge sind nicht die Schmerzen.
„Jetzt, im Rückblick, kann ich nur glücklich sein, dass ich nicht früher anfangen durfte. Wenn ich früher angefangen hätte, wäre ich wahrscheinlich ungewollt kinderlos, weil: Wenn ich eine Behandlung früher anfangen hätte, dann hätte ich wahrscheinlich meine Fruchtbarkeit verloren.“

Wenig Wissen über Nebenwirkungen

Tatsächlich kann eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung die Fruchtbarkeit, nicht nur bei biologischen Frauen, beeinträchtigen. Das Ausmaß allerdings, schreibt die World Professional Association for Transgender Health, sei bislang unbekannt. Aus Sicht von Annette Richter-Unruh besteht keine grundsätzliche Gefahr.
„Die Eierstöcke werden nicht arbeiten, weil die nicht stimuliert werden, weil sie keine Botenstoffe für die Eierstöcke haben. Wenn sie das alles absetzen, würde ich mal davon ausgehen, wenn sie jetzt nicht gerade über 40 sind, dass die Eierstockfunktion normal wieder in Gang kommt. Also eine Testosteronbehandlung, jetzt sage ich mal über fünf oder acht Jahre, wird die Eierstöcke nicht zerstören.“
Dennoch rät die WPATH dringend dazu, vor Beginn einer Behandlung den eigenen Kinderwunsch zu klären und für den Fall der Fälle Samen- oder Eizellen einfrieren zu lassen.

Im Zweifel allein

Bei Sarah zeigt sich, welche Auswirkungen es haben kann, wenn Aufklärung und Begleitung fehlen. Silvester 2016 wacht sie nach ihrer Brust-OP auf – mit heftigen Schmerzen und großen Zweifeln an ihrer Entscheidung.
„Ich hab halt direkt nach der Operation gemerkt, das war das komplett Falsche für mich. Das war halt so ein Nervenschmerz. Ich glaube, dass da so ein bisschen größerer Nerv durchtrennt wurde.“

Mit diesen Schmerzen hatte Sarah nicht gerechnet. Von anderen Transmännern weiß sie, dass sich bei vielen direkt nach der Mastektomie ein Gefühl großer Erleichterung einstellt, das etwa ein halbes Jahr anhält.
„Und dass es dann eben erst abflaut, dass man sich dann Sorgen macht und so weiter. Bei mir war das tatsächlich direkt nach der Operation, weil ich einfach starke Schmerzen hatte. Und dann hab ich halt irgendwie in der Nacht auch noch so herumgezappelt, dass ich noch eine Nachblutung hatte. Die musste dann auch noch einmal operativ behandelt werden.“

Die Schmerzen hat Sarah auch heute noch, fünf Jahre nach der Operation. Die Klinik, in der sie operiert wurde, fühlt sich für die Nachsorge nicht zuständig und verweist Sarah an ihren Hausarzt. Enttäuscht ist sie aber auch von der Reaktion ihres Umfelds.
Ich bin eben dann zu diesem Transmänner-Stammtisch hingegangen, habe dann die ganze Zeit von den Schmerzen erzählt. Und dann sind plötzlich Leute hervorgekommen und meinten, sie haben auch Dauerschmerzen, die davor nie davon erzählt haben. Und das fand ich irgendwie brenzlig. Mich hat es einfach gewundert, dass die davor nicht davon gesprochen haben. Da hatte ich dann einfach irgendwie die Sympathie für die Leute verloren, so ungefähr.


Das Präfix „de-“ bei „Detransition“ steht für das Rückgängigmachen der Transition. // The prefix "de-" in "detransition" stands for undoing the transition.

 Von den Gegener*innen eines #Selbstbestimmungsgesetzes wird häufig angebracht, dass es sehr viele transgeschlechtliche Menschen gäbe, die eine Transition rückgängig machen. Zunächst: Ja, es gibt diese sog. "Detransitionen". Von den Gegner*innen des SBG wird oft auch der Begriff "Regretter" verwendet, was suggeriert, die Menschen bereuen ihre Transition.

Das Präfix „de-“ bei „Detransition“ steht für das Rückgängigmachen der Transition. Seltener wird auch der synonyme Begriff der „Retransition“ verwendet. Im Englischen werden Personen, die eine Detransition unterlaufen, als Detransitioners bezeichnet; ein deutscher Begriff hat sich noch nicht herausgeprägt.

Eine juristische "#Detransition" (eigentlich ist es ein Verwaltungsakt, nämlich die Rückabwicklung der Vornamens- und Personenstandsänderung) funktioniert in Deutschland genau so, wie die Vornamens- und Personenstandsänderung - es gilt das Transsexuellengesetz. Sprich: Antrag bei Amtsgericht, Anhörung, Begutachtung, Beschluss des AG und der Vorname und Personenstand wird wieder geändert.
Eine medizinische "Detransition" ist äußerst selten und entgegen der Behauptungen div. SBG-Gegner*innen meist nicht aufgrund der Unzufriedenheit mit dem medizinischen Ergebnis, sondern überwiegend aufgrund sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung. Eine Studie (Turban et al. 2021) zeigt, dass eine Entscheidung zur Detransition bei 82,5% auf EXTERNE Faktoren zurückzuführen ist: Druck von Seiten der Partner*innen/Familie/Freundeskreis, Mobbing, ein ablehnendes schulisches oder berufliches Umfeld und erhöhte Gewaltandrohung und Gewalterfahrung, einschließlich sexueller Übergriffe.
Die Studie wurde vom Fenway Institute und des Massachusetts General Hospital (Harvard Medical School) durchgeführt (n=27715) und gilt mit der großen Zahl an erhobenen Daten als eine der ersten gründliche Studien über die Faktoren, die transgeschlechtliche Menschen Menschen zu einer Detransition bewegen.
Die Zufriedenheit mit genitalangleichenden Operationen ist nach einer Studie (Hess et al. 2014), veröffentlicht im Ärzteblatt sehr hoch (98,2 %). Es gibt kaum eine andere Operation, welche eine so hohe Zufriedenheitsrate liefert, wie die genitalangleichenden OPs. Im Vergleich dazu, sind mehr als 30% mit einer Knie-OP und 35% mit ihrer Hüft-OP unzufrieden. Verbieten wir deshalb diese Operationen?
Was diese (und andere Studien zu Detransition) nicht berücksichtigen (können) ist, dass...
1. nicht festgestellt werden kann, wie viele sich später doch für eine Transition entscheiden (also beispielsweise nur einen zeitlichen Aufschub oder eine Verschiebung vornehmen)
2. transgeschlechtlichen Menschen in den meisten Ländern nur ein binäres Geschlechtersystem zur Verfügung steht und juristische Transitionen nur von "Mann zu Frau" oder "Frau zu Mann" möglich sind und medizinische Maßnahmen bisher auf einen vollständigen "Geschlechtswechsel" ausgerichtet sind. Eine Transition (mit medizinischer Unterstützung) außerhalb des binären Geschlechtermodells ist i.d.R nicht möglich.
Nach meiner Einschätzung wäre die Zahl der sog. Detransitionen noch deutlich geringer, wenn transgeschlechtlichen Menschen auch Möglichkeiten zur Transition außerhalb des starren binären Geschlechtermodells zur Verfügung stehen würden.
Wer wirklich faktenbasierte Informationen zum Thema möchte, dem sei folgender Link empfohlen:

Das Menschliche

Und Sie wissen nicht, mit was Sie es zutun haben! Doch diese bekommen euch, ein Fakt!

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