Mittwoch, 23. Januar 2013

Transsexuelle Menschen suchen meist dann erstmals Hilfe auf, wenn sie nicht mehr weiterwissen!


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Bearbeitet von Nikita Noemi Rothenbächer 2013

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Transsexuelle Menschen suchen meist dann erstmals Hilfe auf, wenn sie nicht mehr weiterwissen!

Transsexuelle Menschen suchen meist dann erstmals Hilfe auf, wenn sie nicht mehr weiterwissen und wenn die Belastungen oder psychischen Probleme zu groß werden, um alleine damit fertig zu werden. Erste Informationen werden heute im Internet gesucht, früher waren es oft Fernsehberichte, die erste konkrete Hinweise gegeben haben. Nach der ersten Erkenntnis, transsexuell zu sein, ist es für Betroffene oft schwer, professionelle Hilfe zu finden. Viele machen zuerst eher schlechte Erfahrungen, wenn sie auf Unkenntnis oder Vorurteile stoßen. Dazu gibt es Erfahrungsberichte etwa im Internet oder es wird in der Begutachtung darüber berichtet. In dem folgenden Beitrag wird versucht, den Weg transsexueller Hilfesuchender darzustellen aus der Sicht professioneller Helfer und anhand einiger Fallvignetten.

Michael Szukaj: Während meiner Assistenzarzttätigkeit an der Psychiatrischen Universitätsklinik Münster ermutigte mich 1987 ein befreundeter Psychologe, mit ihm eine Ambulanz für Transsexuelle aufzubauen. Die damalige Situation war so, dass es nur wenige Ambulanzen für Betroffene in Deutschland gab. Die nächsten in der Umgebung von Münster waren in Hannover, Frankfurt und Hamburg. In unserer Klinik fanden sich ab und zu Patienten zur Begutachtung im Rahmen des damals wenige Jahre alten Transsexuellengesetzes ein. Den Begegnungen haftete etwas Exotisch-Bedrohliches an. Den Beschreibungen der Betroffenen in der spärlichen damaligen sexualmedizinischen Literatur waren gestörte stereotype Persönlichkeitsprofile auf Borderline-Niveau zu entnehmen. Die Voreingenommenheit wurde dadurch nicht kleiner. Dennoch kam es mit konzeptioneller Unterstützung von Friedemann Pfäfflin aus Hamburg zu ersten Behandlungen, denen sich später auch eine Gutachtertätigkeit im Rahmen des TSG anschloss. Auch nach meiner Niederlassung 1994 übe ich diese Arbeit schwerpunktmäßig weiter aus, mittlerweile also seit über 20 Jahren.

Wenn ich da einmal so fragen darf: Wie viele transsexuelle Menschen haben Sie inzwischen gesehen?

Ich habe etwa 700 Betroffene gesehen, von denen ich über 400 längerfristig begleitet habe. Aktuell sind es 50 fortlaufende Behandlungsfälle.

Und wenn es möglich ist, könnten Sie auf den Punkt bringen, was aus Ihrer Sicht und Erfahrung „transsexuell” ist? Gibt es da etwas Typisches?

Das, was wir „transsexuell” nennen, ist im Wesentlichen durch die unkorrigierbare Gewissheit der Betroffenen gekennzeichnet, dass das biologische Geschlecht nicht zum empfundenen Geschlecht passt, sie sich also im falschen Körper fühlen. Etwas Typisches ist bei allen individuellen Unterschieden für die Mehrzahl durchaus feststellbar: ein Beginn der genannten Empfindung in der frühen Kindheit, Betroffene sagen dazu oft „solange ich denken kann”, mit lebenslang bestehender Konsistenz. Dann die Ablehnung des Aussehens und des Verhaltens des eigenen biologischen Geschlechts und die Übernahme der Attribute des Gegengeschlechts. Dann die erste krisenhafte Zuspitzung im Rahmen der als aversiv erlebten pubertären Veränderungen mit verbleibender Ablehnung der biologischen Geschlechtsmerkmale. Bei sogenannten Mann-Frau-Transsexuellen, also biologisch männlichen Betroffenen, kommt es zudem häufig bereits präpubertär zu heimlichem Tragen weiblicher Kleidung und Unterwäsche, mitunter mit vorübergehenden Phasen sexueller Erregung und Stimulation. Insgesamt intensiviert sich der körperliche Veränderungswunsch im Verlauf, und bei nahezu 90 % der Betroffenen ist er bereits zu Behandlungsbeginn Thema.

Daneben gibt es, nicht weniger typisch, die sogenannten sekundären Verläufe, von denen überwiegend Mann-Frau-Transsexuelle betroffen sind. Die spezifischen Erinnerungen an die Kindheit sind diffus, die pubertären Veränderungen werden indifferent erlebt und Sexualität wird eine Zeitlang mitunter lustvoll praktiziert. Damit verbunden ist häufig die Hoffnung auf eine tragfähige psychosoziale Kompromissbildung, in deren Rahmen es zu Heirat und Elternschaft kommen kann; nach Jahren wird dann doch, häufig mit weitreichenden, oft tragischen Konsequenzen für Familie, Arbeit und Sozialstatus, dem inneren Druck nachgegeben und der Weg der Veränderung beschritten. Die damit einhergehenden Konflikte unterscheiden sich daher zum Teil sehr von den sogenannten primären Verläufen. Und natürlich sind all diese Feststellungen nur grobe Annäherungen, denn jeder Verlauf ist anders.

Gibt es denn eine Möglichkeit für Betroffene, diesem inneren Druck irgendwie zu entkommen? Oder wie ist das zu verstehen? Und warum sollen sie dann in eine Psychotherapie gehen?

Entkommen können die Betroffenen diesem Druck nicht. Es gibt wohl vereinzelt Phasen verringerten Druckes, zum Beispiel bei manchen Mann-Frau-Transsexuellen, die versuchen, durch Heirat und Familiengründung mit Beseitigung aller weiblichen Kleidung davon frei zu werden. Die Hoffnung erfüllt sich allerdings nicht. Früher oder später ist der übermächtige Druck wieder da, doch dem inneren Empfinden gemäß leben zu müssen. Auch Kompromissbildungen, bei denen aus beruflichen oder familiären Gründen Angleichungswünsche bis etwa zur Rente oder der Volljährigkeit der Kinder aufgeschoben werden, sind weiter von diesem inneren Leidensdruck gekennzeichnet und schwer aushaltbar. Nachhaltige Linderung erfährt das nur dadurch, dass die Betroffenen ihrem Empfinden so weit wie möglich Ausdruck verschaffen, also in Aussehen, körperlicher und rechtlicher Angleichung. Auch die geschlechtsangleichende Operation beseitigt ihn letztlich nicht vollständig, sie nähert im günstigsten Falle lediglich sehr weit an das Erhoffte an.

Das hängt mit dem Wesen dieses inneren Druckes zusammen: Er ist eben keine im üblichen psychiatrischen oder psychotherapeutischen Sinne behandelbare Symptombildung, die es zu beseitigen gilt. Es ist eben keine aus krankhafter Verkennung der Realitäten entstandene irrige Annahme. In realistischer Wahrnehmung des eigenen Körpers ist und bleibt die aus dem Inneren der Persönlichkeit stammende Überzeugung: Hier passt etwas nicht zusammen. Dieses nicht passende Geschlechtsidentitätsempfinden, das sich wie ein Fremdkörper, wie falsch gepolt in den Rest der Persönlichkeit einfügt, erzeugt die innere Spannung. Das übt natürlich in seiner Unerklärbarkeit einen intensiven seelischen Druck aus und führt u. a. zu Schuld- und Versagensgefühlen, zu Scham, Angst, Aggression, Ohnmacht und Verzweiflung. Hieraus resultiert nach meinem Verständnis der überwiegende Teil psychiatrischer Symptombildungen bei einem Transsexualismus, also als Folge der ungeheuren Belastungen und nicht als deren Ursprung. Und hier setzt in erster Linie die Psychotherapie an. Es geht darum die Betroffenen in ihrer Not wahrzunehmen, als Opfer einer unfassbaren Anomalie, und ihnen nach einem ausreichend langen kritischen diagnostischen Prozess zu einer Linderung dieses inneren Leidensdruckes zu verhelfen, so gut es geht und so gut sie es vertragen.

Dann geht es also in der Psychotherapie nicht darum, diesen inneren Wunsch zu beseitigen? Warum lässt sich das nicht wegtherapieren? Und um was genau geht es dann in einer Psychotherapie? Braucht man denn eine Psychotherapie?

Ich halte den primären Grund für dieses Erleben für einen biologischen. Das den Betroffenen zum Teil bis heute anhaftende Stigma ist das der Persönlichkeitsstörung, auf der alles beruhen soll. Die sich daraus ergebenden Implikationen sind weitreichend, auch für die Gegenübertragung. Das ist ein grundsätzliches und tragisches Missverständnis. Der eine biologische Genese als möglich erachtende psychotherapeutische Zugang verändert die therapeutische Begegnung von Beginn an. Die Betroffenen sind des Druckes entledigt, sich rechtfertigen zu müssen. Die Gesprächsatmosphäre verändert sich mitunter in nur wenigen Augenblicken. In dieser großen Not gesehen zu werden und nicht als ein sich in unsere Fantasien einpflanzendes, genitalienverstümmelndes Monster, das stellt den entscheidenden Zugang dar. Ob das gelingt, bei aller gebotenen kritischen Zurückhaltung und Verteidigung eines angemessenen therapeutischen Rahmens, entscheidet nicht selten, ob Behandlung zustande kommt, mitunter ob die Betroffenen überhaupt weiterleben.

So wenig sich das biologische Geschlechtsidentitätsempfinden wegtherapieren lässt, so sehr bedarf es doch andererseits der Psychotherapie zur Auslotung des Machbaren: Wieweit kann ich als Betroffener eine Angleichung an das Empfundene erreichen? Wie viel der damit einhergehenden Belastungen und Frustrationen kann ich ertragen? Wie sehr kann ich perspektivisch „normal” leben? Wie kann ich mich im Verlauf an Gefühle wieder heranwagen, die vorübergehend auf der Strecke geblieben sind oder die ganz fremd scheinen? Man weiß heute, dass diese psychotherapeutische Begleitung, durchaus in unterschiedlichen Settings, entscheidend die Prognose beeinflusst. Die Auswirkungen dieses Erlebens und die damit einhergehenden Konflikte bewirken häufig zusätzlich Erkrankungen wie Depressivität, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen etc., die auch der Psychotherapie, nicht selten auch einer vorübergehenden Medikation bedürfen. Bemerkenswert ist dabei die erhebliche Reduktion der begleitenden Symptome, häufig auch beispielsweise das vollständige Sistieren von Alkohol- und Drogenproblemen im Behandlungsverlauf. Die Betroffenen werden, entlastet von dem ursprünglichen Leidensdruck, schlichtweg gesünder.

Sehen Sie auch Kinder und Jugendliche?

Das früh beginnende Erleben macht nachvollziehbar, dass bereits Minderjährige selber oder durch ihre Eltern Behandlungen anstreben. Da die Kinder- und Jugendpsychiatrie sich bislang der Thematik wenig annahm, kommen die Betroffenen der Region seit einigen Jahren auch zu mir, eine Beobachtung, die andere Kollegen auch machen. Erstkontakte mit unter 14 Jahren sind keine Seltenheit. Das verantwortbare Alter für einen Behandlungsbeginn liegt aber angesichts der mit den pubertären Turbulenzen einhergehenden Besonderheiten bei 14 Jahren. Die große Verantwortung und die besonderen ethischen Aspekte verlangen eine besonders gründliche und ausreichend lange Diagnostik und Überprüfung der Lebbarkeit, ehe eine Hormonbehandlung frühestens mit etwa 16 Jahren beginnen kann. Die Miteinbeziehung der Eltern, häufig auch der Schulen, ist obligat. Auch geschlechtsangleichende operative Eingriffe sollten nicht vor dem 17. Lebensjahr erfolgen. Gut vorbereitet sind sie dann aber möglich und, wie die bisherigen guten Erfahrungen eigener Patienten zeigen, sinnvoll und sehr hilfreich. So bin ich fest überzeugt, dass auch die Behandlung Minderjähriger in standardisierter Form zukünftig zunehmen wird. Angesichts der zu vermutenden primären biologischen Genese des speziellen Erlebens eine logische und richtige Entwicklung.

Können Sie etwas über die Technik der Psychotherapie bei einer transsexuellen Entwicklung sagen? Ist das Verhaltenstherapie, Psychoanalyse oder um was handelt es sich?

Methodisch basiert die Behandlungstechnik am ehesten auf einem supportiv-stabilisierenden Vorgehen mit aktueller Konfliktbearbeitung im Sinne einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Daneben spielen beratende Aspekte eine große Rolle, z. B. für somatische, rechtliche, krankenkassentechnische und arbeitsrelevante Fragestellungen. Die Miteinbeziehung von Bezugspersonen ist oft sehr wichtig, um, neben dem Erhalt fremdanamnestischer Daten, beispielsweise durch Entlastung elterlicher Schuldgefühle die familiäre Akzeptanz der Betroffenen zu verbessern und Zukunftssorgen zu mindern. Verhaltenstherapeutische Aspekte können gerade zu Beginn des Alltagstests zur Verbesserung der Selbstsicherheit hilfreich sein.

Der Behandlungsrahmen kann dabei sehr unterschiedlich sein und im Verlauf Veränderungen erfahren: In nicht wenigen Fällen reichen niederfrequente Kontakte in vier- bis sechswöchigen Abständen von zum Teil nur halbstündiger Dauer mit erhöhter Frequenz bei besonderen Belastungen. Andere brauchen die regelmäßige Richtlinienpsychotherapie wöchentlich. Diese kann, erfolgt sie bei einem psychologischen Psychotherapeuten, kombiniert werden mit niederfrequenten ergänzenden psychiatrischen Behandlungskontakten. Die Behandlung richtet sich nach dem Bedarf der Betroffenen und damit auch nach dem, was sie an therapeutischer Nähe ertragen können. Es geht also nicht darum, imaginäre Psychotherapieauflagen zu erfüllen und damit beispielsweise durch 50 oder 80 Sitzungen die Unumkehrbarkeit des Begehrens bewiesen zu haben. Ich halte Psychotherapie unter solchen Vorgaben genau genommen für undurchführbar.

Im Sinne der Betroffenen geht es stattdessen um eine gute Differenzialdiagnostik und insbesondere um die Überprüfung der Lebbarkeit des speziellen Erlebens. Hierfür empfiehlt sich bereits initial die Benennung eines Mindestzeitraumes vor Einleitung etwaiger erster somatischer Maßnahmen, um ständige Diskussionen darüber zu verhindern. Andererseits ist die womöglich vom Behandler auf den Tag genau verlangte Einhaltung eines einjährigen Alltagstests vor somatischen Indikationsstellungen ohne für den Betroffenen verständliche Begründung absurd und willkürlich. Gemeinsam sich um die Erkenntnis der Lebbarkeit und deren Ausgestaltung zu bemühen, ist die Aufgabe. Je größer die Erfahrung im Umgang mit den Betroffenen, desto größer auch die Möglichkeit bedarfsgerechter Behandlung. Nicht zuletzt auch wegen geringerer Ängste des Therapeuten vor Fehlern und vor der wiederum mit eigenen Fantasien einhergehenden größeren Nähe zu den Betroffenen. Dann entstehen die eigentlich erforderlichen therapeutischen Arbeitsbündnisse.

Das klingt ja doch sehr interessant. Warum findet sich bei vielen Psychotherapeuten eher eine Abhaltung, mit diesen Menschen zu arbeiten? Sind das persönliche Dinge? Darf ich Sie dabei fragen, wie das für Sie persönlich ist?

Die Grundproblematik im Umgang mit den Betroffenen liegt in den durch das spezielle Begehren ausgelösten bedrohlichen Fantasien im Therapeuten. Einem körperlich gesunden Menschen behilflich zu sein, sich letztlich die Genitalien entfernen zu lassen, verlangt nicht nur eine intensive Auseinandersetzung mit der speziellen Problematik, sondern konfrontiert uns insbesondere auch mit unseren eigenen Geschlechtsrollenvorstellungen, sexuellen Normen und tief sitzenden Ängsten weit über das Übliche hinaus. Das mag die Abneigung vieler Kollegen verständlich machen. Wir haben zu Beginn an der Psychiatrischen Universitätsklinik Münster aus diesem Grund wann immer möglich jeden Patienten zu zweit gesehen, um uns im Anschluss über unsere heftigen Gegenübertragungen auszutauschen. Unsere Ahnung, dass in der bewussten Auseinandersetzung mit dieser Gegenübertragung ein Fundament für den therapeutischen Zugang liegt, bestätigte sich fraglos.

Und dies öffnete den Blick für die Faszination und die oft sehr befriedigende Arbeit mit den Betroffenen. Es gibt keine vergleichbare Patientengruppe, bei der man in so vielen Fällen in derart kurzen Zeiträumen solch entlastende Effekte und Reduktion verschiedenster Symptombildungen erzielen kann. Das ist angesichts der sonst üblichen oft schwierigen psychotherapeutischen Alltagserfahrungen sehr bemerkenswert und wiegt bei Weitem die vielen assoziierten Probleme auf. Beispielsweise die Miteinbeziehung insbesondere der neuen Partner der Betroffenen lehrt uns darüber hinaus angesichts der nicht selten stabilen liebevollen Beziehungen gewisse gesellschaftliche Fixierungen auf sexuelle Stereotypien zu relativieren und toleranter und respektvoller mit diesen Ausdrucksformen tiefer Empfindungen umzugehen.

Was die Betroffenen oft schon in jungen Jahren zu ertragen haben, wie sie in aller Zerrissenheit ihren Weg suchen, nach allen Frustrationen trotzdem wieder aufstehen und sogar lernen, Verständnis für die Bedürftigkeiten ihrer „gesunden” Umgebung zu haben, ist neben vielem anderen in diesem Bereich etwas, was mich unvermindert berührt und meine therapeutische Haltung nach wie vor beeinflusst. Die vielen erfreulichen Verläufe tun ihr Übriges.

Was Sie zu den Partnerbeziehungen sagen, bedeutet das, dass die Transsexualität mit Sex nicht so viel zu tun hat, wie landläufig angenommen wird?

Die Betroffenen wehren sich zum Teil nicht ohne Grund gegen die Silbe „sex” im Transsexualismus. Es geht nicht primär um Sexualität. Auch wenn diese gelebt wird, manchmal auch exzessiv zum Beispiel aus Rollenunsicherheit und zur Verdrängung, geht es doch überwiegend um die sich in der körperlichen Begegnung spiegelnde emotionale Bindung und die Annahme durch den Partner. Nicht der Orgasmus steht im Vordergrund, sondern das umfassende Körpererleben, das die erfolgreiche Angleichung in der Gesamtheit erlebbar werden lässt, oder durch die Fantasie für Zukünftiges vorbereitet. So ist die erfolgreich operierte Phalloplastik nur äußerst selten orgasmusfähig berührungssensibel und doch ist es für die Betroffenen wichtig, die Partnerin penetrieren und mitunter zum Orgasmus bringen zu können, um sich vollständig und potent zu fühlen. Aus diesem Grund wird die Gefahr nachhaltiger Orgasmusstörungen durch die geschlechtsangleichenden Operationen in aller Regel bewusst in Kauf genommen, wenngleich diese mit unter 20 % bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen verhältnismäßig gering ausfallen. Nicht die sexuelle Befriedigung zählt, sondern die körperliche „Wiederherstellung”.

Meinen Sie, dass transsexuelle Menschen immer eine Psychotherapie brauchen, so wie es in den Leitlinien steht?

Die Betroffenen brauchen nicht immer eine Psychotherapie, aber eine flexible Form der Begleitung mit psychotherapeutischem Charakter, die Informationen vermittelt, Konflikte bewältigen hilft, für das Angestrebte unterstützt und auch medikamentösen Hilfen gegenüber offen ist. Nur in einer begrenzten Zahl der Fälle ist die sonst übliche relativ hochfrequente Richtlinienpsychotherapie notwendig. Die Leitlinien sind mit ihren Empfehlungen auch hierzu als Hilfestellungen gedacht und zur Orientierung sehr sinnvoll. Man darf aber nicht vergessen, dass sie primär den Betroffenen dienen und uns als Behandler nicht unserer eigenen Entscheidungsfindung und Verantwortung entheben. Insofern fordern sie geradezu auch die individuell angepasste Flexibilität sowie eine Verbesserung durch praktische Erfahrungen. Es ist überaus erfreulich, dass sich diese Auffassung bei den interdisziplinär an den Behandlungen und Begutachtungen Beteiligten immer mehr durchzusetzen scheint.

Hat Sie die Arbeit mit transsexuellen Menschen in Ihrer allgemeinen psychotherapeutischen Arbeit beeinflusst? Hat das etwas bei Ihnen verändert?

Die Eigenständigkeit, die mit dem Aufbau der Ambulanz einherging, förderte neben konzeptionellem Denken aufgrund der spezifischen psychotherapeutischen Erfahrungen vor allem die kritische Infragestellung mancher damalig gültiger Überzeugungen über die Betroffenen. Dadurch wurde der kritische Blick auch für andere Bereiche geschärft. Auch meine Zuversicht, allgemein der emotionalen Nähe in der primären Patientenversorgung gewachsen zu sein, beruht nicht unerheblich auf der Bewältigung der besonderen Anforderungen im Kontakt mit den Betroffenen. Schließlich zu erleben, dass Psychotherapie wirklich wirken kann - der Zweifel daran ist oft größer und hält länger an als man denkt - ist ein weiterer sehr prägender Effekt gewesen.

Die zögerliche Haltung der Regierung zur erzwungenen Sterilisierung von Transsexuellen



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Die zögerliche Haltung der Regierung zur erzwungenen Sterilisierung von Transsexuellen

Die zögerliche Haltung der Regierung zur erzwungenen Sterilisierung von Transsexuellen wird in Schweden und in der EU verurteilt.
Die Regierungskoalition kann sich nicht zu einer gemeinsamen Einstellung durchringen. In Brüssel protestieren EU-Parlamentarier gegen das schwedische Gesetz, das Transsexuelle zu einer operativen Sterilisierung zwingt, und in Stockholm demonstrieren die Betroffenen und ihre Organisation.

Ulrika Westerlund steht empört auf dem Platz Mynttorget in Stockholm. Die Vorsitzende von RFSL, dem schwedischen Verband für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transpersonen, fordert in einer Kundgebung gemeinsam mit anderen Mitgliedern, dass das Gesetz zur Zwangssterilisierung abgeschafft wird.

Die schwankende Haltung der Regierung interpretiert sie als Unsicherheit: „Das Ganze ist kaum begreiflich, aber die Verantwortlichen scheinen Angst zu haben“, sagt sie zum Schwedischen Rundfunk. „Sie wollen verhindern, dass Menschen, die sich selbst beispielsweise als Männer betrachten, trotzdem Kinder zur Welt bringen können.“

Gesetz aus den Siebzigerjahren

Um von den Behörden als transsexuelle Personen anerkannt zu werden, müssen die Betroffenen auf ihre Fortpflanzungsfähigkeit verzichten und sich sterilisieren lassen. Diese Gesetzgebung von 1972 ist in den letzten Jahren von der LGBT-Bewegung und der Opposition stark kritisiert worden.

Die schwedische Aufsichtsbehörde für Soziales und Gesundheit (Socialstyrelsen) und der Menschenrechtskommissar des Europarates empfehlen eine entsprechende Gesetzesänderung, die bürgerliche Vierparteien-Regierung hatte bereits ihre Bereitschaft signalisiert. Aber die Reform wird nun auf Druck der Christdemokraten und der rechtspopulistischen Schwedendemokraten aufgeweicht.

Die kleine christdemokratische Partei gehört zur regierenden Mitte-Rechts-Koalition. Offenbar haben sich die drei größeren Koalitionspartner ihrem Druck gebeugt. Die Regierung schwenkte um und teilte mit, dass sie die Sterilisierungsfrage weiter prüfen will – damit ist die Reform aufgeschoben.

Verstoß gegen EU-Recht

Diese Verzögerungstaktik wird von mehreren Mitglieder des Europäischen Parlaments angegriffen: Schweden verstoße gegen das EU-Recht, meinen sie, und fordern die Regierung auf, die entsprechenden Gesetzesänderungen voranzutreiben.

Andere EU-Länder wie Österreich, Portugal, Spanien und Großbritannien haben die Zwangssterilisation bereits aufgehoben, die Niederlande planen die Abschaffung des Gesetzes und das deutsche Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die im deutschen Transsexuellengesetz geforderte Operation gegen das Grundgesetz verstößt.

Die 43-jährige Leni auf der Stockholmer Kundgebung betrachtet die schwedische Entwicklung pessimistisch. Leni wurde als Mädchen geboren und betrachtet sich seit den Teenager-Jahren als transsexuell. „Es wird noch lange dauern, aber ich will auf alle Fälle mit der korrekten Geschlechtsbezeichnung in meinem Pass sterben. Auch wenn das noch 30 Jahre dauert.“


Wenn ich gefragt werde, ob mir http://trans-weib.blogspot.de/ 10 Euro wert ist, dann sage ich: Ja, klar!

Für mich ist http://trans-weib.blogspot.de/ ganz oft der erste Anlaufpunkt. Ich halte die Artikel für ausgewogen und oft deutlich besser als Informationen auf anderen Webseiten. Wenn ich mich über ein Thema informieren will und dabei auf einer Seite lande, die ich nicht kenne, dann weiß ich erst mal nicht, wie ich sie einschätzen soll. Ist diese Seite seriös? Soll ich ihr vertrauen? Bei http://trans-weib.blogspot.de/  habe ich diesen Vorbehalt nicht.

Ich habe da mittlerweile ein Grundvertrauen entwickelt.

Während der letzten Spendenkampagne habe ich natürlich den Spendenaufruf des http://trans-weib.blogspot.de/ Nikita Noemi Rothenbächer ein paar Mal gesehen:

Beim ersten Mal hab ich nicht reagiert. Beim zweiten Mal überlegte ich: Eigentlich wäre es nur richtig zu spenden. Und beim dritten oder vierten Mal habe ich mir dann gedacht: Nun spende halt endlich!
Weil mir http://trans-weib.blogspot.de/ viel wert ist, wollte ich etwas tun - und so ein kleiner Betrag tut mir nicht weh. Spenden ist eine einfache Art, sich für Freies Wissen zu engagieren.

Bei http://trans-weib.blogspot.de/ gibt es tausende Freiwillige, die sich ohne finanzielle Gegenleistung sehr viel Arbeit mit dem Einstellen und Bearbeiten von Artikeln machen. Dazu gibt es Leute, die sich organisatorisch darum kümmern, dass das Projekt läuft, und schließlich gibt es eine sehr große Anzahl von Leuten, die http://trans-weib.blogspot.de/ nutzen.

Im Vergleich zu Facebook, Google und Co., die mit Ihren Webseiten Geld verdienen, ist die Zahl dieser Helfer sehr klein. http://trans-weib.blogspot.de/ wird als öffentliches Gut angesehen, so wie die Straße, auf der ich fahre: Ich benutze sie, ohne weiter darüber nachzudenken. Doch selbst für staatlich finanzierte öffentliche Güter zahle ich Steuern.

Spenden Sie 10 €, 25 €, 100 € oder wie viel Sie aufwenden können, um http://trans-weib.blogspot.de/ zu unterstützen.

Postbank Konto Nr. 542334469- Blz.44010046
IBAN: DE85440100460542334469
BIC: PBNKDEFF

45% der Deutschen haben kein Verständnis für Transsexuelle


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45% der Deutschen haben kein Verständnis für Transsexuelle

Es wurde Band 4 der Schriftenreihe der Antidiskriminierungsstelle, die Sinus-Milieu-Studie "Diskriminierung im Alltag", der Öffentlichkeit vorgestellt, wie leider erst heute ATME erfuhr.

Laut dieser Studie lehnen 45% der Deutschen transsexuelle Menschen ab, bzw. äußern kein Verständnis für transsexuelle Menschen zu haben.

Für transsexuelle Menschen sollte garnichts oder weniger getan werden, äußerten 71% der Befragten. Dass transsexuelle Menschen diskriminiert werden, sehen immerhin 18% der Bevölkerung – jedoch sind nur 5% der Auffassung, man müsse mehr für transsexuelle Menschen tun.

Ein trauriges Ergebnis und ein Armutszeugnis für Deutschland.


Zudem ist erschreckend, dass eine Studie der Antidiskriminierungsstelle die Diskriminierung transsexueller Menschen unterstützt und vorantreibt, indem sie in der Studie verbreitet, transsexuelle Menschen wären Menschen, die ihr Geschlecht wechseln wollten oder wechselten.

Dies trägt sicherlich nicht in der Bevölkerung zum Verständnis transsexueller Menschen bei. Wenn bereits die Antidiskriminierungsstelle Klischees über transsexuelle Menschen vertritt, dann kann man wohl kaum die Befragten verurteilen, wenn sie dann kein Verständnis für transsexuelle Menschen haben.

Mit diesen Aussagen über transsexuelle Menschen muss sich die Antidiskriminierungsstelle der Kritik stellen, selbst internationale Menschenrechtsabkommen zu verletzten, allen voran den Artikel 20 (2) des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, indem es heißt: „Jedes Eintreten ... das zu Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt ... [aufstachelt], wird durch Gesetz verboten.“.

Auch die „Meinungsäußerung“ es handle sich bei transsexuellen Menschen um Menschen, die ihr Geschlecht wechseln wollten/wechselten, wird in Artikel 19 (3) a eingeschränkt, welcher „die Achtung der Rechte oder des Rufs anderer“ schützt.

Auffallend an dieser Studie ist auch, dass intersexuelle Menschen in der Studie nicht vorkommen.


Sie bleiben die ungeliebten, unsichtbar zu bleibenden Menschen, werfen sie doch alle Mann-Frau-Stereotypen einer deutschen Gesellschaft über Bord.

Würde man die Existenz intersexueller Menschen einmal anerkennen, wäre auch sehr schnell klar, dass es „Geschlechtsumwandlungen“ nicht gibt.


Gerade intersexuelle Menschen mit uneindeutigen Genitalien leiden darunter, dass man ihnen ihre Genitalien bereits als Baby zwangsanpasst, um sie den Vorstellungen von Ärzten und Eltern an zu gleichen.

Dass durch eine Veränderung der Genitalien sich jedoch keineswegs das Geschlecht eines Menschen ändert, davon zeugt das Leid vieler Betroffener intersexueller Menschen. 
Unser wichtigstes Geschlechtsorgan, ist nun einmal unser Gehirn und nicht unsere Genitalien.

"Diskriminierung ist mir nicht erspart geblieben"


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Ein Geschlecht, das weder Frau noch Mann ist

In Deutschland kommen pro Jahr bis zu 120 Menschen zwischengeschlechtlich zur Welt. Nun berät der Deutsche Ethikrat, wie diese Menschen ein Leben in Würde führen können.

Auf die Frage "Mädchen oder Junge?" wissen die Ärzte keine Antwort, als Diana Hartmann im Jahr 1965 in einer Klinik im Spessart zur Welt kommt. Sie ist gesund. Aber ihre Genitalien sind, wie es die Mediziner nennen, "uneindeutig". Diana ist irgendwo auf der Skala zwischen den Polen "Mann" und "Frau" geboren.

Die Ärzte beschließen, dass Diana ein Junge sein soll. Die Mutter erkennt in dem Säugling ein Mädchen – eben "Diana". Die Ärzte wollten das Kind operieren, "zum Mann machen". Die Mutter weigert sich – mit drastischen Folgen.

Hartmann ist kein Einzelfall:

In Deutschland kommen nach Angaben einer Studie der Universitätsklinik zu Lübeck im Jahr 80 bis 120 Kinder zwischengeschlechtlich zur Welt.

Wie viele es genau sind, weiß jedoch niemand.

Diese Babys passen von Anfang an nicht ins Geschlechterschema.

Das kann viele Gründe haben.
Sie tragen nicht den geschlechtsspezifischen Chromosomensatz, ihre Hormone funktionieren anders als bei den meisten Menschen, sie besitzen männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane – oder eine Mischung aus diesen Faktoren.

Sie sind intersexuell.

 Das bedeutet in einer Gesellschaft, in der noch in vielen Situationen zwischen den Geschlechtern unterschieden wird, eine große Unsicherheit für ein so kleines Leben, für Eltern, Ärzte und Behörden.

Soll ein drittes Geschlecht eingeführt werden?

Seit Dezember 2010 berät der Deutsche Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung, wie alle Beteiligten diesen Kindern ein Leben in Würde ermöglichen können. Dazu führten Experten aus Medizin, Rechts- und Sozialwissenschaften und intersexuelle Menschen einen Diskurs in schriftlichen Stellungnahmen, in einer Onlinediskussion und in einer öffentlichen Anhörung.
Viele Hundert Seiten Material seien zusammengekommen, so der Leiter der Geschäftsstelle des Deutschen Ethikrats, Joachim Vetter.

In der kommenden Woche will der Rat nun seine Stellungnahme veröffentlichen. Im Kern geht es um zwei Fragen:

Soll ein drittes Geschlecht eingeführt werden, damit intersexuelle Menschen sich nicht in das Raster von Mann und Frau einsortieren müssen, sondern selbst bestimmen dürfen, was sie sind?
Und:
Dürfen "angleichende" Operationen durchgeführt werden und wenn ja, in welchem Alter und unter welchen Umständen?

In der Vergangenheit wurden viele Intersexuelle im frühen Kindesalter operiert.
Typisch war etwa die Entnahme von Gonaden oder die Reduktion der Klitoris – also Eingriffe, die nicht umkehrbar sind.

Garantieren, dass sich die Kinder in ihrem späteren Leben auch diesem anoperierten Geschlecht zugehörig fühlen würden, konnten Mediziner nicht.

Bei jeder Operation bestand zudem das Risiko von schmerzhaften Verwachsungen und Narbenbildung. Oft operierten die Ärzte im ersten Jahr nach der Geburt, da sie davon ausgingen, dass so schwerwiegende Traumata verhindert werden könnten.

In einigen Fällen erfuhren diese Kinder gar nicht, dass sie nicht als "typisches" Mädchen oder als "gewöhnlicher" Junge auf die Welt gekommen sind.

Auch heute, sagt die Vorsitzende der Interessengruppe "Intersexuelle Menschen e.V.", Lucie Veith, werden solche Operationen, bei denen die Kinder nicht über ihren Körper mitbestimmen dürfen, noch durchgeführt.

"Ich erhoffe mir, dass keinem Menschen in Deutschland ein Genital zerschnitten wird – egal wie es aussieht –, wenn dieser Mensch es nicht selbst möchte", sagt Veith über ihre Erwartungen an die Stellungnahme des Ethikrats. Spürte, dass eine Operation unrecht ist

Schon vor 46 Jahren spürte Hartmanns Mutter, dass eine solche Operation unrecht ist.

Das Kind ist gesund, warum sollte es operiert werden?
Nur weil es anders aussieht?
Die Mutter ist selbst intersexuell, kennt die Praktiken, die an Menschen wie ihr während der Zeit des Nationalsozialismus durchgeführt wurden.
Sie ist jüdisch und hat den Holocaust überlebt. Hartmanns Vater ist Afroamerikaner. Er hat sich von der jungen Familie getrennt.

Hartmanns Mutter ist nun alleinerziehend. Sie trägt die Verantwortung für ein Kind, das Mitte der 1960er-Jahre in Deutschland aus jeder Schublade herausfällt: Schwarz, jüdisch, intersexuell und unehelich. Und sie sagt Nein zum Konformismus. "Womit aufhören, womit anfangen, mit dem Anpassen?", fragt Hartmann. Es gibt Sorgerechtsstreitigkeiten. Diana "kommt weg", wie die Mutter es nennt, ins Heim.

Olaf Hiort kennt die Situation, mit der Eltern bei der Geburt eines intersexuellen Kindes konfrontiert werden. Er ist Professor für Kinder und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und hat sich auf die Geschlechtsentwicklung spezialisiert. Für Eltern und seine Kollegen wünscht sich Hiort einen Wegweiser, an dem sich Mediziner orientieren können. Er stellt sich Kompetenzzentren vor, in denen Kinder und Eltern umfassende Beratung erhalten können, etwa so, wie sie in Spezialkliniken für Kinder mit seltenen Herzfehlern stattfindet.

"Ein Kind muss in seinem familiären Kontext unbeeinträchtigt aufwachsen", sagt Hiort. Das sorge für Sicherheit und Lebensqualität der Kinder. Die Eltern, so Hiort, sollten deswegen auch über eine Operation mitentscheiden dürfen: "Das gehört zu den Aufgaben von Eltern." Von einem Verbot der Operationen vor dem 18. Lebensjahr hält er nichts: "Kann das Verhindern von Entscheidungen nicht genauso Leid auslösen? Das ist die Frage, die nicht untersucht ist."

Nach einem halben Jahr darf Hartmann zurück zu ihrer Mutter. Sie wandern umgehend nach Amerika aus, an die Ostküste, nach Providence, Rhode Island. "Meine Mutter dachte, in Amerika sei alles viel besser. In Amerika ging es dann erst richtig los", sagt Hartmann. Weil sie nicht operiert war, wird sie von Medizinern als Kuriosum betrachtet. "Die kommen mit einer Spritze und sagen, wir wollen dir eine Impfung geben. Du hast Angst vor Spritzen, du schreist, du wirst weggeholt. Zack – pressen sie dir die Beine auseinander und zehn Studenten gucken dir dann dahin und fotografieren dich.

Mutter und Tochter vermeiden Arztbesuche

Ein Arzt bescheinigt ihr ohne eingehende Untersuchung das "Adrenogenitale Syndrom" (AGS). Mutter und Tochter vermeiden nach diesen Erlebnissen Arztbesuche. Und so kommt es, dass Hartmann bis vor wenigen Monaten nicht weiß, was eigentlich genau mit ihr los ist. Ihre Sexualität ist Privatsache. Diana spricht nicht über ihre Intersexualität. Anderen sagt sie, sie sei ein "Transmann", eine Frau, die zum Mann wurde. "Das hat keiner infrage gestellt", sagt Hartmann.

Es gibt eine Vielzahl von Ausprägungen, die zur Intersexualität führen können. Intersexuelle Menschen sprechen ungern von "Erkrankungen", weil viele Menschen beschwerdefrei mit ihren Besonderheiten leben. Dennoch werden Ursachen der Intersexualität in der Liste der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, der "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems" (ICD), aufgeführt. Denn bei einigen der Ausprägungen können durchaus gesundheitliche Probleme auftreten, die eine medizinische Behandlung nötig machen.

Einige Ausprägungen führen zu Unfruchtbarkeit, während andere intersexuelle Menschen zeugungsfähig sind. Die verschiedenen Ausprägungen der Intersexualität können in den Geschlechtschromosomen, den sogenannten Gonosomen, liegen. Etwa beim Klinefelter-Syndrom, bei dem Kinder mit den Geschlechtschromosomen XXY zur Welt kommen. Beim Turner-Syndrom liegt dagegen nur ein Geschlechtschromosom, das X, vor. Andere Kinder tragen ein "Mosaik" von Geschlechtschromosomen in sich: Zellpopulationen in ihrem Körper sind mit unterschiedlichen Gonosomen ausgestattet.

Hartmann lebt jahrelang mit der Diagnose AGS. Eines von 12.000 Kindern wird in Deutschland mit dieser genetisch übertragenen Stoffwechselerkrankung geboren. Bei ihnen ist die Umwandlung von Cholesterin in die in der Nebenniere gebildeten Hormone Kortisol und Aldosteron durch einen Enzymdefekt blockiert. Es kommt zu einem Mangel. Den versucht die Nebenniere auszugleichen, indem sie immer mehr Vorstufen dieser beiden Hormone produziert. Diese werden dann vom Körper in männliche Hormone, Androgene, umgewandelt. Bei Menschen mit XX-Chromosomen tritt entweder schon im Kindesalter oder erst zur Pubertät eine "Vermännlichung" ein. Menschen mit AGS, die XY-Gonosomen tragen, erleben eine vorzeitige Geschlechtsentwicklung.

Auch als Hartmann vor einigen Jahren mit einem gutartigen Eierstocktumor in die Klinik eingeliefert wird, gehen die Mediziner noch von AGS aus. Ihre Eierstöcke werden entfernt. Diese Operation ist für ihr Leben ein bedeutender Einschnitt: "Ich bin mit der biologischen Konsequenz aufgewacht." Sie sucht über das Internet nach Informationen und stößt auf www.intersexuelle-menschen.net , die Website von Lucie Veiths Selbsthilfegruppe. Sie lernt andere intersexuelle Menschen kennen und beginnt offen über sich zu sprechen. Hartmann nimmt an der öffentlichen Sitzung im Ethikrat teil – und spricht dort im Namen der Menschen mit AGS.

"Diskriminierung ist mir nicht erspart geblieben"

Bei der Sitzung im Juni 2011 wird sie auch auf neue Untersuchungsmethoden aufmerksam. Hartmann geht in die Klinik. Die Ärzte stellen fest: Sie hat kein Adrenogenitales Syndrom. Sie hat "Ovotestis", also männliche und weibliche Keimdrüsen. Bis zu der Operation des Eierstocktumors hatte Hartmann keine gesundheitlichen Probleme. Die Probleme, die sie hatte, kamen von außen "Es ist gut, nicht operiert zu werden. Natürlich. Aber der ganze Wust an Auseinandersetzungen und Diskriminierung ist mir nicht erspart geblieben. Weil man ja nicht verstecken kann, wie man aussieht. Wir sind so, wie wir sind."
Die Medizinhistorikerin Ulrike Klöppel von der Humboldt-Universität in Berlin wünscht sich eine umgedrehte Herangehensweise zu der Frage operieren oder nicht operieren. Bislang ginge die Forschung immer von den intersexuellen Menschen aus, die bereits operiert sind. "Eigentlich hätte man andersherum anfangen müssen: Leben Menschen schlecht, wenn sie nicht operiert sind? Wenn nicht, was braucht man für Hilfestellungen? Das wäre Wissenschaft. So ist es ein groß angelegtes Experiment, das nur in eine Richtung geht und keinen Gegenbeweis erlaubt", sagt Klöppel.

Auch Hartmann wünscht sich eine Hilfestellung. Die hat aber nichts mit einer medizinischen Behandlung zu tun, sondern mit Aufklärung – mit einer Offenheit der Gesellschaft gegenüber dem Thema Geschlecht, Sexualität und Intersexualität. "Es geht um den Umgang miteinander", sagt Hartmann. Als sie sich als intersexuell "outet", reagieren die meisten Menschen in ihrem Umfeld positiv.
Fast jeder, denkt Hartmann, hat irgendein Problem mit seinem Aussehen, seiner Sexualität: "Niemand kann nackig über den Strand laufen und sagen, ich bin absolut normal." Deswegen sieht sie auch die Einführung eines dritten Geschlechts "mit großen Vorbehalten". Sie ist besorgt, dass es dadurch zu einer weiteren Abgrenzung intersexueller Menschen kommen könnte: "Wer ist das dritte Geschlecht? Wer ist das erste, das zweite?".
Noch muss innerhalb einer Woche nach der Geburt eines Kindes ein Haken gesetzt werden: Mädchen oder Junge, männlich oder weiblich. So will es das deutsche Personenstandsgesetz. Eine Aufschiebung in Ausnahmesituationen ist möglich, aber nicht bis zur Pubertät des Kindes. Der Gedanke, einfach ein weiteres Kästchen hinzuzufügen, liegt nah. Aber was soll daneben stehen?

Wann ist eine geschlechtliche Einteilung sinnvoll?

Wer für eine Reise nach Indien ein Visum beantragt, darf neben männlich und weiblich auch "transsexuell" ankreuzen. Doch diese Kategorie kommt für die meisten intersexuellen Menschen nicht infrage. "Wenn man mich fragen würde, welches Geschlecht ich habe, männlich, weiblich? Dann würde ich sagen: anders. Die Gedanken sind frei, nicht?", sagt Lucie Veith.

Medizinhistorikerin Klöppel wünscht sich, dass die Eintragung wegfällt oder zumindest so lange aufgeschoben wird, bis der Mensch selbst über sein Geschlecht entscheiden kann. Auch Olaf Hiort möchte, dass die Gesellschaft darüber nachdenkt, wann eine zweigeschlechtliche Einteilung sinnvoll ist und wann nicht.

"Ist es gesund?", ist die erste Frage nach der Geburt. Ob in Zukunft die zweite Frage "Mädchen oder Junge?" anders lautet oder wegfällt: Das könnten die Mitglieder des Ethikrats mit ihrer Stellungnahme beeinflussen. Wie man hört, sind sich die Mitglieder einig. Es gibt eine Meinung, keinen Unterschied.

Mann, Frau, Ladyboy



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Mann, Frau, Ladyboy

Mit schnellen Schritten steuert die asiatische Schönheit auf das Café in Bangkoks Touristenviertel zu. Sie trägt einen dunkelblauen Hosenanzug, der ihre Wespentaille betont und die Blicke der Männer auf sich zieht. „Tut mir leid, ich stand im Stau“, entschuldigt sie sich mit einem Lächeln für die Verspätung. Ihr Gesicht hat etwas Puppenhaftes. Sie ist dezent geschminkt, das Haar schimmert seidig, die Hände sind manikürt. Nur die tiefe Stimme verrät: Crystal ist eigentlich ein Mann.

Crystal, „klar wie Glas, das ist die Übersetzung für meinen thailändischen Namen“, erklärt Suttirat Simsiriwong. Crystal, glasklar. Der Name gefällt der 39-jährigen Produktmanagerin einer französischen Kosmetikkette in Thailands Hauptstadt. „Vielleicht, weil er so im Gegensatz zu meinem Leben als Transsexuelle steht.“ Denn im angeblichen Transsexuellen-Paradies Thailand ist kaum etwas so klar, wie es auf den ersten Blick scheint. „In keinem Land der Welt leben offensichtlich so viele transsexuelle Frauen wie hier. Da glauben viele automatisch, Thailand müsste der Himmel für uns sein“, sagt Crystal und lächelt bitter. Die Realität sei anders: „Gesellschaftlich werden wir zwar geduldet, aber nicht akzeptiert. Es gibt keine Gesetze, die unsere Rechte schützen oder uns überhaupt wahrnehmen.“

 Getratsche und Ablehnung


Crystal ist eine von Hunderttausenden transsexuellen Frauen in Thailand, Kathoeys genannt oder auch Ladyboys. Sie wurden als Männer geboren, definieren sich aber als Frauen. „Kathoeys zu zählen, ist fast unmöglich. Wegen der geringen Akzeptanz leben vor allem viele Ältere ihre Transsexualität nicht offen aus“, sagt Timo Ojanen, Forscher an der Mahidol-Universität Bangkok. Der schwule Aktivist hat sich mit Problemen sexueller Minderheiten in Thailand befasst und weiß: „Sichtbares Anderssein wird mit Getratsche, Ablehnung und Diskriminierung bestraft.“

Trotzdem gibt es in Thailand nach Ojanens Schätzung bis zu 650 000 Kathoeys. Bei knapp 65 Millionen Thailändern wäre das etwa jeder hundertste. Zum Vergleich: In Deutschland leben nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität etwa 80 000 Transsexuelle, die Hälfte davon sind Frauen. Damit wäre unter 2 000 Einwohnern eine transsexuelle Frau – sehr viel weniger als in Thailand.

Forschungsergebnisse, die erklären warum das so ist, gibt es bislang nicht. „In Thailand leben so viele Kathoeys, weil ihre Rolle fest in der Kultur verankert ist“, vermutet Ojanen. „Wahrscheinlich wären viele von ihnen schwul, wären sie im Westen aufgewachsen. Homosexualität ist in der westlichen Welt präsenter als Transsexualität.“

In Thailand hat sich eine feste Kathoey-Szene etabliert, allein in Bangkok leben Tausende. Die oft schillernden Gestalten in engen Kleidern und hochhackigen Schuhen sind aus den Straßen nicht wegzudenken. Auch an Hotelrezeptionen, in Boutiquen und Restaurants arbeiten Kathoeys. Doch Diskriminierung und Stigmatisierung gehören auch für beruflich erfolgreiche Frauen wie Crystal zum Alltag. Den 22. Juni 2007 wird sie nie vergessen, sagt sie. Es war der Tag, an dem ihr wegen ihrer Transsexualität der Zugang zu einer Party verwehrt wurde. „Der Türsteher kontrollierte meinen Ausweis. Weil da als Anrede nicht ,Frau’, sondern ,Herr’ stand, musste ich gehen“. Schmerzhaft sei ihr klar geworden, dass sie als Frau nicht akzeptiert ist. Für sie ist Thailand vor allem eines: „Das Land der Kompromisse.“ Ein Land, in dem Kathoeys als das „dritte Geschlecht“ gelten. „Solange uns die Regierung nach der angleichenden Operation nicht erlaubt, unser Geschlecht auch im Pass zu ändern, sind wir identitätslos“, sagt Crystal und beugt sich über den Tisch. Sie spricht eindringlich: „Thailand wird von Männern dominiert. Sie fürchten sich, auf unsere Schönheit hereinzufallen, das ist ihre große Angst.“

Seit 20 Jahren lebt Crystal als Frau. „Dass ich kein Mann bin, weiß ich seit ich denken kann.“ Mit 19 gestand sie ihrer Familie, was sie selbst schon lange wusste: „Ich wollte eine Frau sein. Und jeder sollte mich so wahrnehmen.“ Doch den letzten Schritt, die Geschlechtsumwandlung, hat Crystal nicht gewagt. „Warum soll ich mich operieren lassen, wenn ich keinen Nutzen darin sehe?“, fragt sie. Auch wenn ihr Körper keine Zweifel mehr an ihrer Identität ließe – auf dem Papier wäre sie noch immer ein Mann.

„Viele Kathoeys sind unglücklich ohne Operation“, sagt der Forscher Timo Ojanen. „Aber die meisten haben unrealistische Träume von einem besseren Leben nach der Umwandlung.“ Das Leben danach – für viele ist es vor allem ernüchternd. In einem Buch hat Ojanen Geschichten gesammelt: Da ist die Frau, die nicht nur ihre Kreditkarte, sondern auch viel Geld verlor, weil die Bank sich weigerte das Konto zu sperren. Schließlich war sie laut Ausweis ein Mann und damit nicht Kontoinhaberin. „Dauerhaft geisteskrank“ lautete die Diagnose für eine transsexuelle Frau auf dem Ausmusterungsbescheid. Das Gutachten, so befahl das Militär, müsse sie bei Vorstellungsgesprächen vorlegen. Eine kranke Frau konnte wegen ihres „legalen Geschlechts“ nur auf der Männerstation der Klinik behandelt werden. Eine andere verlor den Job, als der Chef von ihrer Transsexualität erfuhr.

Hormone sind teuer


Weil sie weniger Berufs- und Ausbildungschancen haben, verkaufen viele Katoeys ihre Körper an Sextouristen, die das Besondere suchen. „Gerade für transsexuelle Frauen ohne Ausbildung ist Prostitution eine der begrenzten Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren“, sagt Ojanen. Daneben müssen sie sich auch ihr weibliches Aussehen verdienen. Die Hormone, die sie dafür brauchen, sind teuer. Ein schlecht bezahlter Job bringt höchstens 8 000 Baht im Monat, etwa 180 Euro. Allein die Medikamente kosten aber mehrere Tausend Baht monatlich. „Oft macht es Prostitution leichter, das Geld dafür aufzubringen“, erklärt Ojanen.

Doch Pillen sind nur der erste Schritt, glaubt Crystal. „Der einzige Weg, mit sich selbst im Reinen zu leben, ist die Operation“, sagt sie und rückt ihren dunkelblauen Hosenanzug im Aufstehen zurecht. Sie fügt hinzu, dass sie sich sofort operieren lassen würde, wenn sie dann auch offiziell als Frau akzeptiert wäre. Aber dazu muss Thailands Regierung das Gesetz ändern. Das wird so schnell nicht passieren.

Warum Männer Frauen sein wollen..oder .Ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung scheint dazu beizutragen, dass ein Mensch transsexuell geboren wird.





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Warum Männer Frauen sein wollen...

Das Rätsel um die Transsexualität ist nach wie vor nicht gelöst. Doch die Hinweise auf genetische Gründe mehren sich, wenn biologische Männer sich als Frau fühlen.
Transsexuelle gehen oft einen langen Leidensweg. Etwa einer von 12 000 Männern wünscht sich, eine Frau zu sein. Sie tragen einen eindeutig männlichen XY-Chromosomensatz – und dennoch haben sie das Gefühl, im falschen Körper zu stecken.

Australische Wissenschaftler um Lauren Hare haben nun in der bislang größten Studie zur Genetik der Transsexualität 112 Männer, die sich als Frau fühlen, und 258 Kontrollpersonen untersucht. Im Fokus standen drei Gene, von denen bekannt ist, dass sie eine wichtige Rolle in der sexuellen Entwicklung spielen: eines ist für die Ausbildung der Androgenrezeptoren verantwortlich, eines für die Östrogenrezeptoren und eines für ein Enzym, das Testosteron in Östrogen umwandelt.

Schwächere Testosteronsignale


Dabei stellten sie einen deutlichen Unterschied fest: Die Transsexuellen trugen eine längere Version des Androgenrezeptor-Gens als die Kontrollgruppe. Dieser Unterschied kann sich auf den Testosteronhaushalt auswirken: Ist dieses Gen länger, sind die Signale des männlichen Hormons Testosteron schwächer. Das wiederum könnte einen Effekt auf die Geschlechtsentwicklung im Mutterleib haben, spekulieren die Forscher. „Es gibt das soziale Stigma, dass Transsexualität eine Frage des Lifestyles ist. Unsere Ergebnisse dagegen unterstützen den Ansatz, dass es eine biologische Grundlage dafür gibt, wie sich eine Geschlechtsidentität entwickelt“, sagt Vincent Harley, Co-Autor der Studie. Zudem sei nicht allein ein Gen für die Transsexualität verantwortlich.

Eine frühere Studie hat bereits gezeigt, dass bestimmte Gehirnstrukturen von Männern, die sich als Frau fühlen, eher denen von Frauen entsprechen.
Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Biological Psychiatry“.

Ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung scheint dazu beizutragen, dass ein Mensch transsexuell geboren wird.

Für die Wissenschaft ist Transsexualität rätselhaft, weil sich Transsexuelle genetisch, hormonell und anatomisch eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen – jedoch nicht dem, mit dem sie leben wollen.

Eine mögliche Erklärung, warum das so ist, liefert eine deutsche Studie: Männer verspüren eher den Wunsch, als Frau zu leben, wenn sie als Kind im Mutterleib einem niedrigen Spiegel männlicher Geschlechtshormone ausgesetzt waren.

Der Neuroendokrinologe Günter Karl Stalla und seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München überprüften die Hypothese, dass Hormonstörungen für Transsexualität mitverantwortlich sind. Dazu bestimmten sie bei mehr als 100 Transsexuellen das Verhältnis der Länge von Zeige- zu Ringfinger. Die Differenz ist umso größer, je weniger männliche Geschlechtshormone – sogenannte Androgene – während der vorgeburtlichen Entwicklung auf ein Kind einwirken.

 Männer wünschen sich öfter ins andere Geschlecht als Frauen


„Das Ergebnis liefert für Mann-zu-Frau-Transsexuelle eine biologische Erklärung für die Entstehung der Transsexualität“, erläutert Professor Stalla. Bei ihnen fanden die Forscher eine andere Relation der Fingerlänge als bei Männern, die sich auch als solche fühlen. Die Fingergröße der Transsexuellen entsprach in etwa der von heterosexuellen Frauen. Das zeigt, dass sie im Mutterleib geringeren Mengen Androgen ausgesetzt waren als der Durchschnittsmann.

Etwa einer von 12 000 Männern wünscht sich, eine Frau zu sein – obwohl sein biologisches Geschlecht eindeutig männlich ist. Bei Frauen ist die Transsexualität seltener, etwa eine von 30 000 biologischen Frauen wäre lieber als Mann geboren. „Der Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, ist meist stark ausgeprägt, oft geradezu kompromisslos“, sagt der Neuroendokrinologe. Viele Betroffene würden berichten, dass sie schon als Kind das Gefühl hatten, im falschen Geschlecht zu leben. Mitunter versuchten sie, ihr biologisches Geschlecht nach außen zu verbergen. „Schlimmstenfalls kommt es zu Selbstverstümmelungen, Depressionen oder Suizidversuchen“, sagt der Experte. „Wir müssen weiter an den Ursachen forschen, um besser auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen zu können und besser in der Lage zu sein, sie therapeutisch zu unterstützen.“


Dienstag, 22. Januar 2013

Das Transsexuellen-Urteil und die Homo-Ehe



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Das Transsexuellen-Urteil und die Homo-Ehe

“Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes macht wieder einmal deutlich, wie unsinnig und lebensfremd die rechtliche Hierarchisierung zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft ist“

Denn die Lebenspartnerschaft für Lesben und Schwule ist nach wie vor weit davon entfernt, eine der Ehe gleichberechtigte Institution zu sein: Zwar stimmen die Pflichten mittlerweile vollständig überein, bei den Rechten hingegen gibt es noch einiges zu tun: Benachteiligungen im Steuerrecht haben dramatische Schlechterstellungen zur Folge und die Einschränkungen beim Adoptionsrecht wären nur als lächerlich zu bezeichnen, würden sie nicht zu Nachteilen für die Kinder führen.

Ehen werden zwischen Mann und Frau geschlossen – das schien bis vor wenigen Wochen fast ein deutsches Naturgesetz zu sein. Und dann kam ausgerechnet das Bundesverfassungsgericht mit einem „aber“.

Was war eigentlich los?

Ein 1929 geborener Mann, seit 56 Jahren verheiratet und Vater von drei Kindern, fühlte sich als Frau – so sehr, dass er einen weiblichen Vornamen annahm, eine operative Geschlechtsumwandlung vornehmen ließ und nun die weibliche Geschlechtszugehörigkeit auch offiziell feststellen lassen wollte.

Das deutsche Transsexuellengesetz lässt das aber nicht zu. Eine der Voraussetzungen wäre, dass die betreffende Person nicht verheiratet ist, denn nach dem Grundgesetz ist eine Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich – nicht aber zwischen zwei Frauen. (§ 8 Abs. 1 Transsexuellengesetz)

Allerdings wollte das Ehepaar sich nicht scheiden lassen. Ihre Ehe ist intakt und soll bestehen bleiben.

“Es ist eine Beleidigung unserer Gefühle, wenn unsere kostbare Lebensgemeinschaft juristisch wie eine zerrüttete Ehe behandelt werden soll”, argumentierten sie.

(zitiert nach: taz vom 24.7.2008)

Was also gegeneinander stand, war der grundgesetzliche gesicherte Schutz von Ehe und Familie (Artikel 6 Abs. 1) auf der einen Seite und der Anspruch auf Anerkennung der neuen Geschlechtszugehörigkeit nach dem Transsexuellengesetz auf der anderen.

In dieser Gemengelage kam der Fall bis vor das Bundesverfassungsgericht.

Es fällte ein überraschendes Urteil:

„Es ist einem verheirateten Transsexuellen nicht zumutbar, dass seine rechtliche Anerkennung im neuen Geschlecht voraussetzt, dass er sich von seinem Ehegatten, mit dem er rechtlich verbunden ist und zusammenbleiben will, scheiden lässt, ohne dass ihm ermöglicht wird, seine ehelich begründete Lebensgemeinschaft in anderer, aber gleich gesicherter Form fortzusetzen.“

Quelle: Bundesverfassungsgericht, Pressemitteilung Nr. 77/2008 vom 23.7.2008

Das Transsexuellengesetz ist also verfassungswidrig. Bis spätestens zum 1. August 2009 muss eine verfassungsgemäße Lösung gefunden werden und bis dahin darf die Vorschrift der Ehelosigkeit für Transsexuelle nicht angewendet werden.

Das dürfte Bundestag und Bundesrat überhaupt nicht gefallen. In der Tat haben sie nun mehrere Möglichkeiten:
Die Ehe kann geöffnet werden, so dass sie künftig nicht nur Heterosexuelle offen steht, sondern auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Das Lebenspartnerschaftsgesetz kann der Ehe vollständig angeglichen werden, so dass es eine „gleich gesicherte Form“ darstellt.

Es kann eine ganz neue Rechtsform speziell für Paare geben, bei denen der Partner oder die Partnerin während der Ehe feststellt, dass er oder sie transsexuell ist.

Es könnte auch eine Ausnahmeregelung speziell für Transsexuelle geben – das Bundesverfassungsgericht hat wegen der „geringen Zahl der betroffenen verheirateten Transsexuellen“ offen gelassen.

Allerdings ist mehr als fraglich, ob dies europarechtlich Bestand hätte – immerhin stellt es Lesben oder Schwule deutlich schlechter als vormals heterosexuelle Transsexuelle, die nach ihrer Geschlechtsumwandlung gleichgeschlechtlich leben und deshalb verheiratet bleiben wollen.
Tatsächlich war eine Gleichstellung von Lebenspartnerschaften bereits unter der letzten rot-grünen Koalition auf Bundesebene vorgesehen. Sie scheiterte aber an dem Widerstand der CDU.

Am einfachsten wäre eine entspannte und unkomplizierte Öffnung der Ehe für andere Partnerschaften als die von Mann und Frau. Dass das funktioniert, zeigen andere moderne Staaten: In den Ländern Belgien, Niederlande, Kanada, Südafrika, Spanien, Norwegen (ab 1.1.2009) und zwei Bundesstaaten der USA (Massachusetts und Kalifornien) können auch gleichgeschlechtliche Paare eine Ehe eingehen.

Mein Plädoyer: Warum kompliziert wenn’s auch einfach geht? Weg mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz und ein Hoch auf die Ehe!

Keine Heiratspflicht für Transsexuelle

Das Bundesverfassungsgericht hat die Rechte Transsexueller gestärkt. Auch ihnen darf es nicht verwehrt werden, eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit ihrem Lebenspartner einzugehen. Sie müssen sich nicht auf eine Eheschließung verweisen lassen.

Vor das Gericht gezogen war eine 62-Jährige, die als Mann geboren wurde, sich aber als Frau fühlt. Sie hat sich für die “kleine Lösung” nach dem Transsexuellengesetz entschieden, d.h. sie änderte ihren Namen und ihr Aussehen. Vornehmlich wegen ihres Alters sah sie aber von einer operativen Geschlechtsumwandlung ab.
Die Betroffene wollte nun eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit einer Frau eingehen. Dies hat das Standesamt ihr aber verweigert, weil sie rechtlich noch als Mann gelte. Erst nach einer operativen Geschlechtsumwandlung habe sie formal den Personenstand einer Frau. Die eingetragene Lebenspartnerschaft sei aber gleichgeschlechtlichen Paaren vorbehalten.

Die Beschwerdeführerin hätte also heiraten müssen. Das lehnte sie aber ab. Sie störte unter anderem, dass jeder, der von der Heirat wisse, sich ausmalen könne, dass einer der Partner transsexuell ist. Hierdurch fühlte sie sich diskriminiert.

Das Bundesverfassungsgericht gab der Frau recht.

Das Geschlecht definiert sich nach Auffassung der Richter gar nicht an der Frage, ob die äußeren Geschlechtsmerkmale operativ angepasst wurden. Vielmehr komme es darauf an, wie konsequent der Betroffene sein empfundenes Geschlecht lebe.

Zwar gebe es einige juristische Gründe, die für klare Regelungen sprächen. Zum Beispiel, “dass rechtlich dem männlichen Geschlecht zugehörige Personen Kinder gebären oder rechtlich dem weiblichen Geschlecht zugehörige Personen Kinder zeugen, weil dies dem Geschlechtsverständnis widerspräche und weitreichende Folgen für die Rechtsordnung hätte”.

Jedoch müsse dieses Interesse stets mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung des Einzelnen abgewogen werden. Diesem Selbstbestimmungsrecht gibt das Bundesverfassungsgericht Vorrang, schon weil die möglichen Problemfälle praktisch extrem selten seien.
Das Gericht hat die betreffenden Normen für verfassungswidrig erklärt und angeordnet, dass sie nicht mehr angewendet werden dürfen. Somit kann nun nicht nur die Beschwerdeführerin eine Lebenspartnerschaft eingehen, sondern auch alle anderen, die vor derselben Situation stehen.

Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 11. Januar 2011, 1 BvR 3295/07



Das Menschliche

Und Sie wissen nicht, mit was Sie es zutun haben! Doch diese bekommen euch, ein Fakt!

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