Dienstag, 4. September 2012

Der dritte Weg



Copyright © 2011-2021 Nikita Noemi Rothenbächer- Alle Rechte vorbehalten!

Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2012

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Der dritte Weg



Mehr als 40 Jahre lebt Silke im Körper eines Mannes. Dann wird ihr klar: Sie ist schon immer eine Frau. Was folgt, ist ein zähes Ringen um die eigene Identität, das noch lange nicht abgeschlossen ist.

Klar hat sie ein Foto. Silke zückt ihr Handy und tippt darauf herum, bis sie das Bild von Sven findet. Es ist ein Bewerbungsfoto. Sven im blauen Jackett, mit weißem Hemd und Krawatte. Ein Mann Mitte vierzig, graues Haar, grauer Bart. Der Blick ernst, man könnte auch sagen: elend. Der ganze Ausdruck wirkt gequält. »Na freilich«, sagt Silke. »Das war ja auch ne arme Sau.« Sie muss es wissen. Denn Sven, das war sie.
Was immer einem beim Begriff »transsexuell« für Bilder durch den Kopf schießen mögen, Silke entspricht ihnen herzlich wenig. Sie ist eine kleine Frau, schlicht gekleidet in Jeans und violetter Bluse. Das braune Haar trägt sie im Nacken gebunden. Stimme und Gesichtszüge lassen noch Reste von Sven erahnen. Aber das wird schon. Die Hormontherapie, begonnnen vor sechs Monaten, schlägt erst langsam an.

Etwa 6000 transsexuelle Menschen gibt es in Deutschland. Vielleicht sind es auch 50 000, so genau weiß das niemand. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Wie die Diskrepanz zwischen dem äußeren, biologischen und dem empfundenen Geschlecht entsteht, weiß bislang niemand. »Geschlechtsidentitätsstörung« lautet der Fachbegriff. Einige vermuten die Ursachen im Gehirn, andere machen die Hormone verantwortlich. Den Betroffenen selbst bringt die Suche nach den Gründen nur wenig. Sie sprechen auch lieber von »Transidentität«. Weil das Ganze nichts mit Sex zu tun hat, sondern mit dem Selbstbild.

Silke führt den Besuch ins Wohnzimmer. Sie lebt jetzt wieder in ihrem Elternhaus, zusammen mit der Mutter. Es ist ein brauner Klinkerbau aus den siebziger Jahren, helle Möbel, Wintergarten. Hier hat sie, damals noch Sven, ihre Kindheit verbracht. Keine idyllische Kindheit, der Stiefvater ist ein Despot, seine Meinung ist Gesetz. Ein Mensch ist für ihn ein Mann, besser: ein studierter Mann. Der Sohn, obwohl geschickt und der geborene Handwerker, soll Akademiker werden. Folgsam macht Sven sein Diplom als Betriebswirt, arbeitet mehr als zwanzig Jahre in einem ungeliebten Beruf.
Alles fühlt sich falsch an

Und Silke? Eigentlich war sie immer schon da. Ein Mädchen, das gerne mit anderen Mädchen spielt. Aber alle anderen sehen nur Sven. »Da war immer dieses Unbehagen«, sagt Silke heute.

Sie ist eine gute Schauspielerin. Sven trägt einen Schnurrbart, schafft sich einen Panzer aus Bauch. Als junger Mann zieht er mit Kumpels um die Häuser. Aber die Rituale der Partnersuche – das Schauen, das Flirten, das Abschleppen – bleiben ihm fremd. Ein bisschen Knutschen, mehr Nähe lässt er nicht zu. Lange Jahre bleibt er allein. 1991 trifft er schließlich eine alte Schulfreundin wieder, Eva, man war sich immer sympathisch. Wenn nicht die, wer dann? Die beiden heiraten, ziehen zusammen, bekommen zwei Kinder. Fotos der Kinder hängen heute über dem Wohnzimmertisch, daneben ein Hochzeitsbild. Sven, bullig, verlegen, steht auf einer Sommerwiese. Vor ihm im Gras, ganz in Weiß, Eva. Silke hat das Bild nicht abgenommen. Wie ist das, im falschen Körper zu stecken? »Seien Sie froh und danken Sie Ihrem Schöpfer oder wem auch immer, dass Sie es nicht nachempfinden können«, sagt Silke und blickt kurz auf. »Es ist kein Spaß«. Wie soll man so ein Leben beschreiben? Die vorherrschende Empfindung: Alles fühlt sich falsch an. Nur genau lokalisieren lässt sich das nicht.

Frauenkleider sind kein Fetisch


War sie denn glücklich in ihrer Ehe? Silke überlegt. Ja, es war so etwas Ähnliches wie Glück. Zumindest am Anfang. Aber es kommt viel zusammen. Das Leiden an der Arbeit, das Leiden am Selbst. Sven wird erst depressiv, dann cholerisch. Brüllt oft herum. Auf der Arbeit bricht er eines Tages zusammen, muss mehrere Monate pausieren. 2003 kehrt dann das alte »Unbehagen« zurück. Anzug und Krawatte werden Sven widerlich. Werden eigentlich Silke widerlich, denn sie ist wieder da, aufgetaucht aus der Versenkung. Es ist wie im Film: Sven kauft sich tagsüber Frauenkleider, die Silke nachts heimlich trägt. Mit Fetisch hat das nichts zu tun, sondern mit dem Gefühl: Das bin ich.

2009 geht schließlich gar nichts mehr. Silke zieht sich immer mehr zurück, sie hat kaum noch Kraft und sucht endlich einen Psychologen auf. Im Internet hat sie viel über Transsexualität gelesen, trotzdem hofft sie noch, das Ganze könnte ein Irrtum sein und »in ein paar Jahren nur noch eine merkwürdige Erinnerung«. Doch nach einem halben Jahr Therapie steht fest: Es stimmt wohl doch – sie ist transidentisch.

Im Prinzip, sagt sie heute, gab es von da an nur drei Möglichkeiten: Verdrängung, Suizid oder »Offenbarung«. Da die Verdrängung nicht mehr funktionierte und Selbstmord »richtig blöd« gewesen wäre, blieb ihr nur der dritte Weg. Aber es ist eher eine Odyssee. Eine, die gerade erst beginnt. Hormontherapie, alle vier Wochen eine Spritze Testosteronhemmer in den Bauch. Dann die Änderung des Vornamens. Zwei psychiatrische Gutachter müssen darüber entscheiden, ob Sven wirklich Silke ist. Der Antrag läuft. Ganz am Ende steht irgendwann das, woran Außenstehende meist als Erstes denken: Die »geschlechtsangleichende Operation«. Silke hat keine Angst davor, im Gegenteil. Sie kann es kaum erwarten.
Bereits die Diagnose lässt 2009 eine Last von ihr abfallen. Im wahrsten Sinne des Wortes, sie verliert mehr als 15 Kilo. Sie weiht Freunde und Familie ein. Die Kinder nehmen die Erklärung »super auf«. Auch Silkes Schwester und Mutter akzeptieren nach dem ersten Schrecken ihre neue Identität. Die Brüder haben da schon eher ein Problem. »Toll finden sie es nicht«, sagt Silke trocken. Und Eva, die Ehefrau? Silke schaut auf ihre Hände. »Sie ist dem traditionellen Rollenbild sehr verhaftet.« Als die Wahrheit endlich heraus ist, wird schnell klar: Eva ist nicht bereit, Sven gegen Silke zu tauschen. Inzwischen läuft die Scheidung und beide versuchen, den Weg der anderen zu akzeptieren.

Probleme mit der Außenwelt


Ist sie denn glücklich, als Silke, hier im Einfamilienhaus, mit den Kindern am Wochenende? »Mit dem Glück ist es so eine Sache«, sagt Silke. Wenn du weißt, dass du mit der Lüge niemals glücklich werden kannst, ist die Offenbarung letztlich die einzige Möglichkeit. »Sie ist keine Garantie für Glückseligkeit. Aber die gibt es nirgendwo.«

Probleme mit der Außenwelt, ja, die gibt es schon. Letztes Jahr erst hat es eine Bekannte aus der Selbsthilfe erwischt. Sie wurde »verdroschen«, von einer Gruppe junger Männer. Silke selbst hat wenig Angst. Eher ärgert sie sich, über verständnislose Krankenkassenmitarbeiter zum Beispiel. Mühsam muss Silke ihnen immer wieder erläutern, warum bestimmte Behandlungen notwendig sind. Eine dauerhafte Entfernung der Gesichtshaare zum Beispiel. Dann heißt es: Rasieren Sie sich doch. Kompetente Ansprechpartner bei Ämtern und Kassen, das würde schon helfen.

Momentan freut Silke sich über kleine Dinge: Ihr Haar, das durch die Östrogene wieder üppig wächst und schon bis zu den Schultern reicht. Den Ansatz von Dekolleté. Neulich wollte die Kassiererin ihre EC-Karte nicht annehmen. »Die gehört wohl ihrem Mann.« Silke grinst. »Das geht runter wie Öl.« Aber sie ist realistisch. In der Stadt sieht sie junge Frauen in schönen Kleidern und weiß: »So werde ich nie aussehen.« Zu breit die Schultern, zu grob die Hände. Sie weiß auch: »Die Zeit gibt mir niemand zurück.« Vierzig Jahre lang war sie im Grunde nicht sie selbst. Nun kann sie es ausprobieren. Silke hat gekündigt, macht jetzt das, was ihr Freude macht. Mit einem Bekannten betreibt sie eine Werkstatt, baut Möbel, Uhren und Kunsthandwerk. Sie hat Talent, es hat sich bereits herumgesprochen. Die Schultern werden von der harten Arbeit nicht schmaler, aber das ist egal, die Freude an der Arbeit zählt.

Überhaupt: Der Mensch ist nicht nur Geschlecht. Der Wechsel ihrer Identität hat Silke viel Kraft gekostet, daneben soll der Alltag nicht verloren gehen. Ihre Freunde sind ihr wichtig, die gemeinsamen Hobbys und Feste. Und die Liebe? Silke lächelt verhalten. Irgendwann eine neue Beziehung, schön wäre das schon. Wie die denn aussehen könnte, das weiß sie noch nicht. Erst mal muss sie ganz Silke werden. Bis dahin ist ja auch noch Mutter Gitti da. Die beiden Frauen wohnen zusammen. Nein, es ist keine Flucht zurück in Mamas Nest, eher eine WG. »Zu zweit ist es einfach lustiger«, sagt Silke, und Gitti nickt bestätigend.

Gleich geht es los zur Geburtstagsfeier von Silkes Ältestem. Ab und zu rutscht Gitti noch ein »er« heraus, wenn es um die Tochter geht. Silke nimmt es ihr nicht übel. Momentan ist sie sowieso mit der Suche nach ihrer Tasche beschäftigt. »Kommst du?«, ruft Gitti und schüttelt den Kopf. »Dass Mädels immer so lange brauchen.

Hormontherapie


Die Hormontherapie im Rahmen einer Geschlechtsangleichung funktioniert zweifach: Die Betroffenen nehmen sowohl Sexualhormone des erwünschten Geschlechts ein als auch Mittel, die die körpereigene Produktion der Sexualhormone unterdrücken. Bei einer Mann-zu-Frau-Behandlung sind das Estrogene, Gestagene und Antiandrogene. Nach der geschlechtsangleichenden Operation produziert der Körper keine Androgene mehr. Diese werden dann häufig in niedrigen Dosen wieder zugeführt, um Antriebslosigkeit und psychischen Beschwerden entgegenzuwirken. Bei einer Frau-zu-Mann-Behandlung erhalten Betroffene einerseits das männliche Sexualhormon Testosteron, andererseits Antiestrogene.

Transphobie in deutschen Printmedien und Frau Christine Lüders schaut zu, Fakt!



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Meine sehr geehrten Damen und Herren liebe Leser des Blog: http://trans-weib.blogspot.de/


Wie so oft in den letzten Tagen führen mich meine Recherchen immer und immer wider zu den Widersprüchen im Internet, vieles wird geschrieben auch Versprochen doch sehr wenig wird dann Umgesetzt.

Liebe Frau „Christine Lüders, Leiterin der ADS“

Wenn ich Ihre Vorstellung in deutschen Printmedien lese wie auch im Internet kommt mir auf Deutsch gesagt das „Kotzen“, dieses kommt schlicht einfach daher, das Sie Frau „Christine Lüders“ wie viele andere Politiker vieles Versprechen, was jedoch nichts weiter als Luftblasen sind, da Sie sich Ihrer Verantwortung als „Leiterin der ADS“ voll und ganz entziehen!

Als Aktivistin für meine Minderheit „Transgender“ frage ich mich was ist aus Ihren Versprechungen geworden, was haben Sie bislang gemacht noch Unternommen das diese Eklatante „Transphobie in den Medien aufhört“, nein Frau „Christine Lüders“ es ist kein subjektives Empfinden einer Aktivistin, sondern es sind Fakten welche Sie als „Leiterin der ADS“ still Schweigend hinnehmen müssen!
Haben Sie als „Leiterin der ADS“ denn Angst den Mund auf zu machen, Angst vor den  deutschen Printmedien?
Wo möglich werden dann die Bericht Erstattung über Ihre Person angezweifelt, nun Frau „Christine Lüders“ alles was Sie so schön Ausdrücken ist nichts als Schall und Rauch!

Mit freundlichen Grüßen
Nikita Noemi Rothenbächer

Herzlich willkommen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes!

Alle Menschen genießen in Deutschland Schutz vor Diskriminierung, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, Religion oder Weltanschauung, sexuellen Identität, ihres Geschlechts, ihres Alters oder einer Behinderung. Grundlage dafür ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), mit dem 2006 ein wichtiges Signal für eine gerechtere Gesellschaft gesetzt wurde. Als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) setze ich alles daran, dieses Recht auf Gleichbehandlung bekannt zu machen.

Christine Lüders, Leiterin der ADS

Doch das reicht noch nicht aus, um eine diskriminierungsfreie Kultur zu schaffen. Deshalb machen wir konkrete Vorschläge, wie der Schutz des AGG ausgeweitet werden kann. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes habe ich Forderungen an den Gesetzgeber gerichtet, wie etwa, ein Klagerecht für die ADS und für Antidiskriminierungsverbände einzuführen.

Bislang müssen Menschen ihr Recht ganz allein vor Gericht erstreiten.

Darüber hinaus möchte ich, dass alle Menschen faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten und wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie Diskriminierung erleben. In diesem Bemühen um ein faires Miteinander sind wir nicht allein. Gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern aus Ländern, Kommunen und Nichtregierungsorganisationen arbeiten wir daran, dass Deutschland ein Land wird, das von einer diskriminierungsfreien Kultur geprägt ist. Um das zu erreichen, vernetzen wir uns und bündeln unsere Kräfte. Besonders freue ich mich darüber, dass uns dabei immer mehr Unternehmen unterstützen, die Vielfalt als Bereicherung zu schätzen wissen.

Unser Internetauftritt soll Ihnen einen Einblick in die verschiedenen Aufgaben der Stelle geben. Hier finden Sie Informationen zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und zu unseren Projekten sowie Rechtsprechungen, zahlreiche Studien und Handreichungen. Außerdem haben wir für Sie eine umfassende Informationsdatenbank zum Thema Diskriminierung und eine Umkreissuche für Anlaufstellen in Ihrer Nähe zusammengestellt.

Vielleicht kann die eine oder andere für Sie wichtige Frage bereits hier beantwortet werden.
Und bitte nutzen Sie unser Beratungsangebot für Ihren persönlichen Fall. Rufen Sie uns an oder schicken Sie uns eine E-Mail. Wir sind für Sie da!

Herzliche Grüße
Ihre
Christine Lüders

Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes


Transphobie in deutschen Printmedien

Viele Zeitungen berichteten diese Tage über den Sohn der Sängerin Cher. Er hat sich nun als Transmann geoutet und betont, dass er schon immer wusste, dem männlichen Geschlecht zu zugehören. Keine deutsche Zeitung (selbst die deutsche Ärztezeitung nicht) hat es allerdings geschafft, hier aber die Geschlechtsientität des Sohns von Cher zu respektieren - alle haben es hier vorgezogen, lieber von "Geschlechtsumwandlung" zu schreiben, oder dass die Tochter (!) von Cher nun "ein Mann werden" würde.

Zwar wies der deutsche Presserat bereits am 6. März diesen Jahres darauf hin, das "die Presse, in Fällen von Transsexualität bei Vokabular und Beschreibung der Personen sorgfältig und respektvoll vorzugehen" habe. "Der persönliche, oft mit schwierigen Umständen einhergehende Hintergrund transsexueller Menschen sollte ernst genommen werden und nicht zu Wortspielen und dem Benutzen falscher Begriffe führen." Doch zeigten diese Aussagen des deutschen Presserates wenig Erfolg - vielleicht, weil sie nicht eindeutig genug waren?

Der Verein Aktion Transsexualität und Menschenrecht hat nun in einem Schreiben an den Presserat Deutschlands darauf hingewiesen, dass der mangelnde Respekt vor der Geschlechtsidentität transsexueller Menschen nicht nur ein Verstoß z.B. gegen die internationalen Yogyakarta-Prinzipien ist, sondern auch gegen den Deutschen Pressekodex verstößt. Zudem wurde der Presserat dazu aufgefordert, die in Deutschland vorherrschende Transphobie endlich einmal aktiver und stärker zu bekämpfen, als das bisher der Fall war. Wer die Geschlechtsidentität transsexueller Menschen respektiert, weiß, welche geschlechtlichen Zuordnungen (zum Beispiel durch die Verwendung von passenden Personalpronomen) angebracht ist. Aktiv gegen mediale Transphobie vorzugehen, sollte auch zu den Aufgaben des Deutschen Presserates gehören.



Zusatzinfo:
Transsexualität und der deutsche Pressekodex

So schreibt der Deutsche Presserat auf seiner Internetseite unter "Regeln für einen fairen Journalismus": "Nicht alles, was von Rechts wegen zulässig wäre, ist auch ethisch vertretbar. Deshalb hat der Presserat die Publizistischen Grundsätze, den sogenannten Pressekodex, aufgestellt. Darin finden sich Regeln für die tägliche Arbeit der Journalisten, die die Wahrung der journalistischen Berufsethik sicherstellen, so z.B.: Achtung vor der Wahrheit und Wahrung der Menschenwürde, Gründliche und faire Recherche ..."

Im Pressekodex heißt es hierzu: "Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit ... bewusst sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.

" Wenn Cher ihren Sohn "Sohn" nennt, warum nennt ihn die deutsche Presse dann "Tochter"? Das ist sicherlich nicht "unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen". Das ist bewusste Falschdarstellung und praktizierte Transphobie.

Ziffer 1 des Pressekodex lautet: "Ziffer 1 – Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde:

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien."

Wenn hier tatsächlich die Menschenwürde geachtet werden würde, dann würde auch ein transsexueller Mann als Mann geachtet werden - und nicht als psychisch gestörte Frau, die ein Mann sein möchte dargestellt werden. Denn aus welchem anderen Grund sollte man zu einem transsexuellen Mann "Frau" sagen, außer aus dem Grunde, dass man seine Selbstbeschreibung für falsch hält und dem Menschen unterstellt selbst nicht zu wissen, was und wer er ist?

Hierzu heißt es in Ziffer 2: "Ziffer 2 – Sorgfalt:

Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen ... sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf ... weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen."
Wenn Cher ihren Sohn "Sohn" nennt, dann darf die deutsche Presse ihn als "Frau" bezeichnen - und das soll dann "weder entstellt noch verfälscht" sein und der "gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt" hin gehorchen? Dies soll die Aussage von Cher und ihrem Sohn " weder entstellt noch verfälscht" wiedergeben?

"Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen." heißt es in Ziffer 8 des Pressekodex - und das tut sie, indem sie einen Mann als "Frau" bezeichnet?

In Ziffer 9 des Pressekodex lesen wir: "Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.

"Niemand darf wegen seines Geschlechts ... diskriminiert werden." (Ziffer 12) Aber das Geschlecht darf man einem transsexuellen Menschen absprechen?

Der deutsche Presserat sollte endlich mal seinen eigenen Pressekodex durchlesen und dann für dessen Einhaltung sorgen - oder ihn entsorgen, wenn sich sowieso niemand daran hält oder daran halten muss. Das Grundgesetz, im Verein mit der Ethik, stehen schon lange im Widerspruch zum deutschen Journalismus. Will man daran ernsthaft etwas ändern?

Montag, 3. September 2012

Ein Leben zwischen Mann und Frau



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Ein Leben zwischen Mann und Frau

Kaum eine Unterscheidung wird als so selbstverständlich und deutlich akzeptiert, als jene zwischen Mann und Frau. Dabei ist diese scheinbar klare Linienziehung für viele Menschen reine Ansichtssache. Nicht Körper, sondern Geist entscheidet über die Geschlechtsidentität von Transgendermenschen.

 „Man stelle sich vor, man lebe in einer Gesellschaft, die darüber bestimmt, welches soziale Geschlecht man ist. Wie würde sich unser jetziges Leben ändern, wenn wir auf einmal die einzigen wären, die unsere echte Geschlechtsidentität kennen?“ So wird in einem Internetforum angeregt, sich den Alltag von Menschen vorzustellen, die offiziell als „krank“ gelten, weil sie sich nicht, oder nicht nur, mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren.

Kein Entweder-Oder

Die binäre Unterscheidung zwischen Mann und Frau, auf der dieses Spannungsverhältnis zu Transgendermenschen beruht, wird längst nicht in allen Kulturen als selbstverständlich gesehen. Noch immer gibt es Kulturkreise in Mexiko, Nordamerika, oder auch Südostasien, die ebenso selbstverständlich zwischen drei, oder mehreren Geschlechtsidentitäten unterscheiden.
Im westlichen Kulturraum ist Geschlechtsidentität traditionellerweise an Körpermerkmale gebunden, der Geist hingegen spielt keine Rolle. Das ist naheliegend und wird als „normal“ akzeptiert. Doch „Identität“ ist nicht zwangsweise an Gene gekoppelt. Ist der Körper nicht mehr ausschlaggebend, kann die Gegenüberstellung Mann – Frau auch als Skala gesehen werden. Manche Menschen identifizieren sich selbst mit dem „gegenüberliegenden“ Geschlecht, sehen sich als Mann und Frau gleichzeitig, oder sogar als keines von beidem – die Kombinationsmöglichkeiten laufen ins Unüberschaubare. Als Sammelbegriff hat sich der Ausdruck „Transgender“ durchgesetzt, der übrigens weder Homosexualität, noch Geschlechtsumwandlungen voraussetzt.

Transgender ist an sich kein neues Phänomen. Ein allgemeines Bewusstsein über dessen Existenz begann sich vor allem in den 60er- und 70er Jahren herauszubilden. Im Unterhaltungsmainstream ist Transgender inzwischen längst angekommen. Der Oskar-nominierte Kinofilm „Transamerica“ (2006) mit Desperate Housewives Star Felicity Huffman, zum Beispiel, bietet schon eine weit tiefreichendere Behandlungen mit dem Thema, als dies in Hollywood lange Zeit Usus war. Dazu gibt es neben elektronischen Medien auch eine Menge an Erfahrungsliteratur, wie zum Beispiel Helen Boyds „She's not the man i married“ („Sie ist nicht der Mann, den ich geheiratet habe“) über Boyds Leben mit ihrem Ehemann, der plötzlich Frau sein wollte.

Schwieriger Status

Kommen wir aber noch einmal auf die Statusfrage zurück. Transgender gilt aus medizinischer Sicht als „Störung der Geschlechtsidentität“. Ausgrenzung oder sogar Gewalt begegnen Transgendermenschen praktisch täglich. Kleinigkeiten werden im Alltag oft zur Gedulds- oder Bewährungsprobe. Spricht man sie endlich mit dem gewünschten Pronomen an, werden sie als Mann oder Frau bezeichnet? Selbst ein simpler Toilettengang kann zum firmeninternen Skandal, bis hin zu beruflichen Konsequenzen führen, allein dadurch, dass „aufs falsche Töpfchen“ gegangen wird.
Die Hysterie um Transgendermenschen wirkt oft ebenso reflexartig wie überzogen. Ob es sich nun tatsächlich um eine „Störung“ handelt, oder ob diese, von Mitgliedern der Transgender Community teils heftig angefochtene Bezeichnung eine ungerechtfertigte Herabsetzung eines völlig natürlichen Phänomens ist, sei vorerst dahin gestellt. Doch „krank“ oder nicht, ansteckend ist es bekannter Weise nicht. Gerade deswegen erwarten sich Mitglieder der Community, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, wenigstens ein bisschen mehr Gelassenheit von konservativer Seite.

Die Welt der Ladyboys

Ladyboys oder Kathoeys sind das dritte Geschlecht in Thailand – Frauen in Männerkörpern. Sie sind nicht nur im Rotlichtmilieu anzutreffen, sondern Bestandteil der toleranten thailändischen Gesellschaft.
Das dritte Geschlecht hat in Thailand ein lange Tradition, länger jedenfalls, als bei uns im Westen die Diskussion um die Transgender-Thematik währt, und vor allem wird in der buddhistischen Gesellschaft Thailands nicht darüber diskutiert – sondern toleriert.

Allein in Bangkok leben tausende Kathoeys. Es sind Männer, die sich mittels Hormonen und kosmetischen Operationen äußerlich in eine Frau verwandelt haben, wenngleich ihnen das männliche Geschlecht geblieben ist. Diese Maßnahmen werden in der Regel freiwillig gesetzt, will heißen, dass sich thailändische Jugendliche sehr früh einer solchen Behandlung unterziehen.

Wenngleich das „natürliche“ Reservoir eines Kathoeys das Rotlichtmilieu ist, sind viele von ihnen auch in alltäglichen Berufen anzutreffen, als Kellner, Supermarktkassierer, Lehrer, Rezeptionisten oder Bankangestellte. Sie sind in der Gesellschaft auch nicht schlechter gestellt oder gar ausgestoßen, sondern leben mitten in ihr.

In einschlägigen Bezirken von Bangkok wie Patpong oder in Pattaya kann man zum Beispiel Ladyboys beim Kickboxen sehen: Ein ästhetischen Erlebnis, wie sich weibliche Eleganz und Schönheit mit männlicher Kraft verbindet. Es gibt in Thailand sogar eine Volleyballmannschaft, die vollständig aus Kathoeys besteht und einen passablen Platz in der Landesliga besetzt.
Niemand weiß genau, wie viele Kathoeys es insgesamt in Thailand gibt, doch sind sich Experten sicher, dass es jedenfalls „sehr viele“ sind. Schätzungen liegen bei 0,75 Prozent der Bevölkerung, das wären dann mehr als 500.000. Dies sorgt auch für komplizierte Probleme: Bevölkerungsstatistisch gelten die Kathoeys als Männer, und deshalb werden sie auch mit 21 wie jeder andere Thai-Bursche zur Wehrpflicht einberufen. Mit ihren langen Haaren und geschminkten Gesichtern, den Brüsten und den parfümierten Körpern sorgen sie bei der Stellungskommission regelmäßig für Verwirrung. Meist werden sie dann auch untauglich erklärt, wegen „mentaler Probleme“ oder wegen „Verformung des Brustbereiches“.

Der Wechsel des Geschlechts beginnt früh in der Pubertät mit der Einnahme von Hormonen, was das Wachstum von Brüsten und die Formung weiblicher Figur Merkmale begünstigt. Körperhaare und Bartwuchs werden mittels Elektrolyse entfernt, die Brüste anschließend mit Implantaten vergrößert. Die Kosten für die Umwandlung betragen einige tausend Dollar.

Beziehungen von Kathoeys sind meist homosexueller Natur und wenig dauerhaft, es werden aber auch quasi „normale“ Ehen geführt. Beziehungen von thailändischen Kathoeys zu Ausländern sind nicht selten.
Da sich die Kathoeys ausgiebig ihrem äußeren Erscheinungsbild, der Kleidung und dem Make-up widmen, sind viele von ihnen außerordentlich attraktiv und aufreizend. Wenig erfahrene Trawler lassen sich dadurch häufig täuschen und entdecken zu spät, dass sie es mit einem Ladyboy zu tun haben. Dabei gibt es bei näherer Betrachtung Merkmale, die auf eine Kathoey schließen lassen. Diese sind die Größe der Hände und Füße, die Stimme und nicht zuletzt das Vorhandensein eines Adamsapfels. Katheoys sind nicht verlegen, wenn man sie als solche enttarnt, sondern stolz darauf.

Thailand ist die Hochburg der Ladyboys, doch auch in anderen Ländern ist das Phänomen anzutreffen. In Indien heißen sie Hirja (meistens Kastraten), in Mexiko Vestidas.


Mann oder Frau? Diese Kategorien sind überflüssig!



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Mann oder Frau? Diese Kategorien sind überflüssig!

Transsexuelle werden häufig diskriminiert. Doch ist die Frage 'männlich' oder 'weiblich' wirklich so entscheidend? Etwas Abstand von diesem starren Raster würde uns allen das Leben erleichtern.
Als Jenna Talackova im letzten Monat das Finale des Wettbewerbs "Miss Universe Canada" erreicht hatte, wurde sie disqualifiziert, weil sie nicht "natürlich als Frau geboren" war. Die große, schöne Blondine erzählte den Medien, sie habe sich seit dem Alter von vier Jahren als Frau gefühlt, mit vierzehn eine Hormonbehandlung begonnen und sich mit neunzehn einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Angesichts ihrer Disqualifizierung stellt sich die Frage, was es wirklich bedeutet, eine "Miss" zu sein.

Eine noch größere Frage wurde durch den Fall eines achtjährigen Kindes in Los Angeles aufgeworfen, das anatomisch gesehen weiblich ist, sich aber wie ein Junge anzieht und als Junge gesehen werden möchte. Seine Mutter versuchte vergeblich, ihn in einer Privatschule als Junge anzumelden. Ist es wirklich nötig, dass jeder Mensch entsprechend seines biologischen Geschlechts als entweder männlich oder weiblich eingestuft wird?

Diskriminierung als Regelfall

Menschen, die sich über die geschlechtlichen Beschränkungen hinwegsetzen, werden eindeutig diskriminiert. Letztes Jahr veröffentlichten das nationale Zentrum für Transgender-Gleichheit und die Nationale Einsatzgruppe für Schwule und Lesben eine Untersuchung, die ergab, dass die Arbeitslosenquote unter Transgender-Menschen doppelt so hoch ist wie normal. Auch berichteten 90% derjenigen Befragten, die einen Arbeitsplatz hatten, über schlechte Behandlung durch Arbeitskollegen oder Vorgesetzte. Genannt wurden Belästigung, Spott oder üble Nachrede, und auch Probleme bei der Benutzung von Toiletten.

Darüber hinaus können Transgender-Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität Opfer physischer Gewalt und sexueller Übergriffe werden. Angaben von Trans Murder Monitoring zufolge wurden im letzten Jahr aus diesem Grund mindestens elf Menschen ermordet.

Schwierige Situation für Kinder

In einer besonders unangenehmen Lage befinden sich Kinder, die sich nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren, und ihre Eltern stehen vor einer schwierigen Wahl. Bis jetzt gibt es keine Möglichkeit, junge Mädchen zu biologisch normalen Jungen zu machen oder umgekehrt. Selbst wenn es möglich wäre, ihnen das Geschlecht zu geben, mit dem sie sich identifizieren, warnen Spezialisten davor, unwiderrufliche Schritte zu unternehmen.

Viele Kinder zeigen geschlechterübergreifendes Verhalten oder wünschen sich, vom anderen Geschlecht zu sein, aber wenn sie die Möglichkeit zur Geschlechtsanpassung haben, unterzieht sich nur ein kleiner Bruchteil der vollen Prozedur. Eine vernünftige Möglichkeit scheint die Verwendung von Hormonblockern zu sein, die die Pubertät hinauszögern, was sowohl Eltern als auch Kindern mehr Zeit gibt, über diese lebensverändernde Entscheidung nachzudenken.

Jenseits üblicher Kategorien

Aber das Hauptproblem bleibt, dass Menschen, die sich über ihre geschlechtliche Identifikation unsicher sind, ihr Geschlecht wechseln oder sowohl männliche als auch weibliche Organe haben, nicht in das vorgegebene Raster von männlich oder weiblich passen.

Im letzten Jahr nahm die australische Regierung dieses Problem in Angriff, indem sie Reisepässe mit drei Kategorien ausgab: männlich, weiblich und unbestimmt. Das neue System ermöglicht es den Menschen auch, ihre geschlechtliche Identität unabhängig von ihrem Geburtsgeschlecht selbst zu wählen.

Durch diesen Bruch mit den üblichen rigiden Kategorien wird allen Individuen Respekt entgegen gebracht, und sollte sich dies auch in anderen Ländern durchsetzen, würde das vielen Menschen die Last ersparen, Einreisebeamten eventuelle Unterschiede zwischen ihrem Erscheinungsbild und dem im Pass verzeichneten Geschlecht erklären zu müssen.

Eine überflüssige Information

Trotzdem könnte man sich fragen, ob wir andere Menschen wirklich so oft nach ihrem Geschlecht fragen müssen, wie wir es tun. Im Internet kommunizieren wir oft mit anderen, ohne ihr Geschlecht zu kennen. Manchen Menschen ist es sehr wichtig, die Kontrolle über die über sie veröffentlichten Informationen zu behalten, also warum zwingen wir sie so häufig dazu, anzugeben, ob sie männlich oder weiblich sind?

Ist das Bedürfnis nach dieser Information ein Überbleibsel einer Zeit, in der Frauen von vielen Rollen oder Positionen ausgeschlossen waren, und dadurch von den damit verbundenen Privilegien? Die Frage nach dem Geschlecht nur noch zu stellen, wenn es nötig ist, würde vielleicht nicht nur das Leben derjenigen vereinfachen, die sich nicht in strikte Kategorien zwängen lassen, sondern auch die Ungleichbehandlung von Frauen verringern. Verhindert werden könnten auch die gelegentlichen Ungerechtigkeiten gegenüber Männern, wie beispielsweise im Fall von Elternschaftsurlaub.

Geheimhaltung des Geschlechts

Stellen wir uns weiter vor, wie dort, wo homosexuelle Beziehungen legal sind, die Hindernisse für Eheschließungen zwischen Schwulen oder Lesben verschwinden würden, wenn die Eheleute gegenüber dem Staat nicht mehr ihre Geschlechter angeben müssten. Dasselbe würde für Adoptionen gelten. (Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass zwei lesbische Elternteile einem Kind einen besseren Start ins Leben geben könnten als alle anderen Kombinationen.)

Einige Eltern widersetzen sich bereits der üblichen Frage nach "Junge oder Mädchen", indem sie nach der Geburt das Geschlecht ihres Kindes nicht bekanntgeben. Ein schwedisches Paar erklärte, vermeiden zu wollen, dass ihr Kind in "eine bestimmte Geschlechtsrolle" gezwungen wird, und dass es grausam sei, "ein Kind mit einem blauen oder rosa Stempel auf der Stirn zur Welt zu bringen." Ein kanadisches Paar fragte sich, "warum die ganze Welt wissen muss, was sich zwischen den Beinen eines Kindes befindet."

Jane McCreedie, die Autorin von "Making Girls and Boys: Inside the Science of Sex", kritisierte diese Paare dafür, zu weit zu gehen. In der heutigen Welt hat sie damit vielleicht recht, weil man dadurch, dass man das Geschlecht eines Kindes geheim hält, nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenkt. Wäre ein solches Verhalten aber üblicher oder gar die Norm, wäre dann etwas daran falsch?

Peter Singer ist Professor für Bioethik an der Princeton University und Ehrenprofessor der University of Melbourne. Er veröffentlichte unter anderem die Bücher "Die Befreiung der Tiere", "Praktische Ethik", "The Expanding Circle" und "Leben retten". Agata Sagan ist unabhängige Wissenschaftlerin und arbeitet momentan an einem Buch über die Opfer sowjetischer Unterdrückung.

Transsexuellensysteme



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Transsexuellensysteme

„Der einzige Weg …diesem Drillsystem zu entkommen, ist die kollektive Aktion, die politische Organisierung, die Rebellion.“

Menschenrechtsverletzungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Psychiatrie seit ihrer Entstehung als medizinischem Fachgebiet im 17. Jahrhundert.
Angesichts der Praktiken der Anstaltspsychiatrie (bis in die 1970er Jahre hinein), der Militärpsychiatrie (z.B. Folterähnliche 'Behandlung' sog. 'Krieg Neurotiker' im ersten Weltkrieg) und der NS-Psychiatrie, ließen sich – historisch betrachtet – bei Psychiater_innen im wesentlichen vier Muster des kognitiv-emotionalen und praktischen Umgangs mit den psychiatrischen Menschenrechtsverletzungen erkennen williges Vollstrecken: aktive Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, z.B. NS-Psychiater wie Werner Heyde.
Sich Anpassen und Mitmachen: eher 'Mitschwimmen' im System, befangen in der Illusion, Verschärfungen und Auswüchse individuell verhindern zu können, mit der Tendenz sich in einer Nische einzurichten und Alibihandlungen zu setzen, um das eigene Gewissen zu beruhigen.
Sich Unterwerfen: Angstvoll versuchen zu funktionieren, um ja nicht den Eindruck von Widerständigkeit zu erwecken und sich damit eventuell zu gefährden.
Expliziter Widerstand gegen diesen psychiatrischen Ungeist und die Praktiken, Zusammenschluss mit anderen Psychiater_innen und Menschenrechtsaktivist_innen, um gemeinsam gegen die Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen. Beispiele sind der italienische Psychiater Franco Basaglia, der die demokratische Psychiatrie begründete oder Psychiater  wie Ronald Laing, David Cooper und Thomas Szasz (typische Vertreter der Antipsychiatrie).

Die historische Analyse belegt aber auch, dass insbesondere die kritischen Psychiatriebewegungen (siehe o. Punkt 4) in der Vergangenheit bedeutsame Erfolge erzielen konnten. Die grundlegenden Reformen und Veränderungen der 1970er Jahre, die partiell zum „Ende der Anstalt“ (wie es der bekannte Sozialpsychiater Asmus Finzen einmal formuliert hat) führten, sind ein direkter Erfolg und historischer Verdienst dieser psychiatriekritischen Bewegungen.
Zu diesen vier Grundtypen gab es viele Varianten: die Grundtypen sind eher als Eckpfeiler eines Spektrums von Möglichkeiten aufzufassen - mit vielen Zwischenformen und Mischtypen. Sie unterliegen auch der historischen Veränderung, sind Bestandteile der diskursiven Entwicklung.
Im diesem und den folgenden Postings möchte ich ableiten, dass die vier Grundtypen auch heute noch dem Prinzip nach, wenn gleich auch in neuen veränderten Formen durchaus Relevanz und heuristischen Wert besitzen, will man den subjektiven Umgang mit Menschenrechtsverletzungen analysieren. Insbesondere der vierte Grundtyp scheint, so meine These (in Anlehnung an die Kritische Psychologie von Klaus Holzkamp), sowohl für transsexuelle Menschen wie auch für Therapeut_innen die gesündeste Alternative darzustellen, um gegen diesbezügliche Menschenrechtsverletzungen adäquat vorzugehen und angesichts der massiven Transfeindlichkeit die eigene Handlungsfähigkeit zu erweitern.

Transsexuellensysteme
In vielen europäischen Ländern wurden medizinisch-juristische Systeme installiert, um transsexuelle Menschen bei ihrem Wechsel des juristischen Geschlechts zu überwachen, zu kontrollieren und gegebenenfalls zu sanktionieren. Diese Systeme sind Ausdruck menschenrechtsverletzender Diskurse und Praktiken (s. Posting „Medizin ohne Menschlichkeit?“) und stellen transsexuelle Menschen wie auch Berater_innen in ein Feld von zunächst unauflösbaren grundlegenden Widersprüchen. Jede Beratung und Therapie erhält durch diese "Maschinerie" im Hintergrund unausweichlich ihr Gepräge, ihre Machteffekte dringen in die Ritzen jeder Beratungssituation (auch bei Beratungen, die explizit nicht direkter Bestandteil des Transsexuellensystems sind, sich also bewusst über eine kritische Distanz zur herkömmlichen 'Therapie' im Rahmen der Transsexuellensysteme zu definieren). Sie beeinflussen in der Tiefe jeden transsexuellen Diskurs (auch im Alltag) und formieren grundsätzlich jede Alltagspraxis von transsexuellen Menschen. Das Transsexuellensystem hat die Bedeutung einer unhintergehbaren Tatsache für jede Beratungs- und Therapiesequenz (ich werde aus Gründen der Vereinfachung im Folgenden das Wort 'Transsexuellensystem' mit 'TSS' abkürzen).

Daher muss am Anfang jeder Überlegung über die Möglichkeiten einer bedürfnisgerechten Beratung transsexueller Menschen eine kritische Auseinandersetzung mit dem TSS stehen. Dies sei am Beispiel des 'paradigmatischen' deutschen Transsexuellengesetzes (TSG) und der deutschen Standards of 'Care' näher beleuchtet. Ausgangspunkt für meine Überlegungen sind die Diskursanalyse von Foucault (vor allem seines Werks "Überwachen und Strafen") und die Kritisch-Psychologischen Ausführungen von Wiebke Ramm ("Transsexualität als Problem interdisziplinärer Produktion 'authentischer' Geschlechtlichkeit", FU-Berlin, Dipl.-Arb. 2002).

Transsexuelle Menschen stellen noch immer für die Gesellschaft – schon alleine durch ihre Existenz und später ihre 'geoutete' Lebensweise, eine ungeheure Provokation dar. Sie 'verstoßen' nämlich gegen einen 'heiligen' bzw. 'natürlichen' Grundsatz, entsprechend dem in dieser Gesellschaft gedacht und gehandelt wird: nämlich gegen das Prinzip, dass es ausschließlich von Natur aus Männer und/oder Frauen gibt (Diskurs der binären Geschlechtlichkeit). Dieser Mythos ist ganze 300 Jahre alt, hat sich aber in der modernen bürgerlichen Gesellschaft machtvoll durchgesetzt. Der Mythos wird energisch verteidigt, denn er ist ein wichtiger Kitt, um eine widersprüchliche und auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenzuhalten ("Was immer mir in meinem armseligen Leben zustoßen mag - Arbeitslosigkeit, Armut - ich bin in jedem Fall ein richtiger Mann" - "Was immer mir zustößt, das Lächeln meines Kindes wiegt es auf"). Der Mythos wird, da enorm wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft, mit 'Klauen und Zähnen verteidigt': und alle dazu konträren Lebensweisen begegnen einer Feindlichkeit in der Gesellschaft. Insbesondere transsexuelle Menschen sind mit dieser Feindlichkeit konfrontiert, ihr Alltag ist häufig von Gewaltdrohungen, Hass, Diskriminierung, Mobbing usw. durchsetzt.

Die faschistische 'Lösung' - die Alternativen "Kastration oder Eliminierung im Konzentrationsslager" - wurde allerdings durch 'modernere' Varianten des Umgangs mit Transsexualität ersetzt (auf die Kastration mag man jedoch immer noch nicht verzichten). Mit dem 'Wegtherapieren' ist man auch nicht weiter gekommen, transsexuelle Menschen widerstehen solchen Versuchen.

Was man nicht eliminieren kann, sollte man zumindest kontrollieren und 'im Griff haben': Heute dürfen sich transsexuelle Menschen einer genormten Prozedur freiwillig unterwerfen, nämlich einem von den staatlichen Instanzen/Expert_innen abgesegneten und genau reglementierten Prozess des 'Geschlechtswechsels' - mit dem Ergebnis, dass dabei möglichst normale, echte Frauen oder Männer 'herauskommen' sollen (authentische Männer oder Frauen).

Wichtiger Baustein der "Umwandlungsprozeduren" sind die 'Behandlungsstufen', die es zu erklimmen gilt: Diagnosestellung - Hormonindikation - Gutachten zur Vornamensänderung - Operationsindikation - Gutachten zur Personenstandsänderung. Dazu gibt es einen genauen Zeitplan, ab wann die Beförderung/Versetzung auf eine höhere Stufe erfolgen kann. Die Beförderung wird durch ein Zeugnis von Expert_innen ermöglicht, denn als geistig- und verhaltensgestörte Individuen (s. ICD) kann und darf transsexuellen Menschen auf keinen Fall die Verantwortung für ihren eigenen Körper überlassen werden.

Am Anfang des Prozesses steht die Selektion: zunächst steht die strenge und genaue Prüfung der Echtheit und Authenzität der Zugehörigkeit zum 'anderen' Geschlecht an. 'Wirklich' transsexuell sind nur Personen, die den Wunsch äußern, sich operativen Eingriffen unterziehen zu wollen. Dies ist notwendig, um die echten Transsexuellen aus einem Meer von Transvestiten und effeminierten Homosexuellen 'herauszufischen'. Die erste Hürde/Stufe gilt als bestanden, wenn die Diagnose "Transsexualität" feststeht, also die Gestörtheit des transsexuellen Individuums etikettiert worden ist.

Eine weitere Hürde gilt es zu nehmen: den Alltagstest. Die Standards fordern, dass transsexuelle Menschen ein Jahr 24 Stunden täglich "sich in der angestrebten Geschlechtsrolle in allen Bereichen des Alltags erproben". Dies soll ohne Einnahme von Hormonen erfolgen (die gibt's erst danach); weniger begüterte transsexuelle Frauen können sich zudem auch keine kostenintensive Epilation leisten, die Prozedur findet ohne eingeleitete somatische Maßnahmen statt. Angesichts der Transfeindlichkeit können hier die Betroffenen im Alltag reichlich Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen sammeln. Dies wird von den Schöpfern der Standards offenbar bewusst in Kauf genommen, denn es gilt ja noch einmal unverfälscht zu überprüfen, wie echt der Wunsch denn nun ist. Solche Praktiken machen klein und demütig. Und sie verweisen auf den Zynismus ihrer Konstrukteure.

Die normierte Abrichtung nimmt ihren Lauf. Wichtig ist das Prinzip der stetigen Überwachung: Unter dem strengen, überwachenden Blicken von Therapeut_innen und Gutachter_innen, den sog. Transsexuellen-Spezialisten. Dazu sind Bekenntnisse und Geständnisse abzulegen, auf der Basis des unhinterfragten Mythos der binären Geschlechtlichkeit. Vor den 'Experten' hat sich 'der Patient' zu bewähren. Dabei ist stetes Misstrauen wichtig: "Die Heftigkeit des Geschlechtsumwandlungswunsches und die Selbstdiagnose allein können nicht als zuverlässige Indikatoren für das Vorliegen einer Transsexualität gewertet werden". Unter solchen Bedingungen werden 'Therapeut_innen' zu "Bewährungshelfern" (Hirschauer). Kurz gesagt: von gleichberechtigten, vertragsähnlichen, kooperativen Beziehungen kann im TSS nicht die Rede sein, es dominieren Unterwerfungsverhältnisse. Auch der sog. Alltagstest dient der Überwachung. Man gibt sich modern: in die Überwachungsaktivitäten werden auch andere transsexuelle Menschen und Selbsthilfegruppen einbezogen. Kockott, einer der bekannten Standardisierungs-'Experten', meint:
"Zu Beginn des Alltagstests beobachten wir häufig, dass der Transsexuelle die spezifischen Verhaltensweisen des angestrebten Geschlechts überzeichnet. Andere Transsexuelle oder Angehörige des gewünschten Geschlechts können korrigierend helfen" (Zit. nach Ramm ebda. S. 88).

Auch Therapeut_innen und Gutachter_innen werden genau überwacht. Im Transsexuellensystem überwachen und kontrollieren sich die Expert_innen gegenseitig (interdisziplinär). Beispielsweise wird bei uns in der Schweiz dieses System von wechselseitigen Überwachern durch "interdisziplinäre universitäre Kompetenzzentren" exekutiert und als Leistung von "Kompetenzteams" verklärt.

Das TSS dient dazu, die Norm der ausschließenden Zweigeschlechtlichkeit durchzusetzen. Um die Durchsetzung auch wirklich abzusichern, wurde der Normierungsprozess der 'Umwandlung' in möglichst echte Männer oder Frauen mit der Macht eines Gesetzes fixiert (TSG). Danach gibt es uniform eine große und eine kleine Lösung, die für alle transsexuellen Subjekte pauschal zu passen hat. Der Behandlungs-, Begutachtungs- und juristische Entscheidungsapparat hat nur das durch- bzw. umzusetzen. Juristisch relevant für den 'Geschlechtswechsel' ist ausschließlich, ob sich jemand exakt den vorgeschriebenen Prozeduren unterwirft, nur dann erhält er/sie uniform die kleine oder große Lösung.
Die Disziplinierung von transsexuellen Menschen auf die Norm hin hat vor allem über den Status eines Operationskandidaten zu erfolgen. Ein Widersetzen oder Ausbrechen aus dem Behandlungsprogramm wird mit Ausschluss sanktioniert, dadurch verbleibt dann die transsexuelle Person im Rahmen des zugewiesenen Geschlechts. Es besteht in diesem Sinne ein Zwang zur Konformität. Bei dieser Zurichtung und Disziplinierung ist auch die Kastration obligatorisch:
Transsexuelle Männer sind für eine Änderung ihres Personenstandes zu einer operativen Brustverkleinerung und einer Entfernung von Gebärmutter, Eileitern und Eierstöcken verpflichtet
transsexuelle Frauen werden juristisch als 'weiblich' anerkannt, wenn die Keimdrüsen und das Genital entfernt worden sind und die Anlage eines äußeren weiblichen Genitals durch die Bildung einer Neovagina durch Implantation der invertierten Penishaut erfolgt ist. Dabei ist darauf zu achten, dass eine ausreichende Tiefe der Vagina erreicht wird.
Eine besondere Machttechnik hilft die Überwachung und normierende Sanktionierung zu perfektionieren: die TSS-Prozeduren sind von Prüfungen durchsetzt. Angesichts der Tatsache, dass sich viele transsexuelle Menschen nicht als krank erleben, werden Diagnostik und Begutachtung zum Prüfungsritual. Der prüfende Blick nimmt die gesamte Biographie ins Visier:
"Die Begutachtung dient dazu, 'DIE ENTWICKLUNG DER GESCHICHTE DER GESCHLECHTSIDENTITÄT UND IHRER STÖRUNG [...] IM PSYCHOSOZIALEN UMFELD MIT SEINEN JEWEILIGEN EINFLUSSFAKTOREN IN DEN AUFEINANDERFOLGENDEN LEBENSPHASEN NACHZUZEICHNEN.' (Becker). Das gesamte bisherige Leben hat innerhalb des therapeutischen Kontextes zu einer kohärenten, nach spezifischen Ereignissen gegliederten, chronologischen Entwicklung zu werden, die der Biographie eines ,Transsexuellen´ zu entsprechen hat: 'Die Gutachtenbiographie ist eine gewissermaßen zu Entscheidungszwecken 'eingefrorene' Geschichte, die auch auf bestimmte Merkmale hin getrimmt wird' (Hirschauer ...). Entscheidend ist daher auch zur Identifikation eines, Transsexuellen´ nicht, was in seinem Leben tatsächlich passiert ist, sondern 'was passiert sein muss, damit das jetzige Phänomen entstehen konnte (ebd.). Wesentlich sind demnach für die Erstellung von Diagnosen und Gutachten sozusagen 'symptomatische' Ereignisse, so dass die Biographie bereits als 'Fall von' Transsexualität erfragt wird: 'DIE BIOGRAPHISCHE ANAMNESE SOLL MIT SCHWERPUNKT AUF DEM INDIVIDUELLEN GESAMTVERLAUF DER TRANSSEXUELLEN ENTWICKLUNG UND DEN IHN BEEINFLUSSENDEN FAKTOREN IN DEN WESENTLICHEN ASPEKTEN DARGESTELLT WERDEN.' (Becker)'" (Zit. n. Ramm ebda. S.98).
Der sich den Ritualen unterwerfende transsexuelle Mensch ist dazu angehalten, im Sinne einer echten Geschlechtlichkeit normgerecht und regelkonform gelebt und empfunden zu haben.

Das TSS führt also summa summarum zur Entmündigung transsexueller Menschen. Dabei interessiert primär, inwieweit der Anpassungsprozess der 'Selbstnormalisierung' vorangeschritten ist. Die subjektive Befindlichkeit und die Lebenswirklichkeit spielen beim Hinsteuern auf die kleine oder große Lösung eine eher untergeordnete Rolle. Als Ergebnis der Prozeduren erscheint
"Ein geschlechtlich transformierter Mensch .... gewissermaßen als ein Produkt dessen, was andere zum Standard erklärt haben, als ein vom Behandlungsapparat verfertigtes Individuum, dessen Geschlechtlichkeit nach vorgegebenem Maß normiert und normalisiert wurde." (Ramm ebda. S.103)

Insbesondere wird transsexuellen Menschen das Recht abgesprochen, über ihren Körper selbstbestimmt zu verfügen.

Das TSS pathologisiert transsexuelle Menschen. Auch dadurch wie die Subjektivität transsexueller Menschen innerhalb des 'therapeutischen' Geschehens ignoriert. Ein gesunder Mensch wird pathologisiert, damit gesellschaftliche transfeindliche Bedingungen im System nicht vorkommen müssen und verdrängt werden können. Die Therapeut_innen können sich so als Heiler, Helfer und Geburtshelfer zur "Normalität" gerieren.

Unter solchen Machtverhältnissen wird echte "Verständigung" in der Beratungs- und Therapiesituation enorm erschwert. Im Vordergrund können Verdächtigungen stehen, der/die jeweils andere wolle täuschen. Strategisch-instrumentalisierendes Verhalten ist an der Tagesordnung: "Wie komme ich ihm/ihr auf die Schliche?" oder "Was muss ich ihm/ihr erzählen, damit ich grünes Licht zur OP bekomme?". 

Beratung I: Herumdeuten und erste Selbstmanagement-Versuche
Angesichts der massiven Transfeindlichkeit in der Gesellschaft und dem zunächst naturhaft vorgegeben erscheinenden Transsexualitätssystem mit seinen noch undurchschauten Vorschriften, Ritualen kommt ein transsexuelles Subjekt sich reichlich verloren und defensiv vor. Wenn es dann noch auf Berater_innen / Therapeut_innen stößt, welche sich als verlängerten Arm des Systems sprich als Transsexualitäts-Spezialisten verstehen (und das ist wohl die Regel), dann werden in der Regel zunächst kognitive Muster des Deutens (ein)geübt. Holzkamp stellt die Muster des Deutens und Begreifens einander gegenüber (Holzkamp, K.: Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/M 1985 S.383 ff.).
Deutendes Denken ist für ein Subjekt immer dann 'interessant', wenn Passivität, Ohnmacht und Defensive beim Handeln auf der Tagesordnung stehen. Das ist beim Einstieg in die Trans-Beratung meistens der Fall. Wenige transsexuelle Menschen kommen selbstbewusst - strotzend voller TransPride - in die erste Beratungssitzung. Meist sind sie verschüchtert bzw. eingeschüchtert, aber zu Bekenntnissen und Geständnissen 'bereit'. Um die Misere und Unsicherheit erträglich zu halten, wird zunächst 'gedeutet' und weniger 'begriffen'. Dabei haben 'Therapeut_innen zunächst die Definitionsmacht inne, es zählt also vor allem, was sie denken und wie sie über Transsexualität reden. Einige typische Deutungsmuster von Therapeut_innen sind 
Faktizität: geistige Orientierung am Faktischen: "das ist einfach so, das kann man nicht verändern!". Transfeindlichkeit wird als unabänderlich hingenommen.
Naturalismus: gesellschaftliche Interessen, Widersprüche und Machtverhältnisse werden als natürlich-unveränderbar deklariert.
Neigung zur Mystifizierung, also zum 'Hineingeheimnissen': transsexuelle Gesundheit wird zur Identitätsstörung mystifiziert.
Individualisierendes Denken: Tendenz z.B. übergreifende gesellschaftlich bedingte  Diskriminierung zum lediglich individuellen Problem von Einzelnen herunter zu stilisieren, mit dem die Einzelnen angeblich nicht zurechtkommen.
Interaktionsverkürzung: Probleme und Widersprüche, die in gesellschaftlichen vorgeformten Machtverhältnissen begründet sind (z.B. Gutachter-, Therapeuten-Macht) werden verkürzt auf die persönliche Interaktionsebene (" ... es ist wichtig zu helfen und zu unterstützen") ("man muss nur miteinander vernünftig reden ...").
Unmittelbarkeitsverhaftetheit: Fehlen einer (gesellschaftlichen) Metaebene (Background) beim Denken, alles erscheint unmittelbar aus der momentanen Situation im Hier zu entspringen: "Wie fühlen Sie sich im Moment?". Nichts hat mit dahinter stehenden gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. .
Operationalismus: menschliche Handlungen werden auf Operationen verkürzt, Geschlechtsangleichung erscheint dann beispielsweise nur als Problem, das Verfahren entsprechend den Standards 'korrekt' abzuwickeln, der gesellschaftlich-historische Hintergrund solcher Prozesse wird ausgeblendet. Die Lösungen erscheinen immer ganz einfach.
Oberflächenbezug: übergreifende Strukturen oder Hintergründe werden negiert, die Dinge 'sind', wie sie unmittelbar an der Oberfläche wahrgenommen werden. Der 'Patient' wird nach Äußerlichkeiten beurteilt (z.B. Erwartung einer überbetonten 'weiblichen Performance').
Statisches Denken: Vergangenheit und Zukunft sind ausrechenbar, logische Ausläufer der Gegenwart. Entwicklungssprünge, revolutionäre Umbrüche, Krisen und Zusammenbrüche kommen nicht vor und können auch nicht kollektiv herbeigeführt werden. "Die Transition verläuft ohne große Probleme“.
Standpunkt außerhalb: "Als Therapeut bin ich neutral"
Personalisierendes Denken: Gesellschaftliche Hintergründe / Widersprüche werden ignoriert, die Patienten haben lediglich persönliche Probleme.
Fokussierung auf Instrumentalbeziehungen: z.B. Einstellungen wie „es ist wichtig, sich in der Therapie vom Patienten nicht hinters Licht führen zu lassen und entsprechend aufmerksam zu sein“.
Verinnerlichung und Psychisierung: Objektiv bedingte Schwierigkeiten, etwa gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse (z.B. Transfeindschaft) und ihre psychischen Auswirkungen werden umgebogen zu einem der Psyche 'des Patienten' innewohnenden Identitätskonflikts. Oder es liegt an seiner unangemessenen 'Einstellung'
Im Rahmen dieser deutenden Denkweisen von Therapeut_innen und der Defensivität / Ängstlichkeit werden zaghafte defensive Handlungsmuster thematisiert und versuchend realisiert. Dabei spielen als Handlungsmatrix die Vorgaben des Transsexuellensystems und der Standards eine große Rolle: erste tastende Versuche z.B. sich 'en femme' in der angstvoll erlebten transfeindlichen Gesellschaft zu bewegen, 'en-femme'-Realisierungsversuche (z.B. am Passing feilen, Schminken lernen usw.) in häuslichen und anderen Nischen (falls nicht durch Partner_in sanktioniert), Besuch von geschützten Räumen wie Selbsthilfegruppen, kommunikative Forenteilnahme und Internetrecherche, um den Informationshunger zu stillen, Bios von transsexuellen Frauen und Männern lesen, die es bereits 'geschafft' haben ... 

 Je nach individueller Position/Lebenslage, kann sich der Prozess im weiteren in unterschiedliche Richtungen entwickeln: es kann einen Unterschied bedeuten, ob eine gut verdienende transsexuelle Frau mit unternehmerischer Attitüde das Reglement 'souverän' umschifft und einfach die OPs z.B. in Thailand durchführen lässt ("Suporn ist zwar teuer, aber er ist der Beste") oder eine weniger begüterte transsexuelle Frau / Mann auf das TSS und die Krankenkassen (inkl. MDK) angewiesen ist.

Wesentlich für die weitere Entwicklung sind Voraussetzungen wie erlerntes Handeln-Können, erworbenes Wissen, Erfahrungen mit theoretischen Begrifflichkeiten, Gewohnheiten wie kritisches Denken und bereits bestehende gesellschaftsverändernde Handlungsbereitschaften, aber auch praktische Erfahrungen mit Widerstand und kollektiven Widerstandskulturen.
Nicht zuletzt kann es bedeutsam sein, ob der/die Therapeut_in sich als verlängerten Arm des TSS versteht (und damit die Herumdeuterei eher bekräftigt bzw. vorexerziert) oder eine kritisch-emanzipatorische Perspektive einbringt (wenn dies die zu beratende transsexuelle Person wichtig findet).
Die möglichen weiteren Richtungen / Ergebnisse des Beratungsprozesses könnten sein:
Sich schließlich dem TSS zu unterwerfen und dabei Krisen in Kauf zu nehmen oder
die Handlungsfähigkeit relativ zu erweitern durch aktive engagierte Anpassung (z.B. unter Zuhilfenahme geschickter unternehmerischer Attitüden) oder
Zusammenschluss mit anderen transsexuellen Personen, um eine kollektive Bedingungsverfügung zu antizipieren, sprich Entwicklung einer kollektiven (politischen) Widerstandskultur gegen Transfeindlichkeit und TSS, damit Erweiterung der eigenen Handlungsfähigkeit und Förderung der eigenen Gesundheit/Entwicklung trotz (zunächst) widriger Bedingungen.
Dies sind Möglichkeiten, Richtungen, die eingeschlagen werden können.

Geschlechtsumwandlung bei Kindern"Ein ganz normales Mädchen"



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Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2012

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Geschlechtsumwandlung bei Kindern

"Ein ganz normales Mädchen"



Per Gericht hat ein australisches Mädchen seinen Willen durchgesetzt: Die 13-Jährige will unbedingt ein Junge werden - und das darf sie nun auch. Auch in Deutschland lässt derzeit ein Teenager sein Geschlecht ändern: Ein 14-Jähriger wird zum Mädchen.

Hamburg - Alex ist der Stärkste in seiner Klasse. Beim Armdrücken schlägt er die anderen Jungs und beim Cricket gehört er zu den Besten. Ein ganz normaler 13-jähriger Junge also. Nur, dass Alex als Mädchen auf die Welt gekommen ist.

Doch ein Mädchen will Alex nicht sein. Schon mit fünf wollte sie Jungsspiele spielen, Jungssachen tragen und mit den anderen Jungen zusammen sein. Alex mag keine Puppen, sie spielt lieber mit Schwertern und Autos.

Man könnte es eine Phase nennen. Oder glauben, dass Alex eben ein sehr männliches Mädchen ist. Das vielleicht später lieber Motorräder repariert als Schuhe kaufen zu gehen. Doch die 13-Jährige leidet unter ihrem Geschlecht und ihrem Körper. Leidet so sehr, dass sie von Selbstmord spricht, wenn sie kein Junge sein darf. Ein australisches Familiengericht hat Alex deshalb erlaubt, mit einer Geschlechtsumwandlung zu beginnen. Operieren lassen darf sie sich erst mit 18, auch das haben die Richter festgelegt. Doch Ärzte dürfen Alex ab jetzt männliche Sexualhormone geben und ihr Spritzen verabreichen, die die weibliche Pubertät unterdrücken.

Niemand weiß bislang genau, weshalb sich ein Mensch in seinem Körper, in seiner Identität nicht zu Hause fühlt. Alex, so berichten australische Zeitungen, wurde von ihrem Vater von Geburt an wie ein Junge aufgezogen. Er starb, als das Mädchen sechs Jahre alt war. Der Staat übernahm die Vormundschaft, ihre Tante zog sie auf - die Mutter wollte mit ihrer Tochter nichts zu tun haben. Auch die Tante behandelte Alex wie einen Jungen.

Ob Vater und Tante das Mädchen so erzogen haben, weil sie sich einen Jungen wünschten oder weil Alex stets darauf bestand, gemäß ihrer gefühlten Identität behandelt zu werden - das berichten die Zeitungen nicht.

Auch in Deutschland wird ein Kind behandelt

In Deutschland, in der Nähe von Hamburg, gibt es einen Jungen, der von klein auf ganz ähnlich fühlte wie Alex. Bei ihm wurde vor mehr als einem Jahr mit einer Hormonbehandlung begonnen: J. habe schon mit drei oder vier Jahren vehement eingefordert, ein Mädchen zu sein, berichtet sein behandelnder Arzt, Achim Wüsthof. Der Kinderarzt und Hormonspezialist spritzt dem heute 14-Jährigen seit Januar 2003 weibliche Sexualhormone - mit erstem Erfolg: "Inzwischen hat sich ein leichter Brustansatz entwickelt - wie bei einem Mädchen dieses Alters üblich", so Wüsthof. Allerdings seien die Auswirkungen nicht unwiderruflich: "Würde man die Behandlung absetzen, käme es nach wenigen Monaten zu einer normalen männlichen Entwicklung." SPIEGEL TV wird am 30. April in einem Themenabend ausführlich über den Fall berichten - die Sendung wird um 22.15 Uhr auf Vox ausgestrahlt.

Wie bei dem australischen Mädchen wird die Behandlung in zwei Richtungen durchgeführt. Östrogene lösen eine weibliche Pubertät aus, die neben der Brustentwicklung auch eine veränderte Körperfettverteilung bedingen und damit weiblichere, rundere Formen; eine Gabe spezieller Hormone wiederum hemmt die Weiterentwicklung von Penis und Hoden.




Märklin-Eisenbahn: Klassisches Spielzeug für Jungs

Drei Jahre sieht der deutsche Gesetzgeber als Probezeit für eine Geschlechtsumwandlung vor. In dieser Zeit soll sich der Betroffene seiner Identität bewusst werden. Wenn er oder sie festgestellt hat, dass er "seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben", heißt es im Transsexuellengesetz, ist eine Änderung des Vornamens möglich, die Person wird dann vom Gesetzgeber in ihrem neuen Geschlecht anerkannt.
Die medizinische Seite ist eine andere. Auch eine Frage der Kosten: In Deutschland kostet die Umwandlung vom Mann zur Frau zwischen 5000 und 12.000 Euro, der Wandel von der Frau zum Mann ist aufwendiger und damit um einiges teurer.

Aber auch wenn für J. eine Operation erst mit 18 möglich sein wird - schon der Einsatz der Hormone ist ein großer Schritt. Man habe es sich deshalb nicht leicht gemacht, sagt Achim Wüsthof. Schließlich setzt der Gesetzgeber für einen solch wichtigen Schritt die Einsichtsfähigkeit des Patienten voraus. Im Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) in Hamburg, wo der Junge behandelt werden sollte, wurde daher eigens eine Ethik-Kommission gebildet, die den Fall bewertete. Das Gremium, in dem ein Richter, ein Geistlicher und verschiedene Ärzte saßen, kam in J.'s Fall zu einem einstimmigen Urteil: Die Behandlung sollte stattfinden dürfen, die Eltern des Jungen hatten schon zuvor ihr Einverständnis gegeben.

Heftige Debatte in Australien

In Australien hat die Geschlechtsumwandlung einer Minderjährigen eine heftige Debatte ausgelöst. Der australische Ethiker Nicholas Tonti-Fillipini hat die Regierung sogar aufgefordert, das Gerichtsurteil aufzuheben: "So etwas einem 13 Jahre alten Mädchen anzutun, das sich noch entwickelt, ist ziemlich unverantwortlich." Alex werde sich nicht normal entwickeln, ist sich Tonti-Fillipini sicher.

Auch der deutsche Psychologe und Gutachter für Transidentität, H. Joachim Schindelhauer-Deutscher, zweifelt, ob die Behandlung eines Kindes wirklich sinnvoll ist. "Man sollte nicht vorschnell urteilen, nur weil ein Mädchen lieber mit Jungen spielt oder ein Junge gerne Kleider trägt", so der Psychotherapeut. Erst im Laufe der pubertären Entwicklung werde sich zeigen, ob sich die Transsexualität festige. Allerdings komme es auch nur sehr selten vor, dass ein Junge oder ein Mädchen schon im Kindesalter den festen Wunsch habe, sein Geschlecht zu verändern.

So bleiben Alex und J. Sonderfälle, die sich früh fremd in ihrem naturgegebenen Körper gefühlt haben. Wie das australische Mädchen, so lebte auch J. schon vom Beginn seines bewussten Denkens in seinem gewünschten Geschlecht. Die Eltern zogen ihm auf eigenen Wunsch Mädchenkleidung an, ab dem zweiten Schuljahr sprachen auch die meisten Lehrer den Jungen mit seinem weiblichen Wunschnamen an. Viele Klassenkameraden in der weiterführenden Schule wissen nicht einmal, dass J. kein Mädchen ist.

Achim Wüsthof ist sich deshalb ganz sicher, dass bei dem Jungen aus Norddeutschland die richtige Entscheidung getroffen wurde. "Wenn sie den Patienten erleben, haben sie nicht den geringsten Zweifel, dass es sich um ein ganz normales Mädchen handelt."

Sonntag, 2. September 2012

Medizin ohne Menschlichkeit?



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Medizin ohne Menschlichkeit?

 "Wenn die Klügeren immer nachgeben,
geschieht nur das, was die Dummen wollen!"

Der europäische Kommissar für Menschenrechte Thomas Hammarberg hat 2009 in einem Aufsehen erregenden Themenpapier (s. Issue Paper ) wesentliche Menschenrechtsverletzungen transsexuelle Menschen betreffend konkretisiert und auch die Rolle 'der Medizin' dabei kritisch beleuchtet:
Medizinerinnen sind aktiv beteiligt an umständlichen Verfahren zu Geschlechtsanerkennung, psychiatrische, psychologische und physische Untersuchungen ziehen "die Prozesse in die Länge"
Hammarberg erwähnt als Beispiel für Nichtachtung der körperlichen Unversehrtheit Übergriffe von Psychiater_innen (wie z.B. Genitaluntersuchungen)
beschreibt 'diskriminierende medizinische Verfahren', 'inadäquate Behandlungen'.

In der Mehrzahl der Europarat-Staaten  muss eine transsexuelle Einzelperson für den Geschlechtseintrag (in Dokumenten) nachweisen
dass er/sie einen medizinisch überwachten Prozess (!) der Geschlechtsangleichung durchlaufen hat
dass er/sie dauerhaft unfruchtbar gemacht wurde (Sterilisationszwang)
dass er/sie sich weiteren medizinischen Maßnahmen wie einer Hormonbehandlung unterzogen hat.

Hammarberg kritisiert zurecht ("es ist zutiefst beunruhigend"), dass transsexuelle Menschen "europaweit  die einzige Gruppe zu sein scheinen, die sich einer gesetzlich vorgeschriebenen und vom Staat aufgezwungenen Sterilisation unterziehen müssen". Er verweist darauf, dass Mediziner_innen und Psycholog_innen bei der Ausgestaltung dieses Systems eine bedeutsame Rolle spielen.

Ebenfalls alarmierend  sind seiner Auffassung nach die Erfahrungen transsexueller Menschen "in Bezug auf Ungleichbehandlung und Diskriminierung beim Zugang zu den Gesundheitssystemen in Europa".

Transsexuelle Menschen werden von Psychiater_innen und Psycholog_innen  grundsätzlich als psychisch gestört diagnostiziert: entsprechend dem Klassifikationssystem DSM-IV als geschlechtsidentitätsgestört oder gemäß ICD-10 als verhaltens- und geistesgestört. Dies wird nicht nicht nur von Hammarberg inzwischen sehr kritisch gesehen. Eine Reihe von Mediziner_innen, Psycholog_innen und Neurowissenschaftler_innen kann diese Sichtweise von psychisch gestörten transsexuellen Menschen nicht akzeptieren. Bereits vor 13 Jahren stellte der Psychologe und Sexualwissenschaftler Kurt Seikowski die Frage (s. Seikowski Zitat)
"warum sich eine psychisch gesunde transsexuelle Person, die selbständig Klarheit über die eigene Geschlechtsidentität erlangt hat, 'in jedem Fall' psychotherapeutisch begleiten lassen 'muss'."

Selbst im eher 'sehr vorsichtigen' Deutschen Ärzteblatt war bereits vor 2 Jahren zu lesen (s. Ärzteblattartikel):
"Sowohl der Krankheitsstatus als auch der Wunsch nach Geschlechtsumwandlung als eines der Hauptsymptome der Transsexualität werden heute von Experten immer stärker hinterfragt. So hat beispielsweise Prof. Dr. Rauchfleisch, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut an der Universität Basel, bei seiner Arbeit mit Transsexuellen die Erfahrung gesammelt, dass es unter transsexuellen Menschen sowohl psychisch völlig unauffällige als auch psychisch erkrankte gibt – wie in der Normalbevölkerung auch ... Wir können Transsexualismus nicht als eine Störung der Geschlechtsidentität betrachten, sondern müssen ihn als Normvariante ansehen"

Seitens der Neurowissenschaften zeigen immer mehr Studienergebnisse und Befunde, dass Transsexualität eine biologisch fundierte Variation des Gehirns, d.h. gesunde Normvariante, darstellt: es gibt seriöse Hinweise, dass genetische, (neuro)hormonelle und (neuro)anatomische angeborene Besonderheiten des Gehirns die Basis von Transsexualität darstellen (über die wichtigsten Studien werde ich in diesem Blog berichten). Bestimmte, besondere Hirnstrukturen und -funktionen sind biologische Grundlage einer angeborenen Geschlechtsidentität, in diesem Fall (Transsexualität) kontrastierend zu anderen biologischen Geschlechtsaspekten (gonadal, chromosomal etc.) des biologischen Individuums. 

Es ist also nicht zutreffend, von einer z.B. weiblichen Psyche in einem männlichen Körper zu sprechen: vielmehr kontrastiert, als seltene Laune der Natur, biologisches Hirngeschlecht (=angeborene Geschlechtsidentität) mit anderen biologischen Geschlechtsaspekten im selben Körper. 

Wie Milton Diamond treffend formulierte: Die Natur liebt Vielfalt, die Gesellschaft hingegen nicht. Um es in der Sprache und mit Bildern der Informatik auszudrücken: in der Hardware des Gehirns ist die (biologische strukturelle und funktionelle) Geschlechtsidentität von Anfang an "fest verdrahtet". Oder wie es der Psychologe Klaus Holzkamp formuliert hätte: die Geschlechtsidentität ist fixer Bestandteil der biologischen Funktionsgrundlage im Gehirn und daher durch psychische Entwicklungsprozesse in gewissen Grenzen modifizierbar; aber entscheidend ist die biologische Basis.

Es ist meist etwas schwierig zu verstehen, dass "Identität" hier ein wesentlich biologisches Phänomen sein soll, da der Begriff psychologisch, soziologisch und kulturell-politisch reichlich überfrachtet ist. Aber es geht hier um die biologisch formierte Geschlechtsidentität.

Die mir vorliegenden Kasuistiken belegen eindeutig, dass die Mehrzahl der Betroffenen psychisch kerngesund ist, allerdings - und hier schließt sich der Kreis - eine kleinere Gruppe leidet massiv unter der Transfeindlichkeit der Gesellschaft.  Menschenrechtsverletzungen wie Diskriminierung, sexuelle Belästigung, Mobbing, Gewalt ... gehören leider oftmals zum Alltag transsexueller Männer und Frauen. Es erzeugt naturgemäß innere Turbulenzen, Angst bis sogar Panik; wenn plötzlich  vieles zusammen bricht, die Verarmung auf einmal zum eigenen Thema wird, dann entwickeln sich (mitunter) depressive Reaktionen.

Im Themenpaper von Thomas Hammarberg finden sich zudem auch viele Hinweise auf  Menschenrechtsverletzungen  bezüglich familiäre Situation, Arbeitsplatz, Hass und Gewalt usw.

Angesichts dieser schwierigen und für transsexuelle Menschen nicht einfachen gesellschaftlichen Situation wäre es doch Aufgabe der Gesundheitssysteme/Therapeut_innen zu unterstützen, Kompetenzen zur Gegenwehr zu vermitteln und Weiterentwicklung zu initiieren, also Gesundheitspotenziale zu fördern.

Stattdessen beteiligt sich die Mehrheit  der Behandler_innen an stigmatisierenden Etikettierungsprozessen  a la Geschlechtsidentitätsstörung (Abkürzung "GID"), verbiegt gesellschaftlich bedingtes psychisches Leid zu innerlichen psychischen Prozessen, die nur noch in homöopathischen Dosen etwas mit der gesellschaftlichen Situation zu tun haben. Die massive Diskriminierung und Transfeindlichkeit samt ihren psychischen Auswirkungen wird also von Therapeut_innen psychisiert und damit verharmlost.

Begünstigt werden solche Sichtweisen und Praxen durch die eigentümliche Situation, dass eine sehr kleine Gruppe von "Transexualitäts-Expert_innen" international den wissenschaftlichen Diskurs bestimmt und die entsprechenden Gremien strategisch durchaus geschickt besetzt. Es handelt sich um ein kleines internationales Netzwerk psychoanalytischer Sexolog_innen, das nahezu starr an der Vorstellung einer Geschlechtsidentitätsstörung und der Psychopathologie der Transsexualität festhält (Groupthink ähnlich). Und auf die inzwischen doch arg in Misskredit geratenen 'Theorien' von John Money rekurriert. Money vertrat ja das Paradigma einer Geschlechtsidentitätsentwicklung nach der Geburt.
Zu fragen ist doch, in weit der GID-Diskurs überhaupt eine ausreichende wissenschaftliche Fundierung und Bezüge aufweist (ich komme ausführlich in diesem Blog darauf zurück). Eine Reihe von Expert_innen moniert in diesem Zusammenhang eine unzureichende Anzahl entsprechender aktueller Studien.

Die Etikettierung von transsexuellen Menschen - so Thomas Hammarberg - dient auch als Mittel, den Zugang zu Leistungen der Gesundheitsversorgung massiv einzuschränken. Psychiater_innen und Psycholog_innen haben zu 'begutachten', in wie weit die individuelle transsexuelle Person psychisch gestört ist und das GID-Etikett zutrifft, so dass (ev.) Leistungen gewährt werden. Es bedurfte zahlreicher Anrufungen des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, um Krankenkassen und Gerichte in europäischen Ländern zur Leistungsgewährung zu veranlassen. Aufgrund dieser Diskriminierungen bezahlen 50% aller transsexuellen Menschen, die eine Geschlechtsangleichung vornehmen lassen wollen, ihre Behandlung aus eigener Tasche.

Bedrückend auch, dass seitens des Menschenrechtskommissars häufig negative Erfahrungen "mit den Gesundheitssystemen, mit nicht informierten, voreingenommenen oder manchmal offen unverschämten medizinischen Fachkräften" angeführt werden.

Eine Reihe von typischen Erfahrungen von transsexuellen Menschen im Rahmen diskriminierender Begutachtungs- und Therapie-Rituale wird von Hammarberg wie folgt beschrieben (Übersetzung s. TVT-Schriftenreihe Bd.2 im Rahmen des TGEU-Projekts TRANSRESPECT versus TRANSPHOBIA):


"Hinzu kommt, dass der Zugang zu geschlechtsangleichenden Operationen von so genannten 'Protokollen' und Bedingungsvorgaben bezüglich Kindheit, sexueller Orientierung oder Kleidungsgeschmack, die höchst problematisch sind, zusätzlich verkompliziert und konditioniert wird. Es gibt Berichte von transgender Menschen, die sich von Psychiatern_innen Genitaluntersuchungen gefallen lassen mussten, eine bestimmte Standardgeschichte ihrer Kindheit erzählen mussten, die als die einzig akzeptable gilt und manchmal wurde Anspruch darauf Patient_in zu sein nur als genuin betrachtet, wenn sie zumindest einen nachgewiesenen Selbstmordversuch verübt hatten. Andere transgender Menschen werden dazu gezwungen sich selbst in extremen Stereotypisierungen des bevorzugten Geschlechts darzustellen, um den Auswahlkriterien zu entsprechen, die sie im täglichen Leben der Lächerlichkeit Preis geben. Die Beispiele sind zu häufig, um sie aufzuzählen, aber es kann mit Sicherheit behauptet werden, dass der Großteil der Untersuchungen und Verfahren wie sie in den meisten Ländern praktiziert werden für gewöhnlich Aspekte beinhalten, die allenfalls als unverständlich bezeichnet werden können."


Mit diesem Blog möchte der als Psychiater und Psychotherapeut einen Beitrag leisten, dass
Psychotherapie-Konzepte unter dem Gesichtspunkt Menschenrechtssituation diskutiert und entsprechend revidiert werden. Sie sollten sich an den Polen 'gesunde Transsexualität' und 'Transfeindlichkeit der Gesellschaft' orientieren

entsprechendes gesellschaftliches Engagement für die Menschenrechte von Transfrauen und Transmännern auch von Therapeut_innen solidarisch unterstützt wird - etwa das Engagement der in Deutschland und der Schweiz aktiven Menschenrechtsorganisation ATME (Aktion Transsexualität und Menschenrecht), vor allem bezüglich
Stigmatisierung durch psychiatrische Diagnosen, Pathologisierung von Transsexualität
Sterilisationszwang
Diskriminierende Praktiken von medizinischen und psychologischen Fachpersonen
Einschränkungen des Zugangs zu medizinischen Leistungen
endlich ein (neuro)wissenschaftlich begründeter machtvoller Gegendiskurs zu den psychoanalytisch-sexologischen Transsexualitäts-Diskursen entwickelt wird.


Es gibt also viel zu tun...

Das Menschliche

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